Der Heimatverein trauert um seiin Ehrenmitglied Eugenie Haunhorst
Eugenie Haunhorst ist am Montag, dem 25. 1. 2016 im Alter von 103 Jahren verstorben

Heimatverein Warendorf: Autorin der Erlebten GeschichteBis ins hohe Alter "ihrer" Stadt und "ihrem" Heimatverein tief verbunden verstarb Eugenie Haunhorst im gesegneten Alter von 103 Jahren. Sie war Trägerin der Zurhorn Plakette, Ehrenmitglied des Heimatvereins und Trägerin des Ehrenringes des Stadt Warendorf. Neben ihren vielfältigen Aktivitäten auf kommunaler Ebene ist besonders ihr außerordentliches  Engagement für das Stadtmuseum hervorzuheben. Eugenie Haunhorst hat sich um die Stadt Warendorf und ihren Heimatverein verdient gemacht.

 

 

 

  

 

Zum Tod von Eugenie Haunhorst (1912-2016) – Trägerin des Ehrenrings der Stadt und der Wilhelm-Zuhorn-Plakette des Heimatvereins
von Prof. Dr. Paul Leidinger

 

Im 104. Lebensjahr verstarb am 25. Januar 2016 die älteste Mitbürgerin in Warendorf: Eugenie Haunhorst, geb. Göcke. In Warendorf am 12. Dezember 1912 geboren, umspannt ihr Leben über ein Jahrhundert, das von zwei Weltkriegen, Inflation, NS-Diktatur, Flüchtlingselend und Notzeiten geprägt war, aber auch von dem Willen, nach dem Krieg 1945 aktiv am demokratischen Neuaufbau des kommunalen und staatlichen Lebens mitzuwirken und hier insbesondere soziale und kulturelle Funktionen verantwortlich zu übernehmen. So vollzog sich ihr Leben fast ausschließlich, aber sehr wirkungsvoll im heimatlichen Raum der Emsstadt. Hier wurde sie im Schatten der 1911 erbauten und an Maria-Himmelfahrt 1912 geweihten neuen Marienkirche als eines von fünf Kindern des Lehrers und Organisten Eduard Göcke geboren und als eines der ersten Kinder im Dezember 1912 getauft. Die Wohnung der Eltern lag nur wenige Schritte entfernt von der Kirche in der Schule am Münstertor, die nach verschiedenen Funktionen 1976 dem Neubau der Volksbank weichen musste. Nur unweit lag das Lyzeum an der Lilienstraße, das spätere Mariengymnasium, das sie nach der Grundschule besuchte, um sich danach zur Landwirtschaftslehrerin ausbilden zu lassen.

Nach Kriegsbeginn 1939 heiratete Eugenie Göcke den Berufsschullehrer Josef Haunhorst, der schon bald als Soldat eingezogen wurde und 1945 schwer erkrankt aus dem widersinnigen Krieg zurückkehrte, an dessen Folgen er 1946 starb. Seitdem war Eugenie Haunhorst auf sich allein gestellt und - wie viele Kriegerwitwen damals - mit der Fürsorge für ihre zwei Töchter Mechtild und Annegret aus der Ehe voll ausgelastet. Dennoch verschloss sie sich nicht, sondern fand in der Gesellschaft zunehmend Aufgaben zu einem öffentlichen Engagement, zunächst in der Elternpflegschaft des Lyzeums ihrer Töchter, dann im Katholischen Frauenbund der Stadt, der sie veranlasste, für den Rat der Stadt zu kandidieren. In der Wahlperiode 1956-1961 übernahm sie ein Ratsmandat und kandidierte in den Jahren 1961, 1964, 1969 und 1975 erneut erfolgreich für die CDU in ihrem Wahlkreis, den sie bis 1979 über zwei Jahrzehnte bis in ihr 67. Lebensjahr vertrat. Sie arbeitete dabei sukzessive in fast allen Ausschüssen des Rates mit:  im Jugend- und Fürsorge-, Wohnungs- Grundstücks- und Vergabeausschuss wie vor allem im Schul-, Kultur-, Bau- und Hauptausschuss. Von 1964-1969 versah sie dabei mit Geschick und persönlicher Note das Amt einer stellvertretenden Bürgermeisterin.

