Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Es wehte noch der Wind der höheren Töchterschule...

Eugenie als Schülerin 1921Nun ist meine alte Marienschule 100 Jahre alt geworden. Ich erinnere mich gut daran, wie schwierig es war, ein Lyzeum in Warendorf zu begründen. Mein Vater war schon 1908 dem Schulverein beigetreten, um seiner kleinen Tochter eine höhere Schulbildung zu ermöglichen.
Vater musste 100 Mark Schulgeld pro Jahr bezahlen. Dazu kamen die Kosten für die Bücher. Wir kauften gebrauchte Bücher von Schülerinnen in der Klasse über uns und verkauften sie am Ende des Schuljahres wieder. Das sparte Geld, und wir lernten, unsere Bücher sehr ordentlich zu halten.

Clementine empfand es als eine Auszeichnung, zum Lyzeum gehen zu dürfen. Die Direktorin Frl. Bertha Schlothmann leitete die Schule mit unnachgiebiger Strenge und eisernen Prinzipien. Sie war Clementines Klassenlehrerin. Die Mädchen mussten ihre strikten Verhaltensregeln genau befolgen. Es war beispielsweise verboten, Söckchen zu tragen! Andererseits war Frl. Schlothmann sehr gütig. Ihr heiligmäßiger Lebenswandel sollte den Mädchen ein Vorbild sein, wurde aber von vielen Schülerinnen als „hyperkatholisch“ empfunden. 1923 entschloss sie sich, Nonne zu werden und verabschiedete sich von Clementines Klasse, ihre Obertertia, mit viel Wehmut und guten Wünschen. Als Franziskanerin widmete sie ihr weiteres Leben der Mission in China, wo sie 1948 starb.

1923 musste Clementine mit der abgeschlossenen Obertertia ihre Schulzeit an der Marienschule beenden. Mädchen konnten damals die Mittlere Reife noch nicht in Warendorf ablegen. Unsere Eltern hatten nun vier Töchter. Deshalb setzte sich unser Vater sehr dafür ein, dass sich die Marienschule weiter entwickelte.1924 wurde endlich die 10. Klasse eingerichtet. Clems hatte das freie Jahr sinnvoll genutzt durch den Besuch der Höheren Handelsschule in Münster und ging nun zurück in die neue 10. Klasse ihres alten Lyzeums. Die Abschlussprüfungen für die Mittlere Reife fanden allerdings noch in Münster an der Annette-Schule statt. Ostern 1924 stellten sich 11 Mädchen aus Warendorf der Prüfungskommission, vier fielen leider durch. Clementine war stolze Jahrgangsbeste.

 

die alte Marienschule an der LilienstraßeAls ich 1923 in die Marienschule aufgenommen wurde, war dieser Umbruch zum Lyzeum mit akademisch ausgebildeten Lehrern in vollem Gange, die Stadt übernahm die Höhere Töchterschule, dern aus Warendorf der Prüfungskommission, vier fielen leider durch. Clementine war stolze Jahrgangsbeste. Schulverein wurde aufgelöst.
Die fortschreitende Inflation hatte den Schulverein zu diesem Schritt gezwungen.
1923 betrug das jährliche Schulgeld 50 000 Mark.
Ich merkte davon nicht viel, ich war glücklich, Marienschülerin zu sein. Wir begannen noch mit der 7. Klasse, der Septima. Das war ein Vorbereitungsjahr, dass den Start erleichtern und alle Mädchen auf das gleiche Leistungsniveau bringen sollte. Wie stolz war ich, als ich endlich die Schülermütze tragen durfte, um die ich  Clementine so beneidet hatte. Wir setzten die Mützen schräg auf den Kopf, über ein Ohr gezogen und machten noch einen kessen Kniff hinein. Eine höhere Tochter zu sein war damals noch etwas Besonderes.

Meine Klassenlehrerin war Frl. Anna Blum. Leider verließ sie 1926 die Schule. Auch sie ging ins Kloster und widmete ihr Leben der Mission in China. Sie verabschiedete sich sehr herzlich von ihrer Klasse. Auf einem großen Tablett brachte sie für jedes Mädchen eine kleine Kostbarkeit aus ihrem Hausstand mit, die sie feierlich jeder Schülerin überreichte. Ein beeindruckendes Erlebnis. Dieses Geschenk habe ich hoch in Ehren gehalten.
Frl. Heukmann wurde meine neue Klassenlehrerin. Seit 1911 war sie als Oberschullehrerin an der Marienschule, die letzte Nichtakademikerin. Sie achtete sehr penibel darauf, dass jede Schülerin zwei mal in der Woche morgens pünktlich um 7.15 Uhr zur Schulmesse in der Alten Kirche erschien. Im Winter fand ich es sehr gruselig, morgens so früh durch die dunklen Straßen zu gehen, denn die Beleuchtung war sehr sparsam. Einige Kaufleute fegten schon die Straße, ansonsten war die Stadt wie ausgestorben und stockdunkel. Wie froh war ich, als 1925 meine Schwester Maria zur Marienschule kam. Jetzt konnten wir gemeinsam gehen. Nach der Schulmesse gingen alle Schülerinnen zusammen zur Schule, schön zwei und zwei in geordneten Reihen.

