Erlebte Geschichte in Warendorf von Eugenie Haunhorst

Das Hochfest Mariä-Himmelfahrt in Warendorf Anfang des 20. Jahrhunderts

Eugenie als Schülerin 1921Die Feierlichkeiten zu Mariä-Himmelfahrt waren zu meiner Kinderzeit der Höhepunkt des Jahres. Seit nun schon über 250 Jahren wird dieses Fest in Warendorf gefeiert. die Madonna von Warendorf
Unser Vater erzählte uns jedes Jahr wieder die schönen Geschichten von Gertrud, der gelähmten Tochter des Bäckers Rolf und von der blinden Ursula, die durch die wunderbare Hilfe der glorreichen Muttergottes von Warendorf geheilt wurden.

Schon Wochen vor dem Fest breitete sich in der Innenstadt eine rege Geschäftigkeit aus. Wer sein Haus neu streichen musste, tat es so, dass es zu Mariä-Himmelfahrt in neuem Glanz erstrahlte. Fenster wurden gestrichen, die Straßen ausgebessert, schmutzige Ecken wurden aufgeräumt.

Heimatverein Warendorf: Bogen an derr Freckenhorster Straße um 1920In der Woche vor dem Fest holten die Aktiven der Bogengemeinschaften die eingelagerten Triumpfbögen hervor, überprüften und reparierten sie. Neun Bögen wurden auch damals von den jeweiligen Nachbarschaftsgemeinschaften aufgebaut. Dabei ging es sehr fröhlich zu, und es wurde manches Bier und manches Schnäpschen geleert. Genau so ist es auch heute noch!
Wir Kinder verfolgten mit großer Spannung den Aufbau der Bögen, besonders liebten wir das Probeausleuchten. Aus Hunderten von kleinen Löchern strömte das Gas - damals war es noch Kokereigas aus der Warendorfer Gasanstalt. Es erzeugte eine blaue Flamme. Mit einem „Blubb“ erstrahlte der Bogen in hellem Flammenmeer. Wunderschön!

Am Mariä-Himmelfahrts Samstag erreichten die emsigen Vorbereitungen ihren Höhepunkt. Die Marienstatuen wurden auf die Bögen gestellt und mit Blumen geschmückt. Den Marktbogen zierten nun die sechs Posaunenengel. Die meisten Bögen waren vierständrig, sodass oben ein Boden eingebaut war, auf dem am Abend die Musikkapelle sitzen konnte. In der ganzen Innenstadt herrschte rege Geschäftigkeit. Die Straßen wurden sauber gefegt, wie in einer Wohnstube. In den Schaufenstern, Hauseingängen und Wohnungsfenstern wurden Marienaltärchen aufgebaut und mit wunderschönen Heimatverein Warendorf: Bogen an der Brünebrede um 1930Blumen aus dem Garten geschmückt. Die rot-weiße Kirchenfahne wurde herausgehängt, und an vielen Häusern standen lange Leitern zum Anbringen der Wimpelketten. Auch bei uns zu Hause herrschte Mariä-Himmelfahrts Trubel. Zum Festtag kamen selbstverständlich alle Kinder nach Warendorf, auch die auswärts Studierenden.

Am Giebelfenster unserer Wohnung in der Münsterwallschule wurde die rot-weiße Fahne gehisst, weiß nach außen, denn es stand ja ein kirchliches Fest bevor. Sonntag abends wurde umgehängt, rot nach außen, für das weltliche Schützenfest. Unser Bruder Otto war schwindelfrei, er überprüfte die Haken in den 11 Fenstern. Der Kasten mit den roten Fackeln wurde vom Dachboden geholt, überprüft und schadhafte Fackeln durch neue ersetzt. Jede Fackel - erst später sagte man „Bunge“ - bekam eine Weihnachtskerze. Die Brenndauer einer Kerze reichte gerade für den Festbeleuchtungsabend. Elektrische Beleuchtung für die Bungen gab es noch nicht. Die Kerzen mussten gerade und fest in die Fackel eingepasst werden, sonst war die Pracht von kurzer Dauer und die Fackel ging in Flammen auf. Aber auch ein kleiner Windstoß brachte so manche Bunge zum Abbrennen.

Wegen der Feuergefahr blieb bei uns immer ein Familienmitglied während der Stadtbeleuchtung zu Hause, als Brandwache sozusagen. Es gab noch keine Sommerzeit, darum wurde es schon um halb neun dunkel. Wir Kinder nahmen unsere Fackel in die Hand und gingen mit unseren Eltern und Geschwistern durch die Stadt. Ich erinnere mich gut an das Geschiebe in den Straßen. Von „weit und breit“ kamen die Besucher nach Warendorf, es wurden sogar Sonderzüge eingesetzt, denn wer hatte damals schon ein Auto!

