Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Paul Schallück am 16. 6. 2022
von Mechtild Wolff

 

Am 17. Juni 2022 wäre Paul Schallück 100 Jahre alt geworden. Am Vorabend lud der Heimatverein Warendorf zu einer eher ungewöhnlichen Geburtstagsfeier an seinem Geburtshaus und im direkt daneben liegenden Park am Emskolk ein. Paul Schallück, ein berühmter Sohn der Stadt Warendorf, einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit, der in vielen Romanen, Erzählungen und Hörspielen seine eigenen leidvollen Kriegserfahrungen ungeschönt darstellte.

Ein Kurzportrait von Paul Schallueck, verfasst von Norbert Funken, finden Sie hier

Sein Leben und Werk beleuchteten und erklärten Klaus Gruhn und Norbert Funken aus den verschiedensten Blickwinkeln in sehr interessanten Vorträgen:


Klaus Gruhn (links) und Norbert Funken (rechts)

 

Vortrag zum 100. Geburtstag von Paul Schallück am 17.6.2022
von Norbert Funken

1.    Heimatdichtung

„O Warendorf, Idylle meiner frühen Jahre,

wo ich als frohes Kind gespielt,…

Der Ort, wo Himmelslicht auf jeder Szene liegt

Und wo die Phantasie das Herz in süßen Frieden wiegt…“

 

Sie haben es sicher herausgehört: Das ist nicht Schallück. Es sind Verse von Christoph Bernhard Schlüter, geb. 1801 in Warendorf, Förderer der Dichterin A. v. Droste-Hülshoff.

 

„Ernst die Männer, hold die Frauen,

kräftig schaffen, fromm Gebet!

Mög‘ des Glückes Himmel blauen,

Heimat, golden dir und stet!

 

Vermutlich wird Ihnen diese vierte Strophe des Gedichtes „Stadt in Wiesen“ bekannt sein, der Text ist von Anton Aulke. Auch damit ist eine falsche Spur gelegt, wenn wir heute, am 100. Geburtstag Paul Schallücks, dem Warendorfer Schriftsteller nähern wollen.

Aber Umwege können auch zum Ziel führen:

Denn solche Verse über seine Heimatstadt flossen nicht aus seiner Feder.

 

„So kann das Leben doch nicht sein,

so zwischen Pult und sattem Mahl,

so ohne jeden Feuerschein,

und ohne jede Lebensqual.

Kein Drängen in der breiten Brust

Zu unerstiegnen hohen Zielen …

Nur wiederkaun, was andern schmeckte…

Warum nicht mal vom Lande springen

In den verteufelt wilden Fluss?

Warum nicht um sich selber ringen

In jugendheilgem Wuterguss? [1]

 

 

 

Das klingt programmatisch, rebellisch nach Sturm und Drang. Er wollte nicht, wie in Schillers Räuber zu lesen ist, „zu ewger Blindheit verdammt“ sein [2].

Wie Heinrich Heine, den Schallück in seinen Texten und vor allem im Roman Engelbert Reineke immer wieder zitiert und als sein Vorbild anzunehmen ist, nimmt er sich vor,

„Ein neues Lied, ein besseres Lied,

o Freunde, will ich euch dichten!“ [3]

 

 

 Er wollte von idyllischen Gassen, verträumten Winkeln, hohen Giebeln und dem silbern glänzenden Fluss zwischen Heide und Moor nichts wissen. Das romantisierende Bild einer

„Stadt in Wiesen, Stadt in Gärten …

Vor der Linden Duft umzittert,

von des Ackers Ruch umzittert …[4]

widersprach seinen literarischen Grundsätzen.

