Jüdisches Leben in Warendorf:
Die Rettung der Warendorfer Thora-Rolle - ein Glücksfall
von Mechtild Wolff (2026)


Sharon Fehr, der Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Münster, zeigt die Warendorfer Thora-Rolle

Ja, es war ein Glücksfall und ein Beispiel von bürgerschaftlichem Mut, dass Heinrich Baggeroer in der Reichspogromnacht 1938 die Warendorfer Thora-Rolle vor der Zerstörung rettete. Sein Sohn Theo Baggeroer war ein guter Freund unserer Familie und erzählte gerne diese denkwürdige Geschichte:

Mein Vater, der Lederwarenhändler Heinrich Baggeroer, hatte sein Geschäft am Krickmarkt, wo er auch mit seiner Familie wohnte. Der Hinterausgang aus seinem Garten lag an der Königstraße, direkt gegenüber Rückseite der Synagoge.

In der Nacht des 9. auf den 10. November 1938, die später als Reichspogromnacht in die Geschichte eingehen sollte, legte sich auch über die Kleinstadt Warendorf der Schleier des Terrors. Nazi-Parolen schallten durch die Altstadt – das ließ nichts Gutes erahnen - und bald konnten die Bürger das Klirren von Fensterscheiben und das Zersplittern von Holz hören. Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht, dass die Schergen der SA Jagd auf jüdische Mitbürger machten. Die Juden wurden aus den Häusern gezerrt, an die Ems gebracht  und dort schwer misshandelt, ihre Wohnungen wurden zerstört und ihre Habe aus den Fenstern geworfen. Das Klirren von Glas und Porzellan war den Menschen noch lange im Ohr, darum wurde diese Nacht „Reichskristallnacht“ genannt. Niemand stellte sich dem Terror entgegen, niemand wagte einzuschreiten oder zu protestieren, das hätte auch für ihn Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Allerdings hat in dieser Nacht so mancher Warendorfer seine jüdischen Nachbarn bei sich versteckt – auch das war lebensgefährlich.

 Die Zerstörung der Synagoge an der Freckenhorster Straße


die jüdische Synagoge in Warendorf -  Modell von Lienhard Wesselmann

Auch aus der naheliegenden Synagoge drang unheilvoller Lärm. Was wirklich passiert war, konnte Heinrich Baggeroer erkennen, als er sich später im Schutz der Dunkelheit durch die enge Gasse zwischen den Häusern zum jüdischen Bethaus schlich. Alle Fensterscheiben der Synagoge waren zersplittert, die Inneneinrichtung war zertrümmert und alles, was der Jüdischen Gemeinde heilig gewesen war, war aus den Fenstern geworfen worden und lag im Hof wie ein großer Müllhaufen. Offensichtlich war nun der SA-Mob weitergezogen und hatte Gott Dank die Synagoge nicht angezündet. Lange wurde verbreitet, die SA-Leute seien für diese Gräueltaten aus Ahlen gekommen, aber heute weiß man, dass es Warendorfer SA-Leute waren, oft sogar Männer aus der Nachbarschaft. Die Warendorfer aber wussten, dass bei einer Brandstiftung die gesamte Altstadt in Gefahr geraten würde.

Zu seinem Entsetzen sah Heinrich Baggeroer in dem Schuttberg die Thora-Rolle der Jüdischen Gemeinde liegen. Er wusste, dass die Thora ein Heiligtum der Juden ist, in der auf koscherem Pergament die fünf Bücher Moses in kunstvoller Handschrift geschrieben sind. Er hatte selbst einmal in einem jüdischen Gottesdienst erlebt, wie der Rabbiner aus der Thora-Rolle die Bibeltexte auf Hebräisch vorlas.

Was tun? Er wusste genau, wie gefährlich es war, die Thora-Rolle mitzunehmen, aber er tat es trotzdem. Außerdem nahm er noch Gebetbücher und einige Kultgegenstände unter den Arm und schlich sich, glücklicherweise unentdeckt, durch die Gasse zurück in seinen Garten. Aber wohin nun mit der Thora-Rolle und den Kultgegenständen? Nie durfte jemand wissen, dass er sie gerettet hatte, das wäre im Nationalsozialismus der sichere Weg ins KZ gewesen und Hausdurchsuchungen gab es in der NS-Zeit auch bei Ariern!

