Den neuen "Kiepenkerl" Ausgabe 12 - 2020 können Sie hier herunterladen....

Zum 100. Geburtstag von Dr. Hans Kluck:

Am 23. März 2021 wäre unser ehemaliger Bürgermeister Dr. Hans Kluck 100 Jahre alt geworden. Er war ein bedeutender Bürgermeister, der in guter Zusammenarbeit mit den beiden Stadtdirektoren Dr. Kurt Mertens und Hellmuth Schmeichel das kleine Landstädtchen Warendorf zu einer international beachtete Touristenstadt weiterentwickelte.

Bürgermeister Dr. Hans Kluck (*23. 3. 1921 ; +14. 1. 1990)
Bürgermeister in Warendorf von 1964-1980
von Mechtild Wolff

sein Vorgänger:   Hermann Menge 1961-1964
sein Nachfolger: Dr. Günther Drescher 1980-1994
Stadtdirektor:    Dr. Kurt Mertens 1955-1967
Stadtdirektor:    Hellmuth Schmeichel 1967-1991

 

Dr. Hans Kluck wurde durch sein politisches Engagement zu einem überzeugten Warendorfer. Eigentlich war er Münsteraner, dort war er geboren und aufgewachsen, hatte am Ratsgymnasium sein Abitur gemacht und wollte in Münster Philologie und Kunst studieren. Doch der Beginn des Zweiten Weltkriegs   machte ihm einen Strich durch diese Pläne. Er wurde sehr früh eingezogen und brachte es als Marineflieger zum Offizier, wurde viermal verwundet, überstand aber das Inferno des Krieges. Ende des Krieges heiratete er Irmgard, die schon fertig ausgebildete Zahnärztin war. Jetzt entschloss sich auch Hans Kluck, Zahnmedizin zu studieren und nach Abschluss seines Studiums 1951 eröffnete das Ehepaar Drs. Kluck in Warendorf am Marktplatz eine gemeinsame Zahnarztpraxis. Bald engagierte sich Hans Kluck in der CDU und gewann 1961 ein Ratsmandat. Schon vier Jahre später wurde er zum ehrenamtlichen Bürgermeister gewählt.

Diese Jahre waren geprägt von dem Gedanken der Versöhnung zwischen den Völkern. Tiefe Wunden hatte der Zweite Weltkrieg geschlagen. Erst Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle hatten den Mut und die Weitsicht, das Ruder in Richtung Annäherung umzulegen und unterzeichneten am 22. Januar 1963 den Elysée-Vertrag. Die Ziele des Vertrags wollte man auch in Warendorf mit Inhalten füllen. So wurde bereits am 16. März 1963 in der Emsstadt die Deutsch-Französische Gesellschaft (DFG) aus der Taufe gehoben, die den Kontakt zu der kleinen Stadt  Barentin in der Haute-Normandie herstellte.

1965 im Warendorfer Rathaus bei der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde
 

André Marie (1897–1974) war dort schon seit 1945 der engagierte Bürgermeister, außerdem war er in der Französischen Zentralregierung mehrfach Minister gewesen und sogar französischer Ministerpräsident. Mit seinem Warendorfer Amtskollegen Dr. Hans Kluck fand er schon beim ersten Besuch guten Kontakt, ja sie selbst sagten, als ehemalige Kriegsteilnehmer seien sie „Seelenverwandte“ gewesen. Beide Städte waren an einer „Jumelage“ sehr interessiert und Dank des intensiven Engagements der DFG mit seinem unermüdlich tätigen Vorsitzenden Dr. Clemens Freiburg-Rüter kam es schon am 11. April 1965 im Warendorfer Rathaus zur Unterzeichnung der Partnerschaftserklärung. Damit hatten die Bürgermeister André Marie und Dr. Hans Kluck die Städtefreundschaft zwischen Barentin und Warendorf besiegelt. „Als ehemalige Kriegsteilnehmer und vehemente Verfechter einer deutsch-französischen Aussöhnung unterzeichneten sie in einer beeindruckenden Zeremonie im April 1965 die Partnerschaftsurkunden im Warendorfer Rathaus“, heißt es in einer Warendorfer Chronik. Schnell füllten die Bürger die Partnerschaft mit Leben und schon nach kurzer Zeit hatten viele Familien, Vereine und mehrere hundert Schüler, insbesondere Sportler, die von Theo Busse organisiert wurden, durch Ferienaufenthalte in den Familien die Gastfreundschaft unserer Nachbarn kennen und lieben gelernt. Vertrauen und Freundschaft wuchs auf beiden Seiten. Schon am 26. Mai 1965 kam es zu einem deutsch-französischen Fernseh-Großereignis, als bei der ersten Eurovisionssendung „Spiel ohne Grenzen“ Warendorf gegen das französische Dax antrat und sogar gewann und ein Millionenpublikum amüsierte.

Bürgermeister Dr. Hans Kluck mit dem Fünfkampfpräsidenten Thofel aus Schweden


Stadtdirektor Kurt Mertens mit der hohen Geistlichkeit

Ja, Warendorf bekam in dieser Zeit ganz neue Perspektiven. 1961 war es unter Federführung des engagierten und durchsetzungsstarken Stadtdirektors Dr. Kurt Mertens gelungen, dass sich in  Warendorf der „Deutsche Verband für Modernen Fünfkampf“ gründete (DVMF). Die lange Reitertradition Warendorfs machte es möglich. Die Deutsche Reitschule stellte Pferde für die Fünfkämpfer zur Verfügung, unser schönes Freibad und der neu errichtete Schießstand sowie die Sportanlagen der Bundeswehr boten ideale Trainingsbedingungen für die Sportler, die hohe Leistungen bringen mussten im Springreiten, Schwimmen, Pistolenschießen, Degenfechten und im Geländelauf. Mit finanzieller und ideeller Unterstützung der Stadt entwickelte sich Warendorf zum Zentrum des Modernen Fünfkampfs und war bis 1985 Standort des Bundesleistungszentrums. Die Stadt Warendorf gewann an Bedeutung, hier tagten der Sportausschuss des Deutschen Bundestages und der Sportausschuss des Landtages Nordrhein-Westfalen. Wirtschaftsführer, der Regierungspräsident, Staatssekretäre, Minister und Bundespräsidenten besuchten die Ausbildungsstätten der so erfolgreichen Fünfkämpfer und wurden von Bürgermeister Kluck im Rathaus empfangen und mit einem guten Schluck aus den Silberpokalen geehrt.

