Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Der Lange Jammer – sozialer Wohnungsbau vor 150 Jahren

Eugenie als Schülerin 1921Ältere Warendorfer werden sich an den „Langen Jammer“ erinnern, ein langes Fachwerkhaus am Wilhelmsplatz, heute steht dort das Theater am Wall. Heimatverein Warendorf: Der Lange Jammer und die Zichorienfabrik um 1920
Am Rande der alten Festungsstadt Warendorf hinter Wall und Graben war im Westen ein großes Freigelände, später Wilhelmsplatz benannt. Dieser Platz war schon zu Garnisonzeiten militärisches Übungsgelände. Ab etwa 1826 bis 1889 war es das Reitgelände des Gestüts, wurde aber auch genutzt für Viehauftrieb wie etwa zu Fettmarkt, für Märkte und für die Kirmes.

Am südlichen Rande dieser Fläche war hinter einer mannshohen Bretterwand ein etwa 20 Meter langes, niedriges Wohnhaus mit 8 Türeingängen. Jede Wohneinheit hatte eine Tür und ein Fenster. Unten war ein Wohnraum, oben gab es mehrere kleine Schlafräume. Die Räume dieses langen Hauses waren sehr niedrig, der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm, das wussten wir.
Wie es drinnen genau aussah, haben wir Kinder nie gesehen, denn die Welt hinter der Bretterwand war für uns tabu. Wir kannten wohl einige Kinder, die dort wohnten, sie waren aber nicht unsere Spielkameraden. Das Haus hatte keine Dachrinne, das Regenwasser floss einfach vom Dach herunter. Der etwa 2 m breite, unbefestigte Weg zwischen Bretterwand und Haus verwandelte sich bei Regen und im Winter in Matsche. Die Wasserpumpe befand sich am Ende des Hauses Richtung Wilhelmstrasse. Dahinter war für alle Bewohner des Gebäudes das Klosett – natürlich ein Plumpsklo ohne Wasserspülung.

Dieses lange Fachwerkhaus war 1850 erbaut worden.
In dieser Zeit gab es in Warendorf über 10 % Arbeitslose. Die Hausweber fanden für ihre Produkte keinen Absatz mehr. Die Industrialisierung begann mit dem Bau der ersten Fabriken für mechanische Weberei durch die Firma Brinkhaus an der Kirchstrasse um 1862.

Wahrscheinlich war dieser lange Jammer am Wilhelmsplatz eine soziale Maßnahme. Die Bewohner waren ärmliche Leute, Alleinstehende, Frauen mit Kindern, oft ohne Geld. Die Mieten für diese Wohnungen waren sozial gestaffelt. Gezahlt wurde der Lohn, den der Mieter in der 4ten Woche seiner Tätigkeit verdiente. Bürgermeister Ewringmann (1904-1924) ließ diesen Familien manchmal Geld zukommen, das der Stadt vom Goldschmied Miele geschenkt wurde. Dieser aus Warendorf stammende Heinrich Miele wohnte in Amsterdam, wo er durch Fleiß und gute Arbeit reich geworden war. Er fühlte sich immer noch seiner Heimatstadt sehr verbunden.

Heimatverein Warendorf: Marktszene auf dem WilhelmsplatzAuf dem Platz vor der Bretterwand durften die Zigeuner  mit ihren Wagen und Karren lagern. Wir fanden diese südländisch aussehenden Familien in ihren bunten, aber zerlumpten Kleidern höchst interessant, hatten aber auf Geheiß unserer Eltern immer großen Abstand zu halten.
Neben dem Langen Jammer an der Wilhelmstraße stand ein großes zweistöckiges Fachwerkhaus mit 3 Wohneinheiten. In diesem Haus wohnte der Besitzer des Langen Jammers.

1936 kaufte die Stadt beide Häuser und ließ sie abreißen.
Erst 1950 wurden diese Grundstücke wieder bebaut mit dem Theater am Wall.

Über dem Dach des langen Jammers sieht man ein etwa vier Stockwerk hohes Gebäude, heute ein Wohnhaus, vorher Mosterei.
Vor dem ersten Weltkrieg wurde vom Kaufmann Jülkenbeck dieses Gebäude als Zichorienfabrik errichtet. Die Zichorie oder Wegwarte ist ein hellblau blühendes Gewächs. Die Wurzeln der Zichorie wurden getrocknet, gemahlen und geröstet als Kaffeezusatz oder Ersatz gebraucht. Er war um die Zeit des ersten Weltkrieges ein überall übliches kaffeefarbenes Getränk. Wenn man sich etwas Gutes antun wollte oder es sich leisten konnte, wurde der Zichorienkaffee mit dem Zusatz von ein paar echten Kaffeebohnen aufgebessert. Im Volksmund hieß das Getränk Mucke-Fuck oder Pettkuser.

Ein zweiter „ Langer Jammer“ befand sich im Osten unserer Stadt an der Friedhofsecke zur Pesthuiskesstrote, heute Dr.-Leve-Straße, ein langes, flaches Fachwerkhaus. Hier wurde früher eine Seilerei betrieben, wir nannten dieses Haus auch Spinnbahn.

Bild: Archiv der Altstadtfreunde Warendorf

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule tätig war.
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

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