Ihr besonders Interesse galt dabei neben den sozialen Aufgaben der Nachkriegszeit, die sich in Warendorf noch bis weit in die 1960er Jahre bemerkbar machten, dem Aufbau einer „Mütterschule“ , die mit dem “Haus der Familie“ in den 1960er Jahren auf kirchlicher Basis in einer bis heute leistungsfähigen Art realisiert werden konnte, wie der Kultur- und Denkmalpflege in der Stadt, die damals eine besondere Herausforderung war, da die Stadt sich mit der wachsenden wirtschaftlichen Prosperität anschickte, ihr historisch gewachsenes Stadtbild durch moderne Neubauten und eine angeblich verkehrsgerechte Straßenführung zu verändern. Vergeblich kämpfte sie hier seit 1972 gegen eine übermächtige Ratsmehrheit für die Erhaltung des Sophienstifts, dessen brutalen Abriss sie und der 1970 neu gegründete Heimatverein 1974 nicht verhindern konnten, dagegen war beiden 1978 Erfolg in einer denkmalgerechten Altstadterneuerung beschieden, als eine wachsende Ratsmehrheit sich einsichtig zeigte, von einer bisher betriebenen funktionalen Verkehrsführung mit einer neuen Emsbrücke und einer brutalen Verkehrsachse durch die Altstadt westlich des Markt abzugehen und sich auf ein altstadtgerechtes Konzept einer Stadterneuerung mit der wachsenden Opposition der Bürger zu einigen. Nicht zuletzt ist dem Einsatz von Eugenie Haunhorst auch die Erhaltung des „Marienfelder Tores“ am Münstertor zu verdanken, für das sie schon in den frühen 1950er Jahren als ehemalige Anwohnerin gekämpft hatte.

1979 konnte sie – mit 67 Jahren – mit Zufriedenheit über das Erreichte aus dem Rat der Stadt ausscheiden, doch bedeutete das keinen Ruhestand. Denn die Stadt selbst bat sie, die Leitung des verwaisten „Heimatmuseums“ im Rathaus zu übernehmen, das 1974 dort noch vom Kreis Warendorf in den beiden Obergeschossen nach langen Jahren des Versprechens und Wartens eingerichtet worden, aber mit der Übernahme durch die Stadt anlässlich der kommunalen Gebietsneuordnung 1975 geschlossen worden war. In Verbindung mit dem neu gegründeten „Kunstkreis Warendorf“ gelang es ihr, das Museumsgut neu zu ordnen und auszustellen und zugleich den Künstlern des Kunstkreises und darüber hinaus Möglichkeiten für die Präsentation ihrer Kunstwerke in Wechselausstellungen zu schaffen. Ein besonderes Augenmerk richtete sie dabei als ehemalige Gewerbelehrerin auf textiles Gestalten und das ehemalige bedeutende Textilgewerbe der Stadt Warendorf und natürlich auf einzelne Epochen der Stadtgeschichte, insbesondere der Wohnkultur und des sozialen Lebens.

Die Ehrungen für ihr ehrenamtliches Engagement in der Stadt blieben nicht aus. 1978 verlieh ihr der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande, 1989 die Stadt Warendorf ihr den Ehrenring der Kommune, 1991 der Heimatverein Warendorf ihr die Wilhelm-Zuhorn-Plakette sowie 1998 mit dem Ausscheiden aus dem Vorstandsbeirat seit 1970 die Ehrenmitgliedschaft des Vereins. Der Heimatverein Warendorf und die Bürger der Stadt werden Frau Eugenie Haunhorst stets ein ehrendes Gedenken bewahren.

 

  

 

Das Portrait:
Eugenie Haunhorst, Trägerin des Ehrenringes der Stadt Warendorf
von Matthias Rinschen

Heimatverein Warendorf: Autorin der Erlebten GeschichteHervorragendes bürgerschaftliches Engagement gepaart mit weitblickenden Ideen und Durchsetzungskraft, so läßt sich das Wirken von Eugenie Haunhorst für ihre Heimatstadt am besten beschreiben.

Ihre Kindheit und Jugend im Warendorf des frühen 20. Jahrhunderts war recht behütet und beschaulich, die große Politik spielte in dem kleinen Landstädtchen keine große Rolle.  Allerdings war das öffentliche Leben natürlich geprägt von den Schrecken und Nöten des 1. und 2. Weltkriegs, von den Wirren der Zeiten nach den Kriegen und der politischen Unsicherheit der Weimarer Republik der Diktatur des Nationalsozialismus. Nicht zuletzt diese Erfahrungen ließen sie zu der engagierten Mitbürgerin werden, die so segensreich für die Stadt Warendorf wirkte, Bürger, ohne die ein demokratisches Gemeinwesen nicht funktionieren kann.

 

Eugenie Haunhorst wurde als drittes von fünf Kindern von Eugenie und Eduard Göcke am 14. 12. 1912 in Warendorf geboren.  Ihr Vater war  als Lehrer an der Münsterwallschule tätig. Verheiratet war sie mit Josef Haunhorst, dieser starb aber schon bald nach der Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg im April 1946. Die junge Frau kümmerte sich also  allein im kriegszerstörten Münster  um die Erziehung ihrer beiden Töchter. 1948 kehrte sie nach Warendorf zurück, wo sie sich schon bald vielfältig bürgerschaftlich engagierte.

