Elisabeth Schwerbrock
geb. 3.2.1886 in Freren bei Lingen; gest. 22. 1. 1984 in Warendorf
1929-1956 Stadtverordnete in Warendorf
von Mechtild Wolff (2022)

Elisabeth Schwerbrock mit André Marie
Elisabeth Schwerbrock war eine Dame, wie Madame Pappritz sie sich gewünscht hätte, liebenswürdig und immer korrekt und elegant gekleidet. Ihr Auftreten strahlte Würde und Ernsthaftigkeit aus.

Durch ihre Heirat mit Josef Schwerbrock (1882-1956) war sie aus Freren nach Warendorf in das alteingesessene Textilhaus Schwerbrock am Krickmarkt gekommen. Mit den Jahren wurde sie die gute Seele des Geschäftes und entwickelte das Textilhaus zum ersten Modehaus am Platze. Der hohe Anspruch, den sie an sich selbst stellte, galt auch für ihre Angestellten. Auch die Verkäuferinnen zeichneten sich durch äußerste Liebenswürdigkeit und Sachkunde aus. Sie wussten genau, was die Kundschaft, die aus dem gehobenen Bürgertum kam, erwartete. All diese Frauen wollten „etwas darstellten“ in Warendorf und durch ihre Kleidung zeigen, dass sie zur Oberschicht gehörten. Natürlich führte das Modehaus Schwerbrock nur Markenware von wohlrenommierten Firmen.

Wenn zu Mariä Himmelfahrt die Altstadt mit roten Bungen beleuchtet und die Schaufenster festlich geschmückt wurden, war das Schaufenster des Modehauses Schwerbrock ein besonderer Anziehungspunkt, denn die Warendorfer wussten, dass Frau Schwerbrock in jedem Jahr ein ganz besonderes Marienbildnis ausstellte und es mit einer traumschönen Blumendekoration schmückte.

Neben ihren vielseitigen Aufgaben als Geschäftsfrau wollte Elisabeth Schwerbrock sich aber auch für ihre Heimatstadt engagieren.

Schwerbrocks Schaufenster zu Mariä Himmelfahrt
Schon 1929 wurde sie für das Zentrum zur Stadtverordneten gewählt. Bei den Kommunalwahlen 1933 zogen wieder zwei Zentrums-Frauen in das Stadtparlament: die 59jährige Clara Schmidt und die 47jährige Elisabeth Schwerbrock. Aber die politischen Verhältnisse änderten sich. Es zeigte sich bald, dass sich alle Ratsmitglieder der NSDAP unterordnen mussten. „Nickköpper“ wollten sie nicht werden, darum legten Clara Schmidt und Elisabeth Schwerbrock ihr Mandat nieder.

Während der Zeit der braunen Diktatur versuchte Elisabeth Schwerbrock nach Kräften, den in Not geratenen Warendorfern zu helfen. Selbst von der Gestapo ließ sie sich nicht einschüchtern. Sie musste sich verschiedentlich vor NS-Gerichten verantworten, aber mit ihrer Hartnäckigkeit und ganz sicher auch mit ihrem Charme hat sie ihren Kopf immer wieder aus der Schlinge gezogen. Es wird ihrer tiefen Religiosität gewesen sein, die ihr dieses Stehvermögen gab.    

Mit dem Kriegsende war diese tägliche Gefahr zu Ende, die Not der Menschen aber war nicht behoben. Die Stadt war überfüllt mit Evakuierten aus den zerbombten Großstädten, Wohnraum war gar nicht mehr verfügbar, der Kampf ums tägliche Brot wurde Normalität, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung reichte nicht aus und die völlig veraltete Kanalisation brach vielfach zusammen. Gut, dass viele Häuser noch eine eigene Senkgrube hatten.

Nach dem Krieg kamen sehr überraschend neue Herausforderungen auf das Landstädtchen Warendorf zu. Es gab auch hier viele DPs, Displaced Persons, also ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die während des Krieges unter oft erbärmlichen Bedingungen in der Kriegswirtschaft oder auf Bauernhöfen hatten arbeiten müssen. Wohin mit diesen etwa 10.000 DPs? Kurzerhand wurden die Hengste des Landgestüts auf die Deckstationen ausquartiert und das Gestüt und die ehemalige Reit- und Fahrschule an der Tönneburg wurden zu Sammelunterkünften umfunktioniert. Hier warteten dann die 10.000 DPs der verschiedensten Nationen auf ihre Rückführung in ihre Heimat. Sie kampierten auf engstem Raum auf Strohlagern in den Pferdeboxen, die Hygienebedingungen waren unsäglichen. Die Versorgungslage war im ganzen Land verheerend, darum klauten die DPs, was sie bekommen konnten. Es ging ums Überleben! Im Gestüt brannten überall Kochfeuer. Alle hölzernen Einbauten des historischen Landgestüts wurden verfeuert, ebenso die Bilder, Bücher und Akten und wichtige Dokumente. Die Zerstörungen im Gestüt waren beträchtlich.


Ankunft der Flüchtlinge am Warendorfer Bahnhof

Bis September 1945 waren schon viele DPs in ihre Heimat rückgeführt worden, sodass die Tönneburg als Unterkunft reichen musste. Das Landgestüt wurde geräumt, denn es musste nun zum zentralen Auffanglager für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten, vornehmlich aus Schlesien und Ostpreußen, eingerichtet werden. Die Pferdeboxen wurden gesäubert und mit frischem Stroh bestreut. Für die Kranken wurden Notbetten aufgebaut.

