Wie waren das Abitur und die Schule vor 60 Jahren?
Erinnerungen an die „Schule von gestern“
1960 - 2020: 60 Jahre Abitur am Mariengymnasium Warendorf
von Mechtild Wolff


Das alte Gebäude des Mariengymnasiums

 

60 Jahre Abitur - das ist wahrlich ein Grund zum Feiern. In all den Jahren haben wir uns regelmäßig alle 5 Jahre getroffen und uns dadurch nie aus den Augen verloren. Wie sagte unsere leider schon verstorbene Klassenkameradin Ulline so treffend: Klassentreffen sind immer schön, da braucht man keinem was vorzumachen, die kennen einen alle viel zu gut.

Über unsere gemeinsame Schulzeit haben wir schon viel geredet, viele Dönekes erzählt und unsere Lehrer kolportiert mit all ihren Stärken und Schwächen. Ich habe mir jetzt mal Gedanken gemacht über das Jahr 1951, das Jahr, in dem wir „auf die Marienschule“ kamen. Wie sah es damals in der Marienschule aus, der 2. Weltkrieg war ja erst sechs Jahre vorbei. Welche dramatischen Jahre hatte die Schule hinter sich? Für uns damals zehnjährige Schülerinnen waren die sechs Jahre Frieden eine lange Zeit und der Krieg war weit weg, obwohl er im Alltag noch allgegenwärtig war. Mir kam unser Lyzeum eigentlich ganz normal vor, alles lief geregelt und hinter die Kulissen ließ man uns nie gucken.

Aber wie hatte die Marienschule die Kriegsjahre wirklich überstanden, als die Pforten am 8. Dezember 1945 wiedereröffnet wurden? Der 8. Dezember war damals noch als das Fest „Mariä Empfängnis“ in unserem Bewusstsein verankert und wurde in der Marienschule als Patronatsfest gefeiert. Der Tag begann mit einer Messfeier in der Laurentiuskirche und danach versammelten sich alle 600 Schülerinnen im Treppenhaus der Marienschule - man kann es sich heute kaum vorstellen - um einer besinnlichen Ansprache der Direktorin zu lauschen und Marienlieder zu singen und Gedichte vorzutragen.

Diesen Tag hatten sich die Lehrer 1945 ausgesucht, um die längsten Ferien der Schulgeschichte zu beenden. Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Warendorf zu Ostern 1945 hatte auch die Marienschule schließen müssen. Die Siegermächte wollten nicht nur die bedingungslose Kapitulation, sie wollten auch den Nationalsozialismus an der Wurzel ausrotten. Das Ziel war die Entnazifizierung. Der neue Geist der Demokratie sollte in die Schulen einziehen. Alle Lehrer mussten sich nun überprüfen lassen, ob sie unter der Herrschaft der Nationalsozialisten mehr als bloße Mitläufer gewesen waren.

Zuerst schaute man sich die langjährige Direktorin Frau Dr. Maria Moormann genau an. Sie war seit 1928 Leiterin der Marienschule und hatte dieselbe zur Oberschule ausgebaut, sodass 1941 das erste Abitur abgenommen werden konnte. In den NS-Jahren hatte sie mit weiblicher Klugheit und Beharrlichkeit das christliche Fundament der Schule gegen den braunen Ungeist verteidigt. Sie besaß sogar den Mut, mit einer jüdischen Schülerin, die nach Südafrika emigriert war, einen Briefwechsel zu führen. 1940 allerdings konnte sie nicht verhindern, dass die Marienschule in „Justus-Möser-Schule“ umbenannt wurde. Das war für sie sehr schmerzhaft, denn „Marienschule“ war nicht nur ein Name, es war ein Programm. Weil Frau Dr. Moormann sich der NS Ideologie nicht unterwerfen wollte, enthoben die Machthaber sie Ende 1944 ihres Amtes und übertrugen die Leitung der Schule dem strammen Nationalsozialisten Dr. Heinrich Donnermann. Er war der linientreue Direktor des alt ehrwürdigen Gymnasium Laurentianum, das jetzt „Brun-Warendorp-Schule“ hieß. Zu seiner ständigen Vertretung am Lyzeum ernannte der Oberpräsident die Studienrätin Anna Maria Kaesbach - irgendjemand musste ja schließlich für die tägliche  Schulleitungsarbeit vor Ort sein. Und Arbeit gab es genug, der Krieg brachte einschneidende Veränderungen. Schulgottesdienste waren ab sofort verboten, die Turnhalle wurde für Getreidelagerung beschlagnahmt, nach Angriffen auf Münster wurde eine Auffang-Stelle für bombengeschädigte Evakuierte eingerichtet - jeder Tag brachte neue Überraschungen, Einschränkungen und Schikanen seitens der Nationalsozialisten, denn eine nach wie vor religiös ausgerichtete Schule war den Nazis ein Dorn im Auge.

 

Nun aber zurück zum Neubeginn nach Kriegsende:

Den Siegermächten wurde schnell klar, dass an der untadeligen Gesinnung der Direktorin Dr. Moormann kein Zweifel bestehen konnte. Darum wurde sie unmittelbar nach Kriegsende von den Alliierten wieder als Direktorin des Lyzeums eingesetzt und damit beauftragt, wieder einen normalen Schulunterricht aufzubauen. Schnell wurde der dringlichste Wunsch der Direktorin erfüllt: Das Lyzeum bekam seinen Namen „Marienschule“ zurück, den ihr die Gründungsväter 1910 gegeben hatten.

Dr. Heinrich Donnermann bestand die Entnazifizierung nicht, wurde seines Amtes enthoben und musste den Schuldienst quittieren. Der Volksmund sagte damals: Er hat keinen Persilschein bekommen.