Da erinnerte er sich, dass es im Keller ein Geheimversteck gab – für gefährliche Zeiten -, eine kleine Kammer unter der Erde. Gute verpackt – das konnte er ja als Lederwarenhändler -  verstaute er dort alles, verschloss die Klappe und legte zur Tarnung noch einen alten Teppich drüber und stellte einen alten Schrank darauf.

 

Hugo Spiegel flieht aus seiner Heimatstadt

Der Viehhändler Hugo Spiegel war in der Pogromnacht von den NS-Truppen im Schlafanzug aus seinem Haus in der Schützenstraße 17 gezerrt und an der dunklen Ems übel zusammengeschlagen worden. Mit einer Beinverletzung sowie Verletzungen am Ohr wurde er von wohlmeinenden Bürgern ins Krankenhaus gebracht, aber keiner der Ärzte traute sich, ihn zu behandeln. Erst der mitten in der Nacht herbeigerufene HNO-Arzt Dr. Gronover half dem Verletzten und besorgte ihm ein Krankenzimmer. Zum Schutz setzte er eine Wache vor die Tür - die Grausamkeiten sollten sich nicht wiederholen. Es wird erzählt, dass Dr. Gronover in der SS war und sich darum diese Freiheit erlauben konnte.


Famlie Elsberg beseitigt die Scherben der Pogromnacht vor ihrem Haus an der Oststraße

Als 1939 der 2. Weltkrieg begann, wurde die tägliche Not und Verfolgung noch viel schlimmer. Die meisten Juden hatten Warendorf mittlerweile verlassen, viele waren in alle Teile der Welt ausgewandert. Nun musste auch Hugo Spiegel einsehen, dass er, um sein Leben zu retten, seine geliebte Heimatstadt verlassen musste. Er floh mit seiner Familie in das sichere Belgien - welch ein verhängnisvoller Trugschluss.

1940, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien, wurde Hugo Spiegel verhaftet und ins KZ verschleppt. Die Tochter Rosa wurde 1942 auf offener Straße angesprochen und als jüdisches Kind identifiziert und in den KZ-Tod geschickt. Wie gut, dass der Sohn Paul bei katholischen Bauern versteckt worden war und auch die Mutter sich in der Großstadt Brüssel gut verbarg.

Endlich ist die Schreckensherrschaft zu Ende

Als die amerikanischen Soldaten bei Kriegsende im April 1945 das Konzentrationslager Dachau befreiten, war Paul Spiegel unter den Glücklichen, die überlebt hatten. Entkräftet, aber mit ungebrochenem Lebenswillen - sonst hätte er nicht überlebt -, machte er sich auf den Weg nach Norden. In Frankfurt auf dem Bahnhof wartete auch Heinrich Baggeroer, der gerade von einer Ledereinkaufsreise zurückkam, auf seinen Zug. Er sah die jämmerliche Gestalt und sofort schoss ihm durch den Kopf „Könnte das nicht Hugo Spiegel sein, abgemagert und mit rasiertem Kopf?“ Er sprach ihn an „Hugo, bist du das?“ und angesichts des bekannten Gesichts leuchteten Hugos Augen. Ein Warendorfer Freund, welch ein Lichtblick! „Hugo, wo willst du denn hin?“ „Das weiß ich nicht, ich weiß nicht, wo meine Familie ist, ich weiß nicht einmal, ob sie noch am Leben sind!“ „Dann komm mit mir nach Hause, dann sehen wir weiter!“ Und so fuhren die beiden alten Freunde nach Warendorf in die alte Heimat, in die Heimat, die Hugo Spiegel eigentlich nie wiedersehen wollte, nach all den schrecklichen Erlebnissen!

Aber bei Baggeroers fühlte er sich geborgen und eines Abend sagte Heinrich Baggeroer zu ihm „Hugo, geh mal mit mir in den Keller!“ und er schob dort einen Schrank an die Seite, rollte den Teppich auf, öffnete die Bodenklappe und holte die Thora-Rolle aus dem Versteck.

Hugo Spiegel konnte es kaum glauben, dass das größte Heiligtum der jüdischen Gemeinde gerettet worden war. Damit konnte er die jüdische Gemeinde in Warendorf neu begründen. Jetzt wurde Warendorf wieder zu seiner Heimat!

