Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Die Familien am Wilhelmsplatz in den schweren Jahren nach dem ersten Weltkrieg

Eugenie als Schülerin 1921Der Wilhelmsplatz liegt außerhalb der Warendorfer Stadttore, hinter Wall und Graben. Er war das Reit- und Übungsgelände der Pferde des Landgestüts, das sich bis 1889 am Münstertor befand.Heimatverein Warendorf: Marktszene am Wilhelmsplatz um 1920

Zur Stadt hin bildete der alte Stadtgraben die Grenze. Eine breite Brücke führte über den Graben in die Stadt. Auf Bitten des damaligen Bürgermeisters Schnösenberg schenkt 1823 der Preußische König Friedrich Wilhelm III. der Stadt Warendorf die Torpfeiler aus der 1803 säkularisierten Zisterzienserabtei Marienfeld. Sie wurden am Münstertor aufgebaut und verschönern seither diesen Eingang in unsere Stadt. Der angrenzende Platz benannte man zum Dank „Friedrich-Wilhelm-Platz“, später kurz Wilhelmsplatz.

Schon vor 1900 wurden die Häuser auf der Westseite des Platzes erbaut. Von ihren Bewohnern aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg möchte ich erzählen.

Die Nachkriegszeit war überall spürbar. Der Wilhelmsplatz war verwildert, Holz wurde gelagert, für Kinder ein ideales Spielfeld. Abwechselung gab es durch den Viehauftrieb zu Fettmarkt, die Kirmes zu Mariä Himmelfahrt und zu Fettmarkt und durch die durchziehenden Zigeuner, die hier lagerten.
Die am Wilhelmsplatz wohnenden Familien hatten ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, einige waren freundschaftlich verbunden. Doch hinter den verschlossenen Türen gab es viel Not und Sorge in den kinderreichen Familien. Eine Versorgung aus der öffentlichen Hand gab es nur selten.

Im Hause Blenker an der Ecke zum Wilhelmsplatz wohnte die Witwe Brügge mit 11 Kindern. Drei Kinder waren als Kleinkinder gestorben.
1914 war Familie Brügge nach Warendorf gezogen. August Brügge hatte in der Firma Hagedorn Arbeit gefunden. Schon im März 1916 verlor die Familie ihren Vater und Ernährer durch einen plötzlichen Tod. Geldliche Reserven waren nicht vorhanden. Die großen Söhne waren schon in der Ausbildung oder im Beruf. Drei der vier Töchter wurden Ordensschwestern.
 
Heimatverein Warendorf: "Langer Jammer" am WilhelmsplatzWegen der geringen Geldmittel musste Frau Brügge mit den Kindern aus der großen Wohnung im Parterre in das Dachgeschoss ziehen, später sogar in die Scheune. Wenn die Miete nicht bezahlt werden konnte griff der Hausbesitzer hart durch. Beihilfen aus Sozialfonds gab es in diesen schweren Nachkriegsjahren nur für ganz schwierige Notlagen. Erst als auch die jüngeren Kinder Geld verdienten war die schlimmste Zeit vorbei und Familie Brügge konnte sich wieder in eine bessere Wohnung leisten.

Mit Anna Brügge verbindet mich ein besonderes Erlebnis. Sie war im November 1900 in Neuenkirchen geboren, wie alle ihre Geschwister. Am Ende ihrer Schulzeit etwa 1914 half sie meiner Mutter als Kindermädchen. Ich war damals ein Kleinkind und wurde oft von Anna im Sportwagen ausgefahren. Anna hatte mich sehr in ihr Herz geschlossen und ich mochte sie auch sehr gern.
Anna wurde Ordensschwester und war 1930 als Stationsschwester im Krankenhaus in Geldern tätig. Ich war zur Ausbildung in der Landfrauenschule in Geldern. Während eines Krankenhauspraktikums kam ich auf ihre Station. Schwester Eutalia – so hieß Anna Brügge jetzt – erkannte mich sofort, ich sie aber leider nicht. Nach Vorschrift des Ordens durfte sie nicht über persönliche Dinge reden. Wenn das Gespräch auf Warendorf kam und auf das Sophienstift, einem beliebten Erholungsort der Clemensschwestern, brach sie in Tränen aus und lief in die Kapelle. Ich konnte mir ihr Verhalten überhaupt nicht erklären.
Die arme Anna war schwer krank. Sie starb schon am 28.2.1931. Diese erschütternde Tatsache erfuhr ich Jahre später in einem Gespräch mit ihrer Schwester Hanna. Erst da wurde mir klar, wer Schwester Eutalia war und warum meine Gegenwart ihr das Herz so schwer gemacht hatte.

Im Eckhaus zur Wilhelmstraße betrieb die Familie Merkel-Huster einen Eisenwarenhandel mit Verkauf von Melkeinrichtungen und Haushaltswaren aller Art. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich diese Branche so rasant, dass die Firma Huster Bispings Scheune (Ecke Brinkstraße) kaufte und 1933 ein großes, modernes Geschäft für Haushaltswaren, elektrische Geräte und Installationen erbaute.