Bürgermeister Heinrich Temme, Schulrat Josef Pelster und die Direktorin Dr. Maria Moormann waren nun mitverantwortlich für die Entnazifizierung der Lehrer. Die Beurteilung des Kollegiums war insofern nicht schwierig, als der christliche Geist der Schule auch in der NS Zeit nicht erschüttert werden konnte und die Direktorin ihr Kollegium genau kannte und bestehende Bedenken überzeugend ausräumen konnte. Wie schwierig das manchmal war, zeigt der Fall der Musiklehrerin Margarete Ernst (1897-1977). Diese hatte 1941 auf Aufforderung der Ortsfrauenschaftsleiterin eine Musikgruppe der Ortsfrauenschaft Warendorf gegründet und geleitet. Frau Dr. Moormann konnte den Ortskommandanten davon überzeugen, dass eine Ablehnung dieses Wunsches für die junge Musiklehrerin damals unmöglich gewesen war, denn sie hatte gerade erst ihre Anstellung bekommen. Die Direktorin konnte glaubhaft versichern, dass Fräulein Ernst kein nationalsozialisti-sches Liedgut im Unterricht gesungen hatte, sondern schöne deutsche klassische und neuere Musik mit den Schülerinnen gepflegt hatte. So wurde dann auch Frl. Margret Ernst am 5.12.1945 erfolgreich entnazifiziert.

Bevor die Schule wiedereröffnet werden konnte, mussten strenge Voraussetzungen erfüllt werden: Der Geschichtsunterricht wurde vorerst untersagt. Auch der Deutschunterricht war zunächst verboten, erst mussten brauchbare Lehrbücher und Lektüren zusammengestellt werden. An neue Lesebücher war wegen der Materialknappheit gar nicht zu denken, darum wurden Lehrbücher erlaubt, die vor 1933 gedruckt worden waren. Aus dem vorgesehenen Lesebuch „Von deutscher Art, ein Lesebuch für Mädchen“ wurden alle Lesestücke herausgeschnitten, die an das Großdeutsche Reich erinnerten, wie z.B. „Bilder aus dem deutschen Danzig“, oder „Eine deutsche Familie in Russland“ oder „Das Banater Schwabenlied“.

Ende November 1945 waren dann alle Hürden genommen und den Warendorfer Gymnasien wurde als einigen der ersten in Westfalen die Genehmigung zur Wiedereröffnung erteilt. Das Lehrerkollegium setzte sich aus den altbekannten Lehrerinnen und einem einzigen Lehrer zusammen. Der Lehrer Adam Wacker (1889-1959) war schon seit 1928 an der Marienschule und war wegen seines Alters im Krieg nicht eingezogen worden.

Theo Pröpper Frl. Bracht, Frl. Kaesbach, Frl. Schütt, Frl. Kampelmann, Frl. Merkelbach, Herr Wacker

Er wurde pensioniert, als wir in der Sexta waren. Seit 1939 gab es einen zweiten Lehrer im Kollegium: Theodor Pröpper. Er kam aber erst 1946 aus der Gefangenschaft zurück. Studienrat Pröpper war ein wahrer Segen für die reine Mädchenschule, denn so konnten wir auch mal einen Lehrer erleben. Er war unser Englischlehrer und wir erinnern uns noch heute mit Vergnügen daran, dass er die Kreide nicht nur dafür benutzte, uns den AcI an der Wandtafel zu erklärte, sondern auch, um mit einem gezielten Wurf Schülerinnen aus dem Schulschlaf zu wecken. 1955 wechselte er zu unserem Bedauern zum Laurentianum herüber. Der Schule hinterließ er eine gut geführte Schulchronik, in der alle wichtigen Schulereignisse für die Nachwelt festgehalten waren.

Dann war da Frl. Schütt (1892-1954), die schon seit 1925 an der Marienschule war. Ich erinnere mich noch gut daran, dass sie 1954 in Amersfoort/Holland auf einer Klassenfahrt mit dem Fahrrad tödlich verunglückte.

       
Theresia Kampelmann  Dr. E. Hufnagel  Margarete Heese  Dr. J. Hornig 

Zu dem Kollegium aus der Gründungszeit der Schule gehörten auch Theresia Kampelmann (1890-1985), die 1948 Direktorin der Schule wurde und Maria Heukmann (1890-1969), unsere Religions-lehrerin, die schon seit 1911 an der Schule war.

Anna Maria Kaesbach unterrichtete schon seit 1934 an der Schule Mathematik, Erdkunde, Physik und Nadelarbeiten. Sie hat versucht, auch uns Mathe beizubringen, was ihr nicht bei allen gelungen ist. Dafür konnte sie umso spannender von ihren Reisen erzählen und war eine sehr weltoffene Lehrerin. Viele Jahre lang war sie eine der wenigen Frauen im Rat der Stadt Warendorf, was uns sehr imponierte.  

Seit 1943 war Frau Dr. Elisabeth Hufnagel (1896-1990) in Warendorf. Sie war vielleicht die schillerndste Persönlichkeit im Kollegium und hat auch unsere Schullaufbahn entscheidend geprägt. 1896 geboren, wurde sie 1916 zuerst Volksschullehrerin. Diese Ausbildung hatte sie noch auf dem Lehrerseminar absolviert. Das reichte ihr aber nicht, darum legte sie 1923 das Abitur ab und studierte in Münster Deutsch, Englisch und Französisch, ein recht ambitionierter Fächerkanon. 1934 sollte die junge Studienassessorin die Leitung einer nationalsozialistischen Frauenschule in Münster übernehmen. Dem Nationalsozialismus wollte sie aber nicht dienen und zog es vor, in die Volksschule zu gehen, obwohl sie eine akademische Ausbildung hatte. Ihre Tätigkeit in Everswinkel und Münster nutzte sie zur Erstellung einer Promotion mit dem Thema: „Aus der Sprache einer Familie. Ein Beitrag zur Sprachinhaltsforschung.“ 1942 wurde sie promoviert. Als 1943 die meisten münsteraner Schulen geschlossen wurden, bekam Dr. Elisabeth Hufnagel eine Stelle an der Marienschule in Warendorf, allerdings nur für ein Jahr auf Bewährung mit dem Gehalt einer Mittelschullehrerin, denn bei den Nazis stand sie immer noch auf der schwarzen Liste. Aber die Marienschule brauchte dringend Lehrkräfte, da die Anzahl der Schülerinnen wegen der vielen Evakuierten aus den bombengeschädigten Großstädten von normalerweise um die 400 auf jetzt 810 Mädchen angewachsen war. Da konnte es sich auch das NS Regime nicht erlauben, auf Frau Dr. Hufnagel zu verzichten. Als mit Kriegsende auch die Marienschule geschlossen wurde, engagierte die Militärregierung Dr. Hufnagel als Dolmetscherin. Das war für sie eine sehr spannende Erfahrung, von der sie später gern ihren Schülerinnen erzählte. Mit der Neueröffnung der Marienschule im Dezember 1945 bekam sie endlich ihre Anstellung als Studienrätin. Schon 1948 wurde sie Mentorin der neusprachlichen Referendare. Uns allen ist „Frau Dr.“ in lebhafter Erinnerung und wir könnten mit Geschichten aus ihrem amüsanten Unterricht ganze Bücher füllen. 1962 ging sie in den Ruhestand und lebte bis 1990 in Münster.

