Das Portrait
Anna Franzisca Lüninghaus, die vergessene Wohltäterin 1837-1908
von Mechtild Wolff

 

 An der Kirchstraße stehen die großen Fabrikgebäude der ehemaligen Firma „Brinkhaus und Wiemann“, der ersten mechanischen Weberei, die an dieser Stelle 1861 wieder Arbeitsplätze nach Warendorf brachte, nachdem die Handweberei zum Erliegen gekommen war. Was haben diese Gebäude aber mit Anna Lüninghaus zu tun und wer war sie?

Anna Lüninghaus entstammte der alten Warendorfer Patrizierfamilie Zuhorn. Anna war unverheiratet und verfügte als letztes Glied ihres Familienzweiges über das Familienvermögen. Schon zu ihren Lebzeiten war sie eine unermüdliche Helferin und Fürsprecherin für die Armen und Hilfsbedürftigen in ihrer Heimatstadt. Trotz der Industrialisierung gab es Ende des 19. Jahrhunderts große Armut in Warendorf. Auch die Frauen mussten hart arbeiten, um ihre Familie ernähren zu können. Für die Kinder blieb da wenig Zeit. Bald wurde klar: Es fehlte eine „Kinderbewahrschule“, heute würde man sagen, ein Kinderhort oder eine Kinder-tagesstätte. Die Stadt versuchte diese Kinderbewahrschule im Waisenhaus an der Hohen Straße unterzubringen. Die Clemens-schwestern, die das Waisenhaus führten, sahen sich aber nicht in der Lage, Schwestern dafür zur Verfügung zu stellen. Darum erwarb Anna Lüninghaus 1898 die beiden großen Fabrikgebäude an der Kirchstraße von der Firma „Wiemann und Bispinck“, der Nachfolgefirma von „Brinkhaus und Wiemann“, die ihren Firmensitz an die Bleichstraße verlegt hatte. Mit 9000 Mark gründete sie hier die erste Kleinkinderbewahrschule, die von Vorsehungsschwestern geführt wurde. Nach ihrer Gründerin wurde sie „Annenschule“ genannt. Hier gab es auch Weiterbildungsangebote für Frauen, z.B. eine Nähschule und eine Kochschule, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

Diese beiden Gebäude an der Kirchstraße vermachte die kinderlose Anna Lüninghaus schon 1905 der Pfarre St. Laurentius. Mit ihrem restlichen Vermögen wollte sie den Notleidenden ihrer Heimatstadt helfen. Darum legte sie testamentarisch fest, dass ihr gesamtes Vermögen in eine Stiftung fließen sollte. Diese Stiftung trat nach ihrem Tode 1908 ins Leben und wurde „Marienstiftung“ genannt. Die Einkünfte der „Marienstiftung“ sind in erster Linie für Arme und Bedürftige bestimmt. Außerdem ist sie eine Studienstiftung für begabte, mittellose Studenten; Blutsverwandte sollten hier ein gewisses Vorrecht bekommen.  

Die „Marienstiftung“ ist noch heute eine wichtige soziale Einrichtung der Kirchengemeinde St. Laurentius. Die Stiftung ist Eigentümerin landwirtschaftlicher Flächen, mehrerer Häuser und vieler Erbpachtgrundstücke. Nach dem Willen der Stifterin sollen mit den Einnahmen aus Erbpacht, Pacht und Mieten Bürger der Stadt Warendorf unterstützt werden, die sich in einer Notlage befinden, unabhängig von ihrer Konfession. Es sollen aber nur einmalige Leistungen für einen begrenzten Zeitraum gewährt werden.

Bei der Begründung der Stiftung war der Geheime Justizrat Wilhelm Zuhorn ein verlässlicher Berater. Der erste Vorsitzende der „Marienstiftung“ war Pfarrer Strumann von St. Laurentius, Wilhelm Zuhorn war sein Stellvertreter. Heute wird die „Marienstiftung“ durch einen Vorstand verwaltet, dem der jeweilige Pfarrer der Kirchengemeinde St. Laurentius vorsteht und dem ein katholisches Mitglied des Stadtrates, ein Vertreter des Kirchenvorstandes und zwei sachkundige Bürger angehören.

In Erinnerung an die Stifterin heißt das linke ehemalige Gebäude der Kinderbewahrschule an der Kirchstraße St. Annen-Stift. Das rechte Gebäude heißt Franziska-Stift, nach einer weiteren Warendorfer Wohltäterin: Franziska Cratz. An sie erinnert die „Franziska-Cratz-Straße“, eine Seitenstraße der „Von-Ketteler-Straße“ im Süden der Stadt.

 

Die Zeichnung ist von Elly Grützner und zeigt die Kirchstraße.

 

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