Dr. Günther Drescher wurde 1980 zum Warendorfer Bürgermeister
gewählt, in einer wahrlich turbulenten Umbruchszeit. Mit schwierigen
Zeiten war Günther Drescher seit frühester Jugend vertraut. Geboren
wurde er 1926 in Karwin in der damaligen Tschechoslowakei. Während der
Sudetenkrise 1938 wurde seine Heimat von polnischen Truppen besetzt und
nach Beginn des Polenfeldzuges 1939 dem Reichsgau Oberschlesien
zugeordnet. Seine Gymnasialzeit verbrachte Günther Drescher in Neuzelle
in der Mark Brandenburg. Schon 1943 wurde er als Luftwaffenhelfer
eingesetzt, konnte aber 1944 das damals übliche Notabitur ablegen. An
seinem 18. Geburtstag kam er zum Fronteinsatz. Nach seiner Verwundung
geriet er in russische Gefangenschaft auf der Krim und in der Ukraine.
Erst 1949 wurde er zu seiner Familie, die nach Bayern geflüchtet war,
entlassen. Endlich konnte er sein Studium in Deutsch, Geschichte und
Geographie in München beginnen, welches er 1956 mit einer Promotion
abschloss. Durch seine Heirat mit Ruth Spital aus Warendorf kam er nach
Westfalen, bekam zuerst eine Anstellung als Lehrer an der Loburg in
Ostbevern, dann am Gymnasium in Ahlen und am Warendorfer Gymnasium
Laurentianum.
1971 wurde er zum Direktor der Marienschule in Warendorf
gewählt. In den schwierigen Jahren der Schulreform bewährte er sich dort
als ein umsichtiger Schulleiter und als verständnisvoller Partner für
Schüler und Eltern.
Er wollte aber mehr tun für seine neue Heimatstadt. Schon 1966
hatte er sich als CDU-Kandidat für den Stadtrat zur Verfügung gestellt
und wurde mit großer Mehrheit gewählt. Bürgermeister Dr. Kluck erkannte
schnell, dass Dr. Drescher eine besondere Gabe besaß, sich auf die
verschiedenen Denkweisen der oft sehr konträren Parteien einzustellen
und 1969 wählte ihn die CDU zum Fraktionsvorsitzenden. Elf Jahre lang
führte er die Fraktion durch oft sehr turbulente Sitzungen. Sein
diplomatisches Geschick erwies sich als ein Glücksfall.
Nach der plötzlichen Erkrankung seines Vorgängers Dr. Hans
Kluck sah er sich 1980 in der Pflicht, das Amt des Bürgermeisters zu
übernehmen. Mit den Stadtdirektoren Hellmuth Schmeichel und später Theo
Dickgreber und dem neuen CDU-Fraktionschef Manfred Kampelmann und später
Karl Wilhelm Hild mussten möglichst im Einvernehmen mit der SPD und der
FDP umsichtige Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden. Im
Vordergrund stand die Sanierung der historischen Altstadt, bei der man
der geschichtlichen Verantwortung gerecht werden, aber auch pulsierendes
Geschäftsleben fördern wollte. Wo dürfen Autos fahren, wo ist eine
Fußgängerzone wichtiger? Wo sollen Kunden und Besucher parken können?
Soll auf dem Gelände des alten Krankenhauses ein Kaufhaus entstehen oder
sind Wohnungen in der Innenstadt wichtiger? Wie kann aus dem Theater am
Wall ein Kulturzentrum gemacht werden und wie soll im alten Bürgerhof
ein Veranstaltungszentrum finanziert werden? Wann werden endlich die
innerstädtische Entlastungsstraße und die Umgehungsstraße gebaut?


Viele
verschiedene Meinungen prallten oft unversöhnlich aufeinander, so war es
nicht verwunderlich, dass in der Amtszeit von Bürgermeister Dr. Drescher
die politische Landschaft „bunter“ wurde. Zur Zeit der kommunalen
Neuordnung waren nur zwei Parteien im Rat der Stadt Warendorf
vertreten, die CDU und die SPD. 1975 gelang der FDP wieder der Sprung
über die 5% Hürde. Sie war schon in früheren Jahren sporadisch im Rat
vertreten gewesen. 1984 kam erstmalig die GAL/Grünalternative Liste und
1989 die Freie Wählergemeinschaft, die FWG, in den Stadtrat.


Im Bundestag war der Kreis Warendorf durch den langjährigen
Bundestagsabgeordneten und Bundesminister Dr. h.c. Heinrich Windelen gut
vertreten und im Landtag von NRW hatte es der SPD-Abgeordnete Richard
Winkels bis zum Landtages-Vizepräsidenten gebracht. Auch Friedrich
Vogel, CDU-Bundestags-Abgeordneter des Ennepe-Ruhr-Kreises, aber
wohnhaft in Warendorf, konnte als Justizminister in NRW und
Staatsminister in Bonn so manche Wege für Warendorf ebnen. Sie alle
beförderten unsere Stadt nach Kräften und zeigten gern Ministern und
Staatssekretären ihre schöne Heimatstadt, was für Warendorf manche Tür
öffnete.