 

 
Rosa Senger  Dr. Kl. Freiburg-Rüter  Marianne Köster   

 


Eine ganz wichtige Kollegin war Frl. Rosa Senger. Sie war eine brillante Mathe-Lehrerin und zu unserer Zeit stellvertretende Schulleiterin, verantwortlich für die Finanzen und den Stundenplan und eine immer freundliche Helferin der Not.

 

Nach seiner Vertreibung aus Schlesien kam 1946 unser geistlicher Rat Dr. Josef Hornig (1900-1980) als Religionslehrer und geistlicher Berater an die Schule und ab 1948 gehörte unsere gestrenge Biologie-Lehrerin Frl. Heese zum Kollegium.

1949 kam Frau Müller-Temme, durch die wir um die Erfahrung reicher wurden, dass eine Lehrerin auch Kinder bekommen konnte. Frau Müller-Temme war eine Pionierin wider Willen, sie wollte einfach nur ihren Traumberuf als Sportlehrerin ausüben. Aber sie war verheiratet und nur weil Lehrpersonen so händeringend gesucht wurden, sah man über diesen „Makel“ geflissentlich hinweg. Allerdings musste sie sich für fünf Jahre verpflichten, was so viel hieß wie: Fünf Jahre lang keine Kinder, denn eines war ganz klar: Schule und Kinder, das war nicht vereinbar, das hatte es an der Marienschule noch nie gegeben, denn alle Lehrerinnen waren unverheiratet. Als nach sieben Jahren ihre erste Tochter geboren wurde, beglückwünschte Frau Direktorin Kampelmann die junge Mutter zwar, teilte ihr aber im gleichen Zuge mit, dass eine Bewerbung für die ihr eigentlich zustehende Studienratsstelle nicht mehr in Frage komme. Die Direktorin konnte sich nicht vorstellen, dass Frau Müller-Temme als Mutter eines Kindes im Schuldienst bleiben würde. Trotz der harten Bedingungen, Mutterschutz gab es nur 6 Wochen vor und nach der Geburt, blieb Frau Müller-Temme im Schuldienst und bekam noch zwei weitere Kinder. Pausieren oder die Stundenzahl reduzieren hätte den Verlust des Beamtenstatus zur Folge gehabt. Wie gut, dass die Großmutter mit im Haushalt lebte und für die Kinder sorgte.

Unser langjähriger Physik- und Chemie-Lehrer Walter Koch (1912-1983) kam nach Krieg und Gefangenschaft und fünf Jahren Laurentianum genau wie wir 1951 an die Marienschule und blieb bis 1961. Aus gesundheitlichen Gründen ging er dann an die Europaschule in Varese/Italien.

Und erst 1959 kam Dr. Clemens Freiburg-Rüter (1905-) mit den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch zu uns. Noch damals war er traumatisiert von seiner Kriegs- und Gefangenschafts-Zeit, mit der er uns viele Schulstunden lang bestens unterhielt.

Ja, und nicht zu vergessen unsere Oberstufen-Klassenlehrerin Marianne Köster. Als sie 1956 als neue Direktorin an unsere Schule kam, mussten wir uns von der unnachgiebig strengen, immer korrekten und eleganten Erscheinung der Direktorin Kampelmann auf eine kleine, unscheinbare Direktorin Köster umgewöhnen, die aus dem Ruhrgebiet, aus Datteln, kam und einen eher direkten Umgang pflegte. Anfänglich fanden wir das sehr erfrischend, zumal sie in ihrer Einführungsrede unsere Herzen gewonnen hatte, als sie die Schülerinnen der Frauenoberschule als gleichwertig neben die Lateinschülerinnen stellte. Dieser Geist war neu an der Marienschule und gefiel uns natürlich sehr. Ihre wirklichen Stärken hatte sie aber wohl nicht in der Prägung der Schülerinnen, sondern in ihrer Zähigkeit, mit der sie einen Schulneubau für die Marienschule forderte, den die Stadt Warendorf wegen der großen finanziellen Belastung zu vermeiden versuchte. Die Grundsteinlegung an der Von-Ketteler-Straße haben wir noch miterlebt und Heidrun durfte mit einem Gedicht brillieren. Zu Ostern 1961 wurde der Neubau eingeweiht, unser Abitur war das zweitletzte im alten Marienschulgebäude an der Kurzen Kesselstraße. Dieser Neubau war wahrlich kein Luxus, die alte Marienschule war viel zu klein geworden. Wir haben unsere letzten Schuljahre in einem winzigen Klassenraum auf dem Dachboden zugebracht, direkt neben dem Kartenzimmer. Die wackelige Holztreppe dürfte heute nicht einmal mehr von einer Maus benutzt werden. Aber wir haben uns da oben sehr wohl gefühlt - weit vom Schuss, das hatte entscheidende Vorteile.