 


Reg. Präsident Möcklinghoff mit Bürgermeister Dr. Kluck und Stadtdirektor Hellmuth Schmeichel

 

 

Im Zentrum des Sportgeschehens fühlten sich die Warendorfer, als 1970 die Weltmeisterschaft im Modernen Fünfkampf in Warendorf abgehalten wurde oder 1975 die Weltmeisterschaft im Fallschirmspringen. Welch ein Fest für alle!

Im Jahr 1968 hatte man mit dem Bau eines Bundesleistungszentrums mit Hallenbad begonnen. Dieses wurde 1972 fertiggestellt und schon 1977 fand hier der Internationale Deutschlandpokal der DLRG mit Teilnehmern aus der ganzen Welt in Warendorf statt.

Der 15. November 1974 war ein historischer Tag für Warendorf: Bundesverteidigungsminister Georg Leber legte den Grundstein für die Bundeswehrsportschule. Bürgermeister Dr. Kluck betonte in seiner Glückwunschansprache die herausragende Bedeutung dieser einmaligen Sporteinrichtung für die Stadt Warendorf. Tausende von Berufs- und Zeitsoldaten lernten Warendorf als besonders gastfreundliche und sehenswerte Stadt kennen, zahlreiche sportliche Großveranstaltungen mit internationaler Ausstrahlung fanden hier statt und nicht zuletzt profitierte der heimische Vereinssport von den modernen Anlagen der Sportschule.

 

Verteidigungsminister Leber und das goldene Buch Richtfest beim Bundesleistungszentrum

 

Warendorf - zwischen Tradition und Moderne

 

Für die historische Altstadt in Warendorf entstanden in den 1970er Jahren ganz neue Probleme, der Spagat zwischen Tradition und Moderne musste gelöst werden. Die historischen Bürgerhäuser hatten den Krieg unbeschadet über-standen, nicht aber die Aufbaujahre nach dem Krieg. Schöne Bürgerhäuser an der Freckenhorsterstraße und der Münsterstraße wurden abgerissen, um modernen Geschäfts- und Wohnhäusern Platz zu machen. Nun sollte auch das klassizistische Gebäude des Clubs Harmonie und das Geschäftshaus Jülkenbeck der Betonarchitektur weichen, was Gott Dank verhindert wurde. Die Münsterwallschule mit dem Schlachthof wurde allerdings abgerissen und durch ein modernes Volksbankgebäude ersetzt. Man wollte der Sparkasse nicht nachstehen, die die prächtige Fabrikantenvilla Bispinck abgerissen und ein Bankgebäude mit Waschbetonfassaden erstellt hatte. Die Bürger von Warendorf  waren ganz und gar nicht begeistert. Das „Pöttken zum Überlaufen“ brachte der  Abriss der „Villa Sophia“ am Sassenberger Tor. Die um 1875 erbaute Jugendstil-Villa des Textilfabrikanten Eduard Wiemann und seiner Frau Sophia war in einem unversehrten Zustand in den Besitz der Stadt gekommen, war aber sehr sanierungsbedürftig. Diese Kosten scheuten Verwaltung und Politik und auch Bürgermeister Kluck sprach sich für eine Verbreiterung der Straße an dieser Stelle aus. Trotz massiver Proteste des Heimatvereins, des Denkmalschutzes  und vieler Bürger wurde die Villa abgerissen und Warendorf verlor ein unersetzliches Kleinod. Diesen Sündenfall haben die Warendorfer bis heute nicht vergessen. Auch der alte Wasserturm an der Beelener Straße sollte abgerissen werden, um die hohen Instandsetzungskosten zu vermeiden. Protesten des Heimatvereins und vieler engagierter Bürgern ist es zu verdanken,  dass Warendorf dieses Wahrzeichen erhalten geblieben ist.

Damit aber nicht genug: Nun sollte die Altstadt autogerecht gemacht werden, denn die Entscheidungsträger glaubten daran, dass die Probleme der Einkaufsstadt Warendorf durch bessere Anfahrbarkeit und mehr Parkplätze gelöst werden könnten. Eine breite Autobrücke sollte neben der alten Emsbrücke über den Mühlenkolk geführt werden und eine breite Autostraße durch die Innenstadt gebaut werden. Die westliche Altstadt wäre zerstört worden. Vehemente Proteste verhinderten diese Pläne und gemeinsam mit dem Heimatverein und den neu gegründeten Altstadtfreunden wurde die Schlaufenlösung erarbeitet und die Altstadt durch den späteren Bau der Innerstädtischen Umgehungsstraßen weit-gehend autofrei gestaltet - eine Lösung, die zwar nicht konfliktfrei, aber doch erfolgreich war.

Um das Hochwasserproblem in Warendorf zu lösen wurde Anfang der 1970er Jahre der Emssee gebaut. Er wurde mit dem Emspark zu einer wichtigen und von den Bürgern sehr geliebten Freizeitanlage, ein Eldorado für Spaziergänger, Wassersportler und Erholungssuchende.

 

Die Kommunale Neuordnung

Ein vieldiskutiertes Thema der 1970er Jahre war die kommunale Neugliederung. Die beiden Kreise Warendorf und Beckum sollten zu einem Großkreis zusammengeführt werden. Wie soll der Kreis heißen? Welche Stadt wird den Verwaltungssitz bekommen? Warendorf sah sich als Favorit, nicht nur durch seine geographische Mittelpunktlage im neuen Großkreis, sondern auch wegen seiner langen und erfolgreichen Geschichte als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum und seiner Ausstrahlung als Schul- und Sportstadt. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Warendorf wachsen! Die Eingemeindungen von Milte und Einen verliefen reibungslos, die Bewohner waren immer schon nach Warendorf orientiert gewesen. Schwieriger gestalteten sich die Verhandlungen mit Freckenhorst, das stolz auf eine lange Geschichte als eigenständige „Titularstadt“ zurückblickte. Erst durch einen Beschluss des NRW-Landtags wurde die Eingemeindung der Stadt Freckenhorst, einschließlich der Gemeinde Hoetmar, gesetzlich festgelegt - sehr zum Missfallen vieler Freckenhorster Bürger. Das Zusammenwachsen dieser beiden Städte sollte Jahrzehnte dauern.  

Am 1. Januar 1975 entstand nun die neue Stadt Warendorf mit jetzt 32 687 Einwohnern und wurde vom Gesetzgeber auch zum Kreissitz ernannt - eine Entscheidung von weitreichender Bedeutung für unsere Stadt. Die schwierigen Verhandlungen waren von Stadtdirektor Hellmuth Schmeichel zielstrebig und geschickt geführt worden. Bürgermeister Dr. Kluck hatte manch angespannte Situation durch seine versöhnliche und oft auch humorvolle Art auf den rechten Weg bringen können. Er ging auf seine Gesprächspartner und ihre Argumente ein, sie fühlten sich von ihm ernst genommen. Von großer Wichtigkeit war auch die gute Zusammenarbeit mit dem Bundestagsabgeordneten Heinrich Windelen und dem Landtagsabgeordneten Richard Winkels.

