Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Eugenie als Schülerin 1921Wie stolz waren wir, als wir vor 50 Jahren unseren ersten Kühlschrank bekamen. Erfindergeist und die Elektrifizierung hatten den Schritt vom Eisschrank zum Kühlschrank gemacht. Der Eisschrank war etwa ab 1900 eine nützliche Einrichtung für Hotels und Großbetriebe. Heimatverein Warendorf: Eiskeller an der KolkstiegeDiese Kühlmöglichkeit wurde durch Eis, natürliches und später künstliches, möglich gemacht. Auch in einigen Privathaushalten gab es diese recht unförmigen Eisschränke, die sehr teuer waren. Der Nutzraum war klein, denn dieser Schrank wurde mit Eis gefüllt.

Aber woher kam das Eis? In Warendorf war das Wasser der Ems hier sehr nützlich. Ich gehe mit meiner Erzählung zurück in die 20er-Jahre. Die Winter waren damals sehr kalt, 20 Grad unter 0 waren damals keine Seltenheit. Die Ems war wochenlang zugefroren. 1927 und 1928 konnten wir über drei Wochen lang auf der zugefrorenen Ems Schlittschuh laufen. Natürlich oberhalb des Wehres, also liefen wir von der Emsbrücke bis zur Herrlichkeit oder bis zu Bauer Sechelmann in Vohren. Unterhalb der Stadt gab es den Emskamp, einen toten Emsarm am Münstertor, am Ende der Fischerstraße gelegen. Ein etwa drei Meter breiter Uferweg trennte diesen alten Emsarm von der nördlich vorbeifließenden Ems.

Heimatverein Warendorf: Ausssägen von EisblöckenBei jedem Hochwasser füllte sich der Emskamp bis zum Rand mit Wasser aus der Ems. Auf diesem stehenden Gewässer bildete sich bei Frost eine dicke Eisdecke..
Der Eiskellerbesitzer Ahlke heuerte Kötter und Landwirte an, die sogenannten Eisbauern, die in mühevoller Arbeit dieses Eis in seinen Eiskeller brachten. Die starken Männer sägten oder sprengten Löcher in die Eisdecke und zogen mit Eisharken die großen Eisstücke heraus und brachten sie oft mit schwerem Gerät an Land.

Große Kastenwagen wurden mit dem Eis beladen. Zwei dicke, schwere Belgier Pferde mussten harte Arbeit leisten, wenn sie den Wagen die hartgefrorene Böschung am Emskamp hochzogen. Mit anspornenden Zurufen und Peitschengeknall ratterte das Pferdefuhrwerk dann über die Brinkstraße, den Wilhelmsplatz, durchs Münstertor, über den Münsterwall, um die Neue Kirche herum und durch die Hohe Straße zu Ahlkes Eiskeller an der Kolkstiege. Diese mit Eis beladenen Wagen donnerten mehrmals am Tage über das gefrorene Steinpflaster an unserem Haus vorbei und erregten immer wieder das Interesse von uns Kindern. Wir liefen hinter dem Wagen her bis zum Emskolk und beobachteten voller Spannung, wie das Eis durch Fensterlöcher über Holzrutschen in die Tiefe des Kellers befördert wurde. Setzte Tauwetter ein, wurden die Fenster des Eiskellers schnell zugemauert. Heimatverein Warendorf: Eisbauern ziehen ausgesägte Eisblöcke aus den Teichen

Dieser Eiskeller war so kalt, dass die Eisblöcke bis zum nächsten Winter gefroren blieben.
Bis heute ist der fensterlose Bau des Eiskellers an der Kolkstiege zu sehen. Besonders im Sommerhalbjahr brachte die Nutzung des Eises Arbeit und Verdienst. Im Innenhof der Firma Ahlke an der Lüningerstraße wurde die schwere Eisentür zum Eiskeller geöffnet und das Eis nach Bedarf herausgeholt.

Eisschränke mussten regelmäßig mit neuem Eis befüllt werden. Die Versorgung klappte auf Bestellung. Ein starker Mann brachte den dicken Eisblock ins Haus. Als Schutz gegen die Kälte und das Tropfwasser hatte er über der linken Schulter einen Lederschurz. Darauf legte er das großes Stück Eis, später eine Eisstange, etwa 40-50 cm lang und 15 cm im Durchmesser. Sie wog bis zu 45 kg und wurde mit 2 Eisenharken hochgehievt.Hauptabnehmer waren Restaurants, Hotels und Fleischereien, aber auch Apotheken und Krankenhäuser. Lebensmittelvorräte und Medikamente hatten durch die Kühlung eine wesentlich längere Haltbarkeit. Getränke, vor allem das Bier, wurden schon damals gern gekühlt getrunken.

Diese so genannten Eiskisten baute jeder Betrieb nach Bedarf. Gut isoliert und immer mit Eis gefüllt waren sie die Vorstufen für die Kühlschränke. Diese Art der Kühlung war mit viel Arbeit verbunden, aber man war froh, eine Kühlmöglichkeit zu haben. Erst durch die Elektrifizierung im ganzen Land entwickelte die Industrie ein breites Angebot an Kühlschränken, Kühltruhen und großen Kühleinrichtungen.Man macht sich heute keinen Begriff mehr von der Mühe, die es noch vor 50 Jahren kostete, die täglichen Lebensmittel kühl und haltbar zu machen. Im Sommer gehörte es zu den täglichen Notwendigkeiten, nach jeder Mahlzeit die Lebensmittel in den Keller zu tragen. Im Winter stellte man sie draußen auf die Fensterbank.
 

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule  tätig war.
Bild: Archiv der Altstadtfreunde Warendorf
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

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