 

Damit musste er beim Warendorfer Bürgertum anecken. Er ging bewusst das Risiko ein, wie Heinrich Heine sein Vaterland  zu verlieren, wie sein Freund Heinrich Böll von den Kölner „scheel“ angesehen zu werden oder, literarisch eine Stufe tiefer, Joseph Winkler, Schamoni und Jägersberg von Münsteranern ignoriert zu werden. Das nahm Schallück in Kauf. Sein Dogma lautete:
Die Künste, und dazu gehört auch die Literatur, müssen„hervorlocken aus der Dämmerung des Nichtsehens, hervorrufen aus Stumpfheit und Gleichgültigkeit. Sie dürfen keine Rücksicht nehmen. Rücksicht ist Bestätigung des Bekannten, des eingewöhnten Geschmacks, ist Erstarrung.“[5]

 



[1] Paul Schallück, Im Joche des Pedanten in: Warendorfer Schriften, Bd. 13-15 (1985), S. 185

[2] F. Schiller, Die Räuber (Moor im 5. Akt, letzter Auftritt)

[3] H. Heine, Deutschland – Ein Wintermärchen in: Heines Werke, Berlin (Aufbau Verlag),1981,  Bd, 2, S. 94

[4] A. Aulke, Stadt in Wiesen in: Anton Aulke, Münsterland, Warendorf  (Schnell) 1967, S. 41

[5] P. Schallück, Anmaßung in: Paul Schallück, Moment mal! Köln (Nyland) 2003, S. 10

 

 

2. Paul Schallück – Revoluzzer , Nestbeschmutzer, Heimatdichter?

Warendorf und Paul Schallück – eine dramatische Geschichte. Eine Auseinandersetzung, die mit harten Bandagen ausgeführt wurde, aber zu einem versöhnlichen Ende geführt hat. Deshalb fällt am heutigen 100. Geburtstag des Warendorfer Schriftstellers auch kein böses Wort, obwohl  viele in den 50er Jahren gefallen sind, die, wenn sie wieder zitiert würden, alte Wunden aufbrechen ließen.  Aus dem bekanntesten Werk des Literaten soll aber der gut gemeinte Rat der Mutter des Engelbert Reineke erwähnt werden:

“Man sollte Vergangenes vergangen sein lassen!“[1]

Schallück wollte kein Heimatdichter sein. Seine Generation hatte genug von deutscher Heimaterde, von stolzen Eichen, von stahlharter Jugend und bodenständiger Lebensform gehört. Und als Warendorfer hatte Schallück zu oft von trauten Ecken in verwinkelten Gassen, von stolzen Giebeln und Menschen, die mit Eichen verglichen wurden, gehört. Und Schlimmeres war dem jungen Menschen, der verwundet aus dem Krieg heimgekehrt war, zu Ohren gekommen: Die Bürger hatten offensichtlich nichts begriffen und dachten und redeten weiter, als sei nichts geschehen.

 „So kann das Leben doch nicht sein,

so zwischen Pult und sattem Mahl…

Kein Drängen in der breiten Brust

Zu unerstiegnen hohen Zielen:

…Nur wiederkaun, was andern schmeckte…

Warum nicht mal vom Lande springen

In den verteufelt wilden Fluss?

Warum nicht um sich selber ringen

In jugendheilgem Wuterguss?“[2]

 

Sie haben richtig gehört: Da ist von sattem Mahl  und vom Wiederkaun  auf der einen Seite die Rede und auf der anderen von unerstiegnen Zielen, vom Ringen um sich selbst und vom jugendheilgen Wuterguss.

Dieser Wuterguss traf auch die idyllische Kleinstadt an der Ems. Keiner hat, so sieht es der Schriftsteller Siegfried Lenz  „so direkt nach der Wahrheit gefragt“ wie Paul Schallück.[3] Die Bürger wussten damit nicht umzugehen und empfanden die Wahrheit als Provokation .

 Fast wie eine Rechtfertigung klingt Schallücks Dogma:

„Kunst ist Provokation…Literatur (ist) Kunst (und sie muss) hervorlocken aus…Stumpfheit

und Gleichgültigkeit.[4]

In seinem Roman Engelbert Reineke denkt er sich eine Stadt aus, die er Niederhagen nennt und die in der Verblendung, Verdrängung und Vertuschung nach der Nazi-Zeit weitermacht, in einer Lebenslüge, wie Schallück es sieht, dahindämmert im Lindenkranz der Promenade“.

 Damit konnte nur Warendorf gemeint sein – und diese Geschichte konnte nicht gut ausgehen!