 

Seit 1956 war sie als eine von zunächst lediglich drei Frauen im Rat der Stadt Warendorf und prägte in 23 Jahren aktiver politischer Arbeit das Bild ihrer Heimatstadt, von 1964 -1969 war sie sogar zweite stellvertretende Bürgermeisterin, in einer Zeit, in der es noch nicht selbstverständlich war, daß Frauen öffentliche Ämter bekleideten. Eugenie arbeitete in fast allen politischen Ausschüssen und prägte sie durch ihre Visionen und ihr ideenreiches Engagement. Ihre Durchsetzungskraft und Weitsicht setzt auch für die heutige Zeit noch Maßstäbe: So setzte sie sich 1959 gegen fast alle Ratsmietglieder für den Erhalt des Münstertors ein, ein  Ensemble, daß heute das Stadtbild von Westen her  charakteristisch prägt.

 

Schon früh war sie sich der Gefahr bewußt, die von dem in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts herrschenden Trend in der Stadtsanierung und Umgestaltung der historischen Stadtstruktur ausging: Modernisierung um jeden Preis stand auf dem Programm, die autogerechte Stadt war allgemeiner politischer Konsens. Dagegen betonte Frau Haunhorst schon früh die kulturelle Bedeutung historischer Bausubstanz in ihrer Heimatstadt, zumal Warendorf das ausgesprochene Glück hatte, von allen Zerstörungen der Kriegszeit verschont zu sein. Mit dem Heimatverein Warendorf und den später gegründeten Altstadtfreunden Warendorf konnte sie tatkräftige Mitstreiter für ihre Anliegen gewinnen, die Altstadt Warendorf möglichst original zu erhalten und bei der Sanierung der alten Häuser behutsam vorzugehen. So ist das heute vielfach bewunderte und touristisch attraktive Stadtbild  auch ihrem energischen Einsatz und ihren Visionen zu verdanken. Eine bittere Niederlage blieb ihr allerdings nicht erspart: Im Jahre 1974 wurde gegen ihren und den Widerstand des Heimatvereins sowie weiter Teile der Warendorfer Bürgerschaft die schöne Villa Sophia im Emsseepark abgerissen. Daß durch diesen Abriss die Warendorfer Bürgerschaft für das Thema des Erhalts ihrer Altstadt sensibilisiert wurde, war ein hoher Preis.
Trotzdem und gerade deshalb sorgte Eugenie Haunhorst dafür, dass eine reichhaltige Sammlung lokal-kulturell bedeutender Schätze in Warendorf verblieb, wo sie in dem 1976 eröffneten Heimathaus Warendorf (im historischen Rathaus) in vielen Ausstellungen die Bevölkerung begeisterte und später auch die Grundlage für das Dezentrale Stadtmuseum bildete.

 

Auch nach ihrer aktiven Zeit im Rat der Stadt  erstreckte sich das Engagement von Frau Haunhorst auf  zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens.  So auch 1981: Nach einem Konzert der katholischen Studentenverbindungen CV, KV, UV im Warendorfer Rathaus animierte sie den Organisator Dr. Reinhold Schoppmann, Zahnarzt in Warendorf,  solche Konzerte für die allgemeine Öffentlichkeit zu veranstalten. Nach einigem „Nachsetzen“ hatte sie Erfolg: Es wurde der Beginn der Warendorfer „Galeriekonzerte“, deren 30jähriges Bestehen im Jahre 2012 gefeiert wurde.

  

Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihr für ihre außerordentlichen Leistungen für das Gemeinwohl im Jahre 1976 das Bundesverdienstkreuz, die Stadt ehrte ihren außerordentlichen Einsatz im öffentlichen Leben im Dezember 1988 mit der Verleihung des Ehrenringes der Stadt Warendorf, der Heimatverein mit der Verleihung der Wilhelm-Zurhorn-Plakette.

 

Irgendwann hat sie dann auch begonnen, ihre Erlebnisse in der Kindheit und Jugend schriftlich festzuhalten und hat diese Berichte auch dem Heimatverein Warendorf für seine Website zur Verfügung gestellt. Ihre sorgfältig recherchierten und authentischen Berichte und Erzählungen sind stets mit einem Augenzwinkern geschrieben, die geschilderten Personen liebevoll dargestellt. Dabei werden dem Leser die Unterschiede der Verhältnisse des frühen 20. Jahrhunderts zur heutigen Zeit eindrucksvoll vor Augen geführt. Alle Texte sind illustriert mit Fotos aus der damaligen Zeit. Bemerkenswert ist , daß diese "Erlebte Geschichte" zu den am meisten gelesenen Seiten auf der Website des Heimatvereins gehören, und das nicht nur in Warendorf.

 

Quellen: Rede des Bürgermeisters der Stadt Warendorf Jochen Walter anlässlich  100. Geburtstag von Frau Eugenie Haunhorst  am 14.12.2012 im Historischen Ratssaal der Stadt Warendorf;

 

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