 


 

All diese Kämpfe waren bei Bürgermeister Dr. Hans Kluck „nicht in den Kleidern hängen geblieben“. Beim Neujahrsempfang 1980 brach er zusammen. Welch ein Glück, dass Dr. Kluck den Internisten Dr. Reinhard Kahlert spontan zum Empfang eingeladen hatte, der rettete ihm durch schnelle Hilfe das Leben. Eine glückliche Fügung!

Sein Bürgermeisteramt gab Dr. Kluck jetzt ab - schweren Herzens, denn er war mit Leib und Seele Politiker. Das würdigte auch die Stadt Warendorf und zeichnete ihn am 23. März 1981 mit der Ehrenbürgerschaft aus. Nun war er der Geehrte, dem eine Seite im Goldenen Buch der Stadt gewidmet wurde. Schon 1966 war er Ehrenbürger der französischen Partnerstadt Barentin geworden und 1977 zeichnete ihn die Bundesrepublik Deutschland für sein erfolgreiches Wirken als Kommunalpolitiker mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Für seine Partei war er immer auf der Suche gewesen nach Männern und Frauen mit gesundem Menschenverstand, die sich mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung „vor Ort“ für eine lebenswerte Gestaltung unserer Heimat einsetzen wollten. Der Heimatverein würdigte seine vielen Verdienste und sein unermüdliches Engagement trotz mancher inhaltlicher Differenzen mit der Ehrenmitgliedschaft und die Feuerwehr machte ihn zum Ehrenbrandmeister.

Ehrenbürger Dr. Hans Kluck  

Dass Warendorf eine moderne Schul-, Sport- und Verwaltungsstadt geworden ist und dadurch sehr an Bedeutung gewonnen hat, ist zweifelsohne auch Bürgermeister Dr. Klucks Verdienst. Trotz vieler Klippen ist es gelungen, dass sich heute die Bürger und die vielen Besucher an der gut erhaltenen Warendorfer Altstadt erfreuen, die mit ihrem mittelalterlichen Straßen- und Stadtbild zu den schönsten Städten im Münsterland zählt.

 

Dr. Hans Kluck verfolgte auch in seiner nachpolitischen Zeit das politische Leben in Warendorf mit großem Interesse und hielt engen Kontakt zu seinem Nachfolger Dr. Günther Drescher. 1990 wollte er seine Tochter in Australien besuchen. Wegen seiner Herzprobleme vermied er die lange Flugreise und buchte mit seiner Frau Irmgard eine erholsame Seereise. In Havanna auf Kuba erlitt er erneut einen Herzinfarkt und verstarb dort am 14. Januar 1990 im Alter von fast 69 Jahren. Zur gleichen Stunde versammelten sich im Warendorfer Rathaus Rat und Verwaltung, viele Bürger und Vertreter der Behörden und Vereine zum jährlichen Neujahrsempfang, zu dem er so oft geladen hatte und wo er vor genau 10 Jahren bei seiner Neujahrsansprache zusammengebrochen war. Nun verbreitete sich die Nachricht vom tragischen Tod des ehemaligen Bürgermeisters wie ein Lauffeuer und ganz Warendorf trauerte um Dr. Hans Kluck, der sich um unsere Stadt und seine Menschen verdient gemacht hat.

 

Ehrenbürger Hans Günter Winkler bei einem Empfang  BM Dr. Kluck und der Oberkreisdirektor Winfried Schulte

In der Nähe der Dr.-Rau-Allee findet man die „Dr.-Hans-Kluck-Straße“, in Erinnerung an den Bürgermeister, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass aus dem kleinen Landstädtchen Warendorf ein weltoffenes Mittelzentrum und ein liebenswerter Wohn- und Touristenort wurde.


 

Warendorfer Originale:
Änneken Kuntze und ihre Schwester Lilli
von Mechtild Wolff

 

Änneken Kuntze (Anna Maria)

* 27.April 1896 in Warendorf

+ 13. April 1973 in Warendorf

 

Lilli Kuntze  (Maria Elisabeth)

* 20. Juli 1904 in Warendorf

+ 18.Sept.1980 in Warendorf

Bild rechts: Kaufhaus Kuntze
Hier setzte die Warendorfer Jugend ihr Taschengeld in Schwabbel, Mohrenköppe, Brausepulver und andere Köstlichkeiten um.

 

Textfeld: Friedrich Kuntze
„Lüe, treckt Holzken an!“ stand an dem mit Malereien verzierten Giebel des Fachwerkhauses an der Ecke Emsstraße/Lüningerstraße. Zwei gemalte Holzken rahmten den Spruch ein. Der Sattler und Holzschuhmacher Johann Gerhard Friedrich Kuntze verkaufte in seinem Kaufhaus Holzschuhe, die er selber herstellte. Noch zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren Holzschuhe das gängige Alltagsschuhwerk - die teuren Lederschuhe trug man nur sonntags.

Nach dem Tod ihres Vaters übernahm Anfang der 1920er Jahre Anna Kuntze, von allen nur Änneken genannt, das „Kaufhaus Friedrich Kuntze“. Nach dem Tod der Mutter wurde auch ihre Schwester Lilli im Geschäft tätig. Sie war bislang Kinderpflegerin im Haus des Oberregierungsrates Freiherr von Thielmann gewesen. Jetzt wurde ihre Hilfe zu Hause gebraucht, denn ihre Schwester Änneken hatte zwar die Herstellung der Holzschuhe eingestellt, dafür aber das Sortiment erheblich erweitert. Ihr „erstklassiges Geschäft“, das betonte sie immer gerne, wurde mit Sparsamkeit und Schuldenfreiheit betrieben. Auch wenn ihr Lädchen eher ein Kramladen war, so legte Änneken stets Wert auf Stil und Eleganz - nie wäre sie ohne ihre Pelzjacke ins Geschäft gegangen.

Änneken Kuntze Lilli Kuntze

Samstags um 14 Uhr schlossen die Schwestern den Laden, machten sich besonders schick und fuhren mit dem Zug nach Münster, um dort im vornehmen Café Schucan am Prinzipalmarkt bei einem dicken Stück Torte und einer guten Tasse Bohnenkaffe alle Zeitungen von vorne bis hinten zu lesen.

