Das Portrait: Elisabeth Schwerbrock
*3.2.1886 in Freren bei Lingen
+22.1.1984 in Warendorf
von Mechtild Wolff

Elisabeth Schwerbrock war eine Dame, eine Dame, wie Madame Pappritz sie sich gewünscht hätte, höflich und liebenswürdig, aber auch zielstrebig und durchsetzungsfähig und natürlich immer korrekt und elegant gekleidet. Ihr Auftreten strahlte Würde und Ernsthaftigkeit aus. Durch ihre Heirat mit Josef Schwerbrock (1882-1956) war sie in die alteingesessene Kaufmannsfamilie Schwerbrock gekommen, die schon seit 1776 am Krickmarkt Nr. 8 mit einem vielseitigen Textilgeschäft etabliert war.

Mit den Jahren wurde Elisabeth Schwerbrock die gute Seele des damaligen Modehauses, die die Zügel fest in der Hand hielt. Der hohe Anspruch, den sie an sich selbst hatte, galt auch für ihre Angestellten. So war es nicht verwunderlich, dass sich auch die Verkäuferinnen durch äußerste Liebenswürdigkeit und Sachkunde aus-zeichneten. Sie wussten genau, was die Kundschaft erwartete.

Wer waren die Kundinnen im Modehaus Schwerbrock? In der Mehrzahl die Frauen des gehobenen Bürgertums, der Warendorfer Kaufmannschaft, der Industrie und der höheren  Beamten, natürlich auch Arztfrauen, Rechtsanwaltsfrauen und die wohlhabenden Gutsbesitzerfrauen aus dem Umland, also all die Frauen, die „etwas auf sich hielten“, die durch ihre Kleidung zeigen wollten, dass sie etwas Besseres waren.

Eine langjährige Verkäuferin erzählte: „Wenn eine Kaufmannsfrau ins Geschäft kam, dann wussten wir: Sie hat es eilig, sie wird in ihrem Geschäft gebraucht. Die Kleidergröße konnten wir jeder Kundin sofort ansehen und wir kannten auch ihren Stil und ihre Vorlieben. Schnell erfuhren wir, für welchen Zweck das Kleidungsstück gebrauchte wurde und wir suchten aus dem reichhaltigen Angebot etwas heraus. Meistens war das erste Kleid schon das richtige, was sich beim Anprobieren schnell zeigte.“

Frau Schwerbrock hatte schon beim Einkaufen der neuen Kollektion die Bedürfnisse ihrer Kunden vor Augen und nach dem Eintreffen der neuen Ware rief sie gute Kundinnen an, für die sie etwas Besonderes mitgebracht hatte. Natürlich bot das Modehaus Schwerbrock nur Markenware von wohlrenommierten Firmen an und die Preise waren auch recht stattlich.

Wenn zu Mariä Himmelfahrt die Altstadt mit roten Bungen beleuchtet und die Schau-fenster festlich geschmückt wurden, war Schwerbrocks Schaufenster ein besonderer Anzie-hungspunkt, denn die Warendorfer wuss-ten, dass Frau Schwerbrock in jedem Jahr ein ganz besonderes Marien-bildnis ausstellte und es mit einer traumschönen Blumendekoration schmückte.

Neben ihren vielseitigen Aufgaben als Geschäftsfrau wollte Elisabeth Schwerbrock sich auch für ihre Heimatstadt engagieren. Schon 1929 wurde sie zur Stadtverordneten gewählt. Auch bei den Kommunalwahlen an 12. März 1933 zogen zwei Zentrums-Frauen in das Stadtparlament ein: die 59jährige Clara Schmidt und die 47jährige Elisabeth Schwerbrock. Aber die politischen Verhältnisse änderten sich schnell. Das Zentrum konnte sich trotz einer eindeutigen Mehrheit nicht gegen die NSDAP behaupten und löst sich am 5. Juli 1933 selbst auf. Der Bürgermeister und die Stadtverordneten wurden nun nicht mehr demokratisch gewählt, sondern sie wurden durch den Beauftragten der NSDAP ernannt. Die gewählten Politiker hatten nur noch beratende Funktion. Karl Zuhorn, der damalige Bürgermeister von Münster, nannte sie sehr bezeichnend „Nickköpper“. Das wollten aber die meisten der neu gewählten Zentrumsabgeordneten nicht sein. Auch Clara Schmidt und Elisabeth Schwerbrock standen für diese Politik nicht zur Verfügung, sie gaben ihr Mandat auf.

