
Versteckt hinter hohen Bäumen ragt der elegant schlanke,
neugotische Turm mit reichen Verzierungen aus der platten westfälischen
Landschaft heraus. So mancher Autofahrer auf der Ostumgehung, der L 475,
fragt sich, wie solch eine außergewöhnliche kleine Kirche hier in die
doch recht bodenständige Bauerschaft Vohren kommt! Der Zugang zur
Affhüppen-Kapelle ist schwer zu finden, man muss von der Beckumer Straße
aus erst einmal den Tunnel entdeckt haben, der die L 475 „unterführt“.
Wie kam es zum Bau dieses charmanten Gotteshauses?
Alte Urkunden berichten, dass es hier schon seit dem 14.
Jahrhundert eine Mönchsklause gab, die dem Stift Freckenhorst
abgabenpflichtig war. 1695 wird auch eine Kapelle auf dem nahegelegenen
Gut Affhüppe, heute Gut Gerbaulet, erwähnt. In diese Kapelle kamen auch
die Vohrener Bauern zum Sonntagsgottesdienst, denn der Weg zu ihrer
Pfarrkirche St. Laurentius in Warendorf war weit und beschwerlich. Bald
platzte die Gutshof-Kapelle aus allen Nähten, sodass Maria Katharina
Affhüppe, die Witwe des Johann Heinrich Affhüppe, eine Stiftung
begründete, um eine größere Kirche zu bauen.
Sie engagierte den
Diözesanbaumeister Emil von Manger (1824-1902), der 1854-56 die jetzige
Affhüppen-Kapelle im neugotischen Stil aus handgeformten, roten
Backsteinen und mit viel Sandstein-Zierrat erbaut. Es war für Emil von
Manger eine seiner ersten Kirchbauten. Heute gilt er als der
bedeutendste münsterländische Baumeister des Neo-Klassizismus. Dieses
Frühwerk mit kreuzförmigem Saalbau ist ein absolutes Unikat. Der
Baumeister trieb großen Aufwand mit zahlreichen Gliederungsdetails im
Außenbau – die finanziellen Grenzen der Witwe Affhüppe waren
offensichtlich weit gesteckt. So entstand ein kleine Kirche mit einem
achteckigen Turm, geschmückt mit reichem Zierwerk und acht
Wasserspeiern. Eine solche architektonische Schönheit mit so viel Liebe
zum Detail findet man bei Kapellen selten. Im Rahmen der in Westfalen
weit verbreiteten Neu-Gotik spielte die Affhüppen-Kapelle, die dem Hl.
Johannes dem Täufer geweiht wurde, eine durchaus herausragende Rolle.
Gern wurde die Kapelle von der Vohrener Bevölkerung für die
Sonntagsmesse, für Hochzeiten und Kirchenfeste genutzt. Der Höhepunkte
des Jahres war die „Hagelprozession“. Die Muttergottes von Warendorf
wurde dann von der Laurentiuskirche aus durch die Felder und Wiesen des
Ostbezirks und Vohrens bis zur Affhüppen-Kapelle getragen.
Viele
Bürger der Stadt Warendorf und Bauern und Kötter aus der Bauerschaft
Vohren erflehten bei der Prozession durch fromme Lieder und innige
Gebete den Schutz der Gottesmutter vor Unwetter, Hagelschlag und Dürre,
denn die Zerstörung der Ernte durch Unwetter bedeutete Hungersnot für
die hier lebenden Menschen. In und vor der festlich geschmückten
Affhüppen-Kapelle fand ein feierlicher Bittgottesdienst statt. Diese
„Hagelprozession“ hatte schon eine lange Tradition und es wird
berichtet, dass sich 1695 am Schluss der Bittprozession das erste Wunder
der Gottesmutter aus der Laurentiuskirche ereignete – die blinde Ursula
wurde wieder sehend. Seither verehrten die Gläubigen diese Madonna als
die „Wundertätige Muttergottes von Warendorf“.
In einer Bulle gewährte Papst Gregor XVI. allen Gläubigen einen
vollkommenen Ablass, wenn sie am 24. Juni, dem Festtag des Hl. Johannes
des Täufers, die Johannes-Kapelle in Vohren besuchten. Diesen Ablass zur
Tilgung der Sündenstrafen konnten die Gläubigen an diesem Tag bei jedem
Kirchenbesuch erwerben, wenn sie ein „Vater unser“,
ein „Gegrüßet seist
Du Maria“ und ein „Ehre sei dem Vater“ beteten. Wenn sie die Sünden
vorher gebeichtet hatten, wurden ihnen die zeitlichen Sündenstrafen
erlassen. Auch für Verstorbene konnte ein Ablass „erbetet“ werden. Darum
gingen viele Gläubige mehrmals am Tag in die Kapelle, um den Ablass auch
Diese schönen Ereignisse in der Kapelle konnte die Stifterin
Maria Katharina Affhüppe leider nicht mehr miterleben. Sie starb schon
1857, nur ein Jahr nach Vollendung der St. Johannes Kapelle. Ihr
Schwiegersohn, der Mühlenherr Anton Scheffer-Boighorst aus Warendorf
übertrug 1859 die Affhüppen-Kapelle mitsamt der Stiftung dem Bistum
Münster. Die Familie aber blieb bedeutend für die Entwicklung der Stadt
Warendorf. Franziska Scheffer-Boighorst heiratete 1893 Max Gerbaulet
(1864-1949), der von 1899 bis 1929 ein hochgeschätzter Landrat des
Kreises Warendorf wurde und viel für die gute Entwicklung Warendorfs
bewirkte. Noch heute bewohnt die Familie Gerbaulet den Gutshof an der
Affhüppen-Kapelle.