1991 Bundespräsident Richard v. Weizäcker mit seiner Frau wird
von Oberst Klaus Kuhn, Bürgermeister Dr. Drescher, Stadtdirektor Theo Dickgreber und
Graf von Landsberg-Velen empfangen
Sogar Bundespräsident Richard von Weizäcker machte 1991 mit
seinen Mitarbeitern den jährlichen Betriebsausflug in die Pferdestadt
und die Gäste aus Bonn bekamen ein vielseitiges Programm im Reitzentrum
der FN und eine Mini-Hengstparade im Landgestüt vorgeführt.
Der hohe Wohn- und Freizeitwert der Stadt Warendorf hatte viele
Neubürger angelockt, denen attraktive Neubaugebiete angeboten werden
konnten. Durch den Strukturwandel mit dem Niedergang der Textil- und
Landmaschinenindustrie war Geld im städtischen Haushalt allerdings
Mangelware. Einige Großbetriebe, die breit gefächerte Behördenstruktur
und vor allem die zahlreichen mittelständischen Unternehmen in Handel
und Handwerk waren aber eine solide Basis, die Warendorf relativ
unabhängig machte von extremen Konjunkturschwankungen. Die Sanierung der
historischen Gebäude in der Innenstadt wurde in guter Zusammenarbeit
zwischen den Eigentümern und der öffentlichen Hand vorangetrieben und
die Altstadt wurde immer mehr zu einem Schmuckkästchen, das als „Stadt
des Pferdes“ mit einer sehenswerten historischen Altstadt zu einem
touristischen Anziehungspunkt wurde. Bewohner und Touristen schätzten
das vielseitige Geschäftsangebot mit den vielen kleinen inhabergeführten
Geschäften, die einen besonderen Charme verbreiteten. Der immer aktive
Verkehrsverein, der später zum Stadtmarketing weiterentwickelt wurde,
hatte alle Hände voll zu tun mit den Aktivitäten und Veranstaltungen in
der Stadt, wie z.B. den jährlichen Traditions- und Stadtfesten oder den
Militärweltmeisterschaften im „Modernen Fünfkampf“, die immer mit Gästen
aus der ganzen Welt ausgetragen wurden. Natürlich wurden die Funktionäre
zu einem festlichen Empfang in den historischen Ratssaal geladen und mit
einem Willkommenstrunk aus den Warendorfer Silberpokalen geehrt.


1991 CISM Militätweltmeisterschaften im Modernen Fünfkampf
Mit all den
Aktivitäten
hat sich auch das Hotel- und Gaststättenangebot merklich ausgeweitet und
für die Touristen entstand das neuartige Angebot der Ferienwohnungen in
Privathäusern. Ja, Warendorf entwickelte sich mehr und mehr zu einem
Touristenmagnet. Das war ein wichtiges Standbein, denn Großindustrie in
Warendorf anzusiedeln war nach wie vor schwierig. Aber die neuen
Gewerbegebiete an der Splieterstraße und in der Katzheide füllten sich
sehr schnell mit Gewerbebetrieben aller Art.
In der Zwischenzeit hatte der Autoverkehr gravierend
zugenommen. Der Andreasring als Innerstädtische Entlastungsstraße hatte
sich bewährt, nun wurde der Bau der Stadtstraße Nord als eine wichtige
Verkehrsentlastung für die Innenstadt und die Wohngebiete energisch
vorangetrieben. Es sollte aber noch bis 2003 dauern, ehe der erste
Bauabschnitt fertig war und noch heute warten wir auf die Vollendung der
Stadtstraße Nord.
Ein wichtiges Ziel von Bürgermeister Dr. Drescher war die
Verschlankung von Verwaltung und Politik. Er wünschte sich ein Umdenken,
weg von der „Behördenmentalität“ hin zum „Dienstleistungsunternehmen
Stadt“. Der Bürger sollte nicht Bittsteller sein, sondern Kunde. Ein
langer und mühsamer Weg!
1994 Bürgermeister Dr. Dreschers begrüßt die Ehrengäste beim
Neujahrsempfang
Ein
naheliegendes Ziel war das Jahr 2000, in dem das 800jährige
Stadtjubiläum gefeiert werden sollte. Schon jetzt wurden Pläne für ein
großes Stadtfest gemacht und Prof. Dr. Leidinger wurde die Federführung
für eine umfangreiche Stadtgeschichte übertragen.
Es war Bürgermeister Dr. Drescher ein wichtiges Anliegen,
Warendorfer Bürger zu ehren, die sich für das Wohl der Stadt und seiner
Ortsteile ehrenamtlich engagierten. Viele Gruppen und Vereine wurden
beim alljährlichen Neujahrs-empfang geehrt. Außerdem zeichnete er im
Laufe seiner Amtszeit 15 verdiente Bürger mit der Verleihung der
Ehrenbürgerschaft, des Ehrenrings und des Ehrensiegels aus.
Mit der Kommunalwahl 1994 beendete Dr. Günther Drescher seine
Bürgermeisterzeit und Manfred Kampelmann wurde sein Nachfolger. Nun
konnte er sich mehr seiner großen Leidenschaft, dem „edlen
Waidwerk“ widmen, denn in der Natur und in der Familie und seinem großen
Freundeskreis fand er Erholung und Entspannung. Gern setzte er sich mit
seinen Freunden vom Rotary Club unter der Leitung von Dechant em. Walter
Suwelack für die Erhaltung und Renovierung der historischen Bildstöcke
und Wegekreuze im heimischen Raum ein.

1995 ehrte ihn seine Heimatstadt Warendorf für seine
vielfältigen Verdienste mit der Ehrenbürgerschaft. Auch die Französische
Partnerstadt Barentin hatte ihn zum Ehrenbürger ernannt. Viele seiner
Wegbegleiter freuten sich mit ihm über die wohlverdienten Ehrungen.