[1] Paul Schallück (zitiert als P.S.), Engelbert Reineke, Frankfurt (Fischer) 1959, S. 21

[2] P.S., Im Joche des Pedanten, in: Warendorfer Schriften,  Bd 13-15 (1985), S. 185

[3] P.S., Moment mal! Köln (Nyland) 2003,  hrsg. v. Walter Gödden,  4. Umschlagseite

[4] P.S. Anmaßung, in: Moment mal! (s. Anm. 3),  S.10

 

3. Paul Schallück, Engelbert Reineke
Niederhagen

 

Schallück machte keinen Hehl daraus, dass er seine Heimatstadt zum Vorbild für Niederhagen genommen hat.

Es war auch nicht zu überlesen:

Familiennamen wie Sondermann, Bettenbühl, Lepper oder Steltenkamp kommen Ihnen sicherlich bekannt vor. Die Badeanstalt, das Kriegerdenkmal, das Kloster  haben die Älteren noch gekannt, die Promenade umsäumt heute noch die Stadt und wird im Roman immer wieder erwähnt.

Zunächst scheint es so, dass der Erzähler, den man mit dem Autor Schallück zwar nicht gleichsetzen, aber doch in seine Nähe bringen muss, nichts Gutes über die Stadt und ihre Bürger zu sagen hat.

Eine längere Passage aus „Engelbert Reineke“  zeigt das:

Die Stadt war dem Untergang …dem Blut und Tod entkommen, „vielleicht aus der Hand eines Unsichtbaren…

Aber nicht deshalb, weil etwa die Männer und Frauen des Ortes besser denn andernorts erkannt hätten die Zeit, darinnen sie heimgesucht waren. Und wohl auch nicht  deshalb, weil sie … einmütig unter den Schutzmantel der Madonna (sich) gestellt hätten… Und auch nicht deshalb verschont, weil sie die Verwirrungen in ihren Köpfen und Herzen als etwas Unausweichliches, als das Schicksal einer gemeinsamen Schande ertragen hätten … Wenn sie Augen und Ohren, Herzen und Poren aufgemacht hätten, wenn sie es nur gewollt hätten…“  hätten sie das  „Schindersystem, die Greuel und Schandtaten“ erkennen können.

„Vor einen Wagen haben sie sich spannen lassen und Ochsen und Wagen geputzt und bekränzt zum Kirchweihfest einer neuen Religion. Und das braune Kalb haben sie umtanzt…und gesungen.“[1]

Im Roman wird die Synagoge angesteckt, Engelbert aber sieht mit Entsetzen, dass die Männer der Feuerwehr „ihre Schläuche bereit hielten, aber sonst nichts taten.   Sie rauchten dabei schweigend ihre Zigaretten“. [2]

Als vor einigen Jahren bei einer Stadtführung diese Szene vorgelesen wurde, kam von einem älteren Zuhörer empörter Protest:

„In Warendorf hat keine Synagoge gebrannt!“

Wollte er nur das sagen? Steckte dahinter nicht die Meinung:

„Alles Lüge, was Schallück da schreibt!“

Literatur schafft eine eigene Welt, die aber in sich stimmig und der Wahrheit verpflichtet ist. Die Synagoge in Warendorf ist nur deshalb verschont worden, weil mit ihr die ganze Altstadt in Flammen aufgegangen wäre. In Niederhagen lässt Schallück sie brennen, weil dies zur Haltung der Bürger passte und stimmig war.

„Die Mauern des kleinbürgerlichen Hauses, das einst die Synagoge beherbergt hatte, waren zur Hälfte stehen geblieben. Der Bauherr hatte eine untadelige Fassade davorgesetzt“  [3]-  und  „die alten Fachwerkhäuser (werden) frisch gekalkt, damit der Traum beständig (bleibt)“. [4]

… eindrucksvolle  Bilder für  eine auf  alten Denkwegen dahindämmernde Gesellschaft.

Heinrich Böll, Schallücks literarischer Freund, wurde nach dem Krieg einmal gefragt:
„Was unterscheidet die Menschen hier eigentlich von denen im Jahre 1933?“ Er antwortete:

„Natürlich nichts!... Es sei denn, „ es geht ihnen wirtschaftlich besser“. [5]

 

Niederhagen - Die Ausnahmen

 

In Warendorf las man 1959 dies als Verurteilung der gesamten Bürgerschaft. Das Entsetzen war  vielleicht berechtigt, denn die Guten sind in der Minderheit. Zudem setzte man sie mit den lebenden Personen, die für Schallück die Romanvorlagen abgaben, gleich. In der neben dem Ich-Erzähler wichtigsten Figur im Roman, dem Studienrat Beileibenicht, sieht man Jans Lübbers, der wegen seiner aus dem bürgerlichen Rahmen fallenden Lebensweise nicht ganz ernstgenommen wird. Andere Personen, die die gute Seite verkörpern, bleiben im Roman schwach und ohne nachhaltige Wirkung.

