Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Weihnachtszeit in den Zwanziger Jahren in Warendorf

Eugenie als Schülerin 1921Leise rieselt der Schnee,
still und starr ruht der See,
weihnachtlich glänzet der Wald,
freue dich, Christkind kommt bald.
 
Bei diesem Lied wussten wir: „Jetzt ist Advent.“ Aus Tannengrün legten wir auf dem Tisch einen Kranz und verteilten vier rote Kerzen darauf. An jedem Adventssonntag wurde abends eine neue Kerze angezündet und Adventslieder gesungen.
In den Straßen der Stadt gab die nur sparsame Beleuchtung noch keinen Hinweis auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Straßendekorationen gab es erst viele Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Dekoration der Schaufenster war nicht aufwändig, aber zweckmäßig. In den Schaufenstern wurden all die begehrenswerten, schönen Dinge gezeigt, die vorrätig waren; ein Warenlager gab es selten. Was verkauft wurde, nahm man aus dem Fenster. Bis Weihnachten leerten sich die Schaufenster.
Wir Kinder schrieben natürlich einen Wunschzettel an das Christkind im Himmel und legten ihn in den Briefkasten. Unserer kindlichen Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Ich bin in einer Lehrerfamilie mit fünf Kindern aufgewachsen. Unsere Mutter erledigte mit geheimnisvoller Geschicklichkeit all die Vorbereitungen für das Fest. Nach einem Einkauf huschte sie Heimatverein Warendorf: Geschenke um 1930schwer bepackt an uns vorbei und verschwand im Schlafzimmer. Dieser Raum war für uns tabu.
Wir Kinder bastelten viele Weihnachtsgeschenke in der Adventszeit.
Unsere selbstgemachte Krippe war eine Laubsägearbeit in Form eines Trypticons (ein dreiflügeliges Bild), an der wir jedes Jahr wieder Freude hatten.
Die Familienkrippe hatte Figuren aus Stein. Sie wurde schon einige Tage vor Weihnachten von uns Kindern mit Moos und Tannengrün auf dem Klavier aufgebaut. Natürlich ohne das Jesuskind. Es musste ja noch geboren werden. Auf geheimnisvolle Weise lag es dann zur Bescherung am Weihnachtsmorgen in der Krippe.
Wenn wir Jüngeren mit sehnsüchtigen Augen sangen: „Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag“, dann war der Heilige Abend gekommen. Vor dem „frühen“ zu Bett gehen stellten wir unseren Teller im Esszimmer auf den gedeckten Tisch. Unser Vater schrieb mit schöner Schrift die Namen der Kinder auf einen Zettel, den wir dann auf unsere Teller legten. Wenn alle Kinder schliefen, konnte Vater den im Keller versteckten Tannenbaum heraufholen und ihn mit Kerzen und Lametta, süßen Figuren, Plätzchen und roten Äpfeln schmücken. In späteren Jahren bekamen wir auch silberne Kugeln und das Holzspielzeug vom Winterhilfswerk für den Baum.
Nach alter Tradition begann das hochheilige Weihnachtsfest frühmorgens um 5 Uhr mit der „Ucht“. Das ist der westfälische Name für die Christmette. Schon ab halb fünf hörten wir die ersten Kirchenbesucher herbeiströmen. Die Kirche war schnell überfüllt, deshalb durften wir mit unserem Vater auf die Orgelbühne. Vater musste an Festtagen in drei Gottesdiensten die Orgel spielen. Wir waren stolz, wenn um Schlag 5 Uhr Vaters brausendes Orgelspiel die Kirche mit Weihnachtsjubel erfüllte. Ich glaube, allen Gläubigen in der Kirche ging das Herz auf beim Singen des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“.
Dieser festliche Gottesdienst dauerte sehr lange. Am Hauptaltar und an beiden Seitenaltären wurden in den prachtvollen Weihnachtsgewändern Heilige Messen gelesen. Jeder Katholik war verpflichtet, am Weihnachtsfest drei Heilige Messen „mit Andacht zu hören“.
Bei uns Kindern wuchs die Spannung auf die Bescherung, sodass wir nach dem letzten Segen schnell nach Hause liefen – auch, weil es in der Kirche sehr kalt war. Unsere Mutter hatte in der Zwischenzeit eine Weihnachtswohnung gezaubert. In der Küche war es schön warm, die Herdplatte glühte. Der Tisch war für das Weihnachtsfrühstück gedeckt.
Heimatverein Warendorf: Weihnachten um 1920Mit großem Jubel und „Frohe Weihnacht“ wurde jeder begrüßt. Ich glaube, wir Kinder waren in unserer Spannung kaum zu ertragen. Mutter hatte die Öfen in den Zimmern angeheizt. Endlich verschwand unser Vater ins Weihnachts-zimmer. Wir Kinder stellten uns auf, die Jüngste zuerst, und warteten auf das Schellen. Wenn Vater die Tür weit öffnete, zogen wir singend vor den Weihnachtsbaum. Alle Kerzen brannten. Es duftete köstlich nach Weihnachtsplätzchen.
Die Weihnachtsgeschichte wurde verlesen, und jedes Kind trug ein Gedicht vor oder spielte auf dem Klavier oder der Geige. Unser Blick ging allerdings immer wieder zum Gabentisch, bis wir endlich zu unserem Platz gehen durften. Die Kleinen fanden ihre geliebte Puppe wieder, die vor Wochen auf geheimnisvolle Weise verschwunden war. Jetzt hatte sie neue Kleider, und das kaputte Auge war auch wieder gesund. Sogar ein neuer Puppenwagen war dabei oder eine Puppenstube mit Balkon. Die größeren Kinder spielten das neue Quartett, und meine Schwester Clementine las schon in ihrem Buch, das sie sich so sehr gewünscht hatte.