Am 21. Oktober 1945 traf der erste „Elendszug“ mit 1606 Flüchtlingen ein. Diesen Menschen fehlte es an allem, hier war schnelle Hilfe gefragt. Die englischen Besatzungstruppen hatten den katholischen Elisabeth-Verein um Hilfe gebeten. Die Vorsteherin Elisabeth Schwerbrock und Anni Carlé machten sich auf die Suche nach einer freiwilligen Hilfstruppe. Sie gingen in die Familien und baten vor allem die jungen Mädchen um Mithilfe. Diese waren zwar schon dienstverpflichtet, aber erklärten sich trotzdem bereit, bei der ersten Versorgung der Flüchtlinge zu helfen. Da diese Einsätze fast ausschließlich nachts stattfanden, hatte Elisabeth Schwerbrock von der englischen Besatzungsmacht ein kleines Auto, einen VW, zur Verfügung gestellt bekommen, um die jungen Helferinnen in den Nachtstunden sicher nach Hause bringen zu können.

Etwa jede zweite Nacht trafen nun Güterzüge mit etwa 1000 Menschen in Warendorf ein. Unter menschenunwürdigen Bedingungen waren diese Flüchtlinge im Rahmen der Massenvertreibung aus dem Osten in den Westen transportiert worden. Von den 25 kg Gepäck, das sie bei ihrer Vertreibung hatten mitnehmen dürfen, war in den meisten Fällen nicht viel übrig geblieben. Zu oft waren sie auf ihrem langen Weg ausgeraubt worden. Der Fußmarsch der Flüchtlinge vom Bahnhof in Warendorf zum Landgestüt wurde begleitet von der Polizei, vom Roten Kreuz und von Helfern. Viele Flüchtlinge schafften den Weg nur mit letzter Kraft. Im Gestüt war die große, allerdings ungeheizte Reithalle der erste Sammelplatz. Das ganze Gelände war erfüllt von einem Stimmengewirr in den Dialekten der verlorenen deutschen Ostgebiete.

Welch ein Lichtblick! In den hinteren Räumen der Halle war eine Küche eingerichtet, wo belegte Brote geschmiert wurden und heiße Suppe für alle bereit stand. Das Essen wurde in der Volksküche im Marienheim gekocht. An langen Tischen gaben die jungen Helferinnen die gehaltvolle Suppe aus. Für viele Flüchtlinge war das die erste warme Mahlzeit seit Tagen. Leider waren auch hier die Vorräte begrenzt und die jungen Mädchen an den Ausgabetischen mussten sehr aufpassen, dass nicht die Schwächeren, vor allem die Mütter mit den kleinen Kindern, zurückgedrängt wurden. Jeder kämpfte ums eigene Überleben. Sehr bald sahen Frau Schwerbrock und Frl. Carlé, die alles organisierten, dass männliche Hilfe notwendig war, um die Schlangen vor den Tischen zu überwachen.

Bis September 1946 wurden 48.500 Ostvertriebene durch das Durchgangslager geschleust, eine immense logistische Aufgabe. Wie gut, dass es Frauen wie Elisabeth Schwerbrock und Anni Carlé gab, die sich dieser schwierigen Aufgabe annahmen. Traf ein Flüchtlingstransport ein, und das war immer mitten in der Nacht, standen diese Frauen mit am Bahnhof, um sich der besonders Hilfs-bedürftigen anzunehmen. Alle Ankommenden wurden registriert, unter der Leitung des Kreisarztes mit DDT Pulver entlaust, die Kranken versorgte ein Notfalldienst und alle bekamen eine erste provisorische Bleibe im Landgestüt. Nach zwei bis drei Tagen wurden die Flüchtlinge dann auf die Gemeinden des Kreises Warendorf verteilt, wo sie eine neue Heimat finden konnten.

Nach Kriegsende wurde auch die Politik in Warendorf zu neuem Leben erweckt. Am 29.4.1946 ernannte die Militärregierung die ersten Stadtbeiräte. Elisabeth Schwerbrock gehörte zu den 14 Stadtbeiräten der neu entstandenen CDU, deren Mitbegründerin sie war. Auch in den ersten demokratisch gewählten Stadtrat wurde sie am 15.9.1946 gewählt. Die Flüchtlings- und Vertriebenenfragen waren eines der größten Probleme der Stadt. Darum wurde ein Flüchtlingsamt eingerichtet. Die Leitung übernahm der ehemalige Stadtkommandant Oberst Hans Winkel, der sich Ostern 1945 bei der Übergabe der Stadt zusammen mit Theodor Lepper und Heinrich Blum sehr verdient gemacht hatte. Dem Flüchtlingsbeirat gehörten auch Elisabeth Schwerbrock, Josef Heinermann, Heinrich Blum und Theodor Westermann an.

Um der Flüchtlingsproblematik Herr zu werden, setzte die Militärregierung einen Flüchtlingsausschuss ein. Er bestand je zur Hälfte aus Flüchtlingen und Einheimischen. Die Stadt wurde in zehn Betreuungsbezirke aufgeteilt. Jedes Beiratsmitglied war für einen Bezirk persönlich verantwortlich. Im September 1946 übernahm der Flüchtling Heinrich Windelen den Vorsitz des Beirates, Elisabeth Schwerbrock wurde seine Stellvertreterin.   

Auch bei der Kommunalwahl von 1948 wurde Elisabeth Schwerbrock mit großer Mehrheit wieder in den Rat der Stadt Warendorf gewählt und sie war sehr froh, dass Josef Heinermann von allen Parteien zum Bürgermeister gewählt wurde. Sie wusste, dass er ein offenes Ohr für die Nöte der Menschen hatte.