Während der Zeit der braunen Diktatur versuchte Elisabeth Schwerbrock nach Kräften, den in Not geratenen Warendorfern zu helfen. Das gefiel der Gestapo gar nicht. Sie wurde mehrere Male vor ein NS-Gericht gestellt, aber mit ihrer Zielstrebigkeit und ganz sicher auch mit ihrem Charme hat sie ihren Kopf immer wieder aus der Schlinge gezogen. Elisabeth Schwerbrock ließ sich nicht einschüchtern. Ihre tiefe Religiosität gab ihr Kraft und Stehvermögen.    

Mit dem Kriegsende war diese tägliche Gefahr zu Ende, die Not der Menschen aber war nicht behoben. Warendorf war überfüllt mit Evakuierten aus den zerbombten Großstädten, freien Wohnraum gab es nicht und der Kampf ums tägliche Brot war Normalität. Die Wasser- und Elektrizitätsversorgung reichte nicht aus und die völlig veraltete Kanalisation brach vielfach zusammen. Gut, dass viele Häuser in der Stadt noch eine eigene Senkgrube hatten.

 

Sehr überraschend kam nach Kriegsende noch eine zusätzliche Herausforderung auf das Landstädtchen Warendorf zu. Im September 1945 mussten Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten, vornehmlich aus Schlesien und Ostpreußen, in dem zentralen Auffanglager im Warendorfer Landgestüt untergebracht werden. Die Hengste befanden sich schon seit Kriegsende auf den Deckstationen, denn seit April 1945 wurde das Gestüt als Lager für die „Displaced Persons“ (DP) genutzt, also für die ehemaligen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die während des Krieges unter oft erbärmlichen Bedingungen in Betrieben und auf Bauernhöfen arbeiten mussten. Vor ihrer Rückführung in die Heimat hatte man sie in Sammelunterkünften im Gestüt und in der ehemaligen Reit- und Fahrschule an der Tönneburg untergebracht. Bis zu 10 000 DPs verschiedenster Nationen lebten hier auf engstem Raum, unter unsäglichen Hygienebedingungen auf Strohlagern kampierend. Auch für das Gestüt war das eine schlimme Situation. Die Zerstörungen waren beträchtlich, alle hölzernen Einbauten wurden in den Kochfeuern verfeuert, ebenso die Bilder, Bücher und Akten und wichtige Dokumente. Als ab September 1945 das Gestüt als Notunterkünfte für die erwarteten Ostflüchtlinge vorbereitet werden musste, konnte man nicht viel mehr tun, als Notbetten aufzubauen, ansonsten aber die Pferdeboxen mit frischem Stroh zu bestreut, damit hier die Flüchtlinge, die nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre gesamte Habe verloren hatten, wenigstens ein Nachtlager hatten.

Am 21. Oktober 1945 traf der erste „Elendszug“ mit 1606 Flüchtlingen ein. Hier war schnelle Hilfe gefragt. Die englischen Besatzungstruppen hatten den katholischen Elisabeth-Verein um Hilfe gebeten. Die Vorsteherin Elisabeth Schwerbrock und Anni Carle´ machten sich auf die Suche nach einer freiwilligen Hilfstruppe. Sie gingen in die Familien und baten vor allem die jungen Mädchen um Mithilfe. Diese waren zwar schon dienstverpflichtet, aber trotzdem fanden sich viele bereit, bei der ersten Versorgung der Flüchtlinge zu helfen.

Da diese Einsatze fast ausschließlich nachts stattfanden, hatte Elisabeth Schwerbrock von der englischen Besatzungsmacht ein kleines Auto, einen VW, zur Verfügung gestellt bekommen, um die jungen Helferinnen in den Nachtstunden wieder nach Hause bringen zu können, denn die nahe gelegenen Russen- und Polenlager stellten immer noch eine große Gefahr dar.

