Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte
Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei
von Mechtild Wolff, 2022

Wer Friedhöfe besucht, kann sich Geschichte aus einer anderen Perspektive erschließen, insbesondere Stadtgeschichte. Auch auf unserem Friedhof finden sich Grabsteine von Familien und Persönlichkeiten, die einst für unsere Stadt von großer Bedeutung waren und die Entwicklung des kleinen Landstädtchens vorangetrieben haben. Diese Grabanlagen spiegeln in beeindruckender Weise  Großfamilien, in denen acht bis zehn Kinder keine Seltenheit waren. Die Gruft der Familie Hagedorn gibt davon ein lebendiges Zeugnis.

 
 
Clara Hagedorn mit ihren zehn Kindern.
Hinter Mutter Clara die beiden Firmengründer Anton und Georg und der 2.v.r. Pastor Bernhard Hagedorn

 

Wer war diese Familie Hagedorn?

Heinrich Hagedorn
Der Stammvater Heinrich Hagedorn (1843-1895) kam aus einer Dorfschmiede-Familie in Müschen bei Laer im Osnabrücker Land. Schon seit Urgroßväterzeiten reparierten die Hagedorns die Ackergeräte der Dorfbevölkerung. Heinrich und seine drei Brüder lernten hier vom Vater das Schmiedehandwerk von der Pieke auf. Dabei erlebte schon der junge Heinrich immer wieder die Sorgen und Nöte und vor allem die Arbeitsüberlastung der Bauern und nahm sich vor, die neuen Erfindungen in der Maschinenbautechnik auch für landwirtschaftliche Geräte nutzbar zu machen. Noch in der Müschener Schmiede baute er die erste Drehbank, um seine Arbeit erleichtern zu können.

Nur wo konnte Heinrich Hagedorn seine Ideen verwirklichen? Das kleine Müschen war zu eng. Da kam ihm die Liebe zu Hilfe. Er lernte die zielstrebige und tüchtige Clara Füchte aus Milte kennen und lieben und eröffnete nach der Hochzeit 1873 im nahen Warendorf am Wilhelmsplatz 5 (später Autohaus Buck) eine Schmiede. Warendorf war ideal für seine Pläne, es war Mittelpunkt eines reichen Bauernlandes und hatte einen lebhaften Markt- und Handelsverkehr. Bald zeigte sich, wie wichtig das nahegelegene Landgestüt war, denn hier übertrug man ihm den Hufschlag – welch ein Vertrauensbeweis. Bald wurde Heinrich Hagedorn in Warendorf unverzichtbar, vor allem wenn es um schwierige technische Probleme ging wie z.B. die Montage von Anlagen für die Brauerei- und Brennereibetriebe oder die neuartigen Setzmaschinen für die Druckerei Leopold. Auch die Schleuse am Muddenbach beim Bauern Everwand in Dackmar hätte ohne ihn nicht funktioniert und die Webmaschinen der Firma Brinkhaus & Wiemann liefen durch seine gewissenhafte Pflege reibungslos. Die Schmiede vergrößerte sich, da war es gut, dass seine beiden Söhne Anton (1874-1943) und Georg (1878-1961) zu ihm in die Lehre kamen. Vater Heinrich war ein strenger Lehrherr, denn diese beiden Jungen sollten das handwerkliche, technische und  unternehmerische Rüstzeug bekommen, um sein Lebenswerk fortzuführen. In der Schmiede wurden jetzt vermehrt Landmaschinen hergestellt, zuerst Pflüge, Hächselmaschinen und Kartoffelquetschen.

Bald wurde die Schmiede an der Münsterstraße zu eng und 1893 kaufte Heinrich Hagedorn weiter draußen ein Gelände an der Münsterstraße 58. In diesen größeren Räumlichkeiten konnten nun schon Serienfertigungen gemacht werden, allerdings vorerst noch im Handbetrieb – alle zehn Kinder wurden an der Drehbank zum Drehen der Kurbel eingespannt – bis endlich eine Dampfmaschine und eine moderne Drehbank angeschafft werden konnte. Das war sehr notwendig geworden, als 1897 in der Firma Wiemann & Bispinck an der Kirchstraße ein verheerendes Feuer ausgebrochen war und die Maschinen durch den Sturz in die Tiefe schwer beschädigt wurden. Die dicken Wellen mussten nun abgedreht werden. Vor dieser Aufgabe standen die beiden Söhne aber jetzt allein, denn Vater Heinrich Hagedorn war 1895 ganz plötzlich im Alter von nur 51 Jahren gestorben. Seine Frau Clara übernahm mit Umsicht und Energie das umfangreiche Erbe, tatkräftig unterstützt von ihren Söhnen Anton und Georg, die ja bei ihrem Vater eine gute Schule durchlaufen hatten. Sie hatten nicht nur das Handwerk gründlich gelernt, sondern auch, dass Unternehmer und Arbeiter immer vertrauensvoll und verlässlich miteinander umgehen müssen. Die Firma vergrößerte sich stetig und hatte jetzt schon Landmaschinenkunden in ganz Deutschland.  