Reg. Präsident Hackethal überreicht
das Bundesverdienstkreuz
Stadtdirektor Mertens gratuliert zum Bundesverdienstkreuz

 

Bis 1956 war Elisabeth Schwerbrock Ratsherrin, den Ausdruck Ratsfrau gab es damals noch nicht. Dann beendete sie ihre Tätigkeit im Rat, wo sie mittlerweile Alterspräsidentin war. Die Warendorfer mussten Abschied nehmen von der Ratsherrin, die immer korrekt gekleidet im klassischen schwarzen Kostüm zu den Ratssitzungen kam und die den offiziellen Anlässen dieser Männergesellschaft durch ihre elegante Erscheinung mit großen Hüten ein festliches Gepräge gab.

Zu ihrem 70. Geburtstag am 3. Februar 1956 ehrte die Bundesrepublik Deutschland diese engagierte Frau mit dem Bundesverdienstkreuz. Fünf Jahre später zeichnete die Kirche sie mit dem Orden „Pro ecclesia et pontifice“ aus.

Landrat Dr. Höchst gratuliert zum Ehrenring

 

Am Vorabend der Vollendung ihres 80. Geburts-tages, am 2. Februar 1966, wurde Elisabeth Schwerbrock in einer außerordentlichen Ratssitzung im historischen Ratssaal vom Bürgermeister Dr. Hans Kluck der Ehrenring der Stadt Warendorf verliehen. Damit fand ihre unermüdliche Arbeit zum Wohle der Bürgerschaft auch in ihrer Heimatstadt eine gebührende Anerkennung und Würdigung. Die Liste ihrer politischen Arbeitsbereiche in über 40 Jahren war lang. Sie reichte vom Wohnungsausschuss über den Hauptausschuss, den Schulausschuss, das Kuratorium für das Marienheim und für die Altenstube, den Zweckverband zur Errichtung einer Gedächtniskapelle bis zum Gewerbeausschuss und ganz vielen Ausschüssen mehr.

Nach Beendigung des Ratsmandates stellte Elisabeth Schwerbrock sich noch bis 1974 als sachkundige Bürgerin im Wohlfahrts- Wohnungs- und Fürsorge-ausschuss zur Verfügung und im Kuratorium für das Marienheim. Natürlich blieb sie Vorsitzende des Elisabeth-Vereins und der Caritas. Wegen ihres großen sozialen Engagements wurde sie im Volksmund gern „die hl. Elisabeth“ genannt. Bis ins hohe Alter war es für die Ehrenringträgerin selbstverständlich, dass sie an allen offiziellen Veranstaltungen teilnahm.

Elisabeth Schwerbrock starb am 22. Januar 1984 im Alter von fast 98 Jahren und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der Schwerbrockschen Familiengruft auf dem Warendorfer Friedhof begraben.

In dem neuen Baugebiet an der Dr.-Rau-Allee wurde als Erinnerung an diese engagierte und verdienstvolle Bürgerin eine Straße nach ihr benannt, die „Elisabeth-Schwerbrock-Straße“.

 


Neujahrsempfang mit Bürgermeister Heine

Quellen:

Zeitzeugen

Geschichte der Stadt Warendorf Band II S. 201 ff

Elisabeth Ketteler-Zuhorn: Warendorf zum Kriegsende und die ersten Flüchtlingszüge in Warendorfer Schriften Band 33-35 2005

Heinrich Temme, Bürgermeister i.R.: Warendorf in der Zeit von 1890-1950

in „750 Jahre Warendorf“ S. 72

Peter Wild: Flüchtlinge auf Herbergssuche heute und damals „Die Glocke“ vom 24.12.2014

Text: Mechtild Wolff

 

Paul Schallück (* 17. Juni 1922 in Warendorf; † 29. Februar 1976 in Köln)
Gedenkfeier für Paul Schallück – den in Warendorf geborenen Schriftsteller und Mahner
Datum: 16. 6. 2022
von Norbert Funken (2022)

Geburtshaus von Paul Schallück
Am 17. Juni 2022 jährt sich der Geburtstag des in Warendorf geborenen Schriftstellers Paul Schallück zum 100. Mal.

Am Vortag, dem Fronleichnamstag, 16. Juni 2022, gestaltet der Heimatverein eine Gedenkfeier, die an seinem Geburtshaus an der Hohen Straße 24 um 17 Uhr beginnt. In dem neben dem Schallück-Haus liegenden kleinen Park am Emskolk werden Klaus Gruhn, Norbert Funken und Dr. Paul Leidinger aus Leben und Werk des bedeutenden Nachkriegsschriftstellers berichten. Es werden genügend Sitzgelegenheiten bereitstehen.

 

Wer war Paul Schallück?

Er war einer der bedeutenden Schriftsteller der Nachkriegsjahre. Seine Neigung zur Literatur hatte er vom Vater mitbekommen, der als Buchbinder im Verlag Schnell beschäftigt war, der auch dessen Schriften als Heimatdichter veröffentlichte. Heinrich Schallück (1894–1972) war verheiratet mit Olga (1901–1989), die er im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien kennengelernt hatte. Auf abenteuerliche Weise floh er mit ihr über Wladiwostok, China und Indien nach Warendorf in Westfalen. Mutter Olga hat ihren Sohn Paul am stärksten geprägt: Als Russin, die sich zeitlebens mit der deutschen Sprache schwertat und als gläubige Frau der Ostkirche fiel es ihr schwer, sich in Warendorf zu integrieren und von Seiten der Bürger schlugen ihr Unverständnis und Misstrauen entgegen. Es war die Zeit zwischen den Weltkriegen: Der Erste Weltkrieg - Russland gehörte zu den Kriegsgegnern - war noch nicht vergessen, der Versailler Vertrag brachte das Land in wirtschaftliche Nöte, die Inflation bahnte sich an. Für Ausländer, die in der Stadt heimisch werden wollten, fühlte man weder Verantwortung noch Mitgefühl. Fremde blieben Fremde in unserem Land; man duldete sie, hielt aber eine innere Distanz. Den jungen Sohn Paul prägte diese Haltung, er tat sich schwer mit seiner Heimatstadt, „in der er geboren und die ihn großgezogen hat“. In seinen Schriften ist dies zu spüren: es fielen harte Worte und es wurde ihm heftig heimgezahlt. Dachte man in Warendorf nicht an die Worte der Dichterin Droste-Hülshoff, mit denen sie die Judenbuche“ einleitet und vor gedankenlosen Urteilen warnt: „Wer wagt es, …zu wägen jedes Wort, das unvergessen in junge Brust die zähen Wurzeln trieb?“ Am Ende einer unseligen Auseinandersetzung haben sich beide Seiten, die Bürgerschaft und der Schriftsteller, versöhnt. Bei seinem letzten Besuch in seiner Vaterstadt stellte er mit Genugtuung fest: „Man ist mir freundliche begegnet und man hat mich nicht mit Pferdeäppeln beworfen.“ Die Stadt hat, allerdings viele Jahre später, eine Straße und den großen Saal des Theaters am Wall nach Paul Schallück benannt.