 

Nun aber wieder zurück zum 8. Dezember 1945:

Als alle Lehrer sich schriftlich verpflichtet hatten, „keine nationalsozialistischen und militärischen Gedanken zu lehren“, konnte die feierliche Wiedereröffnung der beiden Gymnasien im alten Sparenbergschen Kino an der Freckenhorsterstraße  stattfinden. Das Laurentianum bestritt die Orchesterstücke und die Marienschülerinnen sangen im Chor. Die Einladung hatte die Besatzungsmacht in Englisch auf ein DinA4 Blatt getippt, der Bürgermeister und die Schuldirektoren hielten bewegende Reden.

Der Unterricht hatte schon am 3. Dezember begonnen, der Schulbeginn mit einer Messe in der Alten Pfarrkirche war in den Straßen der Stadt durch den städtischen Ausrufer „ausgerufen“ worden. Nun war aber das Marienschulgebäude noch von den Alliierten besetzt, darum mussten die Schülerinnen noch bis August 1946 in die Kardinal-von-Galen-Schule an der Klosterstraße. Da herrschte natürlich drangvolle Enge, sodass in Schichten unterrichtet wurde und für die Unter- und Mittelstufe konnte nur an 2-3 Tagen in der Woche Unterricht erteilt werden. Da es nicht genügend Sitzgelegenheiten gab, mussten sich die Schülerinnen ihren eigenen Stuhl mitbringen. Viele andere Gebäude und Keller in der Stadt waren mit Behelfs-Klassenräumen belegt. Akten und Schulunterlagen gab es fast keine, das war alles entweder von der Besatzungsmacht verheizt worden oder von den Insassen der Russen- und Polenlager gestohlen oder verheizt worden. Auch die physikalischen, chemischen und biologischen Sammlungen sowie das Kartenmaterial waren verschwunden.

Mit viel Idealismus wurde nun jede Möglichkeit für Unterricht genutzt. Die Weihnachtsferien endeten schon am 28. Dezember und die Osterferien wurden auf sieben Tage gekürzt. Die Lehrer trugen die äußere Not des Schulalltages mit Gelassenheit in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Wichtigste war, dass die geistige Not ein Ende hatte. Trotz all der Einschränkungen hielt man an den alten Traditionen fest. Auch das jährliche, oft recht anspruchsvolle Theaterstück für die Abiturientinnen übten die Unterprimanerinnen wieder ein und führten es unter großem Jubel im Kolpinghaus auf. Auf Zucht und Ordnung wurde unverändert streng geachtet. So wurden zwei Schülerinnen 1947 mit der Androhung der Verweisung von der höheren Schule bestraft, weil sie am 6. Dezember als Nikolaus und Knecht Ruprecht verkleidet Schabernack in zwei Klassen getrieben hatten.

Noch bis 1953 gab es dreimal im Jahr Zeugnisse, zu den  Sommerferien, zu Weihnachten und zu Ostern.

Ja, auch die Nachkriegsjahre waren eine riesige Kraftanstrengung und weil sie so mutig bewältigt wurde, fanden wir 1951 eine ganz normale Schule vor und ich kann mich nicht erinnern, dass jemals über all diese Schwierigkeiten gesprochen wurde. Aber vielleicht hätten wir auch gar nicht zugehört, genau so wenig, wie wir Dr. Freiburg-Rüters Kriegserzählungen einordnen konnten. Wir waren eben ganz normale Schülerinnen, bei denen das Lernen nicht immer oberste Priorität hatte. Aber stolz waren wir, als wir zu Ostern 1960 das Abiturzeugnis in den Händen hielten. Und wie haben wir uns gesonnt, als wir uns nach der mündlichen Abiturprüfung, die so manche Überraschung gebracht hatten, im Treppenhaus aufstellen durften und von Geschwistern und Freunden bejubelt wurden.

 

 
unsere mündliche Abitur-Prüfungsgruppe 1960 

 

Mechtild Wolff 2020

 

Aus der Geschichte Warendorfs:
Als in Warendorf der Kaffeegenuss verboten war
von Wolfgang Reisner (1. 3. 2022)

Die absolutistischen Staaten des 18. Jahrhunderts regelte durch mancherlei Verbote das Leben ihrer Untertanen. Ein solches Beispiel ist ein 1766 für das Fürstbistum Münster, zu dem Warendorf gehörte, erlassenes Verbot des Trinkens von Kaffee und Tee für die Unterschicht - „von geringer Handthierung lebenden Unterthanen, so wie den Dienstboten und Armen“ - und für die auf dem Lande und in Dörfern wohnenden „freien und schatzpflichtigen Bauern, Kötter, Brinksitzer [Kleinbauern oder Heuerlinge am Rande des Dorfes oder der Mark] und von ihrer Handarbeit lebenden Individuen“. Begründet wurde das Verbot, das der Landesherr Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, am 24.8.1766 auf Antrag der Landstände erließ, damit, um der „gar zu stark eingerissenen, und auf eine verderbliche und verschwenderische Weise fortgesetzt werdenden Thee- und Kaffee-Trinken Ziel und Maaß zu setzen“. Das Verbot galt in und außerhalb der Wohnungen. Für Übertretungen wurde eine Strafe von drei Reichstalern angedroht. Diese Strafe traf auch Gastwirte, die diesem Personenkreis Tee oder Kaffee ausschenkten. Das Verbot galt nicht für wohlhabendere Bürger, den Adel und die Geistlichkeit. Ein kleines Hintertürchen räumte der Landesherr Auch für die Unterschicht ein: Der vom Verbot betroffene Personenkreis konnte jährlich für zwei Reichstaler, die in die Landeskasse flossen, einen Erlaubnisschein für die gesamte Familie lösen. Es wurde bestimmt, dass schon der bloße Besitz von Kaffee oder Tee und des dafür notwendigen Geschirrs ebenfalls mit drei Reichstalern Strafe belegt war. Wer die Übertretung dieses Verbotes anzeigte, erhielt ein Drittel der verhängten Strafe. Es wurde auch bestimmt, dass Kaufleute Geldforderungen für an diesen Personenkreis verkauften Kaffee und Tee nicht einklagen konnten.