1898: Anton und Geor Hagedorn; Bernhard Samson, Franz Hundertmark, Heinrich Haverbrede
auf Werbetour

 

Außerdem betrieb Anton Hagedorn an der Münsterstraße eine Fahrrad- und Nähmaschinenhandlung. Die Fahrräder kamen von den Dürkopp-Werken in Bielefeld und wurden von Anton und Georg nach Feierabend dort abgeholt und nach Warendorf geradelt. Mit dem „Fünfer-Fahrrad“ machten die Hagedorn-Brüder aufsehenerregende Werbung.


Anton Hagedorn jr. auf dem Weg zu einem Kunden(1928)

Um 1900 brach auch bei den landwirtschaftlichen Geräten eine neue Zeit an, Henry Ford erfand den ersten Traktor, das Pferd und der Ochse konnten nun bei der Feldarbeit abgelöst werden. 1902 entschlossen sich Anton und Georg Hagedorn, am westlichen Stadtrand eine ganz neue Fabrik zu bauen, um mehr Platz für den Bau von Landmaschinen aller Art zu bekommen. Sie firmierten unter „Maschinenfabrik und Eisengießerei Gebr. Hagedorn & Co.“ und erwarben sich durch ihre hoch-wertigen Maschinen in der Landmaschinenbranche Achtung und Erfolg. Die Aufträge wurden zu Fuß, mit der Bahn und später mit dem Motorrad herein-geholt und Ende der 1920er Jahre konnte dann ein Automobil angeschafft werden.  Immer mehr neue Landmaschinen, wie z.B. der erfolgreiche Heuwen-der wurden produziert, die bis nach Argentinien und Schweden verkauft wurden. Wie gut, dass der jüngere Bruder Heinrich, wie sein Bruder Georg ein ausgebildeter Ingenieur, die Fertigungsleitung übernahm. Die Entwicklung der Firma ging stetig aufwärts, allerdings mit empfindlichen Rückschlägen während der beiden Weltkriege und der Inflation 1923. 1939 fanden bei Hagedorn schon 150 Mitarbeiter Arbeit und Brot – der 2. Weltkrieg änderte aber alles wieder.

 
Hermann Hagedorn Benno Hagedorn
1943 riss der Tod des Gründers Anton Hagedorn eine schmerzliche Lücke. Wie gut, dass nach Kriegsende die beiden Gründersöhne Hermann und Benno Hagedorn in die Geschäftsleitung eintraten. Nach der Währungsreform war der Weg frei für Erweiterungen, Modernisierungen und neue Konstruktionen – das Wirtschaftswunder nahm seinen erfolgreichen Lauf. Vom Motor-Mäher bis zum Ladewagen, alles, was der Bauer brauchte, wurde bei der Firma Hagedorn gebaut. Der  Hagedorn’schen  Kartoffel-Sammel-Roder „Wisent“ machte die Firma lange zum Marktführer. Hagedorn entwickelte sich prächtig und prägte bald das Münstertor, denn das Firmengelände mit seinem repräsentativen Bürogebäude erstreckte sich vom Münsterweg bis zur Brinkstraße. Die meisten Häuslebauer am Münstertor waren Hagedörner – Hagedorn-City würde man heute sagen. Nach dem Krieg fanden hier auch viele Flüchtlinge eine neue Heimat. Die Privatvilla, die Anton Hagedorn an der Münsterstraße 48 schon vor dem Krieg erbaut hatte, ist noch heute ein Zeitzeuge aus der Glanzzeit der Landmaschinenfabrik.