Ja, die beiden recht eigenwilligen Damen hatten Stil und sie hatten ihre Prinzipien. Jedes Jahr im August bekam die Fassade des liebenswerten Fachwerkhauses einen frischen Anstrich, sie wollten dazu beitragen, dass Warendorf sich zum Heimatfest Mariä Himmelfahrt in voller Pracht präsentierte. Die beiden Schwestern waren fest davon überzeugt, dass sie das schönste Geschäft auf der ganzen Emsstraße führten.   

Bei „Änneken“ war alles zu bekommen, was das Herz begehrte, vom Stopfpilz und dem neuen Besen und Modeschmuck für die Mutter bis zur Wundertüte mit Kaugummi und Fußballbildern für die Kinder. Natürlich gab es auch Bömse, Judenspeck und gebrochene Schokolade für 10 Pfennig für die kleinen Schleckermäulchen. Und wenn der Vater eine neue Lederaktentasche brauchte, Änneken fand eine in ihrem Sortiment, ein bisschen gebraucht vielleicht, aber doch recht repräsentativ für einen solch vornehmen Herrn, davon überzeugte Änneken ihren Kunden mit ihrer außerordentlichen Geschäftstüchtigkeit sehr schnell - und der Kunde war glücklich. Es konnte auch vorkommen, dass ein Kind Streichhölzer kaufen sollte, die aber gerade ausgegangen waren und stattdessen mit einem ledernen Kofferanhänger nach Hause kam. Wenn Mutter mit dieser Investition nicht einverstanden war, nahm Änneken das unerwünschte Stück anstandslos zurück.

Ein wirkliches Wunderland wurde das Lädchen zu Karneval.  Nirgendwo in Warendorf konnte man lustigere Hüte, Masken und Kostümzubehör kaufen - bei Änneken gab`s etwas für jeden Geschmack, dazu Konfetti, Luftschlangen, Karnevalskracher und die beliebten Stinkbomben und Juckpulver. Ein wahres Kindereldorado!

Zu Silvester bekamen hier natürlich auch die Kinder Raketen und Knallfrösche - alles ohne Ausweis oder Altersangabe. Dafür hätten die Damen Kuntze kein Verständnis gehabt. Die Kinder sollen doch ihren Spaß haben!!!

Änneken beriet ihre Kunden charmant und kreativ - aber die Kasse musste immer stimmen. In Windeseile hatte sie die Preise von all dem Kleinkram zusammengerechnet und es gelang ihr fast immer, den Betrag nach oben „abzurunden“, indem sie die erstandenen Schätze als ganz besonderes Schnäppchen deklarierte. Die Kinder akzeptierten das willig, denn in der Zwischen-zeit hatten sie ein paar Bömse stibitzt, ohne von Änneken Protest zu bekommen. So stimmte die Kasse dann wieder.

Ja, Änneken und ihre Schwester Lilli machten das  Kinderleben in der Kleinstadt spannend, man betuppte sich gegenseitig, so entstand eine Kumpel-Gemeinschaft. In Ännekens Laden konnten die Lausbuben klönen, sich dicke tun und nebenbei ein paar Negerküsse verdrücken. Hatte der Junge so gar keinen „Zug nach Hause“, ging Änneken in die Küche und ließ das Leckermaul mit dem Turm von Mohrenköppen auf der Theke allein. Sehr gefährlich, denn ein Negerkuss nach dem anderen verschwand im hungrigen Knabenmagen. Und wenn Änneken dann fragte, wie viele er denn bezahlen müsste, sagte er kleinlaut: „Zwei!“ und Beide wussten, dass es mindestens zehn gewesen waren. Bei der nächsten Beichte konnte man diesen Schwindel natürlich nicht verschweigen und bekam vom Pastor mit dem obligatorische „Buß-Vater-unser“ die Auflage, den Schaden wieder gut zu machen. Also setzte der Knabe sich beim nächsten Mal wieder neben die Mohrenköppe, aß in Abwesenheit der Ladenbesitzerin langsam und bedächtig zwei schwarze Köstlichkeiten und als Änneken aus der Küche kam und wissen wollte, wie viele es denn diesmal waren, antwortete er „Zehn“, und die Welt war wieder in Ordnung.

Manchmal schlugen die jungen Kunden auch über die Stränge, nahmen eine Stinkbombe in die Hand und fragten nach dem Preis. Wenn Änneken dann 10 Pfennig verlangte, sagten sie „zu teuer“ und Änneken ging herunter auf 5 Pfennig. „Auch noch zu teuer!“ Da Änneken ihre Jungs kannte, sagte sie „Gut, dann nehmt sie so mit!“. Böse wurde sie allerdings, wenn schon im Geschäft die kleine Glaskugel fallen gelassen wurde und einen bestialischen Gestank verbreitete. Dann holte sie den Besenstil aus der Ecke und jagte die Lümmels aus dem Laden.

Ein Schülerleben war auch früher nicht immer leicht, oft gab es Sorgen und Verdruss. Hatte man mal wieder eine Fünf in Latein und traute sich damit nicht zu den gestrengen Eltern, dann war Ännekens Laden eine Oase, um Seelentrost zu finden bei einem Stück Schwabbelspeck und dem beruhigenden Zuspruch, dass hier so mancher, der heute ein feiner Herr ist, schon mit den gleichen Sorgen gesessen hat.

Als Töchter einer streng katholischen Familie, die mehrere Geistliche in ihrem Stammbaum nachweisen konnte, hatten die beiden Schwestern ein sehr persönliches Verhältnis zu ihrem Herrgott. Jeden Morgen um 7 Uhr besuchten sie die Frühmesse in der Laurentiuskirche. Pünktlich kamen sie zwar nie, aber bis zur Wandlung waren sie immer da. Auf dem Rückweg kauften sie beim Bäcker Brötchen, um gut gestärkt den Abenteuern des neuen Tages entgegen zu treten.

Weder Änneken noch Lilli hatten jemals an Heirat gedacht, denn „das kann ja jeder dumme Junge!!“ Im Krieg nahm Änneken Dieter Hülsmann als Pflegesohn zu sich, den sie mit ihrer Schwester zusammen liebevoll und großzügig aufzog, ihm eine gute Ausbildung angedeihen ließ, sodass er später ein angesehener Arzt wurde.

Änneken verstarb schon 1973 kurz vor ihrem 77. Geburtstag. In gewohnter Weise führte Lilli das Kinderparadies weiter. Auch bei ihr schoben die kleinen Lausbuben ihren Taschengeldgroschen über die gläserne Theke, um stolz das Juckpulver oder die Knallfrösche in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Auch der Stapel mit den Holzschuhen stand weiterhin vor der Ladentür und so mancher kletterte mit Lilli über die Leiter auf den Dachboden, um sich aus den „Kaschotts“, in denen die Holsken schön nach Größe geordnet lagerten, Holzschuhe für den Garten oder gar für Karneval auszusuchen.