Dieses Verbot – „zum Besten der Unterthanen“ - geschah nicht, um die Bevölkerung vor gesundheitlichen Gefahren zu schützen. Dann hätte man generell den Kaffee- und Teegenuss verbieten müssen. Es ging bei der damals herrschenden Wirtschaftspolitik des Merkantilismus darum, zu verhindern, dass für die aus fernen Ländern kommenden Dinge sehr viel Geld ins Ausland abfloss. Dabei mag auch die Überlegung mitgespielt haben, Minderbemittelte davor zu bewahren, ihr Geld für teuren Kaffee oder Tee auszugeben. Nach dem Ratsprotokoll vom 21.2.1772 wurde vom Warendorfer Rat verfügt, dass den Armen die Almosen, die teils aus Brot und teils aus Geld bestanden, am Sonntag nachmittags erst nach der Christenlehre auszuteilen seien, um einmal diesen Personenkreis zum Besuch der Christenlehre anzuhalten und ihnen dadurch den Anlass zu nehmen, die Gelder für Tee oder Kaffee auszugeben.

 

Auf merkantilistischen Überlegungen beruhte auch, dass bei der Bestätigung der Rolle des Krameramtes 1632 Fürstbischof Clemens August von Bayern den Warendorfer Kaufleuten  den Handel mit verschiedenen Importwaren wie z.B. Seide, ausländischen Strümpfen, Kaffee, Tee, Zucker, Safran, Ingwer und anderen Spezereien aus fremden Ländern verbot. Auch in anderen Staaten waren solche Kaffeeverbote erlassen worden. So war für das zum Kurfürstentum Köln gehörende Herzogtum Westfalen, das das sogenannte Kölnische Sauerland umfasste - im Wesentlichen der heutige Kreis Olpe und der Hochsauerlandkreis -, am 23.12.1766 vom Kurfürsten Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, der gleichzeitig Fürstbischof von Münster war, den Gewerbetreibenden der Groß- und Einzelhandel mit Kaffee sowie allen Bürgern, Bauern, Arbeitern und den Dienstboten der Genuss von Kaffee unter Androhung von Geldstrafen verboten worden. Gleichzeitig wurde befohlen, alles Kaffeegeschirr abzuschaffen. Auch hier gab es Ausnahmen für die „höheren Stände“, denen der Bezug von Kaffee aus dem Ausland und dessen mäßiger Genuss für sich und ihre Kinder gestattet wurde. Da diese Verordnung und eine ähnliche 1767 für das Vest Recklinghausen erlassene Verordnung, die das Kaffee- und Teetrinken einschränken sollten, keinen Erfolg hatten, wurde 1770 der Verkauf und Genuss des Kaffees wieder erlaubt. Es hatte nur jeder Einwohner höheren Standes jährlich einen Erlaubnisschein für vier Taler zu lösen. , da es wohl keine Wirkung hatte.ie ärmeren Einwohner hatten vierteljährlich einen Taler für die Erlaubnis zu zahlen, Kaffee trinken zu dürfen. Im Jahre 1781 wurde, um dem „sehr stark eingerissenen Uebel des Kaffeetrinkens zu steuern“ für das Herzogtum Westfalen und für das Vest Recklinghausen jeder Handel mit rohem und geröstetem Kaffee sowie das Ausschenken von Kaffee unter Androhung von Geld- und Zuchthausstrafen verboten. Die Einfuhr von Kaffee war nur in Mengen von mehr als 50 Pfund, die nicht von mehreren Personen bezogen und geteilt werden durften, erlaubt. Hausfrauen wurde untersagt, ihren Dienstboten das Kaffeetrinken zu erlauben.

Auch den preußischen König Friedrich II. ärgerte es, dass für Kaffee jährlich mehr als 700.000 Taler ins Ausland flossen. Da auch eine hohe Besteuerung keine Wirkung zeigte, wurde 1781 angeordnet, dass mit Ausnahme des Adels, der Geistlichkeit, des Militärs und der höheren Beamten die Bevölkerung nur von eingerichteten staatlichen Kaffeebrennereien gerösteten Kaffee in amtlich verschlossenen Büchsen zum Preis von einem Taler für 24 Loth [ein Loth entsprach ca. 16 Gramm] erwerben konnten. Zur Überwachung des Verbotes, selbst Kaffee zu rösten, wurden Steuerbeamte, meist Kriegsinvaliden, eingestellt, im Volksmund „Kaffeeriecher“ genannt, die auf den Straßen nach dem Duft von geröstetem Kaffee fahndeten. Diese Kaffeeriecher hatten das Recht, in den Häusern nach ungeröstetem und unversteuertem Kaffee zu suchen.

 

 
Preußische Kaffeeriecher im Einsatz, Gemälde von L. Katzenstein, aus:  Die Gartenlaube, Jahrgang 1892, Heft 8, S. 257, hier aus Scans bei Commons

 

Nur gelegentlich findet man etwas über Kaffee und Tee in den Warendorfer Ratsprotokollen. Im Jahre 1749 trug der Imposteneinnehmer Cloedt [Imposten = städtische Einfuhrabgaben] dem Rat vor, dass ein Jude Jakob, versucht habe, für einen Sack von über 100 Pfund Kaffeebohnen die fälligen Akzisen zu hinterziehen. Jakob gestand es. Der Rat schlug ihm einen Vergleich vor. Bis dahin nahm man  die Kaffeebohnen im Rathaus in Verwahrung. Im Jahre 1741 scheint ein Händler aus Rheda Akzisen für Tee hinterzogen zu haben. Er übergibt zumindest vier Reichstaler Strafe und bittet in der Ratssitzung vom 8.3.1741 Bürgermeister und Rat, ihm die Hälfte der Strafe zu erlassen.

