Dr. Franz Rohleder, ein begnadeter Lehrer und engagierter Heimatfreund
3.12.1888 Coesfeld - 17.3.1975 Warendorf
von Mechtild Wolff

Dr. Franz Rohleder war in Warendorf tief verwurzelt, ja, man konnte meinten, er sei ein eingefleischter Poalbürger. Dem war aber nicht so, er entstammte einer alten Lehrerfamilie aus Coesfeld, wo er 1888 geboren wurde. Nach dem Abitur studierte er Geographie, Geschichte und Deutsch in Straßburg, Leipzig und Münster und promovierte mit einer geographischen Arbeit über die Orometrie des Rothaargebirges.

Nach Warendorf kam Dr. Franz Rohleder 1919, weil er eine Anstellung als Seminar-lehrer am Warendorfer Lehrerseminar bekam. Hier war z.B. auch der später als Heimatdichter bekannte Hermann Homann sein Schüler.  Die Schüler dieses Nachkriegsjahres 1919 waren ehemalige Soldaten aus dem 1. Weltkrieg, die in ihren grauen Röcken, jetzt allerdings ohne Rang- und Ehrenabzeichen, als Seminaristen in den  Schulbänken saßen. Sie mussten und wollten ein neues Leben anfangen und strebten den Beruf des Lehrers an.

So mancher Seminarlehrer tat sich mit dieser Situation schwer. Nicht so der neue, junge Studienassessor Dr. Rohleder. Er trat in seiner betont ruhigen Art vor die Klasse und überragte den größten der Schüler um Haupteslänge. Dazu passte so gar nicht seine merkwürdig leise Stimme, mit der Rohleder die jungen Seminaristen in seinen Fächern Deutsch, Geschichte und Erdkunde an den spannend dargebotenen Unterrichtsstoff fesselte. Er praktizierte eine ganz neue Form des Unterrichts, den exemplarischen Unterricht. Eine wichtige Erfahrung für die zukünftigen Lehrer.

Als das Lehrerseminar 1924 aufgelöst wurde und in dem alt ehrwürdigen Gebäude an der Freckenhorster Straße ein Aufbaugymnasium eingerichtet wurde, setzte sich Dr. Rohleder mit aller Kraft für diese neue Schulgründung ein und es ist nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass das Aufbaugymnasium hier in Warendorf trotz vieler Widerstände ein so großer Erfolg wurde.

Als die Aufbauschule mit dem Gymnasium Laurentianum vereinigt wurde, wechselte auch Rohleder in das Kollegium dieser Schule über, dem er bis zu seiner Pensionierung 1956 angehörte.

Dr. Franz Rohleder war ein Meister des Wortes, des gesprochenen und geschriebenen. Wenn er sprach - im Unterricht oder als Redner oder auch in der persönlichen Unterhaltung - immer hatten seine Worte die letzte geschliffene Form und immer zeugten sie von seinem humanistischen Geist.

Schon 1916 gehörte Dr. Rohleder zu den Mitbegründern des Westfälischen Heimat-bundes und war westfalenweit ein gefragter Vortragsredner. Auch die Stadtverordnetenversammlung in Warendorf, der er bis 1933 angehörte, hat davon sehr profitiert.

Über fünf Jahrzehnte hat Franz Rohleder das kulturelle und bürgerschaftliche Leben unserer Stadt entscheidend geprägt, ja, er wurde zu einer anerkannten Autorität in Kultur- und Heimatfragen. Seine vielseitigen Kenntnisse und Begabungen stellte er großzügig seiner Heimatstadt Warendorf und der Heimatpflege zur Verfügung. Während der NS Zeit versuchte er die Kulturgüter unserer Stadt zu retten und zu bewahren und wurde schon 1946 von der Militär-regierung mit der Erstellung eines Kreishandbuches beauftragt. 1948 war er an der Einrichtung einer Volkshochschule beteiligt, die er viele Jahre lang durch seine heimatkundlichen Arbeitsgemein-schaften und Studienfahrten bereicherte.

1951 hatte Dr. Rohleder wesentlichen Anteil an der Gestaltung des 750jährigen Stadtjubiläums der Stadt Warendorf. Die damals von ihm zusammengestellte und herausgegebene Festschrift wurde für Lehrer und Schüler ein wichtiger Leitfaden zur Erforschung der Warendorfer Geschichte. Seine wissenschaftliche Auswertung des Sachsendorfes am Hohen Ufer der Ems in Neuwarendorf war von überregionaler Bedeutung.