1940 besuchte Schallück für wenige Monate das Gymnasium Laurentianum, wurde 1941 zur Wehrmacht verpflichtet, also mit 18 Jahren, und kam 1946, im Krieg in Frankreich verwundet, nach monatelanger Kriegsgefangenschaft, nach Warendorf zurück. Fünf Jahre später veröffentlichte er seinen ersten Roman: „Wenn man aufhören könnte zu lügen“, danach die Erzählung „Weiße Fahnen im April“, eine erdachte Begebenheit, die er in Warendorf spielen ließ.

Die erste öffentliche Auszeichnung war der Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. 1934 vom damaligen Regime gestiftet und damit schwer belastet, wurde er nach dem Krieg vom Landschaftsverband Westfalen übernommen und ist für „herausragende Leistungen“ westfälischer Literaten gedacht.  Schallück nahm 1955 diesen Preis an, doch mit den vor ihm Geehrten wollte er nicht in einem Atemzug genannt werden und ein westfälischer Heimatdichter wollte er auch nicht sein!

Er setzte sich bewusst von jeder Heimatliteratur, von dem, was Autoren vor ihm über das Vaterland, über Bodenständigkeit, über stolze Eichen und ebensolche Männer geschrieben hatten, ab. Er ging auf Konfrontationskurs, bemängelte die Nachkriegspolitik und die unkritische Haltung der Bevölkerung zu dem, was in den Jahren seit 1933 die Menschen  stumm und verlogen gemacht hatte. Die Spannungen nahmen zu, Schallück, mittlerweile nach Köln gezogen, wo er Germanistik studierte,  lehnte eine Einladung nach Warendorf ab.

1959 erschien sein bekanntestes Werk, der Roman Engelbert Reineke. Der Fischer Verlag brachte es als Taschenbuch heraus,  ungewöhnlich für eine Erstausgabe, und machte es so in mehreren Auflagen mit 40.000 Exemplaren einer breiten Leserschaft bekannt. Die Handlung spielt in einem Ort mit Namen Niederhagen.  Schallück gab unumwunden zu – und der ortskundige Leser merkt es auch sofort – damit ist Warendorf gemeint. Vielleicht haben sich

die Leser zunächst auch gefreut, vertraute Örtlichkeiten anzutreffen. Vom Schwarzen Kolk ist die Rede, vom Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz und immer wieder von der Promenade, umsäumt von duftenden Linden.

Doch es ist eine scheinbare Idylle. Hinter den „weißgekalkten Fassaden“ versteckt sich eine Bürgerschaft, die nichts aus der grausamen Vergangenheit gelernt hat. Die sich „vor einen Karren“ hat spannen lassen, „bekränzt zum Kirchweihfest einer neuen Religion. Und das braune Kalb haben sie umtanzt …und die Fahnen geschwenkt“. Das tat weh, das weckte Empörung, der Autor wurde zum „Nestbeschmutzer“ abgestempelt. Schallück hält dagegen:

Literatur muss „hervorlocken aus der Dämmerung des Nichtsehens, hervorrufen aus Stumpfheit und Gleichgültigkeit…Rücksicht (wäre) Bestätigung des Bekannten, des eingewöhnten Geschmacks, ist Erstarrung“.

Der Dichter Siegfried Lenz schrieb über Schallück:  „So direkt, so ungeduldig und anklägerisch

hat wohl kein Schriftsteller der Nachkriegszeit nach dem Verbleib der Wahrheit gefragt.“

Das taten mit Schallück auch andere. In der Gruppe 47, einer Vereinigung junger Literaten, der er angehörte, erhoben viele warnend und beschwörend ihre Stimme, doch nicht in den alten Bahnen dahinzudämmern und im Wohlstand das neue Goldene Kalb anzubeten. Wolfgang Borchert, Günther Grass und Heinrich Böll, freundschaftlich verbunden mit Schallück, sind die bekanntesten Mahner in dieser Zeit.

Der Roman „Engelbert Reineke“ spielt im roten Backsteingebäude des alten Laurentianum. Hauptfigur ist ein Lehrer mit dem Spitznamen Beileibenicht, der sich, mal versteckt, indem er Heinrich Heine zitiert, mal offen gegen das Naziregime stemmt, sich für Gedankenfreiheit und Selbstbestimmung einsetzt und dies mit Verhaftung und Ermordung bezahlen muss.

Das Vorbild dieser Romanfigur ist Jans Lübbers, dem Schallück mit diesem Roman ein Denkmal setzen wollte.