 

Durch eine landesherrliche Anordnung vom 6.12.1785 wurde im Fürstbistum Münster das Verbot des Tee- und Kaffeetrinkens wieder aufgehoben, da es wohl keine Wirkung hatte.

 

Quellenverzeichnis:

J.J. Scotti, Sammlung der Gesetze und Verordnungen, welche in dem Königl. Preuß. Erbfürstentum Münster und ... über Gegenstände der Landeshoheit, Verwaltung und Rechtspflege ergangen sind, Münster, 1842

Ratsprotokolle und Kämmereirechnungen der Stadt Warendorf, Bände 9, 10, 11 der Warendorfer Geschichtsquellen

F. Ebertyx, Geschichte des Preußischen Staates, 5. Band, Breslau 1870, S. 33

 

Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:

Der „Neue Bahnhof“ in Warendorf
von Mechtild Wolff (25. 2. 2022)


Der "neue" Bahnhof Warendorf


Wenn meine Großmutter verreisen wollte, dann begann ihre Zugfahrt am „Neuen Bahnhof“. Der wurde zwar schon 1902 erbaut, aber die Tatsache, dass die Warendorfer ihren schönen „Alten Bahnhof“ schon nach 15 Jahren wieder aufgeben mussten, war unvergessen. Nun aber war der neue Warendorfer Bahnhof ein Eisenbahnknotenpunkt mit Rangiergleis, Verlade-Rampe, Unterführung und Lokschuppen. Man konnte nicht nur nach Münster und Rheda Wiedenbrück fahren, sondern auch nach Freckenhorst, Westkirchen, Ennigerloh und Neubeckum. Der Bahnanschluss war auch für die kleinen Orte von entscheidender Bedeutung. So konnten z.B. die Freckenhorster Webereien die fertigen Stoffballen direkt zum Bahnhof in Freckenhorst bringen und Rohstoffe dort abholen. Nur das Expressgut wurde nach wie vor mit Pferd und Wagen zum Güterbahnhof in Warendorf gebracht. Ja, die ländliche Region war nun auch verkehrstechnisch an die große, weite Welt angebunden. Geschäftliche Auslandbeziehungen bestanden schon lange. Die Firma Kreimer in Freckenhorst exportierte schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bis nach Amerika, die Firma Breede lieferte nach Shanghai und auch die Warendorfer Weberei Brinkhaus hatte viele Kunden im Ausland.

 

Sperriges Gut wurde von der Landmaschinenfabrik Hagedorn und der Eisengießerei Amsbeck und der Firma Bruch direkt am Güterbahnhof angeliefert und abgeholt.

 


Die Firma Hagedorn liefert Maschinenteile zum Bahnhof

  

Friedel Niemeyer und Paul Perdun im Schalterraum
Das neue Warendorfer Bahnhofsgebäude war gut ausgestattet mit einer Schalterhalle und einer Gaststätte. Hier warteten die Reisenden vor Regen und Wind geschützt auf den Zug, hier kauften sie ihre Fahrkarte am Fahrkartenschalter. Hinter der Glasscheibe mit dem kleinen Sprechfenster verkauften die beiden Bahnbeamten Friedel Niemeyer und Paul Perdun bei Bedarf Fahrkarten sogar bis nach Moskau, aber auch Bahnsteigkarten für 10 Pfennig, denn einfach auf den Bahnsteig gehen durfte damals niemand.

Erst kurz vor Eintreffen des Zuges öffnete die Sperre, die von zwei uniformierten Bahnbeamtem besetzt war. Auf der einen Seite wurden die Fahrkarten der abfahrenden Reisenden kontrollierte und abgeknipst, auf der anderen die der ankommenden Fahrgäste entwertet. Natürlich wurde auch die Bahnsteigkarte abgeknipst, damit sie nicht ein zweites Mal verwendet werden konnte. Die Bahnsteigkarte war notwendig, wenn man jemanden zum Zug bringen wollte oder vom Zug abholen wollte. Es galt früher als unhöflich, einfach nur hinter der Sperre zu warten, man wollte ja auf dem Bahnhof mit dem Taschentuch winken.

 

"Zurücktreten von der Bahnsteigkante, der Zug fährt ab" 1950: Die Post wird aus dem Zug
in den Postkarren geladen

 

Bei Ankunft des Zuges suchten die Reisenden sich eiligst ein noch nicht so belegtes Abteil in der 2. Klasse, auch

Otto Göcke
 am Vorläufer
des Andreaskreuzes
Holzklasse genannt, denn hier saß man auf ziemlich harten Holzbänken. Die  1. Klasse mit den gepolsterten Sitzen leisteten sich nur sehr wenige Reisende. Der letzte Waggon des Zuges war immer der Postwagen.  Sobald der Zug ankam wurden Briefe, Päckchen und Pakete aus dem Postwaggon in den hölzernen Warendorfer Postkarren umgeladen und die ausgehende Post wurde in den Zug eingeladen. War alles fertig, konnte der Schaffner mit seiner Trillerpfeife pfeifen und der Zug fuhr ab. Den Postkarren beförderten dann drei Postbeamte zum nahe gelegenen Postamt - zwei zogen, einer schob.