Beim Nachbarn, dem Anstreicher Langenbach, sah man den alten Oskar oft vor der Tür sitzen, immer seine lange Pfeife rauchend. Das Familienleben spielte sich fast bei jedem Wetter hier im Anblick des Wilhelmsplatzes ab. Oskar Langenbach kam aus dem evangelischen Bielefeld und heiratete eine hübsche Bauerntochter aus Vohren.
Neben ihm vor der Haustür saß oft seine Tochter Friedchen und schälte die Kartoffeln. Sie war groß und dünn. Mit hochgezogener Schulter, langen schwarzen Kleidern, Schlappen an den Füßen schlurfte sie durchs Haus. Sie litt unter den Folgen einer Hirnhautentzündung, an der sie mit 18 Jahren erkrankt war.
Bei gutem Wetter gesellte sich samstags Sohn Oskar dazu. Er reparierte und schraubte an seinem Motorrad herum, damit er am Sonntag seine Runden mit lauten Knattern auf dem Wilhelmsplatz drehen konnte, zum Gaudi der Nachbarjugend.Heimatverein Warendorf: Münstertor um 1925

Neben dem Nachbarn Terwort bewohnte die Familie Hagemeyer ein großes Haus. Engelbert Hagemeyer war Metzgermeister. In dem Geschäftshaushalt mit sieben Kindern, Lehrjungen und Gesellen musste viel organisiert und geleistet werden. Die Mutter leitete nicht nur den großen Haushalt, sondern auch das Geschäft. Um 1900 hatte das junge Ehepaar das Haus am Wilhelmsplatz gekauft, und das Leben einer großen Familie begann. Sieben Kinder wurden großgezogen - ein Zwillingskind starb kurz nach der Geburt.

Im Metzgerladen wurden frisches Fleisch und die Erzeugnisse der Wurstküche verkauft. Der erste Weltkrieg brachte große Probleme, Engelbert Hagemeyer wurde eingezogen. Das Geschäft konnte ohne Metzgermeister nicht betrieben werden. Wovon sollte die große Familie leben? Mutter Hagemeyer nahm Seminaristen als Kostgänger ins Haus. Die eigene Familie mit Lehrjungen zählte schon mehr als 10 Esser, nun musste für 16 - 20 junge Leute gesorgt werden. Als Vater Hagemeyer nach dem Krieg seine Arbeit wieder aufnehmen konnte und sich die Lebensmittelversorgung langsam besserte, ging es aufwärts. Er kaufte Vieh ein, verkaufte die Produkte aus Schlachterei und Wurstküche im Laden und fuhr jeden Samstag früh um 4 Uhr mit Pferd und Wagen zum Wochenmarkt nach Münster auf dem Domplatz. Bei Eis und Schnee bekamen die Pferden Socken über die Hufe gezogen, damit sie nicht rutschten.
Wir spielten gern bei Hagemeyers, denn Kathrinchen, die Jüngste, war unsere lebenslange Freundin. Zu Weihnachten wurde es besonders spannend in der Großfamilie. Im Wohnzimmer bauten die Brüder mit viel Geschick und Phantasie die Weihnachtskrippe auf, mit kleinen Seen, einem Wasserfall und ganz vielen Tieren.

Nachbar Wittenbrink war Schreinermeister. Das Holz für die Bauschreinerei lag in den ersten Jahren nach dem Krieg auf dem Wilhelmsplatz. Die Kinder spielten dort gerne, bis ein Unfall passierte. Hanna, Fitti, Fina und Bernhard Wittenbrink waren in unserem Alter. Das fünfte Kind kam sehr tragisch ums Leben. Es aß ein paar Stücke Seifenstein, die wie Bonbons aussahen und starb an den inneren Verbrennungen. Ich erinnere mich noch genau an den kleinen, weißen Sarg, in dem das niedliche Mädchen lag. Zum ersten Mal erlebten wir hier den Tod aus nächster Nähe. Zum Trost bedeckten wir das weiße Kleidchen mit Heiligenbildchen, so war es früher üblich.

Das Eckhaus zur Münsterstrasse überließ Anton Hagedorn dem Schmiedemeister Buck. Das Fachwerkhaus mit der Schmiede war jahrzehntelang der Blickfang an der Straße nach Münster. Das Schmiedefeuer sah man schon von weitem. Der Ambos stand mitten der Schmiede und wir guckten stundenlang zu, wie die Pferde mit neuen Hufeisen beschlagen wurden. Mit Schaudern sahen wir, wie die glühenden Eisen auf die Hufe der Pferde gepresst wurden, um dann angenagelt zu werden. Der Qualm und der Gestank von verbranntem Horn machten uns Angst. Außerdem taten uns die Pferde leid, obwohl sie all das mit stoischer Ruhe über sich ergehen ließen.
Während des Krieges und in der Nachkriegszeit war das Schmiedehandwerk sehr gefragt. In den 30er Jahren wurde der Handel mit Motorrädern und später auch Autos, Opel natürlich, immer wichtiger und verdrängte langsam den Schmiedebetrieb. Frau Buck musste für eine große Familie sorgen. 11 Kinder hatte sie geboren, von denen zwei als Kleinkinder starben. Die Söhne hatten Glück, sie waren für den Wehrdienst noch zu jung und konnten das Schmiede- und Wagenbauerhandwerk erlernen.

