Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Der Handwerker Schuster Niemann

Eugenie als Schülerin 1921„Lehrling ist jedermann –
Geselle wer was kann –
Meister ist der was ersann!“

Dieser alte Handwerkerspruch ist am schönsten Brunnen Warendorfs zu lesen, der vor dem Gebäude der Kreishandwerkerschaft steht. Klaus Apel aus Trier hat das fast 3,5 m hohe Kunstwerk geschaffen. Die Arbeit der Handwerker wird durch acht plastische Szenen dargestellt mit den dazugehörigen Zunftzeichen.Ein Handwerk erlernt zu haben, Geselle zu sein, sogar den Meisterbrief zu besitzen, das hatte früher einen hohen Stellenwert. Die Handwerker - Bäcker, Metzger, Frisöre, Schreiner, Schneider, Klempner oder Schuster - waren für die Bürger der Stadt sehr wichtig und es gab sie in jedem „A-Lämpken“.

Ich möchte von „unserem Schuster“ erzählen, denn ein guter Schuster war wichtig für eine Familie mit vielen Kindern. Neue Schuhe waren zu Anfang des letzten Jahrhunderts sehr teuer, deshalb brachten wir unsere Schuhe vielmals zum Schuster für neue Absätze, neue Spitzen oder gar neue Sohlen oder für all die vielen kleinen Näharbeiten und Ausbesserungen. Solch eine Reparatur kostete nicht viel Geld, reich konnte der Flickschuster damit nicht werden.Nicht von ungefähr gab es das alte Kinderlied:


„Im Keller ist es duster,
da wohnt ein armer Schuster…“


Heimatverein Warendorf: Schuster Niemanns HausVier Schuster arbeiteten in unserer Nähe. Wir gingen zu Schuster Niemann. Er wohnte und arbeitete an der Neuen Kirche, direkt neben dem Bauernhof Kalthoff. Von unserer Wohnung in der Münsterwallschule aus waren es nur ein Paar Schritte zu seiner Werkstatt - nur bei Kalthoffs um die Ecke. Mit seiner Frau wohnte der Schuster in einem kleinen Haus, das gerade so breit war, dass es neben dem Hauseingang je ein Fenster gab. 
Niemanns hatten keine Kinder. Sie waren für mich der Inbegriff eines ganz alten Ehepaares. Am Feierabend spazierte Schuster Niemann vor seinem Haus auf und ab, eine lange Pfeife rauchend. Zur Werkstatt musste man durch eine schmale Gasse in den kleinen Innenhof gehen. Über eine halbrunde, steile Treppe in der Waschküche erreichte man die Werkstatt im ersten Stock.

Heimatverein Warendorf: SchusterwerkstattAm Fenster stand die Arbeitsbank. Wie früher üblich, hatte Schuster Niemann eine mit Wasser gefüllte Glaskugel über seinem Arbeitsplatz hängen. Das Licht brach sich in der Kugel und bot eine zusätzliche Lichtquelle. Der Arbeitstisch war voll mit Handwerkszeug, Klebstoff, vielen kleinen Nägeln und Holzpinnchen. Rundherum standen die alten, reparaturbedürftigen Schuhe. Hier arbeitete er Tag für Tag, um aus kaputten Schuhen wieder brauchbare zu machen.
Eines Tages kam die jung verheiratete Frau Kiskemper vom Münstertor zu ihm. Sie kam aus Ibbenbüren. Die zeigte ihm ihre kaputten Schuhe. Schuster Niemann missfielen diese alten Schuhe und er warf sie im hohen Bogen auf seinen Schuhberg in der Ecke. Die junge Frau fürchtete, ihre geliebten Schuhe nie wieder zu sehen, schnappte sich ihre Schuhe und verließ die Werkstatt. Am nächsten Sonntag nach der Kirche hielt Schuster Niemann den frischen Ehemann Kiskemper an und sagte: „Do häse die aver wat weit weg halt. So was haste in Wandurp auk al funnen!“ ( „Da hast du dir aber was von weit weg geholt. So was hättest du in Warendorf auch gefunden!“) Er nahm kein Blatt vor den Mund!

Schuster Niemann war klein und dünn und blickte immer finster drein. Wir Kinder fürchteten den alten, schimpfenden Mann sehr. Er ließ sich leicht ärgern – vielleicht gerade deshalb schlichen wir uns gern in seine Werkstatt. Wenn er uns bemerkt, wurde er böse und warf einen alten Schuh hinter uns her. Wir flohen die Treppe herunter, und sangen im Hof das Spottlied:Heimatverein Warendorf: Werkzeug des Schuhmachers

“Schuster lapp lapp,
für nen Penning Pappapp,
für nen Penning Papier,
Schuster is nen dumm Dier."


So brachten wir Kinder früher Spannung in unser Leben.
Durch die Haustür an der Straße kam man in die Küche und dann in einen ganz kleinen Laden, vielleicht 1,5 Meter lang. Hier konnte man Pantoffeln, Arbeitsschuhe und Holzschuhe kaufen, die auf Holzständern paarweise aufgehängt waren.
In einer Ecke stand ein runder Tontopf mit Deckel, der Kautabak-Topf. Ein Priem - das war eine etwa vier Zentimeter lange Rolle aus Kautabak – wurde gern von alten Männern gekauft und dann „gepriemt“, d.h. gekaut.
Als wir einmal dabei standen, als Schuster Niemann Kautabak verkaufte, zeigte er seine humorvolle Seite. Er nahm mit der Zange einen Priem aus der Dose und bot ihn uns mit den Worten an: „Wollt ihr mal eine Pflaume ohne Stein?“ Zum Glück wussten wir, was Kautabak war und rannten kichernd davon.

Frau Niemann war eine kleine, kümmerliche Frau, immer in Schwarz gekleidet. Sie war im Gegensatz zu ihrem Mann freundlich und kinderlieb. Wir bekamen manche saftige Birne vom Speckbirnbaum in ihrem Hof. Neben ihrem Haushalt betreute sie die Lehrerin Fräulein Schmitz, die in der Schule wohnte. Auf einem Tablett brachte sie morgens vor Schulbeginn das Frühstück über die Straße in die erste Etage der Münsterwallschule. So konnte sie sich ein paar Pfennige dazu verdienen. Frau Niemann hatte ihre ganz eigene Vorstellung von Sauberkeit. Das Haar hatte sie zu einem kleinen Knoten glatt und fettig nach hinten gekämmt, in der Mitte gescheitelt, das war das „Pättken“. Auf unsere Frage, wie oft sie sich das Haar wasche, antwortete sie: „ Ik mi dat Haar waschken, nee, dat do ik mei Lievedag nich. Ik waschke mi das Pättken, dann sin ik fertig.“ ( Ich mir das Haar waschen, das tue ich mein Lebtag nicht, ich wasche mir das „Pättken“, dann bin ich fertig.) So hat sie sich wohl gefühlt. 

Im Hause Niemann ging es oft turbulent zu. Schuster Niemann war ein Bollerkopp, sogar ein Wüterich, manches Porzellan ging in Scherben. Wenn es ganz toll kam, hatte er nämlich den Drang, Geschirr an die Wand zu werfen. Seine Frau kannte das, kletterte behende an das obere Fach des Küchenschrankes, wo sie das alte, angeschlagene Geschirr aufbewahrte, reichte es ihrem Mann und sagte: „Bitte schön, Herr Niemann, darf´s noch mehr sein?“ Dann beruhigte er sich, und der häusliche Frieden kehrte wieder ein!

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule  tätig war.
Bilder: Archiv der Altstadtfreunde
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

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