Auch seine Frau Ruth und seinen jetzt achtjährigen Sohn Paul fand er in Belgien wieder, gerade noch rechtzeitig, denn sie hatten sich entschlossen, zu den Verwandten nach USA auszuwandern – die Schiffspassage war schon gebucht und die Verwandten hatten die Kaution schon bezahlt. Aber jetzt kamen auch Ruth und Paul nach Warendorf - nur von Rosa hatten sie nie wieder gehört. Erst in den 2000er Jahren erfuhren sie, dass Rosa im Ausschwitz ermordet worden war.

Die Gründung der Jüdischen Gemeinde in Warendorf

Das Leben musste weiter gehen und es war für Hugo Spiegel ein Herzensanliegen, eine jüdische Gemeinde in Warendorf zu begründen.

Die Synagoge an der Freckenhorster Straße 7 gab es nicht mehr, sie war am 15. November 1938 von der Synagogengemeinde Warendorf an den Kürschner Heinrich Kottenstedte verkauft worden. Die Synagogengemeinde brauchte das Geld dringend zur Unterstützung der auswanderungswilligen jüdischen Mitglieder, nur leider leitete die Stadtverwaltung den Erlös aus dem Verkauf nie weiter!!!

Der neue Besitzer musste die Synagoge so umbauen, dass „der bisherige Zweck nicht mehr erkennbar war“. Auch das für Synagogen so typische Walmdach musste umgestaltet werden.

Zunächst richtete Hugo Spiegel mit Hilfe der Stadt einen kleinen Betsaal in der ehemaligen Synagoge ein. Es wird erzählt, dass die Gründung einer Synagogengemeinde von zehn Männern jüdischen Glaubens bezeugt werden muss. Außer Hugo Spiegel aber lebten keine Juden in Nachkriegs-Warendorf. Der Zufall kam zu Hilfe: Bei den Soldaten der englischen Besatzungsmacht, die das Hotel im Engel an der Brünebrede für ihre Unterkunft beschlagnahmt hatten, gab es genügend jüdische Männer. Dank der geretteten Thora-Rolle konnte am 7. September 1945 ein jüdischer Gottesdienst gefeiert werden. Damit wurde in Warendorf die erste Jüdische Gemeinde des Münsterlandes gegründet. Mit den Jahren verlagerte sich die jüdische Kultusgemeinde nach Münster, denn dort lebte die Mehrzahl der Gemeindemitglieder. Vor dem Haus der ehemaligen Synagoge an der Freckenhorster Straße erinnert heute eine Gedenk-Stele an das damals lebendige jüdische Leben in Warendorf.


Ja, Hugo Spiegel blieb der einzige Jude, der wieder seine Heimat in Warendorf fand. Er arbeitete wie früher als Viehhändler und wohnte mit seiner Familie zuerst an der Oststraße und baute sich dann ein schönes Haus an der Sassenberger Straße. In seinem Vorgarten hatte er ein viel bewundertes Vogelhäuschen und beim Füttern der Vögel hielt er gern ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Hugo Spiegel wurde in vielen Vereinen ein aktives und verlässliches Mitglied und 1962 schoss er im Schützenverein „Hinter den drei Brücken“ sogar den Vogel ab und wurde Schützenkönig.


1962 Hugo Spiegel, der Schützenkönig       Bürgermeister Dr. Kluck und Hugo Spiegel

1970 enthüllte Bürgermeister Dr. Hans Kluck gemeinsam mit Hugo Spiegel auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein zum Andenken an die jüdischen Mitbürger, die in den Jahren von 1933-1945 umgekommen waren. Auch dieser Friedhof war in der Pogromnacht geschändet worden, Grabsteine wurden umgeworfen, her ausgerissen und zerschlagen. Noch heute kann man die herausgemeißelten Inschriften sehen und viele Grabsteine fehlen. Es wird erzählt, dass ein Warendorfer Bauer sich die Grabsteine geholt hat, um damit seine Hofeinfahrt zu pflastern.

Auf diesem jüdischen Friedhof wurde Hugo Spiegel 1987 begraben, dort, wo 1974 schon seine Frau Ruth ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte.

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland

Sein Sohn Paul ging seinen eigenen Weg. Die Viehhändlertradition der Familie wollte er nicht fortsetzen. Er wollte schreiben und übernahm in Düsseldorf die Redaktion der Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung. Ein guter Einstieg, der in eine steile Karriere in der Presselandschaft und später in einer angesehenen Künstleragentur mündete.