Die Weihnachtsteller waren reich gefüllt mit selbst gebackenen Plätzchen, Nüssen, einem schönen Apfel, später sogar Feigen oder Datteln und eine Apfelsine, uns bis dahin unbekannte Früchte. Man aß wenigstens drei Tage lang von einer Apfelsine. Die ersten Apfelsinen waren noch ziemlich sauer, darum stellte Mutter uns eine Untertasse mit Zucker hin. Jedes Apfelsinenstückchen wurde in Zucker gedreht und mit Genuss verspeist.
Als später jedes Kind eine ganze Tafel Schokolade auf seinem Teller fand, fühlten wir uns sehr reich, denn eine Tafel Schokolade kostete mehr als fünf Mark.
Die Freude und Begeisterung aus diesen Jahren bleiben mir unvergesslich.
Nach der Bescherung waren wir gespannt, was unsere Freundinnen vom Christkind bekommen hatten. Mit meiner Schwester Maria rannte ich über den Wilhelmsplatz zu Kathrinchen. Dort bestaunten wir zuerst die Krippe, die von den großen Brüdern aufgebaut worden war. Sie füllte ein Drittel des Weihnachtszimmers aus und war mit Wasserfall, Seen, Gräben, Bergen und vielen Tieren ausgestattet.

Krippe im Franziskanerkloster WarendorfAm zweiten Weihnachtstag besuchten viele Familien beim Sonntagsspaziergang die drei Kirchen der Stadt. Nicht nur für die Kinder war die „Paterskrippe“ im Franziskaner Kloster besonders schön. Sogar der heilige Franziskus mit dem Vögelchen auf der Schulter schaute von der Seite her zu. Man erzählte uns, er habe die erste Krippe aufgebaut. Jeder von uns warf einen Groschen in die Sammelbüchse des Negerkindes und freute sich, wenn es zum Dank nickte.
Es war üblich, an den folgenden Sonntagen nach Einbruch der Dämmerung befreundete Familien zum „Krippkes bekieken“ zu besuchen und am „brennenden“ Tannebaum (so sagte man, denn es gab nur echte Kerzen am Baum) zu singen und Weihnachtsgedichte aufzusagen. Zur Belohnung durften die Kinder etwas Süßes vom Tannenbaum nehmen. Ein besonderes Erlebnis war der Tannenbaum bei Rieländers. Sie hatten einen drehbaren Christbaumständer mit einer eingebauten Spieluhr, die „Vom Himmel hoch, da komm ich her...“ spielte. Wir konnten um den rundum geschmückten Baum herumtanzen. Wenn der Tannenbaum nadelte, durfte alles Essbare „geplündert“ werden.
Das war das Ende der wunderschönen Weihnachtszeit.


Bilder: Archiv der Altstadtfreunde Warendorf

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule tätig war.
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

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