Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

 Dr. Lohmann und Witwe Schmitz
Familiengeschichte rund um das Haus Klosterstraße 7
von Eugenie Haunhorst

Über dreißig Jahre lang war Sanitätsrat Dr. Bernhard Lohmann Eigentümer und Bewohner des schönen Hauses Klosterstraße 7.

Er war der Bruder meiner Mutter und für unsere kinderreiche Familie der Helfer in allen medizinischen Notfällen. Seine Tochter Therese blieb sein einziges Kind und schenkte ihm mit ihrem Mann Aloys Kohstall zwölf Enkelkinder.

Zu einem fröhlichen Familientreffen versammelten sich im Sommer 2004 die noch lebenden neun Kinder mit ihren Ehepartnern im schönen Tapetensaal des großväterlichen Hauses an der Klosterstraße 7. Durch die weit geöffneten Gartentüren durchflutete das Sonnenlicht das Sälchen und ließ die 180 Jahre alten, in Paris gedruckten Tapeten in ihren schönsten Farben erstrahlen.

Schnell kamen die Erinnerungen an die Erzählungen der Großmutter, zu den Geschichten des Telemach, die im Salon dargestellt sind und den sagenumwobenen Inkas im Gartensaal. Mit einem guten Tröpfchen wurde auf das Wohl der Großeltern angestoßen und der Eltern, die 1923 in diesen Räumen ihre Hochzeit gefeiert haben.

Natürlich wurde die schöne Geschichte erzählt, wie die Großeltern sich kennen gelernt haben: Es war im Jahr 1919. Bernhard Lohmann wollte sich nach vier Jahren Krieg in Warendorf als Arzt niederlassen und suchte ein geeignetes Haus für die Arztpraxis und seine kleine Familie. Er lebte allein mit seiner Tochter Therese, seine Frau war im Krieg gestorben. Die Witwe des Medizinalrats Dr. Schmitz bot ihm das Haus Klosterstraße 7 an. Es gefiel ihm auf Anhieb und es gefiel ihm sehr, die Medizinalrats-Tradition dieses Hauses fortsetzen zu dürfen.

Schmerzlich war der Verkauf des Hauses für die Witwe Sophie Schmitz geb. Brinkhaus. Sie musste nun ihr Elternhaus verlassen, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte und das sie über alles liebte. So traf es sich wunderbar, dass Bernhard Lohmann sich in die überaus charmante und liebenswerte Sophie Schmitz verliebte. Nach kurzer Zeit zog Sophie als Frau des neuen Medizinalrats Lohmann wieder in ihr Elternhaus ein.

 

Sie wurde eine liebevolle Mutter für Therese und später den zwölf Enkelkindern eine wunderbare Großmutter. Der Höhepunkte eines jeden Besuches bei den Großeltern war, wenn Großmutter Sophie die großen Flügeltüren des Tapetensaales öffnete und die Kinder in die Welt der Sagen entführte.

Mit großer Anschaulichkeit schilderte sie an Hand der Szenen auf den Bildtapeten die abenteuerliche Fahrt des Telemach, der seinen Vater Odysseus suchte, sich aber in die Nymphe Eucharis ver­liebte und darüber die Suche nach seinem Vater vergaß.

Großmutters Augen begannen zu funkeln, wenn sie erzählte, dass sich auch Kalypso in Telemach verliebte und ihn erst das brennende Schiff wieder auf den Weg zu seiner eigentlichen Aufgabe zurück brachte.

 

 

Familie Kohstall am Weißen Sonntag 1933Sophie lebte ganz in der Welt der Geschichten und freute sich, ihre Begeisterung weitergeben zu können, daran erinnern sich die Enkel noch heute gern. Auch das morgendliche Frühstück auf der Veranda im Schatten des großen Birnbaums ist ihnen in lebhafter Erinnerung geblieben. Ihr Blick fiel dann auf die schmale Brücke, die über die Ems direkt zur Firma Brinkhaus führte. Sophie erzählte gern, wie sie ihren Vater Hermann Josef Brinkhaus begleiten durfte, wenn er über diese Privatbrücke allmorgendlich zur Firma ging.

Der Höhepunkt ihrer Erzählungen aber war die romantische Geschichte ihrer Großeltern. Über diese kleine Brücke flüchtete nächtens die 17jährige Maria Anna Katzenberger zu ihrer großen Liebe, dem Kreissekretär Gottfried Heinrich Ostermann. Er war königlich preußischer Premierleutnant und hatte 1813 aus den Befreiungskriegen das Eiserne Kreuz mitgebracht. Aber auch diese hohe Ehre half ihm nichts, die Eltern Katzenberger stimmten einer Hochzeit mit ihrer Tochter nicht zu, denn Ostermann war evangelisch. Die gemeinsame Flucht des verliebten Paares drohte jedoch zu einem noch größeren Skandal zu werden, darum gaben die Eltern notgedrungen ihre Einwilligung. Am 10.10.1820 fand die glanzvolle Hochzeit des jungen Paares statt, vielleicht schon in dem schönen Saal, die Bildtapeten wurden allerdings erst vier Jahre später angebracht.

All diese Geschichten wurden bei dem Familientreffen erneut erzählt, die alte Zeit wurde wieder lebendig, auch die Kriegsjahre, in denen zeitweise mehrere Enkelkinder hier bei den Großeltern lebten. Im Saal und im Gartenzimmer waren Flüchtlinge untergebracht und es hat Großmutter Sophie fast das Herz gebrochen, als ihr Mann Bernhard Löcher in die Wände mit den Bildtapeten schlug, um Ofenrohre für die Kanonenöfen ins Freie zu führen. Aber, so sagte er, die Not kommt vor der Kunst.

Dr. Bernhard Lohmann segnete 1950 im Alter von 82 Jahren das Zeitliche. Sophie lebte bis zu ihrem Tode 1952 in ihrem schönen Elternhaus an der Klosterstraße. Vergnügt erzählte sie ihren zahlreichen Besuchern, dass sie in diesem Haus mit zwei Männern glücklich Silberhochzeit gefeiert hat.


Haus Lohmann in der Klosterstraße 7

Nach ihrem Tode gab es keine Familienmitglieder mehr in Warendorf, die das schöne Familienanwesen hätten nutzen können. Therese verkaufte das Haus an den Architekten Josef Wörmann, der die Schätze dieses Hauses hoch in Ehren hielt. Seit 1982 gehörte das Haus mit den Bildtapeten der Pfarrgemeinde St. Laurentius, jetzt ist es in Privatbesitz. Seit vielen Jahren ist dieses schöne Haus ein wichtiger Teil des Dezentralen Stadtmuseums der Stadt Warendorf.

 
Mechtild Wolff (c 2010), Bilder: Archiv Wolff, Archiv der Altstadtfreunde

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