Am 6. Februar 2010 verstarb Dr. Günther Drescher im Alter von
83 Jahren. Mit seiner Frau Ruth, seinen beiden Kindern und seinen fünf
Enkelkindern trauerten die Warendorfer Bürger um ihren beliebten
Bürgermeister und Ehrenbürger und begleiteten ihn in großer Zahl zu
seiner letzten Ruhestätte auf dem Warendorfer Friedhof.
Text: Mechtild Wolff
Bilder: Alfred Kaup

Sharon Fehr, der
Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Münster, zeigt die
Warendorfer Thora-Rolle
Ja, es war ein Glücksfall und ein Beispiel von
bürgerschaftlichem Mut, dass Heinrich Baggeroer in der Reichspogromnacht
1938 die Warendorfer Thora-Rolle vor der Zerstörung rettete. Sein Sohn
Theo Baggeroer war ein guter Freund unserer Familie und erzählte gerne
diese denkwürdige Geschichte:
Mein Vater, der Lederwarenhändler Heinrich Baggeroer, hatte
sein Geschäft am Krickmarkt, wo er auch mit seiner Familie wohnte. Der
Hinterausgang aus seinem Garten lag an der Königstraße, direkt gegenüber
Rückseite der Synagoge.
In der Nacht des 9. auf den 10. November 1938, die später als
Reichspogromnacht in die Geschichte eingehen sollte, legte sich auch
über die Kleinstadt Warendorf der Schleier des Terrors. Nazi-Parolen
schallten durch die Altstadt – das ließ nichts Gutes erahnen - und bald
konnten die Bürger das Klirren von Fensterscheiben und das Zersplittern
von Holz hören. Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht, dass
die Schergen der SA Jagd auf jüdische Mitbürger machten. Die Juden
wurden aus den Häusern gezerrt, an die Ems gebracht und dort schwer
misshandelt, ihre Wohnungen wurden zerstört und ihre Habe aus den
Fenstern geworfen. Das Klirren von Glas und Porzellan war den Menschen
noch lange im Ohr, darum wurde diese Nacht „Reichskristallnacht“
genannt. Niemand stellte sich dem Terror entgegen, niemand wagte
einzuschreiten oder zu protestieren, das hätte auch für ihn Gefahr für
Leib und Leben bedeutet. Allerdings hat in dieser Nacht so mancher
Warendorfer seine jüdischen Nachbarn bei sich versteckt – auch das war
lebensgefährlich.

die jüdische Synagoge in Warendorf - Modell von
Lienhard Wesselmann
Zu seinem Entsetzen sah Heinrich Baggeroer in dem Schuttberg
die Thora-Rolle der Jüdischen Gemeinde liegen. Er wusste, dass die Thora
ein Heiligtum der Juden ist, in der auf koscherem Pergament die fünf
Bücher Moses in kunstvoller Handschrift geschrieben sind. Er hatte
selbst einmal in einem jüdischen Gottesdienst erlebt, wie der Rabbiner
aus der Thora-Rolle die Bibeltexte auf Hebräisch vorlas.
Was tun? Er wusste genau, wie gefährlich es war, die
Thora-Rolle mitzunehmen, aber er tat es trotzdem. Außerdem nahm er noch
Gebetbücher und einige Kultgegenstände unter den Arm und schlich sich,
glücklicherweise unentdeckt, durch die Gasse zurück in seinen Garten.
Aber wohin nun mit der Thora-Rolle und den Kultgegenständen? Nie durfte
jemand wissen, dass er sie gerettet hatte, das wäre im
Nationalsozialismus der sichere Weg ins KZ gewesen und
Hausdurchsuchungen gab es in der NS-Zeit auch bei Ariern!
Da erinnerte er sich, dass es im Keller ein Geheimversteck gab
– für gefährliche Zeiten -, eine kleine Kammer unter der Erde. Gute
verpackt – das konnte er ja als Lederwarenhändler - verstaute er
dort alles, verschloss die Klappe und legte zur Tarnung noch einen alten
Teppich drüber und stellte einen alten Schrank darauf.