So bleibt beim Leser der Eindruck haften, ein ganzer Ort tanzt  mit wenigen Ausnahmen um das Goldene Kalb und hat sich vor den braunen Karren spannen lassen.

 

4. Paul Schallück, Engelbert Reineke
„Doch hängt mein ganzes Herz an dir!“

 

Theodor Storm beschreibt in seinem Gedicht „Die Stadt“ seinen Heimatort Husum. Er sieht die Öde der Landschaft, die graue Atmosphäre der seitab liegenden Hafenstadt, den schweren Nebel , der die Dächer drückt. Mit dem unscheinbaren Wörtchen „doch“ wird aber eine Wende eingeleitet:
„Doch hängt mein ganzes Herz an dir“. [6]

 

Haben die Warendorfer nicht gespürt, dass in  Schallücks Roman eine heimliche Liebe zur Stadt, „die ihn geboren und erzogen hat“ [7] - so lässt er Engelbert Reineke sprechen – zu finden ist?  Ein deutliches „ Doch hängt mein ganzes Herz an dir!“?

An der Stadt, „wie eine winzige Insel: hingebreitet noch immer in den Wiesen, bis zum Fluss hin, wie vor Jahrhunderten, umgürtet von der Lindenpromenade“? [8]

„Das Städtchen“  hat für ihn – für den Verfasser ebenso wie für Engelbert! – „eine Herzkammer… wo die beiden Hauptverkehrsstraßen sich kreuzen und vermischen.“ [9] Er lebt in der Stadt und die Stadt lebt für ihn.

Ihre Promenade „im Duft der Linden“ zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Roman. Sie beschreibt einen Bogen, „eine sanfte Umarmung unseres Städtchens“ [10] und scheint auch ihn umarmen und schützen zu wollen.

Ihre duftenden Linden kennen ihn genauso wie die Straßen des Städtchens und des Schulhofes ihn kennen als den Sohn des Lehrers, der sich gegen den Trend stemmt.

Haben die Leser diese Heimatliebe nicht erspürt, nicht das Verlangen des Autors und seines „Stellvertreters“  Engelbert nachvollziehen können, in dieser Stadt angenommen zu werden und Freunde zu finden?

Doch ihre Stadt, „der schlecht gelüftete Provinzkäfig“ [11] , kann dies nicht leisten und der Wunsch Engelberts, Siegfried, den Sohn des von den Nazis eingesetzten Schulleiters zum Freund zu gewinnen, bleibt unerfüllt.

„Und ich wünschte, Siegfried …

Und ins ruhige Waser gelangen.“ [12]

 

Das schrieb Paul Schallück vor über 60 Jahren. Wir haben ihm zu danken, dass er die Warendorf-Atmosphäre, „so heimelig sie sein mochte, durch geistige Ideen belebt hat“. [13]



[1] P.S., S. 47

[2]  P.S., S. 67

[3]  P.S., S. 65

[4]  P.S., S. 51

[5] Heinrich Böll, Erzählungen, …;Köln (K.u.W.) 1961, S. 429

[6] Theodor Storm, Die Stadt in: Storms Werke, 1. Bd., Berlin 1979,

   S. 35

 

[7] P.S., S. 41

[8] P.S. S.51

[9]  P.S. S. 113

[10] P.S. S. 13

[11] P.S. S. 53

[12] P.S. S.53

[13] Wir Zauberlehrlinge, Texte von Paul Schallück …, hrsg. v.

     Klaus Gruhn, Warendorf /Schnell), S. 65

 

Gedenkveranstaltung des Heimatvereins Warendorf zum 100. Geburtstag von Paul Schallück
17. Juni 1922 – 29. Februar 1976
Vortrag von Oberstudiendirektor Klaus Gruhn

Am 17. Junli 1922 wurde Paul Schallück als jüngstes von drei Kindern des Buchdruckers Heinrich Schallück und seiner Frau Olga Alexandrowna Nowikowna in Warendorf geboren. Im Alter von nur 53 Jahren starb er in Köln am 29. Februar 1976. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gehörte er zu den herausragenden Autoren der jungen Bundesrepublik Deutschland, und seine Stimme blieb bis zu seinem Tod im Bereich der Prosa und Lyrik, der Essayistik und des Feuilletons beachtet.