Haus Gerbaulet
Bis Ende der 1950er Jahre stand die Affhüppen-Kapelle der
Vohrener Bevölkerung als Gotteshaus zur Verfügung und wurde für
Gottesdienste rege genutzt. Jeden Sonntag kam ein Geistlicher der
Laurentius-Pfarre oder ein Pater aus dem Franziskanerkloster und las die
Sonntagsmesse. Während des 2. Weltkriegs wurde die Kapelle allerdings
zweckentfremdet und als Möbellager für ausgebombte Familien aus Münster
genutzt. Aber schon zu Pfingsten 1945 konnte so viel Platz freigeräumt
werden, dass eine Hl. Messe gefeiert werden konnte, zur großen Freude
der Vohrener Bauern und vieler Flüchtlinge, die in Vohren eine
vorläufige Bleibe gefunden hatten. In den 1950er Jahren fanden neben der
Sonntagsmesse auch regelmäßige Schulgottesdienste der Vohrener
Landschule statt. Mit der Zeit war allerdings der Sanierungsbedarf nicht
mehr zu übersehen. Vögel nisteten im alten Gebälk und fühlten sich in
der Kapelle sehr wohl, sodass der Bischöfliche Stuhl in den 1960er
Jahren über einen Abriss der Affhüppen-Kapelle nachdachte. Damit waren
aber weder die Vohrener Bürger noch der Warendorfer Heimatverein
einverstanden und der Bischof entschloss sich, die Kapelle als
Lapidarium zur Aufbewahrung sakraler Einrichtungsgegenstände und
Kunstwerke zu nutzen. Der Innenraum war nun leider nicht mehr zugängig.


Besichtigung der Affhüppenkapelle unter sachkundiger Führung von Klaus
Ring (+), links oben
Lange schon wurde der Wunsch nach einer Besichtigung des Innenraums der Kapelle an den Heimatverein herangetragen. Im April 2011 erlaubte die Kirchengemeinde einen Besuch in der Affhüppen-Kapelle, die 1990 unter Denkmalschutz gestellt worden war. Der Kunsthistoriker und engagierte Heimatfreund Klaus Ring öffnete den zahlreichen Interessierten die Augen für die detailreichen Schönheiten dieses Kleinods der Neo-Gotik. Trotz des Alters von über 150 Jahren ist die Kirche noch in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten und der Reichtum an baulichem Detail zeugt noch heute von der handwerklichen Sorgfalt in der Bauausführung. Allerdings drohte der Kapelle Gefahr durch Einbruchsversuche und Vandalismus. Darum wurden die Fenster schon verdrahtet und zum Schutz teilweise zugemauert.



Bilder aus dem Inneren der Affhüppenkapelle, Nutzung als Lapidarium
Eine ganz neue Welt erwartete die Heimatfreunde im Inneren der
Affhüppen-Kapelle. „Das ist ja wie in Tut-ench-Amuns Grabkammer!“ Ja, in
dem kreuzförmigen Kirchenraum befand sich das bischöfliche Lapidarium,
wo neben liebenswerten neugotischen Sandstein-Heiligen, barocken Kanzeln
auch allerlei Baumaterial gelagert wurde. Der hallenartige Innenraum mit
den vielen kunstvollen Details beeindruckt aber die Besucher durch seine
harmonischen Proportionen und die aufstrebenden Gewölbejoche mit ihren
eleganten Rippen und kunstvollen Kapitellen. Eine Sanierung wäre
zweifelsohne wünschenswert, das war die einhellige Meinung der Besucher.


Man kann gespannt sein, wie die Geschichte der
Affhüppen-Kapelle weitergeht!
Quellen: Wilhelm Zuhorn: Kirchengeschichte der Stadt Warendorf,
Presseberichte, Protokolle, Homepage des Heimatvereins Warendorf
Bilder: Klaus Ring, Matthias Rinschen, Mechtild Wolff und der
LWL Münster
Text: Mechtild Wolff