Famlie Elsberg beseitigt die Scherben der
Pogromnacht vor ihrem Haus an der Oststraße
1940, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien, wurde
Hugo Spiegel verhaftet und ins KZ verschleppt. Die Tochter Rosa wurde
1942 auf offener Straße angesprochen und als jüdisches Kind
identifiziert und in den KZ-Tod geschickt. Wie gut, dass der Sohn Paul
bei katholischen Bauern versteckt worden war und auch die Mutter sich in
der Großstadt Brüssel gut verbarg.
Als die amerikanischen Soldaten bei Kriegsende im April 1945
das Konzentrationslager Dachau befreiten, war Paul Spiegel unter den
Glücklichen, die überlebt hatten. Entkräftet, aber mit ungebrochenem
Lebenswillen - sonst hätte er nicht überlebt -, machte er sich auf den
Weg nach Norden. In Frankfurt auf dem Bahnhof wartete auch Heinrich
Baggeroer, der gerade von einer Ledereinkaufsreise zurückkam, auf seinen
Zug. Er sah die jämmerliche Gestalt und sofort schoss ihm durch den Kopf
„Könnte das nicht Hugo Spiegel sein, abgemagert und mit rasiertem Kopf?“
Er sprach ihn an „Hugo, bist du das?“ und angesichts des bekannten
Gesichts leuchteten Hugos Augen. Ein Warendorfer Freund, welch ein
Lichtblick! „Hugo, wo willst du denn hin?“ „Das weiß ich nicht, ich weiß
nicht, wo meine Familie ist, ich weiß nicht einmal, ob sie noch am Leben
sind!“ „Dann komm mit mir nach Hause, dann sehen wir weiter!“ Und so
fuhren die beiden alten Freunde nach Warendorf in die alte Heimat, in
die Heimat, die Hugo Spiegel eigentlich nie wiedersehen wollte, nach all
den schrecklichen Erlebnissen!
Aber bei Baggeroers fühlte er sich geborgen und eines Abend
sagte Heinrich Baggeroer zu ihm „Hugo, geh mal mit mir in den Keller!“
und er schob dort einen Schrank an die Seite, rollte den Teppich auf,
öffnete die Bodenklappe und holte die Thora-Rolle aus dem Versteck.
Hugo Spiegel konnte es kaum glauben, dass das größte Heiligtum
der jüdischen Gemeinde gerettet worden war. Damit konnte er die jüdische
Gemeinde in Warendorf neu begründen. Jetzt wurde Warendorf wieder zu
seiner Heimat!
Auch seine Frau Ruth und seinen jetzt achtjährigen Sohn Paul fand er in Belgien wieder, gerade noch rechtzeitig, denn sie hatten sich entschlossen, zu den Verwandten nach USA auszuwandern – die Schiffspassage war schon gebucht und die Verwandten hatten die Kaution schon bezahlt. Aber jetzt kamen auch Ruth und Paul nach Warendorf - nur von Rosa hatten sie nie wieder gehört. Erst in den 2000er Jahren erfuhren sie, dass Rosa im Ausschwitz ermordet worden war.
Das Leben musste weiter gehen und es war für Hugo Spiegel ein
Herzensanliegen, eine jüdische Gemeinde in Warendorf zu begründen.
Die Synagoge an der Freckenhorster Straße 7 gab es nicht mehr,
sie war am 15. November 1938 von der Synagogengemeinde Warendorf an den
Kürschner Heinrich Kottenstedte verkauft worden. Die Synagogengemeinde
brauchte das Geld dringend zur Unterstützung der auswanderungswilligen
jüdischen Mitglieder, nur leider leitete die Stadtverwaltung den Erlös
aus dem Verkauf nie weiter!!!
Der neue Besitzer musste die Synagoge so umbauen, dass „der
bisherige Zweck nicht mehr erkennbar war“. Auch das für Synagogen so
typische Walmdach musste umgestaltet werden. 
Zunächst richtete Hugo Spiegel mit Hilfe der Stadt einen
kleinen Betsaal in der ehemaligen Synagoge ein. Es wird erzählt, dass
die Gründung einer Synagogengemeinde von zehn Männern jüdischen Glaubens
bezeugt werden muss. Außer Hugo Spiegel aber lebten keine Juden in
Nachkriegs-Warendorf. Der Zufall kam zu Hilfe: Bei den Soldaten der
englischen Besatzungsmacht, die das Hotel im Engel an der Brünebrede für
ihre Unterkunft beschlagnahmt hatten, gab es genügend jüdische Männer.
Dank der geretteten Thora-Rolle konnte am 7.
Ja, Hugo Spiegel blieb der einzige Jude, der wieder seine Heimat
in Warendorf fand. Er arbeitete wie früher als Viehhändler und wohnte
mit seiner Familie zuerst an der Oststraße und baute sich dann ein
schönes Haus an der Sassenberger Straße. In seinem Vorgarten hatte er
ein viel bewundertes Vogelhäuschen und beim Füttern der Vögel hielt er
gern ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Hugo Spiegel wurde in vielen
Vereinen ein aktives und verlässliches Mitglied und 1962 schoss er im
Schützenverein „Hinter den drei Brücken“ sogar den Vogel ab und wurde
Schützenkönig.

1962 Hugo Spiegel, der Schützenkönig
Bürgermeister Dr. Kluck und Hugo Spiegel
1970 enthüllte Bürgermeister Dr. Hans Kluck gemeinsam mit Hugo
Spiegel auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein zum Andenken an die
jüdischen Mitbürger, die in den Jahren von 1933-1945 umgekommen waren.
Auch dieser Friedhof war in der Pogromnacht geschändet worden,
Grabsteine wurden umgeworfen, her
Auf diesem jüdischen Friedhof wurde Hugo Spiegel 1987 begraben,
dort, wo 1974 schon seine Frau Ruth ihre letzte Ruhestätte gefunden
hatte.
Sein Sohn Paul ging seinen eigenen Weg. Die
Viehhändlertradition der Familie wollte er nicht fortsetzen. Er wollte
schreiben und übernahm in Düsseldorf die Redaktion der Allgemeinen
jüdischen Wochenzeitung. Ein guter Einstieg, der in eine steile Karriere
in der Presselandschaft und später in einer angesehenen Künstleragentur
mündete.
In all den Jahren übernahm er ehrenamtliche Führungsaufgaben in
der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, da war es nicht erstaunlich, dass
Paul Spiegel am 9. Januar 2000 zum Präsidenten des Zentralrates der
Juden in Deutschland gewählt wurde. Welch eine Aufgabe! Es stellte sich
schnell heraus, dass Paul Spiegel eine Idealbesetzung für dieses
verantwortungsvolle Amt war. Mit großer Leidenschaft und all seiner
Kraft setzte er sich für die Versöhnung von Juden und Christen ein –
Brückenbauer wollte er sein – und der jüdischen Gemeinschaft in
Deutschland eine gute Zukunft sichern.

Hugo Spiegel und seine charmante Frau Gisel und
Bürgermeister Theo Dickgreber
Paul Spiegel, Ehrenbürger der Stadt Warendorf

Prof.
Dr. Paul Leidinger und die „Wilhelm-Zuhorn-Plaketten Träger“, Eugenie Haunhorst, D. hc.Paul Spiegel , Prof. Dr.
Wilhelm Kohl
Wir Warendorfer erlebten Paul Spiegel als einen brillanten und
klugen Redner, der sich unermüdlich für Normalität im deutsch-jüdischen
Verhältnis einsetzte, aber auch als einen freundlichen und offenen
Menschen und einen fröhlichen Unterhalter, der gerne Witze und Anekdoten
erzählte und sich herzlich freute, als er seinen alten Klassenkameraden
Willi Schütte traf, mit dem ihn so viele Erinnerungen aus alten Zeiten
verbanden.
Der Heimatverein Warendorf ehrte Paul Spiegel 2002 mit der
„Wilhelm-Zuhorn-Plakette“. In seiner Festrede würdigte der Vorsitzende
Prof. Dr. Paul Leidinger sein Eintreten für Versöhnung und Dialog und
insbesondere seine Verbundenheit mit seiner Heimatstadt Warendorf.