Paul Schallück bezeichnete die Verwundbarkeit als ein Grundmotiv seines Lebens und Schreibens. Der Vater hatte nach dem Ersten Weltkrieg von einer in jeder Hinsicht abenteuerlichen Flucht aus der Kriegsgefangenschaft in Sibirien durch asiatische Länder den Indischen Ozean und das Mittelmeer seine junge russische Frau mit in die wenig verständnisvolle westfälische Heimat gebracht. Er war Drucker in dem Traditionsverlag von Carl Leopold, im Verlag Schnell also. Der Sohn Paul wurde 1935 Schüler im Herz-Jesu Missionshaus in Boppard und danach in Hiltrup bei Münster, um selbst Missionar zu werden. Als die Schule der Patres 1940 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, kam er, wie er es formulierte, „als Fremder an das Laurentianum“, also an die Traditionsschule seiner Heimatstadt. Sein autobiografisches Zeugnis davon erschien unter dem Titel „Meine Monate am Laurentianum“  1979 in der Festschrift der Schule „Von der Lateinschule zum Gymnasium Laurentianum 1329-1979“.

Als erster Schüler seiner Klasse wurde Paul Schallück noch 1941 zum Kriegsdienst einberufen. Beim Rückzug der deutschen Truppen verwundete ihn 1944 am Pont Neuf in Paris die Kugel eines Partisanen schwer. Seine Erzählung „Am Ufer der Seine“ schildert 1955 diese Augenblicke. Fortan wird sein Hinken Symbol für das Schicksal seiner Generation und die Verwundbarkeit des Menschen. Dass Paul Schallück einige Jahre später in Paris die Ehe mit einer Französin einging, weist vor diesem Hintergrund ebenfalls über die persönliche Lebensentscheidung hinaus auf einen hoffnungsvolleren Neubeginn.

Sein Erstlingsroman 1951 trug den Titel „Wenn man aufhören könnte zu lügen“. Mit diesem Roman und den danach in enger Folge erscheinenden Kurzgeschichten und Erzählungen traf Schallück den Nerv der Zeit. Der Roman spielt in einer Studentenclique im Nachkriegsmilieu einer deutschen Universitätsstadt und ist insofern ein früher Typus des Campusromans. Er erinnert auch an Ernest Hemingways Schilderungen einer „verlorenen Generation“. In der enttäuschten idealistischen Hauptfigur Thomas und dem mehrfach gespiegelten Motiv der Verwundung findet man autobiographische Einfärbungen, ebenso wie in der Studentenbude, die sein damaliger Freund Engelbert Schücking als „Matratzengruft“ geschildert hat.

Die folgenden Romane, „Ankunft null Uhr zwölf“ und „Die unsichtbare Pforte“ können wir hier nur erwähnen. Sie zeichnen in dunklen Grautönen ein Bild des deutschen Kriegs- und Nachkriegspanoramas in Schicksalen einer jungen Generation. Nur erwähnen können wir auch die öffentlichen Ehrungen, die Schallück zuteil wurden, nachdem er 1947 Mitglied der „Gruppe 47“ geworden war. 1953 wurde er Preisträger der Zuckmayer-Stiftung, 1955 erhielt er den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis und 1973 schließlich den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund. Schallücks Stimme und Urteil gewannen auch über Zeitschriftenessays, über die Kulturredaktion des WDR und seine Tätigkeit als Chefredakteur von „Dokumente. Zeitschrift für übernationale Zusammenarbeit“ Gewicht. Im Anschluss an die Verleihung des Droste-Preises an Schallück entwickelte sich 1956 eine heftige öffentliche Polemik um das Westfälische in seinem Werk und um den Begriff der Heimatliteratur. Als 1965 seine Satire „Warendorfer Pferde“ in der Anthologie „Atlas. Zusammengestellt von deutschen Autoren“ erschien, kam es auch zu einer öffentlichen Kontroverse um Paul Schallück hier in seiner Heimatstadt Warendorf.

