Das Portrait:
Bernard Overberg  (
1754-1826)
von Mechtild Wolff

 

 

Bernard Heinrich Overberg wurde am 1. Mai 1754 als jüngstes von vier Kindern in Höckel, im Kirchspiel Voltlage, geboren. Sein Vater war Heuerling und Tödde, er zog mit der Töddenkiepe über die Lande, um das schmale Einkommen aufzubessern.

Bernard Overberg war ein schmächtiges, oft kränkelndes Kind, das mit vier Jahren noch nicht laufen konnte. Nach dem Willen des Vaters sollte er eigentlich die lange Töddentradition der Familie fortsetzen, aber der Pfarrer von Voltlage, der den scharfen Verstand des Jungen erkannt hatte, sagte: „Do sit wull ein Pastor drin!“

Der Unterricht in der Volksschule fesselte ihn wenig. Er soll acht ABC Bücher gebraucht haben, ehe er das Lesen erlernte. Wenn er später immer wieder auf Mittel und Wege sann, den Kindern das Lernen leichter und angenehmer zu machen, wird er wohl an seine eigene Schulzeit zurückgedacht haben.

Als sich die Verwandten Ellerhorst in Rheine bereit erklärten, ihn bei sich aufzunehmen, konnte der 17jährige Bernard das Gymnasium der Franziskaner in Rheine besuchen (1771-1774). Er zeichnete sich durch großen Fleiß und Ausdauer aus. Er war Frühaufsteher, denn er wollte den Tag nutzen. Einen Wecker hatte er natürlich nicht, aber in seinem Zimmer hing eine Kuhglocke. Er hatte einen Tagelöhner, der um 5 Uhr zur Arbeit ging, gebeten, frühmorgens an dem Band zu ziehen, das vor dem Fenster hing. Natürlich passierte es immer mal wieder, dass seine Mitschüler ihm einen Streich spielten und ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf läuteten.

Den Franziskanern fiel bald Overbergs scharfer Verstand und seine besondere Redegabe auf, darum versuchten sie ihn an den Orden zu binden. Bernard Overberg aber entschied sich, an der noch jungen Universität in Münster Theologie und Philosophie zu studieren. Durch Hauslehrertätigkeiten bestritt er seinen Lebensunterhalt, bis er endlich im Priesterseminar einen Freiplatz bekam.

Am 20. Dezember 1779 ging sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung: Er wurde zum Priester geweiht. Am Weihnachtstag konnte er in seiner Voltlager Heimatpfarre sein Primizamt feiern.

Seine erste Kaplanstelle bekam er 1780 ganz in unserer Nähe, in Everswinkel, damals ein Dorf der Weber und Ackerleute, seinem Heimatdorf sehr ähnlich. Er fühlte sich hier sehr wohl und konnte sich drei Jahre lang insbesondere der Unterrichtung der Jugend widmen. Kaplan Overberg praktizierte eine lebensnahe Katechese, die die Kinder durch lebendige Erzählungen ansprach. Er führte viele Gespräche mit den Kindern, das war damals sehr ungewöhnlich. Durch seine Lehrtätigkeit bekam er einen intensiven Einblick in den Schulalltag und erkannte schnell, dass der Zustand der Schulen sehr besorgniserregend war.

Wie war die Schulsituation damals vor über 240 Jahren?

Nach dem 30jährigen Krieg (1618-48), als sich das Leben in den deutschen Landen wieder normalisiert hatte, waren überall Schulen entstanden, zuerst in den Städten und nach und nach auch in den Dörfern. Im Münsterland setzte sich der Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen für die Einrichtung von Schulen ein.

Natürlich sind sie nicht mit den heutigen Schulen zu vergleichen. Von einer regelmäßigen Teilnahme am Unterricht konnte nicht die Rede sein. Vor allem in den Sommermonaten behielten die Eltern ihre Kinder lieber zu Hause. Die Mädchen halfen im Haushalt und die Jungen gingen mit aufs Feld. Schule fand im Sommer nicht statt. Der Dorflehrer wurde dann zum Tagelöhner und musste sein Brot bei den Bauern durch Feldarbeit verdienen. Sehr oft gab es keinen Lehrer und die Ausbildung der Jugend wurde dem Küster der Gemeinde übertragen.

Auf dem Stundenplan standen die Fächer, die der Messgestaltung dienten:  Religion, Lesen und Chorgesang für den Gottesdienst. Der Unterricht in diesen Fächern war kostenlos. Wer dagegen auch noch Schreiben lernen wollte, der musste bezahlen. Rechnen war so gut wie unbekannt.

So ist es nicht verwunderlich, dass ein Dorfschulmeisterlein kein großes Ansehen genoss. Er hatte keine pädagogische Ausbildung und seine Sorge galt in erster Linie der Ernährung seiner eigenen Familie.

Die Schulverhältnisse im Münsterland mussten dringend reformiert werden. Das gelang erst 1782. Der Fürstbischof Friedrich von Königsegg-Rothefels erließ eine Verfügung zur Verbesserung der ländlichen Schulsituation. Er fand in seinem Generalvikar Franz von Fürstenberg einen idealen „Kultusminister“. Der hatte sich schon in Münster um die Gründung der Universität und die Förderung der Gymnasien verdient gemacht.