Um die Erinnerung an den bedeutenden Sohn unserer Stadt wach zu
halten, wurde die Kreisberufsschule in „Paul-Spiegel-Berufskolleg“
umbenannt. Eine kluge Entscheidung! Hier fand gemeinsam mit allen
hiesigen Gymnasien am 30. April 2026 aus Anlass seines 20. Todestages
eine beeindruckendes Gedenken mit engagierten Schülern und Lehrern und
vielen Ehrengästen statt, zu denen auch sein alter Schulfreund Willi
Schütte mit seinen fast 90 Jahren gehörte. Sylvia Löhrmann, die
Beauftragte des Landes NRW für die Bekämpfung des Antisemitismus, für
jüdisches Leben und Erinnerungskultur zollte in ihrer Festrede dem
Lebenswerk von Paul Spiegel große Hochachtung.

Weil es in Warendorf keine jüdische Gemeinde mehr gibt,
befindet sich die Warendorfer Thora in der Synagoge der Jüdischen
Gemeinde in Münster. Erstmalig kam sie 2025 wieder an ihren Ursprungsort
zurück und wurde in der Ausstellung „Jüdische Leben in Warendorf“ von
Sharon Fehr, dem Ehrenvorsitzende der jüdischen Gemeinde Münster,
gezeigt. Vor über 200 Jahren wurden in dieser Thora auf Pergament die
fünf Bücher Moses in kunstvoller Handschrift aufgeschrieben – 340.000
Zeichen insgesamt. Die Thora ist ein stilles, sehr kraftvolles Symbol
der jüdischen Kultur.
Dieser wahre Schatz wurde der Mittelpunkt der sehenswerten
Ausstellung im Elsberghaus, die von Rudolf Berger und der
Glocke-Redakteurin Nicole Fenneker konzipiert wurde. Sie zeigte
eindrucksvoll die lange Geschichte jüdischen Lebens in Warendorf.
Mechtild Wolff 2026

Jede
Stadt hat eine Geschichte, deren Zeugnisse und Überreste nicht immer
sofort erkennbar sind. Viele historische Gebäude und Plätze in der
Altstadt sind im Laufe der Zeit verschwunden.
Können Sie sich noch an das Sophienstift oder den Schlachthof erinnern?
Der Heimatverein Warendorf möchte in Form einer Geschichtswerkstatt
solche Orte der Geschichte in Kooperation mit der VHS erforschen und sie
so medial wieder für die Erinnerung bereitstellen. Der Workshop wendet
sich an die, die Freude daran haben, solche Orte historisch zu
untersuchen, nach Spuren und Geschichten zu forschen und kreativ die
Darbietung zu gestalten. Auch soll der Frage nachgegangen werden, wie
die Rezeption nach dem Verschwinden war.
Die Teilnahme ist kostenfrei.


Ein ganz besonderer Ort meiner Kindheit war das schöne Haus Klosterstraße 7. Hier wohnten Onkel Bernhard und Tante Sophie – ja, damals sagte man noch Onkel und Tante. Bernhard Lohmann war der Bruder meiner Großmutter und war seit 1920 mit Sophie Schmitz geb. Brinkhaus verheiratet. Aber davon hören wir später mehr.
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| Die junge Sophie im Tapetensaal |
Das gemütliche Wohnzimmer von Tante Sophie und Onkel Bernhard mit dem Papagei war direkt rechts neben der Haustür, dort, wo heute das Biedermeierzimmer ist und gegenüber lagen Onkel Bernhards Praxisräume. Mit Tante Sophie verband mich eine ganz besondere Freundschaft. Sie begann eigentlich mit Briefmarken! Tante Sophies beste Freundin war Jenny Brinkhaus, sie war ihre Nichte und ihre Schwägerin, eine vielreisende Weltbürgerin! Von ihr bekam Sophie Ansichtskarten-Grüße aus aller Herren Länder. Diese Karten schenkte sie mir dann und ich riss die Briefmarken für meine Sammlung heraus - schade eigentlich, die Ansichtskarten wären heute viel spannender.
Tante Sophies Lieblingsplatz in ihrem schönen Haus war allerdings ihr eleganter Gartensaal. Sie freute sich immer, wenn sie Besuchern die einzigartigen Bildtapeten zeigen und dann die amüsanten Geschichten aus ihrer spannenden Familie zum Besten geben konnte. Sie erzählte z.B. von ihrem Ur-Großvater, dem Medizinalrat und späteren Hofrat Dr. Franz Josef Katzenberger (1767-1838). Den Titel Hofrat hatte er 1791 im Alter von 24 Jahren vom königlich, preußischen Prinzen August Ferdinand verliehen bekommen, weil er in Berlin dessen Tochter durch Kaiserschnitt gesund zur Welt gebracht hatte. Die königliche Entlohnung hat sicher geholfen, 1812 dieses prachtvolle Bürgerhaus erbauen zu können. Außerdem war Hofrat Katzenberger verheiratet mit einer wohlhabenden Kaufmannstochter aus Amsterdam, Anna Elisabeth geb. Schmitz (1781-1849).
Für
die Kleinstadt Warendorf war dieses Haus ungewöhnlich prächtig. Der
Glanzpunkt des klassizistischen Bürgerhauses waren auch damals schon der
Gartensaal und der Salon mit den handgedruckten französischen
Bildtapeten.
Wie kam ein Hofrat auf die Idee, die Welt der Inkas und die
Abenteuer des Telemach ins eigene Wohnzimmer zu holen? Es wird der
französische Einfluss dieser Zeit gewesen sein! Leben wie in Frankreich
und nicht wie im ländlich, sittlichen Westfalen, das war das Ideal. Die
wohlhabenden Bürger wollten sich die große, weite Welt ins Haus holen.
Seit 1793 gab es in Westfalen viele französische Emigranten, die vor dem
Terror der Französischen Revolution geflohen waren. Sie stammten vor
allem aus dem Adel und aus der Geistlichkeit und brachten Eleganz nach
Westfalen.
Von 1806 bis 1813 war das Münsterland von den Franzosen
besetzt. Der französische Einfluss war bei der Oberschicht bald nicht
mehr zu übersehen. „Wer schick sein wollte, kleidete sich nach der
französischen Mode“, erklärte Tante Sophie. „Meine Mutter ließ viele
französische Worte in ihre Alltagssprache einfließen: Sie wäre nie auf
einem Bürgersteig gegangen, das hieß Trottoir und ein Regenschirm war
ein Paraplui und man ging nicht irgendwo zu Besuch, man ging auf
Visite“. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die
Katzenbergers sich für eine Bildtapete aus der weltberühmten Manufaktur
Dufour und Leroy in Paris entschieden.