Wir aber wollen einen etwas genaueren Blick auf sein Hauptwerk werfen. Es ist dies der Roman „Engelbert Reineke“, ein so genannter „Schlüsselroman“, dessen Handlungsort und Hauptfiguren auf reale Ereignisse, Orte und Personen  zurückzuführen sind, in unserem Fall auf Warendorf. Die Erstveröffentlichung im Jahre 1959 als Taschenbuch in einer Auflage von 40.000 Exemplaren durch den S. Fischer-Verlag war ein Novum in der Taschenbuchgeschichte.  Sie erfolgte in der erklärten Absicht des Verlages, Verdrängungsprozessen von Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus entgegenzuwirken. Schon dadurch wurde er auch zu einem Schlüsselwerk der Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die Erfahrungen und inneren Verwüstungen der Menschen im Dritten Reich. Das Echo und die Wirkung des Romans im In- und Ausland waren beachtlich. In den folgenden fünf Jahren wurde er in sechs Sprachen übersetzt, und zur Bewertung des Echos gehört auch die Tatsache, dass er im Umfeld der ebenfalls 1959 erschienenen Romane „Die Blechtrommel“ von Günter Grass und „Billard um halb zehn“ von Schallücks Schriftstellerfreund Heinrich Böll erfolgte.

Die Romangegenwart umfasst einen Tag des Jahres 1956 im Leben des jungen Studienassessors Engelbert Reineke. Er ist auf Wunsch der Mutter das Gymnasium seiner Heimatstadt Niederhagen zurückgekehrt, wo auch sein Vater Leopold, den die Schüler „Beileibenicht“ nannten, tätig war. Er wurde, von Kollegen denunziert, ins KZ Buchenwald deportiert und kam dort ums Leben. Engelbert muss erfahren, dass er im Kollegium und in der Stadt als eine „wandelnde Vergangenheit“ und ein „Gewissensbiss“ betrachtet wird. Er könnte aus Niederhagen in ein florierendes Industrieunternehmen fliehen, entscheidet sich aber nach inneren Kämpfen zu bleiben und damit dem Vergessen und Verdrängen zu widerstehen. Episodenhafte Rückblenden erhellen die Vergangenheit und fügen sich kaleidoskopartig zu Bildern menschlicher Verhaltensweisen und gesellschaftlich politischer Zustände im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit zusammen. Sie führen zur Aufdeckung von Wahrheit und Schuld.  Niederhagen ist, das offenbaren viele Details der Handlung und Ortsbeschreibungen, unsere Stadt Warendorf. Zahlreiche farbkräftige Szenen des 15 Kapitel umfassenden Romans ereignen sich „in dem unversehrten, rötlichen und nun schon fast 100-jährigen Gemäuer unserer Schule“. Das war das alte Laurentianum an der Freckenhorster Straße, das ist heute der „Altes Lehrerseminar“ genannte Sitz der Volkshochschule, das ist nicht zuletzt die ehemalige Aula der Schule.

Die Erinnerungsbilder Engelberts beginnen mit der Einführung des neuen Direktors an der alten Schule. Wer mit der Geschichte des Laurentianum vertraut ist, erkennt darin unschwer den tatsächlichen Direktorenwechsel im Kriegsjahr 1943 zu einem nationalsozialistischen Schulleiter, in der Aula des Laurentianum stattfand. Beileibenicht, alias Jans Lübbers, ist von den Kollegen zum Begrüßungsredner ausgewählt worden. Er liefert eine wortspielerisch um den Namen Sondermann angesiedelte Laudatio ab und deckt ironisierend den Widerspruch zwischen der schweren Kriegszeit und dem sicheren Heimatseinsatz des als soldatische Frontkämpfer auftretenden Direktor auf.