Am 18. September 1980 starb dann auch Lilli im Alter von fast 76 Jahren. Die Tür des Kramladens bleibt nun geschlossen, für solch ein aus der Zeit gefallenes Lädchen gab es keinen Nachfolger. Viele Warendorfer bedauerten diesen Zeitenwandel - Warendorf war ärmer geworden. Änneken und Lilli aber sind nicht vergessen, sie leben weiter in den Erinnerungen und Erzählungen. Bei Klassentreffen werden zu  vorgerückter Stunde gern Dönekes über die beiden Originale erzählt, und so mancher honorige Amtsgerichtsrat gesteht, dass auch er damals heimlich einen Mohrenkopp knuwte und leider das Bezahlen vergessen hat.

Auch bei der „TheaterZeitReise“ durch 800 Jahre Warendorfer Stadtgeschichte zum Jubiläum im Jahr 2000 durfte „Änneken“ nicht fehlen und feierte, liebevoll dargestellt von Maria Kleickmann, ein fröhliches Wiedersehen mit ihren Warendorfern.

 

Ja, die beiden Schwestern hatten schon zu Lebzeiten Kult-Status.

Nicht von ungefähr gab es den Spruch:

Wer Änneken nicht kennt,

der hat seine Jugend verpennt!

 

 

Quellen:

Erzählungen von Zeitzeugen, insbesondere von den damaligen „Jeustern“, die so gerne bei Änneken an der Theke saßen.

Bücher:

Jörg Heimann: An`e Ems und auf Straße 1983

Klaus Schäffer: „Kaufhaus Kuntze“ in: Als die Pommes nach Warendorf kamen 1999

Zeitungsberichte:

Thomas Schunck: „Kaufhaus Kuntze - Warendorf“  Gespräch mit Frau Elisabeth Kuntze  Juni 1980

19. 9. 1980 „Die Glocke“: Die Tür des alten Kramlädchens an der Emsstraße 5 bleibt jetzt verschlossen

30.1.1982 „Münstersche Zeitung“: Erben gesucht: Ein Stück Warendorfer Vergangenheit steht ohne Zukunft da

9.2.1982 „Die Glocke“: Dieter Schnettler: Es steht ein Häuschen in der Stadt, und niemand kann`s zur Zeit haben

11.3.1983 „Die Glocke“: Kaufhaus Kuntze steht nicht mehr lange leer

 

6. Februar bis 14. Februar 2021: Eine Woche lang eisiger Winter in Warendorf
Bis zu 40 cm Neuschnee und eine Kältewelle bis -20° C
Der Emssee nach langen Jahren wieder einmal zugefroren: Ein Paradies für Kinder und Schlittschuhläufer
von Matthias M. Rinschen

Neue Ausgabe der "Warendorfer Schriften" und des "Kiepenkerl" erschienen (21. 12. 2020)
von Wolfgang Reisner

Am 21. Dezember stellte wegen der coronabedingten Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln nur der Schriftleiter der Warendorfer Schriften, Wolfgang Reisner, allein den neuesten Band 49/50  den Warendorfer Tageszeitungen vor. Im Jahre 1971, also fast vor 50 Jahren erschien der erste Band der Warendorfer Schriften, ein schmales Heft von 22 Seiten mit einem Aufsatz von Dr. Paul Leidinger über die Entwicklung des Warendorfer Stadtteils „Vor dem Emstor“

Der jetzige Band 49/50 deckt auf 272 Seiten ein breites Spektrum der Geschichte Warendorfs und von Warendorfer Bürgern ab. Es beginnt mit einem umfangreichen Aufsatz von Dr. Bernward Fahlbusch zu der Frage, ob Warendorf eine Hansestadt war.  Prof. Leidinger greift noch einmal die Frage auf, ob es eine Schifffahrt auf der Ems bis Warendorf und einen Hafen hier gab. Von dem verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden des Heimatvereins, Dr. Ekkehard Gühne, werden aus dem Nachlass leider nicht vollendete Forschungen zu Dr. Katzenberger, den Erbauer des Hauses Klosterstraße 7, veröffentlicht. Prof. Leidinger ergänzt diese mit Ausführungen zu den Heiratsbeziehungen zwischen den Familien Katzenberger, Ostermann und Brinkhaus. Von Wolfgang Reisner werden einige andere Aspekte aus dem Leben von Vater und Sohn Katzenberger – Honorareinzug durch Zwangsversteigerung und Obduktion von Leichen – hinzugefügt.

Pater Neufeld SJ steuert wie in jedem Band Beiträge zur Wallfahrt aus dem Osnabrücker Land nach Warendorf und über den Warendorfer Jesuiten Dr. Franz Rensing, einen Freud des Kardinals von Galen bei. Rolf Hartmann erinnert an das Gasthaus und den Tennisplatz auf dem Hof Lippermann.

Der Tennisplatz bei der Kaffeewirtschaft Lippermann auf einer Ansichtskarte von Anfang des vorigen Jahrhunderts

 

 Ein Beitrag von Norbert Funken befasst sich mit dem kurzfristigen Aufenthalt der Schwestern vom heiligsten Herzen Jesu Ende des 19. Jahrhunderts in Warendorf, ehe sie sich in Münster-Marienthal niederließen.

Mechtild Wolff befasst sich Eduard Elsberg sowie mit Anni Cohen und ihrer Familie. Eine Schülerin, Ronja Waldhauer, geht den Spuren des Bruders von Eduard Elsberg, Karl Elsberg und dessen wechselvollem Schicksal im Dritten Reich nach.

Klaus Gruhn zeichnet die Geschichte des Aufbaugymnasiums nach. Mechtild Wolff erinnert an die Warendorfer Originale, den Komponisten  Kuno Stierlin und Änneken Kunze mit ihrem Kaufhaus an der Emsstraße. Von den verstorbenen Wilhelm Veltman und Hermann Tanger wird eine Chronik der Altstadtfreunde aus den ersten vier Jahren des jetzt 40-jährigen Vereins veröffentlicht. Irmengard Walzer erzählt die Geschichte der UNICEF-Gruppe Warendorf.