Der große Backsteinbau auf der anderen Straßenecke war im Besitz der Familie Maas. Herr Maas hatte ein Geschäft mit einer Werkstatt. Der Krieg war die 1. Notzeit für die Familie. Der Vater kehrte nach einigen Soldatenjahren zu Familie und Geschäft zurück, aber das Glück währte nicht lange. Ende 1918 starb Herr Maas nach kurzer Krankheit. Frau Maas stand mit ihren 6 Kindern mittellos da. Gespartes Geld oder gar eine Rente waren nicht vorhanden. Das Haus mit dem Geschäft wurde zur Versorgungsgrundlage. Die große Familie war auf jeden Pfennig Verdienst angewiesen, darum vermietete Frau Maas das Haus und zog mit der großen Familie in die kleine Dachwohnung. Dort nähte sie im Stücklohn Arbeitskleidung.
Aufgrund freundschaftlicher Beziehungen wurde Metzgermeister Engelbert Hagemeyer Vormund der Kinder. Er war schon 1903 Hermanns Taufpate geworden und hat ihm später geholfen, Pater zu werden, das war Hermanns innigster Wunsch.
Erst als Therese, Hanna und Adele genug Geld verdienten, konnte eine größere Wohnung bezogen werden. Anni wurde Ordensschwester, so war auch sie versorgt. Elisabeth, die jüngste Tochter, ein liebes, frommes Mädchen, war meine Mitschülerin, sie starb schon 1926.
In der Familie Maas wurde viel gebetet; wir Nachbarkinder haben oft am Abend den Rosenkranz mit ihnen gebetet.

Durch die Kinder Irma und Walter kamen wir auch in das Nachbarhaus zum Viehhändler Hugo Spiegel. Irma und Walter besuchten mit uns die Volksschule. Frau Spiegel war eine sehr freundliche Frau. Wenn vor Ostern das Paket mit den Matzen auf dem Küchentisch stand, durften wir davon nehmen, soviel wir wollten. Aber so gut schmeckten sie uns auch wieder nicht, sie klebten so an den Zähnen.  Ein großes, aber sehr leichtes Paket Matzen brachten wir zu Irmas Onkel, dem Viehhändler Arnold Spiegel und seinen Schwestern Ella und Frieda. Die beiden Schwestern betrieben ein Trikotagengeschäft in der Altstadt am Ende der Münsterstraße.

Das Halbrund des bebauten Wilhelmsplatzes endete mit dem Haus des Bürgermeisters Hugo Ewringmann. Seit 1904 lebte das Oberhaupt unserer Stadt hier am Wilhelmsplatz Nr.8 mit seiner Frau und den acht Kindern. Die liebenswerte, zierliche Frau Selma Ewringmann verlor bei der Erziehung ihrer lebhaften Kinder (zwei Töchter und sechs Söhne) mit viel Singen, Lachen, Krach, Musik, Schulaufgaben nie ihren Humor. Damit alle Kinder eine gute Ausbildung bekommen konnten, sparte sie eisern. Sie nähte viel für die Kinder und aus den alten Glacéhandschuhen ihres Mannes machte sie sehr beliebte, weiche Bälle zum Spielen.
Ihren Aufgaben als Frau des Bürgermeisters kam Frau Ewringmann gewissenhaft nach. Hatte der Bürgermeister von dem wohlhabenden Amsterdamer Goldschmied Heinrich Miele, einem geborenen Warendorfer, mal wieder eine ansehnliche Geldsumme bekommen, so verteilte Frau Ewringmann das Geld gerecht in Umschläge und brachte es im Halbdunkel, begleitet von ihrer Tochter Hanni, zu den Ärmsten der Armen.
Auf der Liste standen auch die Bewohner des langen Jammers an der Südseite des Wilhelmsplatzes.

Hinter dem Wilhelmsplatz war die Ziegenbockstation. Zu bestimmten Zeiten zogen die zumeist alten Frauen die weiblichen Hippen an einem Strick über den Wilhelmsplatz. Die stanken immer ganz furchtbar. Es gab viele Hippen in Warendorf. Sie wurden die Kuh des kleinen Mannes genannt. Zur jährlichen Hauptversammlung des Ziegenzuchtvereins, dessen Vorsitzender der Bürgermeister war, kam in jedem Jahr der Ziegenbaron „Dr. Meck Meck“, Professor Landois persönlich aus Münster. Er hatte ein offenes Ohr für die Not der kleinen Leute und half, wo er konnte.

Am Leben der Wilhelmsplatz-Familien lässt sich erkennen, wie schwer die Nachkriegsjahre waren. Die Inflation verschlimmerte die Lage, die Menschen mussten hart um das tägliche Brot kämpfen. Wie gut, dass es in größter Not nachbarschaftliche Hilfe gab.
 

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule  tätig war.
 

Bilder: Archiv der Altstadtfreunde Warendorf
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

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