In all den Jahren übernahm er ehrenamtliche Führungsaufgaben in der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, da war es nicht erstaunlich, dass Paul Spiegel am 9. Januar 2000 zum Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt wurde. Welch eine Aufgabe! Es stellte sich schnell heraus, dass Paul Spiegel eine Idealbesetzung für dieses verantwortungsvolle Amt war. Mit großer Leidenschaft und all seiner Kraft setzte er sich für die Versöhnung von Juden und Christen ein – Brückenbauer wollte er sein – und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eine gute Zukunft sichern. 


Hugo Spiegel und seine charmante Frau Gisel und Bürgermeister Theo Dickgreber

Paul Spiegel, Ehrenbürger der Stadt Warendorf
Am 5. September 2001 verlieh Bürgermeister Theo Dickgreber im Theater am Wall auf Beschluss des Rates der Stadt Warendorf dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel die Ehrenbürger-Rechte seiner Heimatstadt. Das berührte Paul Spiegel sehr, denn er hatte nie vergessen, wie schwer es ihm gefallen war, die Entscheidung seines Vaters zu akzeptieren, nach all den Gräueln wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Sein Vater hatte ihn aber gelehrt, immer nach vorne zu blicken und an das Gute im Menschen zu glauben und im Judentum eine Quelle der Stärkung zu finden. Dieses stabile Wertesystem war die Grundlage für sein Wirken in dem verantwortungsvollen Amt.


Prof. Dr. Paul Leidinger und die „Wilhelm-Zuhorn-Plaketten Träger“, Eugenie Haunhorst, D. hc.Paul Spiegel , Prof. Dr. Wilhelm Kohl

Wir Warendorfer erlebten Paul Spiegel als einen brillanten und klugen Redner, der sich unermüdlich für Normalität im deutsch-jüdischen Verhältnis einsetzte, aber auch als einen freundlichen und offenen Menschen und einen fröhlichen Unterhalter, der gerne Witze und Anekdoten erzählte und sich herzlich freute, als er seinen alten Klassenkameraden Willi Schütte traf, mit dem ihn so viele Erinnerungen aus alten Zeiten verbanden.

Der Heimatverein Warendorf ehrte Paul Spiegel 2002 mit der „Wilhelm-Zuhorn-Plakette“. In seiner Festrede würdigte der Vorsitzende Prof. Dr. Paul Leidinger sein Eintreten für Versöhnung und Dialog und insbesondere seine Verbundenheit mit seiner Heimatstadt Warendorf.

Viel zu früh verstarb Paul Spiegel am 30. April 2006. Er war zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Zeitgeschichte geworden, die über seinen Tod hinaus hohe Beachtung und Anerkennung fand. Ihm war es gelungen, den Juden in Deutschland wieder eine akzeptierte Stimme zu geben.

Um die Erinnerung an den bedeutenden Sohn unserer Stadt wach zu halten, wurde die Kreisberufsschule in „Paul-Spiegel-Berufskolleg“ umbenannt. Eine kluge Entscheidung! Hier fand gemeinsam mit allen hiesigen Gymnasien am 30. April 2026 aus Anlass seines 20. Todestages eine beeindruckendes Gedenken mit engagierten Schülern und Lehrern und vielen Ehrengästen statt, zu denen auch sein alter Schulfreund Willi Schütte mit seinen fast 90 Jahren gehörte. Sylvia Löhrmann, die Beauftragte des Landes NRW für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur zollte in ihrer Festrede dem Lebenswerk von Paul Spiegel große Hochachtung.

Die Warendorfer Thora-Rolle

Weil es in Warendorf keine jüdische Gemeinde mehr gibt, befindet sich die Warendorfer Thora in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Münster. Erstmalig kam sie 2025 wieder an ihren Ursprungsort zurück und wurde in der Ausstellung „Jüdische Leben in Warendorf“ von Sharon Fehr, dem Ehrenvorsitzende der jüdischen Gemeinde Münster,  gezeigt. Vor über 200 Jahren wurden in dieser Thora auf Pergament die fünf Bücher Moses in kunstvoller Handschrift aufgeschrieben – 340.000 Zeichen insgesamt. Die Thora ist ein stilles, sehr kraftvolles Symbol der jüdischen Kultur.

Dieser wahre Schatz wurde der Mittelpunkt der sehenswerten Ausstellung im Elsberghaus, die von Rudolf Berger und der Glocke-Redakteurin Nicole Fenneker konzipiert wurde. Sie zeigte eindrucksvoll die lange Geschichte jüdischen Lebens in Warendorf.

 

 

 

Mechtild Wolff 2026


 Stolpersteine in Warendorf

 

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