1954 erschienen unter seiner Schriftleitung in der Tageszeitung „Die Glocke“ die „Neuen Blätter für Orts- und Heimatkunde im Kreis Warendorf“. Hier wurde nicht nur in der Vergangenheit geforscht, sondern auch die zeitnahe Heimatpflege dargestellt. Auch die Heimatvereine des Kreises hatten hier ein Forum, ihre Arbeit vorzustellen.

Im Heimatverein Warendorf war Dr. Rohleder über Jahrzehnte ein unverzichtbares Mitglied und wurde 1972 zum Ehrenmitglied ernannt. In den Nachkriegsjahren war ihm die Integration der Flüchtlinge und die Zusammenarbeit mit dem Tatenhausener Kreis ein wichtiges Anliegen. Dafür wurde er mit der Ehrennadel des Bundes der Vertriebenen geehrt und mit der Agnes-Miegel-Plakette.

 

  

1963 wurde Dr. Rohleder mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Stadt Warendorf verlieh ihm 1955 den Kulturpreis und 1968, zu seinem 80. Geburtstag, den Ehrenring der Stadt Warendorf. Es war ihm eine besondere Freude, dass er im November 1974 die Eröffnung des Heimathauses im Warendorfer Rathaus erleben durfte, denn die Museumsarbeit war ihm immer ein zentrales Anliegen gewesen. 

 

Am 17. März 1975 starb der bedeutende Heimatfreund Dr. Franz Rohleder im Alter von 86 Jahren.

 

Der Warendorfer Heimatdichter Otto Nisch schrieb anlässlich seines Ausscheidens aus dem aktiven Schuldienst ein Gedicht, das wohl für sein Lebenswerk stehen darf:

„Der Heimat Bild gerecht zu prägen,

so wie es wurde, wie es ist,

der Jugend es ans Herz zu legen,

dass sie es liebend nie vergisst.

 

Dir war es Pflicht, Berufung, Glaube.

Ein Gärtner, der den Weinstock pflegt,

damit er fruchtend trägt die Traube,

die Gott schon in den Keim gelegt.“

Otto Nisch

 Mechtild Wolff  2018

 

Quellen:

Jürgen Gojny: Heimatgeschichtliches Engagement:

                       Dr. Franz Rohleder

                       im Jahrbuch des Kreises 51. Jg 2002 S 209-215

Hermann Homann: Dr. Rohleder und Warendorf

                              in WS 6/7 1977 S.178

Paul Leidinger: Dr. Franz Rohleder 85 Jahre

                              in WS 3 1973 S.85

Freckenhorster Hefte des HV Nr. 19 2009

 

Anmerkungen:

Franz Rohleder war verheiratet mit Elisabeth Böller (1895-1962), einer Tochter des angesehenen Kaufmanns und Drogisten Heinrich Böller, der auch Großaktionär und Verwalter der früheren Gasanstalt am Wilhelmsplatz war.

Franz und Elisabeth Rohleder bauten Anfang der 1930er Jahren ein schönes Haus an der Overbergstraße 6, die auf Wunsch der hier wohnenden Seminarlehrer nach dem Begründer der Normalschule und der Lehrerausbildung Bernard Overberg benannt worden war. Hier wuchsen die vier Töchter Anneliese, Ursel, Mechtild und Monika auf. Ursel heiratete später den Rechtsanwalt Bernhard Wolff, ein Bruder meines Schwiegervaters Hubert Wolff aus Freckenhorst. Dadurch wurde Franz Rohleder „unser Onkel Franz“, der auf allen Familienfesten ein gern gesehener Gast und Unterhalter war und es sich nicht nehmen ließ, mit einer Tischrede zu brillieren.

Tante Ursel erzählte immer gern, dass ihr Vater so gerne einen Sohn gehabt hätte und ganz und gar nicht begeistert war, wenn schon wieder „nur“ ein Mädchen geboren wurde. Bei der Geburt der Jüngsten war er gerade mit seinen Skatbrüder in der Gaststätte „Niemer Everding“. Als man ihm die Geburt seiner vierten Tochter Monika verkündete, konnte er seine Enttäuschung nicht verhehlen und sagte: „All wieer nen Röevenplücker!“ und setzte seine Skatrunde fort.