Mit „Don Quichotte in Köln“ schrieb Paul Schallück seinen zweiten, allerdings diesmal   erfolglosen Roman. Bekannter geblieben sind die zahlreichen Reden und Aufsätze, in denen er zu aktuellen Problemen der jungen deutschen Republik Stellung bezog. Honoriert wurde das mit zahlreichen Ehrungen und Preisen. Paul Schallück verstarb 1976 mit nur 54 Jahren in Köln.

 

Der Roman „Engelbert Reineke“ mit den Parallelen zu Warendorf, den bekannten Orten und ihrer stimmungsvollen Beschreibung, in denen Schallücks Liebe zu seiner Heimatstadt mitschwingt, bildet den Schwerpunkt der Gedenkstunde, die der Heimatverein am kommenden Donnerstag (Fronleichnam) anbietet. Treffpunkt um 17 Uhr ist Schallücks Geburtshaus an der Hohen Straße 24.

 

Norbert Funken

 

 

Wie waren das Abitur und die Schule vor 60 Jahren?
Erinnerungen an die „Schule von gestern“
1960 - 2020: 60 Jahre Abitur am Mariengymnasium Warendorf
von Mechtild Wolff


Das alte Gebäude des Mariengymnasiums

 

60 Jahre Abitur - das ist wahrlich ein Grund zum Feiern. In all den Jahren haben wir uns regelmäßig alle 5 Jahre getroffen und uns dadurch nie aus den Augen verloren. Wie sagte unsere leider schon verstorbene Klassenkameradin Ulline so treffend: Klassentreffen sind immer schön, da braucht man keinem was vorzumachen, die kennen einen alle viel zu gut.

Über unsere gemeinsame Schulzeit haben wir schon viel geredet, viele Dönekes erzählt und unsere Lehrer kolportiert mit all ihren Stärken und Schwächen. Ich habe mir jetzt mal Gedanken gemacht über das Jahr 1951, das Jahr, in dem wir „auf die Marienschule“ kamen. Wie sah es damals in der Marienschule aus, der 2. Weltkrieg war ja erst sechs Jahre vorbei. Welche dramatischen Jahre hatte die Schule hinter sich? Für uns damals zehnjährige Schülerinnen waren die sechs Jahre Frieden eine lange Zeit und der Krieg war weit weg, obwohl er im Alltag noch allgegenwärtig war. Mir kam unser Lyzeum eigentlich ganz normal vor, alles lief geregelt und hinter die Kulissen ließ man uns nie gucken.

Aber wie hatte die Marienschule die Kriegsjahre wirklich überstanden, als die Pforten am 8. Dezember 1945 wiedereröffnet wurden? Der 8. Dezember war damals noch als das Fest „Mariä Empfängnis“ in unserem Bewusstsein verankert und wurde in der Marienschule als Patronatsfest gefeiert. Der Tag begann mit einer Messfeier in der Laurentiuskirche und danach versammelten sich alle 600 Schülerinnen im Treppenhaus der Marienschule - man kann es sich heute kaum vorstellen - um einer besinnlichen Ansprache der Direktorin zu lauschen und Marienlieder zu singen und Gedichte vorzutragen.

Diesen Tag hatten sich die Lehrer 1945 ausgesucht, um die längsten Ferien der Schulgeschichte zu beenden. Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Warendorf zu Ostern 1945 hatte auch die Marienschule schließen müssen. Die Siegermächte wollten nicht nur die bedingungslose Kapitulation, sie wollten auch den Nationalsozialismus an der Wurzel ausrotten. Das Ziel war die Entnazifizierung. Der neue Geist der Demokratie sollte in die Schulen einziehen. Alle Lehrer mussten sich nun überprüfen lassen, ob sie unter der Herrschaft der Nationalsozialisten mehr als bloße Mitläufer gewesen waren.

Zuerst schaute man sich die langjährige Direktorin Frau Dr. Maria Moormann genau an. Sie war seit 1928 Leiterin der Marienschule und hatte dieselbe zur Oberschule ausgebaut, sodass 1941 das erste Abitur abgenommen werden konnte. In den NS-Jahren hatte sie mit weiblicher Klugheit und Beharrlichkeit das christliche Fundament der Schule gegen den braunen Ungeist verteidigt. Sie besaß sogar den Mut, mit einer jüdischen Schülerin, die nach Südafrika emigriert war, einen Briefwechsel zu führen. 1940 allerdings konnte sie nicht verhindern, dass die Marienschule in „Justus-Möser-Schule“ umbenannt wurde. Das war für sie sehr schmerzhaft, denn „Marienschule“ war nicht nur ein Name, es war ein Programm. Weil Frau Dr. Moormann sich der NS Ideologie nicht unterwerfen wollte, enthoben die Machthaber sie Ende 1944 ihres Amtes und übertrugen die Leitung der Schule dem strammen Nationalsozialisten Dr. Heinrich Donnermann. Er war der linientreue Direktor des alt ehrwürdigen Gymnasium Laurentianum, das jetzt „Brun-Warendorp-Schule“ hieß. Zu seiner ständigen Vertretung am Lyzeum ernannte der Oberpräsident die Studienrätin Anna Maria Kaesbach - irgendjemand musste ja schließlich für die tägliche  Schulleitungsarbeit vor Ort sein. Und Arbeit gab es genug, der Krieg brachte einschneidende Veränderungen. Schulgottesdienste waren ab sofort verboten, die Turnhalle wurde für Getreidelagerung beschlagnahmt, nach Angriffen auf Münster wurde eine Auffang-Stelle für bombengeschädigte Evakuierte eingerichtet - jeder Tag brachte neue Überraschungen, Einschränkungen und Schikanen seitens der Nationalsozialisten, denn eine nach wie vor religiös ausgerichtete Schule war den Nazis ein Dorn im Auge.