Dort
wurden diese Bildtapeten 1823 und 1824 genau nach Maß für die beiden
Räume handgedruckt. Für die Herstellung der Inka -Tapete im großen
Gartensaal wurden 2112 Druckmodeln geschnitzt und 83 verschiedene Farben
verwendet. Die Tapetenbahnen sind 2,60 m lang und wurden aus 55x44cm
großen Quadraten zusammengesetzt.
Für die Telemach-Tapete im Salon brauchte man 2027 Druckmodeln
und 87 Farben. Die Herstellung der Tapete dauerte zwei Jahre. In der
Manufaktur Dufour & Leroy arbeiteten damals bis zu 200 Mitarbeiter.
Verwunderlich ist, dass man diese Bildtapeten hier in Warendorf
bei dem Anstreicher Johann Bernhard Frye in der Krückenmühle aussuchen
konnte und er besorgte sie und brachte sie auch an. Katzenbergers hatten
eine reiche Auswahl zwischen Parkszenen und romantischen Landschaften,
Hafenbildern, Schlachten-bildern, römischen Ruinen und vielem mehr. Sie
entschieden sich für „Die Inkas oder die Zerstörung des Reiches von
Peru“ im Gartensaal und „Die Abenteuer des Telemach“ im Salon.
Tante
Sophie erzählte gern von den sagenumwobenen „Die Inkas“ und schilderte
die abenteuerliche Fahrt des Telemach, der seinen Vater Odysseus suchte,
sich aber in die Nymphe Eucharis verliebt und darüber die Suche nach
seinem Vater vergaß. Ihre Augen begannen zu funkeln, wenn sie erzählte,
dass sich Kalypso auch in Telemach verliebt, wie früher in seinen Vater
Odysseus und ihn erst das brennende Schiff wieder auf den Weg zu seiner
eigentlichen Aufgabe zurückbrachte.
Tante Sophie lebte ganz in der Welt dieser Geschichten und
freute sich, sie immer wieder erzählen zu können, genauso wie die
Geschichten aus ihrer Familie. Besonders angetan hatte es ihr die
romantische Liebesgeschichte ihrer Großeltern, die für Warendorf später
von großer Bedeutung werden sollten:
Es war im Jahr 1820, als die 17jährige Maria Anna Katzenberger
sich unsterblich in den jungen Premierleutnant Gottfried Heinrich
Ostermann (geb. 1793 in Hamm) verliebte. Er diente im 12. Husaren
Regiment, das von 1816-1832 in Warendorf lag. Gottfried Heinrich
Ostermann war als königlich preußischer Premierleutnant sehr tüchtig und
er hatte aus den Befreiungskriegen 1813-1815 das Eiserne Kreuz
mitgebracht. All seine Verdienste halfen ihm nichts, die Eltern
Katzenberger stimmten einer Hochzeit nicht zu, denn Ostermann war
evangelisch. Außerdem war für den vermögenden Hofrat der arme Leutnant
nicht standesgemäß. Und als Holländerin war die Hofrätin sowieso
schlecht auf preußisches Militär zu sprechen. Sie versuchte mit allen
Mitteln diese Liaison zu verhindern. Und es war abgemacht, dass Maria
Anna den jungen Assessor Forckenbeck heiraten sollte, den Sohn des
Oberpräsidenten aus Münster. Maria Anna und Gottfried Heinrich aber
fühlten sich füreinander bestimmt. Um ihr Glück zu erzwingen, ließ Maria
Anna sich von ihrem Herz-allerliebsten entführen. Mit einer Leiter stieg
sie aus ihrem Fenster im 1. Stock auf der Rückseite ihres Elternhauses.
Am Emsufer lag ein Kahn, der mit zwei Soldaten bemannt war. Am
jenseitigen Ufer hielt eine Kutsche, die das verliebte Paar nach
Arnsberg brachte, wo Maria Anna bei Ostermanns Schwester, einer
Pastorenfrau, Unterschlupf fand.
Natürlich verbreitete sich die Nachricht von der Flucht der
Hofratstochter schnell in ganz Warendorf - welch ein Skandal. Auch Maria
Anna fühlte sich ganz und gar nicht wohl in ihrer Situation, so etwas
tat eine wohlerzogene Tochter einfach nicht. Sie bat ihre Eltern um
Verzeihung und hoffte, wieder nach Hause zu kommen zu dürfen. So einfach
konnte sie aber nicht „vor der Welt“ zurückkommen. Nur eine schnelle
Heirat konnte helfen. In der Laurentiuskirche wurde die geplante
Eheschließung „einmal für dreimal“ verkündet und am 10. Oktober 1820
richteten die Eltern Katzenberger ihrer einzigen Tochter eine glanzvolle
Hochzeit aus, hier im schönen Gartensaal, aber ohne die prächtigen
Bildtapeten, denn die wurden erst vier Jahre später angebracht.
Mit der Heirat musste Gottfried Heinrich Ostermann eine Kaution
stellen, um im Regiment bleiben zu können. Die wohlhabenden
Katzenbergers verweigerten ihm aber das Geld, die Verbitterung war zu
groß. So musste der hoffnungsvolle Offizier seine Uniform schweren
Herzens ausziehen und eine Stelle als Kreissekretär in Ahaus annehmen.
Ein schweres Los für einen jungen Mann, der seine schmucke Uniform und
das flotte Offiziersleben so geliebt hatte. Und ein Posten, der wenig
Geld einbrachte. Es schmerzte Gottfried Heinrich unendlich, dass er
seiner über alles geliebten Maria Anna kein sorgenfreies Leben bieten
konnte, zumal sie in ihrer Jugend nie Grund zum Sparen gehabt hatte.
Und ein anderes Problem war sehr schmerzlich. Das junge Paar
hatte schon bei der Hochzeit einwilligen müssen, die Erziehung ihrer
Kinder zur Sicherung einer katholischen Erziehung ab dem 5. Lebensjahr
in die Hände der Großeltern Katzenberger zu legen. So kam es, dass die
vier ältesten Töchter im heutigen Haus Klosterstraße 7, damals hieß sie
noch Ritterstraße, aufwuchsen. Die beiden jüngeren Kinder durften bei
den Eltern bleiben. Die Großeltern Katzenberger sorgten sehr gut für die
Kinder. Die Mädchen bekamen eine umfassende humanistische und
musikalische Ausbildung und gediehen prächtig. So wundert es nicht, dass
der erfolgreiche Kaufmann Hermann Josef Brinkhaus (1819-1885) ein Auge
auf die sympathische und selbstbewusste Johanna Ostermann (1823-1911)
warf, als diese gerade ihre Großtante Jeannette in Borghorst besuchte.
Er folgte ihr nach Warendorf und 1844 wurde eine glanzvolle Hochzeit
gefeiert.