Text „Engelbert Reineke“, S. 14/15:

„Der Fanfarenzug hatte den Einmarsch geschmettert…“

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufzudecken, Wahrheit und Lüge unterscheidbar zu machen, das Leben in einem diktatorischen Regime aufzuhellen, dass charakterisiert auf vielfältige Weise Schallücks Verfahren als Schriftsteller. Das gilt auch für die Schilderung von vier Schulstunden, die in das Gefüge des Romans eingebunden sind. In einer Stunde geht es um den Kernsatz aus Schillers Drama Don Carlos, die Forderung des Marquis Prosa „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, eine andere Stunde hat Friedrich den Großen zum Thema. Ihn setzt Beileibenicht ebenso überraschend wie unangreifbar zu Hitler in Kontrast. Einmal werden wir in eine Sportstunde geführt, in der das im Dritten Reich in der Schule eingeführte Boxen praktiziert werden muss. Und schließlich werden wir in eine Deutschstunde geführt, in der Verse Heinrich Heines, eines so genannten „verfemten“ und für die Unterrichtsdurchnahme verbotenen Dichters vorgestellt werden.

Text „Engelbeert Reinke“, S. 129ff.:

„Beileibenicht begann einen Verbotenen, den Dichter Heinrich Heine, zu behandeln…“

Nun könnte man sagen, dass die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, wie sie in Schallücks Roman in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgte und im darauf folgenden Jahrzehnt im politischen Alltag erbittert ausgefochten wurde, heute in eine gewisse historische Ferne gerückt sei. Aber wir sollten bedenken, dass Handlung und Charaktere des Romans Engelbert Reineke Modellcharakter haben. Max Frisch sagte zu seinem 1961, also im gleichen Zeitraum erschienenen Drama Andorra: „Andorra ist der Name für ein Modell“. Wenn wir den Handlungsort Niederhagen und seine alte Schule sowie die Figuren als modellhaft auffassen, heißt das, dass in dem Roman im verkleinerten oder vergrößerten Maßstab Abbilder und wesentliche Charakteristika zum Zwecke des Erkenntnisgewinns sichtbar werden können. Das lässt den Roman Engelbert Reineke aktuell bleiben. Jeder der den Roman nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sowjetischer Prägung in Deutschland und Osteuropa 1989/ 90 unter der Perspektive „Engelbert Reineke nach der Wende neu gelesen“ zur Hand nahm, konnte erkennen, dass im Deutschland des 20. Jahrhunderts ein weiteres Mal eine ebenso notwendige wie von vielen abgelehnte Auseinandersetzung mit dem Leben und Verhalten unter einem totalitären Regime nötig wurde. Die kleine Welt des westfälischen Städtchens Niederhagen im Roman spiegelt also Verhaltensweisen und Konflikte in einem beliebigen Ort Deutschlands, ja in jedem totalitär beherrschten Land, wie wir zur Zeit an den schrecklichen Verzerrungen der Wirklichkeit in Russland wiederum erkennen können. Der Text vergegenwärtigt in anschaulichen Bildern allgemeinere Erfahrungen eines Zeitalters der Ideologien und Ersatzreligionen. Er veranschaulicht wie Opportunismus und Feigheit, Intoleranz und intellektuelles wie moralisches Versagen von jedem totalitären System befördert und instrumentalisiert werden.

Lassen Sie mich noch einmal kurz zu Paul Schallücks letzter Lebensphase zurückkehren. Köln war sein Lebensmittelpunkt geworden. Die Stadt bildet auch den Handlungsraum seines letzten, als Trilogie geplanten Romans „Don Quichotte in Köln“, der 1967 erschien. Gewissermaßen als Abgesang seiner bohrenden Wahrheitssuche wie seiner immer präsent gebliebenen Neigung zu dramatischen Gestaltungen können wir das in seinem Todesjahr 1976 erschienene Oratorium „Countdown zum Paradies“ lesen. Eine als Chor auftretenden Masse beherrscht die zwölf Bilder in Exzessen einer dem Konsum und kollektiver Verdummung verfallenen Gesellschaft. Das Horrorszenario gipfelt in einem Tanz um den Götzen Fernsehen, dass moderne goldene Kalb.

Wir können Paul Schallück heute als Zeugen eines literarischen Neubeginns in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg lesen. Er ging weniger von sprachlich-formalen Experimenten aus, als vielmehr von zentralen Fragen nach Wahrheit und Lüge im gesellschaftlichen wie im persönlichen Leben. Wir können Schallück aber auch als einen Sprach- und Charakterisierungskünstler lesen, der zu befreiendem Lachen über unvollkommene Wirklichkeiten verhilft.

Klaus Gruhn   2022

 

 

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