 

Nun aber zurück zum Neubeginn nach Kriegsende:

Den Siegermächten wurde schnell klar, dass an der untadeligen Gesinnung der Direktorin Dr. Moormann kein Zweifel bestehen konnte. Darum wurde sie unmittelbar nach Kriegsende von den Alliierten wieder als Direktorin des Lyzeums eingesetzt und damit beauftragt, wieder einen normalen Schulunterricht aufzubauen. Schnell wurde der dringlichste Wunsch der Direktorin erfüllt: Das Lyzeum bekam seinen Namen „Marienschule“ zurück, den ihr die Gründungsväter 1910 gegeben hatten.

Dr. Heinrich Donnermann bestand die Entnazifizierung nicht, wurde seines Amtes enthoben und musste den Schuldienst quittieren. Der Volksmund sagte damals: Er hat keinen Persilschein bekommen.

Bürgermeister Heinrich Temme, Schulrat Josef Pelster und die Direktorin Dr. Maria Moormann waren nun mitverantwortlich für die Entnazifizierung der Lehrer. Die Beurteilung des Kollegiums war insofern nicht schwierig, als der christliche Geist der Schule auch in der NS Zeit nicht erschüttert werden konnte und die Direktorin ihr Kollegium genau kannte und bestehende Bedenken überzeugend ausräumen konnte. Wie schwierig das manchmal war, zeigt der Fall der Musiklehrerin Margarete Ernst (1897-1977). Diese hatte 1941 auf Aufforderung der Ortsfrauenschaftsleiterin eine Musikgruppe der Ortsfrauenschaft Warendorf gegründet und geleitet. Frau Dr. Moormann konnte den Ortskommandanten davon überzeugen, dass eine Ablehnung dieses Wunsches für die junge Musiklehrerin damals unmöglich gewesen war, denn sie hatte gerade erst ihre Anstellung bekommen. Die Direktorin konnte glaubhaft versichern, dass Fräulein Ernst kein nationalsozialisti-sches Liedgut im Unterricht gesungen hatte, sondern schöne deutsche klassische und neuere Musik mit den Schülerinnen gepflegt hatte. So wurde dann auch Frl. Margret Ernst am 5.12.1945 erfolgreich entnazifiziert.

Bevor die Schule wiedereröffnet werden konnte, mussten strenge Voraussetzungen erfüllt werden: Der Geschichtsunterricht wurde vorerst untersagt. Auch der Deutschunterricht war zunächst verboten, erst mussten brauchbare Lehrbücher und Lektüren zusammengestellt werden. An neue Lesebücher war wegen der Materialknappheit gar nicht zu denken, darum wurden Lehrbücher erlaubt, die vor 1933 gedruckt worden waren. Aus dem vorgesehenen Lesebuch „Von deutscher Art, ein Lesebuch für Mädchen“ wurden alle Lesestücke herausgeschnitten, die an das Großdeutsche Reich erinnerten, wie z.B. „Bilder aus dem deutschen Danzig“, oder „Eine deutsche Familie in Russland“ oder „Das Banater Schwabenlied“.

Ende November 1945 waren dann alle Hürden genommen und den Warendorfer Gymnasien wurde als einigen der ersten in Westfalen die Genehmigung zur Wiedereröffnung erteilt. Das Lehrerkollegium setzte sich aus den altbekannten Lehrerinnen und einem einzigen Lehrer zusammen. Der Lehrer Adam Wacker (1889-1959) war schon seit 1928 an der Marienschule und war wegen seines Alters im Krieg nicht eingezogen worden.

Theo Pröpper Frl. Bracht, Frl. Kaesbach, Frl. Schütt, Frl. Kampelmann, Frl. Merkelbach, Herr Wacker

Er wurde pensioniert, als wir in der Sexta waren. Seit 1939 gab es einen zweiten Lehrer im Kollegium: Theodor Pröpper. Er kam aber erst 1946 aus der Gefangenschaft zurück. Studienrat Pröpper war ein wahrer Segen für die reine Mädchenschule, denn so konnten wir auch mal einen Lehrer erleben. Er war unser Englischlehrer und wir erinnern uns noch heute mit Vergnügen daran, dass er die Kreide nicht nur dafür benutzte, uns den AcI an der Wandtafel zu erklärte, sondern auch, um mit einem gezielten Wurf Schülerinnen aus dem Schulschlaf zu wecken. 1955 wechselte er zu unserem Bedauern zum Laurentianum herüber. Der Schule hinterließ er eine gut geführte Schulchronik, in der alle wichtigen Schulereignisse für die Nachwelt festgehalten waren.

Dann war da Frl. Schütt (1892-1954), die schon seit 1925 an der Marienschule war. Ich erinnere mich noch gut daran, dass sie 1954 in Amersfoort/Holland auf einer Klassenfahrt mit dem Fahrrad tödlich verunglückte.

       
Theresia Kampelmann  Dr. E. Hufnagel  Margarete Heese  Dr. J. Hornig 

Zu dem Kollegium aus der Gründungszeit der Schule gehörten auch Theresia Kampelmann (1890-1985), die 1948 Direktorin der Schule wurde und Maria Heukmann (1890-1969), unsere Religions-lehrerin, die schon seit 1911 an der Schule war.

Anna Maria Kaesbach unterrichtete schon seit 1934 an der Schule Mathematik, Erdkunde, Physik und Nadelarbeiten. Sie hat versucht, auch uns Mathe beizubringen, was ihr nicht bei allen gelungen ist. Dafür konnte sie umso spannender von ihren Reisen erzählen und war eine sehr weltoffene Lehrerin. Viele Jahre lang war sie eine der wenigen Frauen im Rat der Stadt Warendorf, was uns sehr imponierte.  