Heimatverein Warendorf: Marktbogen um 1930 - illuminiertIn der beleuchteten Stadt war eine zauberhafte Stimmung. Auf jedem der neun Bögen saß eine Blaskapelle, die Marienlieder spielte. Es war selbstverständlich, dass alle Besucher des Festabends die Marienlieder während des Ganges durch die Stadt mitsangen. Nach einer oder zwei Strophen hatte man den nächsten Bogen erreicht und stimmte in das dort gespielte Lied mit ein.
Wir bewunderten die schön gestalteten Marienaltärchen in den Fenstern und Hauseingängen. Aus den Kirchen drang festliche Orgelmusik. Dicht gedrängt zogen die Gläubigen in der Alten Pfarrkirche zum Gnadenbild der wundertätigen Muttergottes. Manchmal bekamen wir dort ein Heiligenbildchen.
Wie schön, dass diese Tradition sich fast unverändert erhalten hat und von den Warendorfer Bürgern so liebevoll gepflegt wird. Nur die brennend herunter fallenden Bungen gibt es nicht mehr. Wir Kinder fanden dieses „Abfackeln“ immer ganz besonders spannend.

Am Sonntag in der Frühe um 5 Uhr begann wieder das emsige Treiben. Die Straßen wurden gereinigt und für die Prozession mit Fähnchen und besonders schönen Blumen geschmückt. Unschöne Ecken wurden mit „Maien“, das sind Birkenzweige, kaschiert. Die „Gosse“ deckte man mit großen Farnblättern zu. Das war damals wirklich notwendig, denn durch die Gosse lief das schmutzige Abwasser. Erst mit der Abwasserkanalisation wurde dieser Zustand beendet. Viele fleißige Hände errichteten die vier Segensaltäre. Wir durften an der Neuen Kirche helfen. Dafür hatten wir am Vortag in unserem Garten die schönsten Blumen gepflückt.

Pünktlich zum Beginn der Mariä-Himmelfahrts-Prozession war die Stadt festlich herausgeputzt. Heimatverein Warendorf: die große Stadtprozession auf der BrünebredeBeide Pfarreien beteiligten sich schon damals an der Großen Stadtprozession. Die Vielzahl der Geistlichen, alle in festlichen Gewändern, hat uns immer sehr beeindruckt, dazu die Patres aus dem Franziskanerkloster. Zu dieser Zeit gab es noch sehr viele Patres in Warendorf. Alle trugen Sandalen, Socken trugen sie nicht einmal im Winter. Vor allen Häusern wehten die weiß-roten Kirchenfahnen, Muttergottesbilder hingen in den Fenstern, und vor den Häusern waren Altärchen mit Heiligenfiguren aufgebaut, ausgestattet mit üppigem Blumenschmuck. Prachtvolle bunte Blumenteppiche schmückten die Straßen.

Die Prozession wurde angeführt von den „Engelchen“ in ihren weißen Kleidchen und dem Kränzchen auf dem Kopf, begleitet von einer Lehrerin. Danach kamen wir Kommunionkinder in unseren weißen Kleidern. Wir trugen stolz ein Körbchen mit Rosenblättern und Blumenknospen. An jedem Segensaltar streuten wir einige Blumen auf den Teppich vor dem Altar. Das war für uns alle ein wunderschönes Erlebnis.

Uns folgten die Jungfrauenkongregation und der Mütterverein. Vier auserwählte, „reine“ Jungfrauen durften die wundertätige Muttergottes, mit einem prächtigen Brokatkleid bekleidet, auf einer Sänfte durch die Reihen der Gläubigen tragen.
Der Höhepunkt war der Baldachin, unter dem, umgeben von einer großen Anzahl hoher Geistlichkeit, ein Priester, manchmal sogar der Bischof, das Allerheiligste trug. Unter Glockengeläute und lateinischen Gesängen wurde das Allerheiligste auf den reich mit Blumen geschmückten Heimatverein Warendorf: Martha Götting: MarktbogenStraßenaltar getragen, von dem aus ein Segen gegeben wurde. Hinter dem Himmel mit dem Allerheiligsten gingen der Bürgermeister und die Stadtväter, alle im Gehrock mit Zylinder und weißen Handschuhen. 1924 waren erstmalig drei weibliche Stadtverordnete bei der offiziellen Delegation, elegant im Schwarzseidenen mit Glacéhandschuhen. Eine Sensation damals. Danach folgten die Bürgerschaft und die Schulkinder. Alles hatte seine feste Ordnung!
Der letzte Segen auf dem Markt war der Höhepunkt. Wir erlebten in einem großen Kreis stehend den Einzug der festlichen Prozession und den Segen. Danach zogen die Kirchenchöre singend zur Laurentiuskirche, gefolgt von den Gläubigen. Nach dem „Tantum Ergo“ und dem Schlusssegen in der Kirche gingen wir unter feierlichem Glockengeläute in gehobener Stimmung, aber redlich müde, nach Hause.

Eugenie Haunhorst wurde  als drittes von fünf Kindern am 12. 12. 1912 in Warendorf geboren. Ihre Eltern waren Eugenie und  Eduard Göcke, der als Lehrer an der Münsterwallschule  tätig war.

 

 

Bilder: Archiv der Altstadtfreunde
alle Rechte vorbehalten: Eugenie Haunhorst 2006

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