Etwa jede zweite Nacht trafen Güterzüge mit etwa 1000 Menschen in Warendorf ein. Unter menschenunwürdigen Bedingungen waren diese Flüchtlinge und Vertriebenen im Rahmen der Massenvertreibung aus dem Osten in den Westen transportiert worden. Von den 25 kg Gepäck, die sie bei ihrer Vertreibung mitnehmen durften, war in den meisten Fällen nicht viel übrig geblieben. Zu oft waren sie auf ihren langen Weg ausgeraubt worden.

In Begleitung der Polizei, des Roten Kreuzes und einiger Kriegsgefangener schafften  viele Flüchtlinge nur mit letzter Kraft den Fußmarsch vom Bahnhof in Warendorf zum Landgestüt. Die große, allerdings ungeheizte Reithalle war der erste Sammelplatz. Welch ein Lichtblick! In den hinteren Räumen der Halle war eine Küche eingerichtet worden, wo belegte Brote geschmiert wurden und Suppe für alle bereit stand. Das Essen wurde in der Volksküche im Marienheim gekocht.  An langen Tischen gaben die jungen Helferinnen die kräftige Suppe aus. Für viele war das die erste warme Mahlzeit seit Tagen. Leider waren auch hier die Vorräte begrenzt und die jungen Mädchen an den Ausgabetischen mussten sehr aufpassen, dass nicht die Schwächeren, vor allem die Mütter mit den kleinen Kindern, zurückgedrängt wurden. Jeder kämpfte ums eigene Überleben. Sehr bald sahen die beiden Organisatorinnen Frau Schwerbrock und Frl. Carle´, dass männliche Hilfe notwendig war, um die Schlangen vor den Tischen zu ordnen.  

Bis September 1946 wurden 48 500 Ostvertriebene durch das Warendorfer Durchgangslager geschleust, eine immense logistische Aufgabe. Wie gut, dass es Frauen wie Elisabeth Schwerbrock und Anni Carle´ gab, die sich dieser schwierigen Aufgabe annahmen.

Traf ein Flüchtlingstransport in Warendorf ein, und das war immer mitten in der Nacht, standen diese Frauen am Bahnhof, um sich der Hilfsbedürftigsten anzunehmen. Alle Ankommenden wurden registriert, mit DDT Pulver entlaust, die Kranken versorgte ein Notfalldienst und alle bekamen eine erste provisorische Bleibe im Landgestüt. Nach zwei bis drei Tagen wurden diese Flüchtlinge dann auf die Gemeinden des Kreises Warendorf verteilt, wo sie eine neue Heimat finden konnten.

Nach dem Krieg wurden bald auch die politischen Strukturen wurden in Warendorf wieder neu aufgebaut. Am 29.April 1946 ernannte die Militärregierung die ersten Stadtbeiräte. Elisabeth Schwerbrock gehörte zu den 14 Stadtbeiräten der neu entstandenen CDU, deren Mitbegründerin sie war.

Am 15.September 1946 fanden die ersten Kommunalwahlen statt. Elisabeth Schwerbrock wurde in den ersten demokratisch gewählten Stadtrat gewählt. Die Sorge für die Flüchtlinge und die  Vertriebenen waren eines der größten Probleme der Stadt. Darum wurde ein Flüchtlingsamt eingerichtet. Die Leitung übernahm der ehemalige Stadtkommandant Oberst Hans Winkel, der sich Ostern 1945 bei der Übergabe der Stadt zusammen mit Theodor Lepper und Heinrich Blum sehr verdient gemacht hatte. Dem Flüchtlingsbeirat gehörten auch Elisabeth Schwerbrock, Josef Heinermann, Heinrich Blum und Theodor Westermann an.

Um der Flüchtlingsproblematik Herr zu werden, setzte die Militärregierung einen Flüchtlingsausschuss ein. Er bestand je zur Hälfte aus Flüchtlingen und Einheimischen. Die Stadt wurde in zehn Betreuungsbezirke aufgeteilt. Jedes Beiratsmitglied war für einen Bezirk persönlich verantwortlich. Im September 1946 übernahm Heinrich Windelen als Flüchtling den Vorsitz des Beirates, Elisabeth Schwerbrock wurde seine Stellvertreterin.   