Seit 1943 war Frau Dr. Elisabeth Hufnagel (1896-1990) in Warendorf. Sie war vielleicht die schillerndste Persönlichkeit im Kollegium und hat auch unsere Schullaufbahn entscheidend geprägt. 1896 geboren, wurde sie 1916 zuerst Volksschullehrerin. Diese Ausbildung hatte sie noch auf dem Lehrerseminar absolviert. Das reichte ihr aber nicht, darum legte sie 1923 das Abitur ab und studierte in Münster Deutsch, Englisch und Französisch, ein recht ambitionierter Fächerkanon. 1934 sollte die junge Studienassessorin die Leitung einer nationalsozialistischen Frauenschule in Münster übernehmen. Dem Nationalsozialismus wollte sie aber nicht dienen und zog es vor, in die Volksschule zu gehen, obwohl sie eine akademische Ausbildung hatte. Ihre Tätigkeit in Everswinkel und Münster nutzte sie zur Erstellung einer Promotion mit dem Thema: „Aus der Sprache einer Familie. Ein Beitrag zur Sprachinhaltsforschung.“ 1942 wurde sie promoviert. Als 1943 die meisten münsteraner Schulen geschlossen wurden, bekam Dr. Elisabeth Hufnagel eine Stelle an der Marienschule in Warendorf, allerdings nur für ein Jahr auf Bewährung mit dem Gehalt einer Mittelschullehrerin, denn bei den Nazis stand sie immer noch auf der schwarzen Liste. Aber die Marienschule brauchte dringend Lehrkräfte, da die Anzahl der Schülerinnen wegen der vielen Evakuierten aus den bombengeschädigten Großstädten von normalerweise um die 400 auf jetzt 810 Mädchen angewachsen war. Da konnte es sich auch das NS Regime nicht erlauben, auf Frau Dr. Hufnagel zu verzichten. Als mit Kriegsende auch die Marienschule geschlossen wurde, engagierte die Militärregierung Dr. Hufnagel als Dolmetscherin. Das war für sie eine sehr spannende Erfahrung, von der sie später gern ihren Schülerinnen erzählte. Mit der Neueröffnung der Marienschule im Dezember 1945 bekam sie endlich ihre Anstellung als Studienrätin. Schon 1948 wurde sie Mentorin der neusprachlichen Referendare. Uns allen ist „Frau Dr.“ in lebhafter Erinnerung und wir könnten mit Geschichten aus ihrem amüsanten Unterricht ganze Bücher füllen. 1962 ging sie in den Ruhestand und lebte bis 1990 in Münster.

 

 
Rosa Senger  Dr. Kl. Freiburg-Rüter  Marianne Köster   

 


Eine ganz wichtige Kollegin war Frl. Rosa Senger. Sie war eine brillante Mathe-Lehrerin und zu unserer Zeit stellvertretende Schulleiterin, verantwortlich für die Finanzen und den Stundenplan und eine immer freundliche Helferin der Not.

 

Nach seiner Vertreibung aus Schlesien kam 1946 unser geistlicher Rat Dr. Josef Hornig (1900-1980) als Religionslehrer und geistlicher Berater an die Schule und ab 1948 gehörte unsere gestrenge Biologie-Lehrerin Frl. Heese zum Kollegium.

1949 kam Frau Müller-Temme, durch die wir um die Erfahrung reicher wurden, dass eine Lehrerin auch Kinder bekommen konnte. Frau Müller-Temme war eine Pionierin wider Willen, sie wollte einfach nur ihren Traumberuf als Sportlehrerin ausüben. Aber sie war verheiratet und nur weil Lehrpersonen so händeringend gesucht wurden, sah man über diesen „Makel“ geflissentlich hinweg. Allerdings musste sie sich für fünf Jahre verpflichten, was so viel hieß wie: Fünf Jahre lang keine Kinder, denn eines war ganz klar: Schule und Kinder, das war nicht vereinbar, das hatte es an der Marienschule noch nie gegeben, denn alle Lehrerinnen waren unverheiratet. Als nach sieben Jahren ihre erste Tochter geboren wurde, beglückwünschte Frau Direktorin Kampelmann die junge Mutter zwar, teilte ihr aber im gleichen Zuge mit, dass eine Bewerbung für die ihr eigentlich zustehende Studienratsstelle nicht mehr in Frage komme. Die Direktorin konnte sich nicht vorstellen, dass Frau Müller-Temme als Mutter eines Kindes im Schuldienst bleiben würde. Trotz der harten Bedingungen, Mutterschutz gab es nur 6 Wochen vor und nach der Geburt, blieb Frau Müller-Temme im Schuldienst und bekam noch zwei weitere Kinder. Pausieren oder die Stundenzahl reduzieren hätte den Verlust des Beamtenstatus zur Folge gehabt. Wie gut, dass die Großmutter mit im Haushalt lebte und für die Kinder sorgte.

Unser langjähriger Physik- und Chemie-Lehrer Walter Koch (1912-1983) kam nach Krieg und Gefangenschaft und fünf Jahren Laurentianum genau wie wir 1951 an die Marienschule und blieb bis 1961. Aus gesundheitlichen Gründen ging er dann an die Europaschule in Varese/Italien.

Und erst 1959 kam Dr. Clemens Freiburg-Rüter (1905-) mit den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch zu uns. Noch damals war er traumatisiert von seiner Kriegs- und Gefangenschafts-Zeit, mit der er uns viele Schulstunden lang bestens unterhielt.

