Die Affhüppen-Kapelle – eine architektonische Schönheit der Neugotik in Vohren
von Mechtild Wolff (2026)

Versteckt hinter hohen Bäumen ragt der elegant schlanke, neugotische Turm mit reichen Verzierungen aus der platten westfälischen Landschaft heraus. So mancher Autofahrer auf der Ostumgehung, der L 475, fragt sich, wie solch eine außergewöhnliche kleine Kirche hier in die doch recht bodenständige Bauerschaft Vohren kommt! Der Zugang zur Affhüppen-Kapelle ist schwer zu finden, man muss von der Beckumer Straße aus erst einmal den Tunnel entdeckt haben, der die L 475 „unterführt“.

Wie kam es zum Bau dieses charmanten Gotteshauses?

Alte Urkunden berichten, dass es hier schon seit dem 14. Jahrhundert eine Mönchsklause gab, die dem Stift Freckenhorst abgabenpflichtig war. 1695 wird auch eine Kapelle auf dem nahegelegenen Gut Affhüppe, heute Gut Gerbaulet, erwähnt. In diese Kapelle kamen auch die Vohrener Bauern zum Sonntagsgottesdienst, denn der Weg zu ihrer Pfarrkirche St. Laurentius in Warendorf war weit und beschwerlich. Bald platzte die Gutshof-Kapelle aus allen Nähten, sodass Maria Katharina Affhüppe, die Witwe des Johann Heinrich Affhüppe, eine Stiftung begründete, um eine größere Kirche zu bauen. Sie engagierte den Diözesanbaumeister Emil von Manger (1824-1902), der 1854-56 die jetzige Affhüppen-Kapelle im neugotischen Stil aus handgeformten, roten Backsteinen und mit viel Sandstein-Zierrat erbaut. Es war für Emil von Manger eine seiner ersten Kirchbauten. Heute gilt er als der bedeutendste münsterländische Baumeister des Neo-Klassizismus. Dieses Frühwerk mit kreuzförmigem Saalbau ist ein absolutes Unikat. Der Baumeister trieb großen Aufwand mit zahlreichen Gliederungsdetails im Außenbau – die finanziellen Grenzen der Witwe Affhüppe waren offensichtlich weit gesteckt. So entstand ein kleine Kirche mit einem achteckigen Turm, geschmückt mit reichem Zierwerk und acht Wasserspeiern. Eine solche architektonische Schönheit mit so viel Liebe zum Detail findet man bei Kapellen selten. Im Rahmen der in Westfalen weit verbreiteten Neu-Gotik spielte die Affhüppen-Kapelle, die dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht wurde, eine durchaus herausragende Rolle. Gern wurde die Kapelle von der Vohrener Bevölkerung für die Sonntagsmesse, für Hochzeiten und Kirchenfeste genutzt. Der Höhepunkte des Jahres war die „Hagelprozession“. Die Muttergottes von Warendorf wurde dann von der Laurentiuskirche aus durch die Felder und Wiesen des Ostbezirks und Vohrens bis zur Affhüppen-Kapelle getragen. Viele Bürger der Stadt Warendorf und Bauern und Kötter aus der Bauerschaft Vohren erflehten bei der Prozession durch fromme Lieder und innige Gebete den Schutz der Gottesmutter vor Unwetter, Hagelschlag und Dürre, denn die Zerstörung der Ernte durch Unwetter bedeutete Hungersnot für die hier lebenden Menschen. In und vor der festlich geschmückten Affhüppen-Kapelle fand ein feierlicher Bittgottesdienst statt. Diese „Hagelprozession“ hatte schon eine lange Tradition und es wird berichtet, dass sich 1695 am Schluss der Bittprozession das erste Wunder der Gottesmutter aus der Laurentiuskirche  ereignete – die blinde Ursula wurde wieder sehend. Seither verehrten die Gläubigen diese Madonna als die „Wundertätige Muttergottes von Warendorf“.

In einer Bulle gewährte Papst Gregor XVI. allen Gläubigen einen vollkommenen Ablass, wenn sie am 24. Juni, dem Festtag des Hl. Johannes des Täufers, die Johannes-Kapelle in Vohren besuchten. Diesen Ablass zur Tilgung der Sündenstrafen konnten die Gläubigen an diesem Tag bei jedem Kirchenbesuch erwerben, wenn sie ein „Vater unser“, ein „Gegrüßet seist Du Maria“ und ein „Ehre sei dem Vater“ beteten. Wenn sie die Sünden vorher gebeichtet hatten, wurden ihnen die zeitlichen Sündenstrafen erlassen. Auch für Verstorbene konnte ein Ablass „erbetet“ werden. Darum gingen viele Gläubige mehrmals am Tag in die Kapelle, um den Ablass auch für Verstorbene zu erwerben. Es reichte schon, die Kirche kurz zu verlassen und wieder hereinzugehen – das nannte man dann „portiunceln“, in Erinnerung an den Portiuncula-Ablass des Hl. Franziskus.

Diese schönen Ereignisse in der Kapelle konnte die Stifterin Maria Katharina Affhüppe leider nicht mehr miterleben. Sie starb schon 1857, nur ein Jahr nach Vollendung der St. Johannes Kapelle. Ihr Schwiegersohn, der Mühlenherr Anton Scheffer-Boighorst aus Warendorf übertrug 1859 die Affhüppen-Kapelle mitsamt der Stiftung dem Bistum Münster. Die Familie aber blieb bedeutend für die Entwicklung der Stadt Warendorf. Franziska Scheffer-Boighorst heiratete 1893 Max Gerbaulet (1864-1949), der von 1899 bis 1929 ein hochgeschätzter Landrat des Kreises Warendorf wurde und viel für die gute Entwicklung Warendorfs bewirkte. Noch heute bewohnt die Familie Gerbaulet den Gutshof an der Affhüppen-Kapelle.