Auch nach zwei Jahren, bei der Kommunalwahl von 1948, wurde Elisabeth Schwerbrock mit großer Mehrheit wieder in den Rat der Stadt Warendorf gewählt und sie war sehr froh, dass Josef Heinermann von allen Parteien zum Bürgermeister gewählt wurde, denn sie wusste, dass er ein offenes Ohr für die Nöte der Menschen hat. Der neue Stadtdirektor war Dr. Paul Eising.

Bis 1956 war Elisabeth Schwerbrock Ratsherrin, die Bezeichnung „Ratsfrau“ gab es damals noch nicht. Dann beendete sie, mittlerweile war sie die Alterspräsidentin des Rates, ihre Ratstätigkeit und die Warendorfer mussten Abschied nehmen von der Ratsherrin, die immer korrekt gekleidet im klassischen schwarzen Kostüm zu den Ratssitzungen kam und die den offiziellen Anlässen dieser Männergesellschaft durch ihre elegante Erscheinung mit großen Hüten ein festliches Gepräge gab.

Zu ihrem 70. Geburtstag, am 3. Februar 1956 ehrte die Bundesrepublik Deutschland  diese engagierte Frau mit dem Bundesverdienstkreuz. Fünf Jahre später zeichnete die Kirche sie mit dem Orden „Pro ecclesia et pontifice“ aus.

 

 

Am Vorabend der Vollendung ihres 80. Geburtstages, am 2. Februar 1966 wurde Elisabeth Schwerbrock in einer außerordentlichen Ratssitzung im historischen Ratssaal vom Bürgermeister Dr. Hans Kluck der Ehrenring der Stadt Warendorf verliehen. Damit fand ihre unermüdliche Arbeit zum Wohle der Bürgerschaft auch in ihrer Heimatstadt eine gebührende Anerkennung und Würdigung. Die Liste ihrer politischen Arbeitsbereiche in über 40 Jahren war lang. Sie reichte vom Wohnungsausschuss, dem Wohlfahrts- und Fürsorgeausschuss, dem Flüchtlingsausschuss, dessen Vorsitzende sie war, dem Ausschuss für das Schulwesen, dem Hauptausschuss, dem Kuratorium für das städt. Marienheim und dem Zweckverbandsausschuss zur Errichtung einer Gedächtniskapelle bis zum Gewerbe- und Verkehrsausschuss. Außerdem war sie immer noch die Vorsitzende des Elisabeth-Vereins, der sich in erster Linie um alte Menschen kümmerte und die stellv. Vorsitzende des örtlichen Caritasverbandes und die Vorsitzende des Kuratoriums der Altenstube.

Nach Beendigung des Ratsmandates stellte Elisabeth Schwerbrock sich noch bis 1974 als sachkundige Bürgerin im Wohlfahrts- Wohnungs- und Fürsorgeausschuss zur Verfügung und im Kuratorium für das Marienheim. Wegen ihres großen sozialen Engagements wurde sie im Volksmund gern „die hl. Elisabeth“ genannt.

Sie starb am 22. Januar 1984 im Alter von fast 98 Jahren und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung hier in der Schwerbrockschen Familiengruft begraben.

 

In dem kleinen Baugebiet an der Dr.- Rau-Allee wurde als Erinnerung an diese engagierte und verdienstvolle Bürgerin eine Straße nach ihr benannt, die „Elisabeth-Schwerbrock-Straße“.

 

 

 

Quellen:
Geschichte der Stadt Warendorf Band II S. 201 ff
Elisabeth Ketteler-Zuhorn: Warendorf zum Kriegsende und die ersten Flüchtlingszüge in Warendorfer Schriften Band 33-35 2005
Peter Wild: "Flüchtlinge auf Herbergssuche heute und damals" aus: „Die Glocke“ vom 24.12.2014
Berichte von Zeitzeugen
Bilder: Archiv der „Glocke“ und Mechtild Wolff

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