Ja, und nicht zu vergessen unsere Oberstufen-Klassenlehrerin Marianne Köster. Als sie 1956 als neue Direktorin an unsere Schule kam, mussten wir uns von der unnachgiebig strengen, immer korrekten und eleganten Erscheinung der Direktorin Kampelmann auf eine kleine, unscheinbare Direktorin Köster umgewöhnen, die aus dem Ruhrgebiet, aus Datteln, kam und einen eher direkten Umgang pflegte. Anfänglich fanden wir das sehr erfrischend, zumal sie in ihrer Einführungsrede unsere Herzen gewonnen hatte, als sie die Schülerinnen der Frauenoberschule als gleichwertig neben die Lateinschülerinnen stellte. Dieser Geist war neu an der Marienschule und gefiel uns natürlich sehr. Ihre wirklichen Stärken hatte sie aber wohl nicht in der Prägung der Schülerinnen, sondern in ihrer Zähigkeit, mit der sie einen Schulneubau für die Marienschule forderte, den die Stadt Warendorf wegen der großen finanziellen Belastung zu vermeiden versuchte. Die Grundsteinlegung an der Von-Ketteler-Straße haben wir noch miterlebt und Heidrun durfte mit einem Gedicht brillieren. Zu Ostern 1961 wurde der Neubau eingeweiht, unser Abitur war das zweitletzte im alten Marienschulgebäude an der Kurzen Kesselstraße. Dieser Neubau war wahrlich kein Luxus, die alte Marienschule war viel zu klein geworden. Wir haben unsere letzten Schuljahre in einem winzigen Klassenraum auf dem Dachboden zugebracht, direkt neben dem Kartenzimmer. Die wackelige Holztreppe dürfte heute nicht einmal mehr von einer Maus benutzt werden. Aber wir haben uns da oben sehr wohl gefühlt - weit vom Schuss, das hatte entscheidende Vorteile.

 

Nun aber wieder zurück zum 8. Dezember 1945:

Als alle Lehrer sich schriftlich verpflichtet hatten, „keine nationalsozialistischen und militärischen Gedanken zu lehren“, konnte die feierliche Wiedereröffnung der beiden Gymnasien im alten Sparenbergschen Kino an der Freckenhorsterstraße  stattfinden. Das Laurentianum bestritt die Orchesterstücke und die Marienschülerinnen sangen im Chor. Die Einladung hatte die Besatzungsmacht in Englisch auf ein DinA4 Blatt getippt, der Bürgermeister und die Schuldirektoren hielten bewegende Reden.

Der Unterricht hatte schon am 3. Dezember begonnen, der Schulbeginn mit einer Messe in der Alten Pfarrkirche war in den Straßen der Stadt durch den städtischen Ausrufer „ausgerufen“ worden. Nun war aber das Marienschulgebäude noch von den Alliierten besetzt, darum mussten die Schülerinnen noch bis August 1946 in die Kardinal-von-Galen-Schule an der Klosterstraße. Da herrschte natürlich drangvolle Enge, sodass in Schichten unterrichtet wurde und für die Unter- und Mittelstufe konnte nur an 2-3 Tagen in der Woche Unterricht erteilt werden. Da es nicht genügend Sitzgelegenheiten gab, mussten sich die Schülerinnen ihren eigenen Stuhl mitbringen. Viele andere Gebäude und Keller in der Stadt waren mit Behelfs-Klassenräumen belegt. Akten und Schulunterlagen gab es fast keine, das war alles entweder von der Besatzungsmacht verheizt worden oder von den Insassen der Russen- und Polenlager gestohlen oder verheizt worden. Auch die physikalischen, chemischen und biologischen Sammlungen sowie das Kartenmaterial waren verschwunden.

Mit viel Idealismus wurde nun jede Möglichkeit für Unterricht genutzt. Die Weihnachtsferien endeten schon am 28. Dezember und die Osterferien wurden auf sieben Tage gekürzt. Die Lehrer trugen die äußere Not des Schulalltages mit Gelassenheit in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Wichtigste war, dass die geistige Not ein Ende hatte. Trotz all der Einschränkungen hielt man an den alten Traditionen fest. Auch das jährliche, oft recht anspruchsvolle Theaterstück für die Abiturientinnen übten die Unterprimanerinnen wieder ein und führten es unter großem Jubel im Kolpinghaus auf. Auf Zucht und Ordnung wurde unverändert streng geachtet. So wurden zwei Schülerinnen 1947 mit der Androhung der Verweisung von der höheren Schule bestraft, weil sie am 6. Dezember als Nikolaus und Knecht Ruprecht verkleidet Schabernack in zwei Klassen getrieben hatten.

Noch bis 1953 gab es dreimal im Jahr Zeugnisse, zu den  Sommerferien, zu Weihnachten und zu Ostern.

Ja, auch die Nachkriegsjahre waren eine riesige Kraftanstrengung und weil sie so mutig bewältigt wurde, fanden wir 1951 eine ganz normale Schule vor und ich kann mich nicht erinnern, dass jemals über all diese Schwierigkeiten gesprochen wurde. Aber vielleicht hätten wir auch gar nicht zugehört, genau so wenig, wie wir Dr. Freiburg-Rüters Kriegserzählungen einordnen konnten. Wir waren eben ganz normale Schülerinnen, bei denen das Lernen nicht immer oberste Priorität hatte. Aber stolz waren wir, als wir zu Ostern 1960 das Abiturzeugnis in den Händen hielten. Und wie haben wir uns gesonnt, als wir uns nach der mündlichen Abiturprüfung, die so manche Überraschung gebracht hatten, im Treppenhaus aufstellen durften und von Geschwistern und Freunden bejubelt wurden.

 

 
unsere mündliche Abitur-Prüfungsgruppe 1960 

 

Mechtild Wolff 2020

 

 

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