Verlobungstassen von Hermann Josef Brinkhaus und Johanna
Ostermann
Das war der Anfang der Textil-Dynastie Brinkhaus in Warendorf, die für Warendorf von großer Bedeutung wurde.
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Mit Hermann Josef Brinkhaus kam ein innovativer Textilkaufmann
aus dem Westmünsterland nach Warendorf, der hier 1861 die erste
mechanische Weberei erbaute und damit das Industriezeitalter in die
alten Weberstadt Warendorf brachte.
Diese
erste mechanische Weberei „Brinkhaus und Wiemann“ gründete er gemeinsam
mit seinem Freund Eduard Wiemann. Dieser verliebte sich in Johannas
Schwester Sophia und heiratete sie. Hätte man die Villa Sophia nicht
abgerissen, würde noch heute die Villa an der Sassenberger Straße an
dieses elegante und kunstsinnige Ehepaar erinnern.
Meine
Tante Sophie - sie wurde nach ihrer Patentante Sophia Wiemann benannt -
war das Jüngste der neun Kinder von Hermann Josef Brinkhaus und Johanna
Ostermann. Sie erlebte in ihrer Kindheit, wie ihr Vater die neue Fabrik
„H. Brinkhaus“ auf der anderen Seite der Ems baute, auf der heutigen
„Emsinsel“. Nach dem frühen Tode ihres Vaters 1885 führten ihre Brüder
Hermann und Bernhard Brinkhaus die Firma sehr erfolgreich weiter, die
zur bedeutendsten Inlettweberei Europas wurde und zeitweise über 1000
Familien in Warendorf in Lohn und Brot brachte.
![]() |
| 1906: Tante Sophie in der Benzinkutsche |
Sophie
war beim Tod ihres Vaters Hermann Josef Brinkhaus erst 15 Jahre alt,
darum blieb sie mit ihrer Mutter im Elternhaus wohnen. 1890 heiratete
sie den Sanitätsrat Dr. Eduard Schmitz. Er betrieb hier im Hause seine
Arztpraxis und Sophie sorgte für ein reges gesellschaftliches Leben. Sie
war lebenslustig und pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis.
Fröhliche Feste wurden in den Tapetensälen gefeiert. 1906 war Sophie die
erste Frau im Kreis Warendorf, die es wagte, sich in eine Benzinkutsche
zu setzen. Ihr Bruder Bernhard hatte sich solch ein stinkendes Ungeheuer
zugelegt und sie zu einer Spazierfahrt eingeladen. Die sonntägliche
Spazierfahrt mit ihrer Mutter machte sie auch weiterhin mit der Kutsche.
1911 starb ihre Mutter Johanna Brinkhaus geb. Ostermann. Ihre Brüder
Hermann und Bernhard erbten die Firma Brinkhaus und Sophie bekam das
Elternhaus Klosterstraße 7. Es blieb auch weiterhin das Zentrum der
Familie.
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| Dr. Bernhard Lohmann |
1917, nach 27jähriger glücklicher Ehe, verstarb ihr Ehemann, der Sanitätsrat Dr. Eduard Schmitz. Für Sophie war das eine Katastrophe, sie hatte keine Altersversorgung und keine Kinder, die für sie sorgen konnten. Wie sollte sie nun das große Haus unterhalten? Sie musste es notgedrungen zum Verkauf anbieten.
Der Bruder meiner Großmutter, der Sanitätsrat Dr. Bernhard Lohmann, hatte sich nach dem 1. Weltkrieg als Arzt in Warendorf niedergelassen und suchte ein geeignetes Haus für seine Arztpraxis und seine kleine Familie. Seine Frau war im Krieg gestorben und er lebte allein mit seiner Tochter Therese. Bernhard Lohmann hatte Warendorf ausgewählt, weil hier seine Schwester Eugenie, meine Großmutter, mit ihrer Familie wohnte. Das Haus der Witwe Schmitz gefiel ihm auf Anhieb und er freute sich, die Medizinalrats-Tradition fortsetzen zu können. Der Verkauf des Hauses war für Sophie sehr schmerzhaft, denn sie musste nun ihr Elternhaus verlassen, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte und das sie über alles liebte. So traf es sich wunderbar, dass Bernhard Lohmann sich in die überaus charmante und liebenswerte Sophie Schmitz verliebte. 1920 zog Sophie als Frau des neuen Medizinalrats wieder in ihr Elternhaus ein. Ganz besonders freute sich Sophie, dass sie nun eine Tochter hatte.