Das repräsentative Bürogebäude Villa Hagedorn an der Münsterstraße

 

















Die Hagedornschen Landmaschinen und Ladewagen und der Kartoffel-Sammel-Roder machten die Firma Hagedorn zu einem der bedeutendsten Hersteller für Landmaschinen in Deutschland und Europa. Wie gut, dass mit Alfons Hagedorn, einem Sohn des Gründers Anton, ein tüchtiger Leiter der Gießerei die verlässliche Qualität garantierte. Ein gutes Werksvertretersystem erschloss neue Absatzmärkte in der ganzen Welt. Neue Patent- und Musterschutzrechte garantierten den weltweiten Erfolg der Firma Hagedorn. Zu besten Zeiten in den 1960er Jahren hatte die Firma über 400 Mitarbeiter und arbeitete an zwei Standorten.

In den 1970er Jahren veränderte sich die Welt – die Firma Hagedorn musste 1972 einen Vergleich anmelden. Ernst Weichel übernahm den Betrieb und führte ihn weiter unter „Hagedorn Landmaschinenbau GmbH“. Hagedorn hatte in der Kundschaft einen hervorragenden Ruf, deshalb war es für die gesamte Branche überraschend, als 1992 der Standort und die Produktion in Warendorf aufgegeben wurden.

Die Fabrikgebäude wurden abgerissen und auf dem Gelände von Werk I entstand ein neues Baugebiet mit Einfamilienhäusern. In Erinnerung an die so erfolg-reiche Landmaschinenfabrik wurde eine Wohnstraße „Hagedorn-Weg“ genannt. An der Stelle von Werk II an der Niedinkstraße steht heute ein Baumarkt.

Gebr. Hagedorn und Co, ca. 1920 Gebr. Hagedorn und Co, ca 1950

Gräber Familie Hagedorn (1) (1024x768)

Die beiden Firmengründer Anton und Georg Hagedorn hatten acht Schwestern und Brüder. Ihr jüngerer Bruder Bernhard (1889-1959) studierte Theologie und wurde Pastor. In der Nazi-Zeit hielt er mutige Predigten, ja er nahm kein Blatt vor den Mund. Dadurch gefährdete er sich so sehr, dass er nach Brasilien auswanderte und dort Pfarrer der Deutschen Katholischen Gemeinde in Rio de Janeiro wurde. Jedem Sommer aber kam er in seine geliebte Heimatstadt Warendorf und wurde dort von der Großfamilie herzlich aufgenommen. Es war ihm eine ganz besondere Freude, jeden Morgen in der Marienkirche, seiner alten Pfarrkirche, eine Hl. Messe zu feiern. Das war auch für den 3. Mai 1959 geplant, aber die Gläubigen warteten vergeblich. Der eilig herbeigerufene Pfarrer Dierkes fand Pastor Bernhard Hagedorn leblos der Sakristei. Auch der in der wartenden Kirchengemeinde anwesende Arzt konnte nur seinen Tod feststellen. So war Pfarrer Hagedorns Wunsch, eines Tages in seiner geliebten Heimat zu sterben, in Erfüllung gegangen. Sein nicht unbeträchtliches Vermögen vermachte er in Erinnerung an seine Schulzeit am Gymnasium Laurentianum dem Verein „Alter Laurentianer“ – bis heute eine wichtige Unterstützung für die Schule.

2021 Benno Hagedorn Grab

 

2021 Villa Benno Hagedorn FreckenhorsterstrGegenüber der Familiengruft Hagedorn liegt Benno Hagedorn begraben. Er trat ja nach dem Krieg zusammen mit seinem Vetter Hermann in die Geschäftsführung der Landmaschinenfabrik Hagedorn ein und hat die Firma bis zum Ende geführt. Benno bewohnte bis zu seinem Tode 1982 die von seinem Vater, dem Firmengründer Georg Hagedorn erbaute Villa an der Freckenhorster Straße 70. Heute ist die einstmals elegante Villa zu einer Wohnanlage umgebaut. Benno Hagedorn war ein sehr enga-gierter Warendorfer Bürger, der schon 1948 die „Christliche Sied-lungshilfe Warendorf“ begründete und als langjähriger Vorsitzender vielen Flüchtlingen zu Wohneigentum verhalf. Später machte er sich als rühriger Vorsitzender des „Vereins Alter Laurentianer“ einen Namen.

 

 

 

 

Mechtild Wolff 2021

Quellen:

Festschrift: 50 Jahre Gebrüder Hagedorn & Co. Warendorf 1902-1952

Berichte von Zeitzeugen und aus Zeitungen

Warendorf 1902

 

 

 

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