Frl. Heukmann wohnte in der Kolpingstraße und ich durfte ihr mittags die Tasche nach Hause tragen – das war eine große Ehre.
Unsere Französischlehrerin Frl. Schütt war Repräsentantin einer neuen Lehrergeneration. Sie war eine moderne und weltoffene Pädagogin und bei den Schülerinnen sehr beliebt. Sie hatte sogar in Frankreich studiert, das beeindruckte uns sehr.
Unsere flotte Turnlehrerein Frl. Haurand  war technische Lehrerin mit einer Ausbildung zur „Lehrerin der vorbeugenden und ausgleichenden Leibesübungen“. Sie übte Volkstänze mit uns ein, unternahm Ausflüge und brachte uns die neuesten Lieder bei. Das machte uns sehr viel Spaß. Eine tolle Lehrerin.
Sportunterricht hatte damals für Mädchen noch keinen hohen Stellenwert. Unser Schulgebäude an der Lilienstraße besaß keine eigene Turnhalle. Zum Turnunterricht gingen wir zur Kurzen Kesselstraße in die Turnhalle des Laurentianums. Die Pennäler lagen dann in den Fenstern und begrüßten uns mit Zurufen und Scherzen. Frl. Kampelmann missbilligte das mit strafenden Blicken.

Ostern 1927 kam Dr. Maria Moormann als neue Direktorin an die Marienschule. Dr. Moormann war eine elegante, sehr feine Frau. Sie hatte Deutsch, Französisch und Geschichte studiert und war für einen längeren Studienaufenthalt in Paris gewesen. Wir waren begeistert von dieser weltoffenen Direktorin. Dank ihrer Feierfreudigkeit wurde nun an der Marienschule jedes Jahr Karneval gefeiert, wir Schülerinnen durften uns verkleiden und führten mit viel Freude kleine Theaterstücke auf. Dr. Moormann gelang es 1928, dass die Marienschule eine öffentliche höhere Lehranstalt wurde.
Die Marienschule in Warendorf an der kurzen KesselstraßeEine große Veränderung trat 1929 ein: Ostern, zu Schuljahrsbeginn,  zog die Marienschule  in das Gebäude des Gymnasiums an der Kurzen Kesselstrasse. Die Stadt hatte das Schulgebäude gekauft, nachdem das Laurentianum in das leer stehende Lehrerseminar an der Freckenhorster Straße gezogen war. Umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen hatten dem alten Gymnasialbau elektrisches Licht und eine Dampfheizung beschert. Alle Räume waren in hellen Farben gestrichen worden. Zwischen Zeichensaal und Handarbeitsraum war eine Falttür eingebaut worden, so entstand ein Festsaal für Schulfeiern. Die größte Errungenschaft aber war die eigene Turnhalle, die von uns Schülerinnen mit Freuden mit Beschlag belegt wurde.
Unser Hausmeisterehepaar Schäfer zog mit uns. Sie wohnten nun unten links in der Schule. Frau Schäfer war schon seit der Zeit der Schulvorsteherin Schlothmann als Hausmeisterin angestellt, ihr Mann half ihr. Sie putzte die Schule, schellte zu Beginn und Ende der Unterrichtsstunden, öffnete und schloss das Törchen zur Promenade und versorgte die Heizung. Das einzige Telefon der Schule stand in Frau Schäfers Küche. In der Großen Pause wärmte sie den Schulkakao und die Milch auf ihrem Herd in der Küche und trocknete so manche Schülerinnenträne mit den Worten: „Komm, trink mal erst nen Schlückchen!“

Mit meiner Schwester Maria zusammen ging ich freudestrahlend in meine neue Schule. Wie schade, es war mein letztes Schuljahr. Ostern 1930 machte ich meine Mittlere Reife, das erste Einjährige im neuen Marienschulgebäude. Zum ersten Mal wurden die Prüfungen ohne fremde Aufsicht aus Münster durchgeführt. Die Marienschule hatte nun genügend qualifizierte Lehrerinnen, um eine eigene Prüfungskommission zu stellen.
Theresia Kampelmann1930 dann kam Hildegard, unser Nesthäkchen, zur Marienschule. Nach den Pionierjahren war jetzt alles gut organisiert und der Lernstandard war recht hoch. Mit Theresia Kampelmann, der späteren Direktorin der Marienschule, bekam Hildegard eine ausgezeichnete, sehr zielstrebige und unnachgiebig strenge Klassenlehrerin, die hohe Leistungen in Deutsch und Französisch verlangte. Hildegard wollte gern das Abitur machen, aber das war leider an der Marienschule noch nicht möglich. Das Lyzeum bot auch noch keinen Lateinunterricht an, der war den Jungen des Laurentianums vorbehalten, denn das Latein lernen setzt logisches Denken voraus und kann man das von einem Mädchen erwarten? Nach dem Einjährigen fuhr Hildegard täglich nach Münster, um 1939 am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium das Abitur zu machen.
1930 dann kam Hildegard, unser Nesthäkchen, zur Marienschule. Nach den Pionierjahren war jetzt alles gut organisiert und der Lernstandard war recht hoch. Mit Theresia Kampelmann, der späteren Direktorin der Marienschule, bekam Hildegard eine ausgezeichnete, sehr zielstrebige und unnachgiebig strenge Klassenlehrerin, die hohe Leistungen in Deutsch und Französisch verlangte. Hildegard wollte gern das Abitur machen, aber das war leider an der Marienschule noch nicht möglich. Das Lyzeum bot auch noch keinen Lateinunterricht an, der war den Jungen des Laurentianums vorbehalten, denn das Latein lernen setzt logisches Denken voraus und kann man das von einem Mädchen erwarten? Nach dem Einjährigen fuhr Hildegard täglich nach Münster, um 1939 am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium das Abitur zu machen.
  1941 legten die ersten Mädchen an der Marienschule ihr Abitur ab. Ein großer Schritt für die gymnasiale Mädchenbildung war getan. Jetzt konnten auch die Mädchen ihre gesamte Schulzeit in Warendorf verbringen.

  

Bilder: Archiv des Mariengymnasiums, Archiv Altstadtfreunde und Privatbesitz
Alle Rechte vorbehalten Eugenie Haunhorst (c) 2007

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