1923 Hochzeit von Therese Lohmann und Aloys Kohstall
1923 richtete sie für Therese und Aloys Kohstall eine
wunderbare Hochzeit aus, die natürlich im schönen Haus Klosterstraße 7
in den Tapetensälen und im Garten gefeiert wurde.

Nun
verließ Threschen zwar ihr Elternhaus, aber es dauerte nicht lange, bis
wieder Leben ins Haus kam, denn Threschen und Aloys bekam 12 Kinder, die
immer gerne zu den Großeltern nach Warendorf kamen. Großmutter Sophie
zelebrierte die gemütlichen Stunden mit den Enkeln in den Tapetensälen
und erzählte ihnen all ihre schönen Geschichten. Sie führte sie ein in
die Sagenwelt der Inkas und der griechischen Heldensagen und ganz viel
Spaß hatten die Kinder, wenn sie „Ausrutscher“ der Drucker suchen
durften, wie z.B. das verrutschte Treppengeländer, was ja heute noch zu
sehen ist.

Familie Kohstall mit Opa und Oma Lohmann
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| Spuren des Ofenrohrlochs von 1945 |
Während
des 2. Weltkrieges wurde es wieder voll im Haus. Viele Flüchtlinge und
Evakuierte mussten untergebracht werden. Auch die beiden Tapetensälen
wurden von Flüchtlingsfamilien bewohnt. Nur leider gab es hier keine
Heizung und es hat Tante Sophie fast das Herz gebrochen, als ihr Mann
Bernhard Löcher in die Wände mit den Bildtapeten schlug, um Ofenrohre
für die Herde und Öfen ins Freie zu führen. „Erst kommen die Menschen,
dann die Kunst“, sagte Onkel Bernhard. Diese Löcher wurden bei der
letzten Renovierung 2011 übergemalt, man kann sie nur noch ahnen.
Bernhard
und Sophie Lohmann wohnten bis zu ihrem Tode 1950 und 1952 in dem
schönen Haus an der Klosterstraße. Sophie erzählte ihren zahlreichen
Besuchern immer vergnügt, dass sie in diesem Haus mit zwei Männern
Silberhochzeit gefeiert hat und mit beiden sehr glücklich gewesen ist.
Heute sind die beiden Tapetensäle ein Teil des Dezentralen
Stadtmuseums der Stadt Warendorf.
Hier zum Herunterladen:
Der neue KIEPENKERL 2025
Die wunderbare Tante Sophie
Erinnerungen von Mechtild Wolff
Jahreshauptversammlung des Heimatvereins Warendorf
Die Affhüppen-Kapelle – eine architektonische Schönheit der
Neugotik in Vohren
von Mechtild Wolff
Vortrag von Dr. Dirk Ziesing (Bochum):
"Warendorf – Westpreußen – Waterloo"
Das
Josephs-Hospital - eine lange Erfolgsgeschichte mit
ungewissem Ende
von Mechtild Wolff
Franz Joseph Zumloh, Wohltäter in großer Not
von Mechtild Wolff
Stellungnahme des Heimatvereins Warendorf zum Bau der neuen Bundesstraße B64 n (Umgehung Warendorf)
Stadtführung mit dem Thema: Entstehung und Bedeutung ausgewählter Straßennamen
Turbulente 15 Jahre im Heimatverein: Rückblick der Vorsitzenden Mechtild Wolff
Vor 80 Jahren: Die letzten Tage des 2.
Weltkriegs in Warendorf Ostern 1945
Das Portrait: Dr. h.c. Heinrich Windelen
Aus Anlass des Denkmaltages am 8. 9. 2024:
Motto: "Wahrzeichen - Zeitzeugen der Geschichte"
Der Warendorfer Bürger-Schützenhof – eine
Erfolgsgeschichte mit traurigem Ende
Der erste große Stadtbrand von Warendorf aus dem Jahre 1404
Das Portrait: Joos Brandkamp, Kirchen- und Kunstmaler
(1905 - 1983)
von Mechtild Wolf
100 Jahre Frauenwahlrecht - Erinnerungen an Clara
Schmidt in Warendorf und die Frauenbewegung
Clara Schmidt und die Frauenliste
Fakten und Historie
Heimatfest Mariä Himmelfahrt
Erlebte Geschichte: Mariä Himmelfahrt in den 1920er
Jahren von Eugenie Haunhorst
Unser engagiertes Ehrenmitglied Kurt Heinermann verstarb
im Alter von 91 Jahren
Anni Cohen und ihre Familie - von Warendorf nach Südafrika und Palästina
von Mechtild Wolff
Eduard Elsberg erbaute das erste große Kaufhaus in Warendorf
von Mechtild Wolff
Der
Elsbergplatz
von Dr. Bernward Fahlbusch
Das Fahrrad, ein wertvoller Besitz
von Eugenie Hauenhorst
Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Neue Bahnhof" in Warendorf von Mechtild Wolff
Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Alte Bahnhof" in Warendorf
Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte
Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei
Das Dezentrale
Stadtmuseum
ist in der Regel an Sonntagen von 15:00 - 17:00 Uhr geöffnet. Dazu
gehören das Rathaus, das Bürgerhaus Klosterstraße 7 mit den
handgedruckten Bildtapeten und das Gadem am Zuckertimpen 4
Der Eintritt ist frei.