Der erste Vorsitzende der Altstadtfreunde Warendorf, Wilhelm Veltman,
 bei
einem der vielen Arbeitseinsätze des Vereins zur Rettung alter Häuser

 

Im Jahr 2020 endete vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Prof. Leidinger gibt den Forschungsstand für Warendorf nach dem Kriegsende wieder. Dr. Gaby Flemnitz untersucht die Ermordung sowjetischer Zwangsarbeiter 1945 in Lippermanns Knäppen. Aus den amerikanischen Kriegsgefangenenlagern Bad Kreuznach und Bretzenheim, die zu den berüchtigten Rheinwiesenlagern gehörten,  wird ein Tagebuch eines Warendorfers veröffentlicht zusammen mit Zeichnungen von Wilhelm Götting, der ebenfalls 1945 in beiden Lagern gefangen war. Es schließen sich Nachrufe, Mitteilungen und Buchbesprechungen an.

Der Band, den die Mitglieder des Heimatvereins bereits als Jahresgabe erhalten waren, ist im Warendorfer Buchhandel zum Preis von 15,-- € erhältlich. Er kann auch vom Heimatverein bezogen werden.

 

Ebenso sehr interessant: der "Kiepenkerl"

Zusammen mit den Warendorfer Schriften erhielten die Mitglieder des Heimatvereins den Warendorfer Kiepenkerl, das jährlich vom Heimatverein und dem Kammermusikkreis Warendorf herausgegebene Forum für Heimat- und Denkmalpflege. Der Inhalt des 72. Heftes umfasste neben einem Beitrag von Dr. Reinhold Schoppmann zum 150. Galeriekonzert ein Märchen von Klaus Ring „Stadt, Insel, Fluss“ zur Diskussion um die Folgenutzung der Emsinsel, einen Bericht von Mechtild Wolff über die Veranstaltungen des Heimatvereins im Jahre 2020 und die Einladung zur Jahreshauptversammlung 2021 des Heimatvereins.  Den größten Seitenumfang nahm ein Beitrag von Wolfgang Reisner über Pest, Pocken, Covid 19 und andere Seuchen in unserer Heimat einst und jetzt ein. Ergänzt wurde dieser Aufsatz um Ausführungen von Beatrix Fahlbusch zum früheren Pestdiek in der Lage des heutigen Amtsgerichtes, einer 1667 für Pestkranke errichteten Baracke.

Quarantäne, Kontaktbeschränkungen, Einreise- und Handelsbeschränkungen kannte man auch früher beim Ausbruch von Seuchen. Als in Warendorf 1616 die Pest herrschte, verbot die Freckenhorster Äbtissin aus Angst vor Ansteckung den Freckenhorstern, in Warendorf Brot, Öl, Heringe und andere Waren einzukaufen. Die Pestordnung des Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen von 1666 bestimmte, dass Reisende aus benachbarten Ländern, in denen die Pest ausgebrochen war, nur mit einem amtlichen Zeugnis, dass sie sich in den letzten 14 Tagen „an gesunden orten“ aufgehalten hatten, einreisen durften.

Die Häuser Pestkranker waren mit einem Strohkranz oder einem Kreuz zu kennzeichnen. Es bestand ein absolutes Kontaktverbot mit Infizierten und deren Betreuern, auch durften infizierte Häuser nicht betreten werden. Bei Übertretung wurde eine Geldstrafe angedroht, die für die Pestkranken verwendet werden sollte.  Das traditionelle Fastnachtstreiben der Handwerksgesellen wurde eingeschränkt, beim Pestausbruch 1666 sogar ganz verboten.  Bei einem Auftreten der Ruhr 1676 in Warendorf wurden auch Hochzeitsfeiern untersagt, die man damals als Hotspots ausgemacht zu haben glaubte. Bei der hohen Zahl der Toten bei der Pest wurde 1634 vom Warendorfer Rat bestimmt, dass das sonst bei Beerdigungen übliche Blasen von den Kirchtürmen zu unterlassen sei, um die Bevölkerung nicht zu erschrecken.

Es wird heute über Vorbehalte zum Impfen gegen Covid 19 berichtet. Solche Vorbehalte und Falschinformationen gab es auch gegen die Pockenimpfungen Anfang des 19. Jahrhunderts. So wurde 1816 in Münster das Gerücht verbreitet, ein Kind habe sich durch die Pockenimpfung mit der Geschlechtskrankheit Syphilis infiziert.

Hefte des Warendorfer Kiepenkerl können noch beim Heimatverein bezogen werden.

 

 

Warum sind die historischen Brinkhaus-Gebäude so wichtig für Warendorf?
von Mechtild Wolff (12. 1. 2021)

Der Heimatverein hat zusammen mit dem Arbeitskreis Emsinsel einen Antrag an den Bürgermeister und den Rat der Stadt gestellt, die historischen Gebäude der Firma Brinkhaus mit der Wagenhalle und dem Pförtnerhäuschen unter Denkmalschutz zu stellen. Warum ist das wichtig für Warendorf?

Warendorf hat Jahrhunderte lang von der Weberei gelebt und mit der Industrialisierung brachte die Textilindustrie Wohlstand in die Stadt und das Umland. 1879 baute Hermann Josef Brinkhaus seine Weberei direkt an die Ems - notgedrungen, denn Webereien brauchten Wasser. Dieser Firmenneubau wurde mit viel Sinn für Schönheit errichtet, gebaut von der Warendorfer Firma Carle´ mit Feldbrandsteinen aus Freckenhorst. Noch heute befindet sich im Giebel des historischen Bürogebäudes ein Sandstein mit der Jahreszahl 1879.

Ja, die Firma Brinkhaus suchte sich immer die besten Baumeister für ihre Firmenneubauten. So auch im Zweigwerk Freckenhorst,  das 1908 von dem bedeutenden Industriearchitekten Phillip Jakob Manz aus Stuttgart gebaut wurde. Bedauerlicherweise wurden die hochwertigen Freckenhorster Fabrikgebäude abgerissen und durch Aldi-Architektur ersetzt. Auch in Warendorf sollen jetzt die letzten Zeugen der textilen Vergangenheit unserer Stadt beseitigt werden.

 

Die Wagenhalle (links) und das Pförtnerhäuschen (rechtes Bild) der Firma Brinkhaus in Warendorf

 

Als die Firma Brinkhaus sich 1950 entschloss, für ihre LKW neue Garagen und für den Pförtner ein Häuschen am Fabrikeingang zu bauen, beauftragte die Geschäftsleitung den sehr angesehenen münsteraner Architekten Heinrich Bartmann mit der Planung.

