Die wundertätige Madonna von Warendorf
von Mechtild Wolff (August 2022)

 

 

Wie entstand das Fest „Mariä Himmelfahrt?“

Die Menschen der vergangenen Jahrhunderte waren sehr gläubig und hatten tiefes Vertrauen zu Maria, der Mutter Gottes. In allen katholischen Kirchen finden sich Statuen und Bilder von der Gottesmutter, bei denen die Gläubigen Trost und Hilfe suchen.

In Warendorf wurde schon seit „Menschen Gedenken“ die „Glorreiche Muttergottes“ verehrte. Sie wurde in der Laurentiuskirche in „Glanz und Glorie“ gezeigt, wie eine Königin. Sie war die Himmelskönigin, mit Jesus auf dem Arm. In ihrer Not riefen die Menschen die „Wundertätige Muttergottes“ um Hilfe an, das gab ihnen Trost und Stärke.

Und die Not war groß in jenen Tagen. Wenn jemand krank wurde, war in den meisten Familien nicht genügend Geld da, um einen Arzt oder Arznei zu bezahlen und für viele Krankheiten gab es noch keine wirksamen Heilmittel. Darum beteten die Menschen damals sehr viel und riefen ganz besonders die Mutter Gottes um Hilfe an. 

Ja, die Menschen glaubten ganz fest, dass die Glorreiche Muttergottes von Warendorf Wunder bewirken konnte. Und aus dem Jahr 1695 wird uns von dem ersten Wunder berichtet:

Auf der Oststraße wohnte die 9jährige Ursula. Sie war an Windpocken erkrankt gewesen und hatte dadurch ihr Augenlicht verloren. Also: Sie war blind. Ursula war trotzdem ein fröhliches Kind und wollte gern an allem teilnehmen. Darum betrübte es sie sehr, dass sie nicht mit der Prozession nach Vohren gehen konnte, denn sie verehrte die glorreiche Muttergottes aus der Laurentiuskirche sehr. Diese Warendorfer Madonna wurde bei der Prozession nach Vohren durch die Felder getragen, und die Gläubigen beteten für eine gute Ernte. Denn eine schlechte Ernte durch Hagel oder zu große Trockenheit bedeutete für viele Menschen Hunger und Not.

 

Als die Prozession aus Vohren wieder nach Warendorf zurückkam, gab es einem heftigen Regenschauer. Nun trug auch damals schon die Warendorfer Madonna sehr kostbare Kleider, die nicht nass werden durften. Darum flüchteten die Devotessen, die die Madonna tragen durften, in das nächst liegende Haus. Das war zufällig das Haus, in dem die kleine, blinde Ursula auf die Rückkehr der Prozession wartete. Als das blinde Mädchen begriff, was sich ereignete, fasste sie all ihren Mut zusammen und fragte eine der Frauen, ob sie die glorreiche Gottesmutter sehen dürfte. „Du kannst doch nicht sehen“, sagte die Frau zu ihr. „Dann lass sie mich doch wenigsten einmal anfassen“! Und ganz vorsichtig berührte sie das Kleid der Mutter Gottes. Sie glaubte ganz fest, dass die Gottesmutter ihr helfen würde. Die Frauen beteten derweil die Lauretanische Litanei. Als sie zu der Bitte: „Du Helferin der Christenheit“ kamen, sagte eine Nachbarin inbrünstig: „Do help dat arme Kind doch!“ In Warendorf sprach man damals nur platt und das heißt: „So hilf dem armen Kind doch!“ Bei diesen Worten „brachen der kleinen Ursula die Augen auf“, so steht es geschrieben und sie konnte wieder sehen und sie sah die Madonna in ihrer ganzen Pracht. Ursula dankte der Gottesmutter ihr Leben lang für dieses Wunder und als sie genügend Geld zusammengespart hatte, ließ sie ein silbernes Krönchen anfertigen, dass sie der wundertätigen Madonna schenkte.

Immer mehr Menschen glaubten fest an die Hilfe der Glorreichen Muttergottes, und immer wieder kam es zu wundersamen Heilungen, für die es keine natürliche Erklärung gab. Besonders in Notzeiten und während der schrecklichen Kriege fanden die Gläubigen hier Trost und neue Hoffnung. Es entstand eine tiefe Marienverehrung in Warendorf. Zum Zeichen ihres Dankes schenkten viele Menschen der Gottesmutter silberne Gaben, die Votivgaben, z.B. das silberne Krönchen der blinden Ursula oder ein silbernes Bein oder ein silbernes Herz oder die Nachbildung eines kleinen Kindes. Oft kam es auch vor, dass dankbare Gläubige einfach ihre Halskette oder ihren Ring abnahmen und ihn der Gottesmutter schenkten. Diese Votivgaben werden zum Fest Mariä Himmelfahrt auf großen Tafeln ausgestellt. Das Gnadenbild wird dann besonders festlich geschmückt und die Besucher, besonders die Kinder, zünden ein Kerzchen an.

Am Mariä-Himmelfahrts-Sonntag wird die wundertätige Muttergottes noch heute in einer festlichen Prozession durch die Straßen getragen und jedes Jahr kommen viele Menschen, um an der Prozession teil zu nehmen.

 

Und nun ist unsere wundertätige Madonna schwarz!

Im Jahr 2002, kurz vor Mariä Himmelfahrt, passierte ein schreckliches Unglück. Ein 12jähriges Mädchen zündete für die Muttergottes ein Kerzchen an. Sie hatte sicher eine ganz besondere Bitte, darum wollte sie die Kerze ganz in die Nähe der Muttergottes stellen, die damals noch nicht in einem Glaskasten stand. Das Kleid der Madonna fing Feuer und im Nu stand die Muttergottes in Flammen. Ein älteres Ehepaar versuchte mit dem Wasser aus den Blumenvasen das Feuer zu löschen, aber das Kleid und noch schlimmer, das Gesicht der Madonna verbrannten. Wundersamer Weise ist das Jesuskind und die Weltkugel weitgehend verschont geblieben. Damals herrschte großes Entsetzen und auch Ratlosigkeit bei den Gläubigen. Nach langem Überlegen wurde ein Künstler beauftragt, eine Kopie der Madonnenstatue zu erstellen. Als die neue Madonna aufgestellt wurde, waren die Gläubigen gar nicht glücklich, das war nicht ihre wundertätige Madonna. Sie war eben nur eine Kopie. Darum wurde die verbrannte Muttergottes wieder an ihren Platz gestellt, geschützt durch einen Glaskasten. Warendorf hat jetzt eine „Schwarze Madonna“ und man stellt fest, dass dieses verletzte Gnadenbild die Gläubigen in einer ganz besonderen Weise anspricht.

Die damals angefertigte Kopie steht in der Seitenkapelle. Sie wird bei der Mariä-Himmelfahrts-Prozession durch die Straßen getragen, denn die „Schwarze Madonna“ darf nicht mehr bewegt werden.  

 

Mechtild Wolff                                         

 

 

 

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