Ja, Franz Rohleder war ein Freund der direkten Aussprache!

Mein Schwiegervater Hubert Wolff erzählte, dass sein Lehrer Dr. Rohleder immer stolz darauf gewesen sein, einer der wenigen Lehrer zu sein, die keinen Spitznamen hatte. Er hat wohl nie erfahren, dass die Schüler ihn heimlich „Boef“ nannten. Wie das zu interpretieren ist, ist mir nicht so ganz klar.

Beim „Kommers“, dem fröhlichen Trinkgelage der Abiturienten, wurde ja nicht nur einfach Bier getrunken, nein jedes neue Bier wurde mit einem „Tost“ versehen, meistens auf einen Lehrer, etwa so: „Ein Tost auf unseren verehrten „Boef“, der uns viel beigebracht hat und uns am eigenen Leib vorführte, wie sich ein Wespenstich anfühlt!“ Wie machte er das? Er schnappte sich einen Schüler und drehte kurz ein kleines Stückchen Haut unter den Achselhöhlen - ja, genau so fühlte sich ein Wespenstich an.

 

Der Kulturpreis der Stadt Warendorf wurde 1951 im 750. Jubiläumsjahr der Stadt Warendorf gestiftet und war mit 5000 DM dotiert. Er wurde nur einmal verliehen und zwar im Jahr 1954 gemeinsam an

Anton Aulke, den in Warendorf lebenden Studienrat des Gymnasium Laurentianum, der sich als Dichter, insbesondere mit plattdeutschen Werken einen Namen gemacht hat,

Elli Grützner, die seit 1926 in Warendorf lebende Malerin, Dr. Rudolf Schulze aus Münster, der mit seiner „Geschichte der Stadt Warendorf“ eine Stadtgeschichte veröffentlichte und

Dr. Franz Rohleder, dem langjährigen Forscher und Pfleger der heimatkundlichen Belange der Stadt Warendorf.


Grabplatte Rohleder

 

 Persönlichkeiten

Heinrich Blum, von allen "Mister Blum" genannt

Franz Joseph Zumloh, der Begründer des Josephshospitals

Maria Anna Katzenberger und Heinrich Ostermann

Hermann Josef Brinkhaus,
Gründer der Firma Brinkhaus

Eduard Wiemann und die Villa Sophia

Anna Franziska Lüninghaus, Gründerin der Marienstiftung

Wilhelm Zuhorn, Geheimer Justizrat und Geschichtsforscher

Bernard Overberg, der Lehrer der Lehrer

Arthur Rosenstengel, Seminarlehrer, Musikerzieher und Komponist

Pauline Hentze, Begründerin der Höheren Töchterschule

Theresa Kampelmann, die gestrenge Direktorin der Marienschule

Franz Strumann, Pastor und Förderer der höheren Mädchenbildung

Dr. Maria Moormann, die mutige Direktorin der Marienschule

Josef Pelster, der Schulrat und Naturfreund

Wilhelm Diederich, Bürgermeister von 1869-1904

Hugo Ewringmann, Bürgermeister von 1904-1924

Theodor Lepper, Stadtrendant und Retter in den letzten Kriegstagen

Clara Schmidt, Kämpferin für die Frauenliste im Stadtparlament

Elisabeth Schwerbrock, eine hochengagierte Stadtverordnete,

Eugenie Haunhorst, die Kämpferin für ihre Heimatstadt

Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland

Paul Schallück, der vergessene Nachkriegsschriftsteller

Heinrich Friedrichs, ein Warendorfer Künstler

Theo Sparenberg, Kinokönig und Tanz- und Anstandslehrer

Wilhelm Veltman, Retter der historischen Altstadt

Rainer. A. Krewerth, ein schreibender Heimatfreund

Josef Heinermann, Bäcker und Bürgermeister

Opa Niehues

Gymnasialdirektor
Prof. Dr. Alfons Egen

Siegfried Schmieder - engagierter Heimatfreund mit großem Fachwissen

Dr. Franz Rohleder -
ein begnadeter Lehrer und Heimatfreund

Dr. Franz Kroos

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