 

Wer war dieser Heinrich Bartmann? (1898 - 1982)

Er war von 1945 bis 1948 Stadt-Baurat der Stadt Münster und somit an vorderster Front verantwortlich für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Stadt. Auch damals schon fand der Kampf zwischen Tradition und Moderne statt. Die münsteraner Architekten wollten ihre eigenen Ideen bei der Gestaltung des Prinzipalmarkts verwirklichen und ihn mit modernen Gebäuden der angesagten Betonarchitektur bebauen. Der kluge Stadtbaumeister Heinrich Bartmann aber konnte sich mit seinen Vorstellungen durchsetzen, den Charakter Münsters zu wahren und den Prinzipalmarkt und anderer Innenstadtbereiche nach alten Vorbildern zu rekonstruieren. Ohne Heinrich Bartmanns ausgeprägten Sinn für Tradition und Schönheit hätte der Prinzipalmarkt seinen einmaligen Charakter wohl kaum erhalten können.

Als 1948 die grundlegenden Planungen zur Gestaltung der Stadt Münster nach seinen Plänen fertiggestellt waren, nahm er einen Ruf als Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt an und widmete sich wieder seinem Beruf als Architekt, plante z.B. Fabrikgebäude und Kirchen und kam so auch nach Warendorf, um für die Firma Brinkhaus tätig zu werden. Sein Auftrag war, am nördlichen Eingang der Stadt eine Wagenhalle, also eigentlich nichts anderes als eine große, zweistöckige Garage für LKW und ein Pförtnerhäuschen zu bauen. Bartmann sah sofort seine Verantwortung, an dieser Stelle keine simplen Zweckbauten zu errichten, sondern eine für die historische Altstadt passende Eingangssituation zu schaffen. Es ist ihm gelungen, große Garagenhäuser zu errichten, die aber straßenseitig hinter zwei Wohneinheiten versteckt wurden. Um eine für die historische Innenstadt von Warendorf passende Eingangssituation zu schaffen, gestaltete er die beiden aus Backstein erbauten Wohneinheiten sehr aufwändig mit vorspringenden Treppenhäusern und Fenstereinfassungen aus Sandstein. Die Symmetrie des gesamten Baus ist sorgfältig abgestimmt auf das dahinter liegende Bürogebäude. Die Garagenhallen, die heute von der Feuerwehr genutzt werden, verschwinden im Hintergrund und sind nur vom Fabrikgelände aus zu sehen. Welch eine geniale Städtebaukunst zum Wohle eines stimmigen nördlichen Eingangs in unsere Stadt.

 

Es ist Gefahr im Verzug!

Nun wurde am 25.06.2020 von der damaligen Ratsmehrheit in der sog. „Warendorfer Position“ beschlossen, dass diese Gebäude abgerissen werden sollen, um Platz für ein modernes Hotel zu machen. Wird es ein Gewinn für unsere Stadt sein, einen modernen, wahrscheinlich beliebigen Stadteingang zu bekommen? Ist es verantwortbar, wichtige Zeitzeugen der 1950er Jahre abzureißen? „Das einzige weitere Gebäude in Warendorf aus dieser Zeit mit einem vergleichbaren Architekturwert ist das Theater am Wall. Beide Gebäude sind bei völlig unterschiedlicher Funktion im besten Sinne ihrer Zeit gemäß entstanden. Das Theater am Wall wurde aus diesem Grund unter Schutz gestellt, während die Wagenhalle bisher lediglich als erhaltenswert eingestuft wurde. Das dritte namhafte Bauwerk Warendorfs aus jener Zeit ist die Marktbrücke, die mit der benachbarten Wagenhalle und dem Pförtnerhaus nahezu als ein städtebauliches Ensemble angesehen werden kann.“ So beschreibt Klaus Ring sehr treffend die Situation.

2020: herausgerissene Fenster aus dem Bürogebäude Brinkhaus
 

Auch die unter Denkmalschutz stehende Fassade des historischen Bürogebäudes ist in Gefahr. Es wäre nicht das erste Mal, dass solch eine Fassade einstürzt, wenn erst einmal die stützenden Wände abgebrochen wurden. „Welch ein Pech!“ sagt man dann und kann stattdessen eine moderne und kostengünstigere Bauweise verwirklichen. Dass auch die historische Fassade dem Investor ein Dorn im Auge ist, konnte man Anfang 2020 sehen, als viele Fenster mutwillig und klammheimlich herausgerissen wurden und sich wochenlang niemand um den entstehenden Wasserschaden kümmerte. Erst als besorgte Bürger vehement protestierten wurde ein provisorischer Wetterschutz eingebaut.

Damit in Warendorf die letzten Spuren der Weber-Vergangenheit erhalten bleiben, hält der Heimatverein und der Arbeitskreis Emsinsel die Unterschutzstellung der historischen Gebäude der Firma Brinkhaus mit den Sheddach-Hallen von 1879 und der Wagenhalle und dem Pförtnerhaus für dringend geboten. Wir hoffen sehr, dass die Politiker zu einem Umdenken bereit sind und auch die Wagenhalle aus dem Versteck hinter der hohen Hecke hervorholen und durch eine neue Nutzung diesen Stadteingang wieder aufwerten.

Mechtild Wolff

Vorsitzende des Heimatvereins Warendorf

 

Bilder: Mechtild Wolff, Walter Suwelack (Brinkhaus Bürogebäude)

 

Brief an den Bürgermeister Herrn Horstmann  und Antrag des Heimatvereins Warendorf und des Arbeitskreises Emsinsel bezüglich der Zukunft der Emsinsel und des Emsseeparks

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horstmann,

wie Ihnen ja bekannt ist, machen sich der Heimatverein und der AK Emsinsel große Sorgen, dass die Entwicklung auf der Emsinsel in eine für Warendorf schädliche Richtung läuft. Unsere Stadt hat Jahrhunderte lang von der Weberei gelebt und die Firma Brinkhaus hat Warendorf entscheidend geprägt. Die sog. „Warendorfer Position“ aus 2020 zeigt deutlich, dass nun alle Spuren der Textilgeschichte beseitigt werden sollen. Bedauerlicherweise steht auf dem Gelände Brinkhaus nur die Fassade des historischen Bürogebäudes von 1879 unter Denkmalschutz und wenn ich die Ereignisse des letzten Jahres richtig deute, wird bei der Neugestaltung der Emsinsel nur diese Fassade stehen bleiben. Dass sie schon jetzt dem Investor ein Dorn im Auge ist, konnte man Anfang 2020 sehen, als viele Fenster mutwillig und klammheimlich herausgerissen wurden und sich wochenlang niemand darum kümmerte – auch nicht unser Bauamt. Erst als Bürger vehement protestierten wurde ein provisorischer Wetterschutz eingebaut.

Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Fassade bei den Bauarbeiten einen „Unfall“ erleiden wird und einstürzt und die Verantwortlichen sagen dann „schade“ und das Problem ist vom Tisch und einer unbehinderten „modernen“ und dadurch kostengünstigeren Bebauung steht nichts mehr im Wege.

Darum halten wir es für unbedingt erforderlich, dass sich die Stadt Warendorf für einen weitergehenden Denkmalschutz für die Fabrikgebäude und die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen – s. Antrag – einsetzt.

Das ist nicht im Sinne des Investors, das ist uns bekannt. Politik und Verwaltung sollten aber die Interessen unserer Stadt verfolgen und ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Bürger und die zahlreichen Touristen ein modernes Hotel an dieser Stelle als einen Gewinn für das Ambiente der historischen Altstadt ansehen. Warendorf wird dann beliebig. Die Vergangenheit lehrt uns, dass nur die Projekte, bei denen wir die historische Substanz mit neuem Leben gefüllt haben, von Erfolg gekrönt waren. Die Versuche, bei denen die „Moderne“ in die Altstadt einziehen sollte, sind samt und sonders gescheitert. Können die Entscheidungsträger einen erneuten Versuch mit gesichtsloser Bebauung an dieser so wichtigen Stelle verantworten?

In der Hoffnung auf ein Umdenken

und mit den besten Wünschen für ein erfolgreiches Jahr zum Wohle unserer schönen Stadt

grüßt Sie herzlich

Mechtild Wolff

Vorsitzende des Heimatvereins Warendorf e.V.

 

 

Der Antrag  des Heimatvereins Warendorf und des Arbeitskreises Emsinsel im Wortlaut:

Heimatverein Warendorf e.V.                                                                             5. 1. 2021
Arbeitskreis Emsinsel

 

 

 

An den Bürgermeister der Stadt Warendorf

Herrn Peter Horstmann

und an den Rat der Stadt Warendorf                                                                   

Lange Kesselstraße

48231 Warendorf

 

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horstmann,

sehr geehrte Damen und Herren des Rates der Stadt Warendorf

 

Antrag:


Der Heimatverein Warendorf und der Arbeitskreis Neue Emsinsel beantragen, die historischen Firmengebäude der Firma Brinkhaus von 1879, Breuelweg 5 und die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen, Zwischen den Emsbrücken 2 in Warendorf, in die Denkmalliste der Stadt Warendorf einzutragen.

 

Historische Gebäude der Fa. Brinkhaus von 1879

und die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen von 1950

Zeichnung: Klaus Ring

 

 

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horstmann,

sehr geehrte Damen und Herren des Rates,


im Jahr 1879 erbaute Hermann Josef Brinkhaus in der stadtnahen Emsaue, heute „Emsinsel“ genannt, die mechanische Weberei H. Brinkhaus. Diese Firma bestand bis 2011 und war der wichtigste Arbeitgeber in Warendorf. Die Firma Brinkhaus hat die Textilstadt Warendorf entscheidend geprägt.

Bis heute sind neben vielen neueren Produktionshallen auch die Bürogebäude von 1879 (die Fassade des Bürohauses steht unter Denkmalschutz) mit den Sheddach-Hallen erhalten. Dabei handelt es sich um Sheddächer, die mit viertelkreisförmigen Dachkonstruktionen abschließen und dadurch diesen Hallenräumen ein besonderes Flair verleihen.

Diese Firmengebäude sind die letzten Spuren der für Warendorf wichtigen Textilindustrie und stellen die letzten Zeitzeugen dieser Epoche in Warendorf dar. Die Fabrikgebäude der anderen Textilfirmen wurden ausnahmslos abgerissen.

Nun besteht auch bei der Firma Brinkhaus die Gefahr, dass die historische Bausubstanz abgerissen wird, um einer modernen Verwertung Platz zu machen. Das wäre ein großer Verlust für Warendorf, denn dann wären fast alle Spuren einer wichtigen Epoche in unserer Stadt verloren.

Unser Antrag auf Unterschutzstellung gilt für die historischen Gebäude von 1879 und für die Wagenhalle mit dem Pförtnerhäuschen (s. Zeichnung oben).

Die Wagenhalle, 1950 erbaut von dem Münsteraner Architekten Professor Heinrich Bartmann, ist als Industriedenkmal ein charakteristisches Gebäude ihrer Zeit von hohem Seltenheitswert und dokumentiert durch ihre ursprüngliche Funktion, ihre gestalterische Qualität, sowie ihren Standort vor der Firma Brinkhaus diesen für Warendorf bedeutendsten Textilindustriestandort in besonderer Weise. In unserer Stadt existiert mit Ausnahme des denkmalgeschützten Theaters am Wall kein vergleichbares Gebäude aus den 1950er Jahren. Die Wagenhalle mit dem Pförtnerhaus ist als erhaltenswert eingestuft.

Ein Abriss dieses Objektes wäre ein erheblicher Verlust für das städtebauliche Gefüge im nördlichen Eingangsbereich der Altstadt und stünde damit dem Anspruch der Stadt Warendorf als anerkannter Historischer Stadtkern eklatant entgegen.

Wir hoffen sehr, dass Sie unser Anliegen nachvollziehen können und unserem Antrag stattgeben.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Mechtild Wolff für den Heimatverein Warendorf e.V.

Sigfrid Krebse und Alfred Kiel für den Arbeitskreis Emsinsel

(zum AK Emsinsel gehören u.a.: Heimatverein Warendorf e. V.; Altstadtfreunde Warendorf e. V.; Kneipp–Verein Warendorf e.V.; BUND-Kreisgruppe Warendorf; NABU Kreisverband Warendorf und das Team Brinkhaus)

 

Interessantes und Aktuelles vom Heimatverein Warendorf

Unsere Bürgermeister:
Heinrich Kleine
Johann Caspar Schnösenberg
Wilhelm Diederichs
Hugo Ewringmann
Heinz Kreuzer
Lorenz Tewes

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Rettet den Emspark! 130 alte Bäume dürfen nicht gefällt werden!

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Plattdeutsch: Nen vullet  Ächterstüöwken

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2. Mahnwache des Heimatvereins und des AK Emsinsel

Bilder von der 2. Demonstration am 9. 9. 2019

Rede von Frau Mechtild Wolff auf der 2. Demonstration gegen die Zerstörung des Emsseeparks.

Hände weg vom Emsseepark!

Mahnwache de Heimatvereins und des AK Emsinsel

Bilder der machtvollen Demonstration für den Erhalt der Emsinsel und gegen deren Bebauung

Aufruf des Heimatvereins Warendorf an alle Warendorfer:
Helft uns, den Emspark zu retten!