Fürstenberg nahm seine Aufgabe sehr ernst, es suchte einen Pädagogen, dem er die Ausbildung der Lehrer anvertrauen konnte. Ihm wurde der Name Bernard Overberg genannt. Overberg war Kaplan in Everswinkel und hatte sich einen Namen gemacht als begnadeter Seelsorger im Umgang mit den Kindern.

Darum reiste Freiherr Franz von Fürstenberg an einem Sonntag nach Everswinkel, um an Overbergs Christenlehre teilzunehmen. Den Postillion der Extrapost hatte er angewiesen, kurz nach 2 Uhr an der Dorfkirche in Everswinkel einzutreffen, so konnte er unbemerkt in die Kirche gelangen und unerkannt an der Christenlehre teilnehmen. Franz von Fürstenberg war so begeistert von dem lebensnahen Unterricht des Priesters und Pädagogen Overberg, dass er ihn vom Fleck weg mit dem Aufbau einer Lehrerbildung beauftragte.

Overberg ging ganz neue Wege: Er begründete die „Normalschule“, eine Schule, in der Lehrer ihr Handwerk lernen konnten. Das war damals revolutionär.

Auf diese bahnbrechende Aufgabe musste sich auch Overberg erst vorbereiten. Er studierte die Werke der großen Erzieher, von Sokrates und Platon über die Humanisten und die Jesuiten bis zu den Veröffentlichungen seiner Zeitgenossen. Die führenden Köpfe der geistigen Elite des Landes lernte Overberg im Hause der Fürstin von Gallitzin kennen.

Als weitere Vorbereitung bereiste Overberg die Schulen des Landes und musste feststellen, dass die im Amt befindliche Lehrerschaft dringend einer gründlichen Anleitung bedurfte.

 

Textfeld: 1864 Bernard Overberg (6.v.l.) im Kreise der Freunde der Fürstin von Gallitzin

 

 

Overbergs zentrales Erziehungsprinzip war die „Pädagogik vom Kinde aus“. Er wollte weg von der bislang praktizierten Memorierschule, hin zu Eigentätigkeiten und selbständigem Denken.

1783 nahm die „Normalschule“ ihre Arbeit auf. In Sommerkursen, die über drei Monate gingen, wurden die Lehrer erstmals fachlich und didaktisch ausgebildet. Wenn diese Lehrer die Abschlussprüfung bestanden hatten und sich auch später den Revisionen in ihrer eigenen Schulstube stellten, bekamen sie ein festes Gehalt aus der Bistumskasse. Ein großer Fortschritt, denn damit hatte der „arme Dorfschullehrer“ endlich eine finanzielle Unabhängigkeit und konnte sich auf seine Arbeit mit den Schülern konzentrieren.

Overbergs Schulungen für die Lehrer bestanden nicht nur aus theoretischen Vorlesungen. Er demonstrierte auch Unterricht, indem er seinen Lehrern praktische Schulstunden vorführte und sie mit neuen Unterrichtsmaterialien vertraut machte. Er führte Schulbänke, Lehrerpulte, Wandtafeln und Kreide in den münsterländischen Schulen ein. Overberg verfasste Schulbücher für die Kinder und Lehranweisungen für die Lehrer. Zehn Jahre nach der Eröffnung der „Normalschule“ ließ er eine Methodik und Didaktik an die Lehrer verteilen mit dem Titel: („Anweisungen zum zweckmäßigen Schulunterricht für Schullehrer im Hochstift Münster“) Natürlich erschien das Werk auch in plattdeutscher Sprache, denn das war nach wie vor die normale Umgangssprache.

Seine erfolgreich weitergebildeten Lehrer nannten sich nun stolz „Schüler Overbergs“ und waren in ihren Heimatorten angesehene Schulmeister, bald auch ehrfurchtsvoll „Magister“ genannt. Mehr als 40 Jahre arbeitete Overberg als „Lehrer der Lehrer“.

1809 wurde Bernard Overberg Regens des Priesterseminars und reformierte auch die Ausbildung der Theologiestudenten. Er wohnte direkt neben der Überwasserkirche im Priesterseminar - bis zu seinem Tode am 9. November 1826. Unter großer Anteilnahme seiner Schüler und der Bevölkerung wurde er auf dem Überwasserfriedhof begraben. Seit 1904, dem Jahr seines 150. Geburtstages, ruhen seine Gebeine im Chor der Überwasserkirche zu Münster.

 

1930 bauten die beiden ehemaligen Seminarlehrer Wessling und Krusche ein Haus an der neuen Straße zwischen Diekamp und Düsternstraße, die auf ihren Antrag „Overbergstraße“ genannt wurde.

 

Quellen:

Wilhelm Münter: Bernard Overberg - Lehrer der Lehrer aus „Kirche und Leben“ vom 7.11.1951

Wilhelm Bootsveld: „Zum Gedenken an Bernhard Overberg „Lehrer der Lehrer“ aus: Rheiner Volksblatt Nr.274 vom 26.11.1983

August Schröder: Bernhard Overberg, der „Lehrer der Lehrer“

Westf. Heimatkalender 1977 Jg. 31

Briefe von Bernard Overberg, Archiv Wolff

 

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