Die Fahrt mit dem „Pängel-Anton“ war immer ein besonderes Vergnügen. Seinen Namen hatte er wegen des dauernden Pängelns und Pfeifens auf der Strecke, denn immer wenn am Trassenrand ein weißes Schild mit einem schwarzen P (Pfeifen) erschien, musste der Lockführer das Fußpedal betätigen und ein marker-schütternder Pfiff ertönte und warnte alle, die sich an einem der zahllosen Bahnübergänge befanden. Das Andreaskreuz als Warnung an einem unbeschrankten Bahnübergang war noch nicht erfunden, aber das „Halt“- Schild erklärte die Gefahr ausführlich. Für die 26 km bis Münster brauchte der Zug damals 85 Minuten, denn er fuhr höchstens 25 Stundenkilometer und musste an vielen Bahnhöfen anhalten, am Klauenberg, in Raestrup, Telgte, Jägerhaus, Handorf und Mauritz und erst dann erreichte der Zug in den Hauptbahnhof in Münster. Heute fährt der Zug in 33 Minuten nach Münster und stoppt aber nur noch in Telgte und am neuen Haltepunkt Müssingen. Das Problem der vielen unbeschrankten Bahnübergänge ist immer noch nicht gelöst, sonst könnten die Züge bequem alle halbe Stunde von Warendorf nach Münster fahren.

 


Der brennende Warendorfer Bahnhof

 

Der Bahnhof brennt! So ging es am 13. Januar 1995 wie ein Lauffeuer durch Warendorf. Hunderte Schaulustige beobachteten mit Grausen, wie ihr kompletter Bahnhof ein Raub der Flammen wurde. Die Brandursache wurde nie gänzlich geklärt, man geht aber von Brandstiftung in einer Halle des Güterbahnhofs aus, in der die Inlettweberei Brinkhaus Federbetten gelagert hatte. Der Brandschaden war so groß, dass der gesamte Bahnhof abgerissen werden musste. Nun gab es nur noch einen Fahrplanaushang und den Fahrkartenautomaten auf Bahnsteig. Wie gut, dass der Kiosk von Frau Kirsch an der Ecke Wilhelmstraße nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dort können sich nach wie vor die Bahnfahrer ihre Zeitung und das Brötchen kaufen und die neuesten Nachrichten des Tages hören. Einen Vorteil hatten die Autofahrer. Sie konnten nun direkt bis an den Bahnsteig fahren und wenn sie Glück hatten, dort sogar parken. Ein Dauerzustand aber sollte das leider nicht sein.

Viele Jahre lang forderten die Bürger: Warendorf braucht einen neuen Bahnhof! Die Deutsche Bundesbahn wollte wohl den Warendorfer Bahnhof in das „100 Bahnhöfe-Programm“ aufnehmen, das aber nur den Bau eines Bahnhofs, nicht aber eines Bahnhofsgebäudes beinhaltete. Das Bahnhofsgelände sollte verkauft werden. Die Stadt Warendorf suchte noch eine Lösung, als die Bahn im Januar 2000 Fakten schaffte und das Bahnhofsgelände an die h&w Immobilien aus Harsewinkel verkaufte. Die planten auf dem Gelände ein Geschäfts- und Bürogebäude, evtl. auch ein Ärztezentrum. Den Warendorfern wurde schnell klar, ein richtiges Bahnhofsgebäude mit Fahrkartenschalter, Auskunft und Gaststätte wird es wohl nicht mehr geben. In dem Bürogebäude sollte aber im unteren Bereich ein Aufenthaltsraum mit Fahrplanaushang sein, wo man an einem Fahrkartenautomaten seinen Fahrschein ziehen konnte.

 

 

Am 14. Dezember 2003 wurde dann der „neue Bahnhof“ eingeweiht. Er bestand aus einem Bahnsteig, einer Unterführung, einem Fahrradparkhaus, einem Parkplatz und einem großen Bahnhofsvorplatz. Da ein Aufzug für die Unterführung zu teuer und vor allem zu störanfällig geworden wäre, wurde ein zweiter Zugang an der Zumlohstraße gebaut. So waren beide Geleise plangleich erreichbar.

Nun konnte der erste Zug in den neuen Bahnhof einfahren. Die Deutsche Bahn hatte sich allerdings von dieser Nebenstrecke verabschiedet, die „Nordwestbahn“ trat die Nachfolge an und präsentierte der staunenden Bevölkerung einen eleganten, modernen Zug, ausgestattet mit gepolsterten Sitzen mit Kopfhöreranschlüssen, Fahrkartenautomaten in den Abteilen und großzügigen Fahrradplätzen. Ja, man konnte sich sogar für 50 Cent an Getränkeautomaten heißen Kaffee und Tomaten- oder Spargelsuppe kaufen. Fast geräuschlos schnurrte der Zug Richtung Münster. Das war wirklich eine neue Bahn Ära. Der Güterverkehr wurde allerdings ganz eingestellt.

Der Bahnhofsvorplatz wurde aufwändig und großzügig mit vielen Lampen und einer Arkaden-Baumallee gestaltet, geplant vom Warendorfer Architektur-Büro  Klein/Riesenbeck. Das Bahnhofsgebäude aber wurde zu einer unendlichen Geschichte. 2003 musste die Immobilienfirma h&w Konkurs anmelden und auch all die nachfolgenden Investoren kamen zu dem Schluss: Ein Bürogebäude am Bahnhof rechnet sich nicht! Noch heute befindet sich neben dem Bahnsteig eine Rasenfläche - vielleicht Gott sei Dank, denn wenn man sich hier ein dreistöckiges Gebäude vorstellt, dann könnte das schon sehr beengend wirken.

Auf den Bahnhofsvorplatz wurde 2009 nach der Auslobung des Wettbewerbs „Kunst am Bahnhof“ ein Kunstwerk aufgestellt, getreu der Vorschrift „2% der Bausumme für Kunst am Bau“. Die Jury entschied sich für das Skulpturenensemble  „Urbanes Baumzeichen“ des Beckumer Künstlers Ulrich Möckel, eine 3,50m hohe Skulptur aus spiegelndem, poliertem Edelstahl, die mit einer vierteiligen Sitzgruppe aus anthrazitfarbenen Betonsteinen vor Heitmanns Geschäftshaus an der B64 korrespondiert. Die Warendorfer Künstler waren nicht sehr begeistert, dass nicht ein heimischer Künstler, z.B. Demir Demiroski mit seinem Sprinter oder Rolf Pfand mit einem Warendorfer Schmiedekunstwerk zur künstlerischen Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes beitragen durften.