Haus Gerbaulet

Bis Ende der 1950er Jahre stand die Affhüppen-Kapelle der Vohrener Bevölkerung als Gotteshaus zur Verfügung und wurde für Gottesdienste rege genutzt. Jeden Sonntag kam ein Geistlicher der Laurentius-Pfarre oder ein Pater aus dem Franziskanerkloster und las die Sonntagsmesse. Während des 2. Weltkriegs wurde die Kapelle allerdings zweckentfremdet und als Möbellager für ausgebombte Familien aus Münster genutzt. Aber schon zu Pfingsten 1945 konnte so viel Platz freigeräumt werden, dass eine Hl. Messe gefeiert werden konnte, zur großen Freude der Vohrener Bauern und vieler Flüchtlinge, die in Vohren eine vorläufige Bleibe gefunden hatten. In den 1950er Jahren fanden neben der Sonntagsmesse auch regelmäßige Schulgottesdienste der Vohrener Landschule statt. Mit der Zeit war allerdings der Sanierungsbedarf nicht mehr zu übersehen. Vögel nisteten im alten Gebälk und fühlten sich in der Kapelle sehr wohl, sodass der Bischöfliche Stuhl in den 1960er Jahren über einen Abriss der Affhüppen-Kapelle nachdachte. Damit waren aber weder die Vohrener Bürger noch der Warendorfer Heimatverein einverstanden und der Bischof entschloss sich, die Kapelle als Lapidarium zur Aufbewahrung sakraler Einrichtungsgegenstände und Kunstwerke zu nutzen. Der  Innenraum war nun leider nicht mehr zugängig.

Der Bischöfliche Stuhl, der etwa 100 Jahre lang Eigentümer der Affhüppen-Kapelle war, übertrug die Kapelle am 10. Januar 1967 schenkungsweise an die Kirchengemeinde St. Laurentius in Warendorf.

 

Besichtigung der Affhüppenkapelle unter sachkundiger Führung von Klaus Ring (+), links oben

Lange schon wurde der Wunsch nach einer Besichtigung des Innenraums der Kapelle an den Heimatverein herangetragen. Im April 2011 erlaubte die Kirchengemeinde einen Besuch in der Affhüppen-Kapelle, die 1990 unter Denkmalschutz gestellt worden war. Der Kunsthistoriker und engagierte Heimatfreund Klaus Ring öffnete den zahlreichen Interessierten die Augen für die detailreichen Schönheiten dieses Kleinods der Neo-Gotik. Trotz des Alters von über 150 Jahren ist die Kirche noch in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten und der Reichtum an baulichem Detail zeugt noch heute von der handwerklichen Sorgfalt in der Bauausführung. Allerdings drohte der Kapelle Gefahr durch Einbruchsversuche und Vandalismus. Darum wurden die Fenster schon verdrahtet und zum Schutz teilweise zugemauert.

 

  
Bilder aus dem Inneren der Affhüppenkapelle, Nutzung als Lapidarium

Eine ganz neue Welt erwartete die Heimatfreunde im Inneren der Affhüppen-Kapelle. „Das ist ja wie in Tut-ench-Amuns Grabkammer!“ Ja, in dem kreuzförmigen Kirchenraum befand sich das bischöfliche Lapidarium, wo neben liebenswerten neugotischen Sandstein-Heiligen, barocken Kanzeln auch allerlei Baumaterial gelagert wurde. Der hallenartige Innenraum mit den vielen kunstvollen Details beeindruckt aber die Besucher durch seine harmonischen Proportionen und die aufstrebenden Gewölbejoche mit ihren eleganten Rippen und kunstvollen Kapitellen. Eine Sanierung wäre zweifelsohne wünschenswert, das war die einhellige Meinung der Besucher.

Aber leider ist das mit hohen Kosten verbunden, die weder der bischöfliche Stuhl in Münster noch die Gemeinde St. Laurentius aufbringen konnten. Trotz vieler Überlegungen fand sich keine Lösung, darum verkaufte das Bistum 2024 die Kapelle an einen Privatmann.


Anfang 2026 erfolgte ein erneuter Besitzerwechsel und die Kapelle ging in das Eigentum der Familie Austermann aus Ennigerloh über. Die Kirche soll nun für private Zwecke genutzt werden, wobei vertraglich festgelegt wurde, dass die Nutzung nicht der Würde des Kirchengebäudes widersprechen darf.

Man kann gespannt sein, wie die Geschichte der Affhüppen-Kapelle weitergeht!

 

Quellen: Wilhelm Zuhorn: Kirchengeschichte der Stadt Warendorf, Presseberichte, Protokolle, Homepage des Heimatvereins Warendorf

Bilder: Klaus Ring, Matthias Rinschen, Mechtild Wolff und der LWL Münster

Text: Mechtild Wolff

 

 

Startseite Stadtmuseum Kirchen Lexikon Erlebte Geschichte Archiv Impressum
Bilderbogen Gadem St. Laurentius Persönlichkeiten  Datenschutzerklärung
Video Tapetensaal St. Marien Straßennamen      Satzung
  Torschreiberhaus Christuskirche Mariä Himmelfahrt     Mitglied werden
Haus Bispinck St. Joseph Karneval
    Affhüppenkapelle Fettmarkt      

Heimatverein Warendorf e. V., Vorsitzende: Beatrix Fahlbusch, Düsternstraße 11, 48231 Warendorf, Tel: 02581 7 89 59 03       
E-Mail: vorstand@heimatvereinwarendorf.de
Copyright: Heimatverein Warendorf (C) 2005 -2025 (Impressum und Datenschutzerklärung)
 Mitglied werden