Das war einmal unser Bahnhof


Mechtild Wolff                                       

 

 

Quellen: Zeitzeugenberichte und eigene Erinnerungen

              Werner Ströker: Geschichte(n) aus Warendorf

               Presseberichte und Ratsprotokolle

Bilder:    Archiv der Altstadtfreunde und Archiv Wolff

 

Der „Alte Bahnhof“ an der Wallpromenade
von Mechtild Wolff (22. 1. 2022)

 
Der erste Warendorfer Bahnhof von 1887

 

Der 8. Februar 1887 war ein denkwürdiger Tag für Warendorf: Zum ersten Mal fuhr ein Zug in den neu erbauten Bahnhof an der Wallpromenade ein. Auf dem Bahnsteig, damals noch „Perron“ genannt, standen die Honoratioren der Stadt zur Begrüßung bereit, unterstützt von der Stadtkapelle, die „Ein Hoch auf den Kaiser“ spielte. Nun endlich hatte das aufstrebende Landstädtchen den Anschluss an die große, weite Welt bekommen, dafür hatte der Textilfabrikant Hermann Josef Brinkhaus viele Jahre lang gekämpft. Voller Stolz blickten die Warendorfer auf das prachtvolle Bahnhofsgebäude im neugotischen Stil, das sinnigerweise die Form einer Lokomotive hatte.

  

 

  

Schon nach 15 Jahren, im Jahr 1902, wurde dieser Bahnhof überflüssig. Neben der Ost-Westverbindung nach Münster und Rheda entstand eine neue Nord-Süd-Bahnlinie. Die Westfälische Landeseisenbahn hatte eine Strecke von Warendorf über Freckenhorst, Ennigerloh nach Neubeckum angelegt. Die Bahntrasse konnte aber nicht so gebaut werden, dass sie am bestehenden Bahnhof mündete, das Lehrerseminar und die Häuser an der Breede standen im Weg. So musste man sich 1902 entschließen, etwa 500 m weiter westlich einen neuen Bahnhof zu bauen. Dort konnten sich die beiden Bahnlinien treffen. Vorher wurden aber noch die Geleise hinter den „Alten Bahnhof“ gelegt - heute verläuft die B64 auf der alten Bahntrasse.

Das alte Bahnhofsgebäude musste nun eine neue Verwendung finden. Lange wurde es als Finanzamt genutzt und von der Familie des Seminarlehrers Arthur Rosenstengel bewohnt, der das ehrwürdige Gebäude zusammen mit seinen 10 hochmusikalischen Kindern mit den Klängen der Geigen, Harfen, Klarinetten und Trompeten erfüllte. Mit den Jahren wurde der „Alte Bahnhof“ immer sanierungsbedürftiger und stand viele Jahre lang leer. Es gab mehrere Pläne, die aber immer den Abbruch des „Alten Bahnhofs“ vorsahen. Die Stadt widerstand klugerweise diesen Abbruchanträgen. Vor einigen Jahren kaufte dann ein mutiger Warendorfer Unternehmer den großen, sehr heruntergekommenen „Alten Bahnhof“ und verwandelte ihn in elfmonatiger Bauzeit in ein modernes Büro- und Praxisgebäude. Das historische Aussehen in Lokomotiven-Form wurde erhalten, die Außenfassade konnte mit neuer Strahltechnik vorsichtig gereinigt werden und erstrahlte bald im alten Glanz. Das Innere bekam eine moderne Gestaltung. Im April 2013 wurde der sanierte „Alte Bahnhof“ der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt und schmückt heute als beherrschendes Gebäude wieder die Wallpromenade.

Wie gut, wenn nicht sofort der Abbruchbagger kommt, es findet sich irgendwann doch noch eine gute Lösung.

 


Der "Alte Bahnhof nach der Sanierung von 2013

 

Überarbeitet und ergänzt:
Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte
Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei
von Mechtild Wolff, 2022
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Carl Leopold und die Schnellsche Verlagsbuchhandlung 1909 - 1986
von Mechtild Wolff (14. 11. 2021)
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DerWarendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Familie  Kottrup - Westhoff: Brennereibesitzer und Stadtbauernhof
von Mechtild Wolff 2021
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Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Die Fabrikantenfamilie Bispinck
von Mechtild Wolff 2021
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Interessantes und Aktuelles vom Heimatverein Warendorf

Aus der Geschichte Warendorfs:
Als in Warendorf der Kaffeegenuss verboten war

 

Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Neue Bahnhof" in Warendorf von Mechtild Wolff

 

Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Alte Bahnhof" in Warendorf
 
Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte


Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei

 
Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Carl Leopold und die Schnellsche Verlagsbuchhandlung 1909 - 1986


Antrag des Heimatvereins Warendorf an den Bürgermeister Horstmann und den Stadtrat der Stadt Warendorf bzgl. des Erhalts des Hauses Wallgasse 3

 
Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Familie  Kottrup - Westhoff: Brennereibesitzer und Stadtbauernhof

 
Der Warendorfer Friedhof: Spiegel der Stadtgeschichte
Die Fabrikantenfamilie Bispinck

 
Hochwasserkatastrophen in Warendorf: 1891 - 1946 - 1956 - 1960
von Mechtild Wolff


„Ketting und Einschlag“ 1950-1963
Werkzeitung der Inlettwebereien H. Brinkhaus Warendorf, Sassenberg, Freckenhorst von Mechtild Wolff

Unsere Bürgermeister:
Heinrich Kleine
Johann Caspar Schnösenberg
Wilhelm Diederichs
Hugo Ewringmann
Heinz Kreuzer
Lorenz Tewes

Wie waren das Abitur und die Schule vor 60 Jahren?
Erinnerungen an die „Schule von gestern“
1960 - 2020: 60 Jahre Abitur am Mariengymnasium Warendorf

 

 

 

 

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