
Sharon Fehr, der
Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Münster, zeigt die
Warendorfer Thora-Rolle
Ja, es war ein Glücksfall und ein Beispiel von
bürgerschaftlichem Mut, dass Heinrich Baggeroer in der Reichspogromnacht
1938 die Warendorfer Thora-Rolle vor der Zerstörung rettete. Sein Sohn
Theo Baggeroer war ein guter Freund unserer Familie und erzählte gerne
diese denkwürdige Geschichte:
Mein Vater, der Lederwarenhändler Heinrich Baggeroer, hatte
sein Geschäft am Krickmarkt, wo er auch mit seiner Familie wohnte. Der
Hinterausgang aus seinem Garten lag an der Königstraße, direkt gegenüber
Rückseite der Synagoge.
In der Nacht des 9. auf den 10. November 1938, die später als
Reichspogromnacht in die Geschichte eingehen sollte, legte sich auch
über die Kleinstadt Warendorf der Schleier des Terrors. Nazi-Parolen
schallten durch die Altstadt – das ließ nichts Gutes erahnen - und bald
konnten die Bürger das Klirren von Fensterscheiben und das Zersplittern
von Holz hören. Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht, dass
die Schergen der SA Jagd auf jüdische Mitbürger machten. Die Juden
wurden aus den Häusern gezerrt, an die Ems gebracht und dort schwer
misshandelt, ihre Wohnungen wurden zerstört und ihre Habe aus den
Fenstern geworfen. Das Klirren von Glas und Porzellan war den Menschen
noch lange im Ohr, darum wurde diese Nacht „Reichskristallnacht“
genannt. Niemand stellte sich dem Terror entgegen, niemand wagte
einzuschreiten oder zu protestieren, das hätte auch für ihn Gefahr für
Leib und Leben bedeutet. Allerdings hat in dieser Nacht so mancher
Warendorfer seine jüdischen Nachbarn bei sich versteckt – auch das war
lebensgefährlich.

die jüdische Synagoge in Warendorf - Modell von
Lienhard Wesselmann
Zu seinem Entsetzen sah Heinrich Baggeroer in dem Schuttberg
die Thora-Rolle der Jüdischen Gemeinde liegen. Er wusste, dass die Thora
ein Heiligtum der Juden ist, in der auf koscherem Pergament die fünf
Bücher Moses in kunstvoller Handschrift geschrieben sind. Er hatte
selbst einmal in einem jüdischen Gottesdienst erlebt, wie der Rabbiner
aus der Thora-Rolle die Bibeltexte auf Hebräisch vorlas.
Was tun? Er wusste genau, wie gefährlich es war, die
Thora-Rolle mitzunehmen, aber er tat es trotzdem. Außerdem nahm er noch
Gebetbücher und einige Kultgegenstände unter den Arm und schlich sich,
glücklicherweise unentdeckt, durch die Gasse zurück in seinen Garten.
Aber wohin nun mit der Thora-Rolle und den Kultgegenständen? Nie durfte
jemand wissen, dass er sie gerettet hatte, das wäre im
Nationalsozialismus der sichere Weg ins KZ gewesen und
Hausdurchsuchungen gab es in der NS-Zeit auch bei Ariern!
Da erinnerte er sich, dass es im Keller ein Geheimversteck gab
– für gefährliche Zeiten -, eine kleine Kammer unter der Erde. Gute
verpackt – das konnte er ja als Lederwarenhändler - verstaute er
dort alles, verschloss die Klappe und legte zur Tarnung noch einen alten
Teppich drüber und stellte einen alten Schrank darauf.

Famlie Elsberg beseitigt die Scherben der
Pogromnacht vor ihrem Haus an der Oststraße
1940, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien, wurde
Hugo Spiegel verhaftet und ins KZ verschleppt. Die Tochter Rosa wurde
1942 auf offener Straße angesprochen und als jüdisches Kind
identifiziert und in den KZ-Tod geschickt. Wie gut, dass der Sohn Paul
bei katholischen Bauern versteckt worden war und auch die Mutter sich in
der Großstadt Brüssel gut verbarg.
Als die amerikanischen Soldaten bei Kriegsende im April 1945
das Konzentrationslager Dachau befreiten, war Paul Spiegel unter den
Glücklichen, die überlebt hatten. Entkräftet, aber mit ungebrochenem
Lebenswillen - sonst hätte er nicht überlebt -, machte er sich auf den
Weg nach Norden. In Frankfurt auf dem Bahnhof wartete auch Heinrich
Baggeroer, der gerade von einer Ledereinkaufsreise zurückkam, auf seinen
Zug. Er sah die jämmerliche Gestalt und sofort schoss ihm durch den Kopf
„Könnte das nicht Hugo Spiegel sein, abgemagert und mit rasiertem Kopf?“
Er sprach ihn an „Hugo, bist du das?“ und angesichts des bekannten
Gesichts leuchteten Hugos Augen. Ein Warendorfer Freund, welch ein
Lichtblick! „Hugo, wo willst du denn hin?“ „Das weiß ich nicht, ich weiß
nicht, wo meine Familie ist, ich weiß nicht einmal, ob sie noch am Leben
sind!“ „Dann komm mit mir nach Hause, dann sehen wir weiter!“ Und so
fuhren die beiden alten Freunde nach Warendorf in die alte Heimat, in
die Heimat, die Hugo Spiegel eigentlich nie wiedersehen wollte, nach all
den schrecklichen Erlebnissen!
Aber bei Baggeroers fühlte er sich geborgen und eines Abend
sagte Heinrich Baggeroer zu ihm „Hugo, geh mal mit mir in den Keller!“
und er schob dort einen Schrank an die Seite, rollte den Teppich auf,
öffnete die Bodenklappe und holte die Thora-Rolle aus dem Versteck.
Hugo Spiegel konnte es kaum glauben, dass das größte Heiligtum
der jüdischen Gemeinde gerettet worden war. Damit konnte er die jüdische
Gemeinde in Warendorf neu begründen. Jetzt wurde Warendorf wieder zu
seiner Heimat!
Auch seine Frau Ruth und seinen jetzt achtjährigen Sohn Paul fand er in Belgien wieder, gerade noch rechtzeitig, denn sie hatten sich entschlossen, zu den Verwandten nach USA auszuwandern – die Schiffspassage war schon gebucht und die Verwandten hatten die Kaution schon bezahlt. Aber jetzt kamen auch Ruth und Paul nach Warendorf - nur von Rosa hatten sie nie wieder gehört. Erst in den 2000er Jahren erfuhren sie, dass Rosa im Ausschwitz ermordet worden war.
Das Leben musste weiter gehen und es war für Hugo Spiegel ein
Herzensanliegen, eine jüdische Gemeinde in Warendorf zu begründen.
Die Synagoge an der Freckenhorster Straße 7 gab es nicht mehr,
sie war am 15. November 1938 von der Synagogengemeinde Warendorf an den
Kürschner Heinrich Kottenstedte verkauft worden. Die Synagogengemeinde
brauchte das Geld dringend zur Unterstützung der auswanderungswilligen
jüdischen Mitglieder, nur leider leitete die Stadtverwaltung den Erlös
aus dem Verkauf nie weiter!!!
Der neue Besitzer musste die Synagoge so umbauen, dass „der
bisherige Zweck nicht mehr erkennbar war“. Auch das für Synagogen so
typische Walmdach musste umgestaltet werden. 
Zunächst richtete Hugo Spiegel mit Hilfe der Stadt einen
kleinen Betsaal in der ehemaligen Synagoge ein. Es wird erzählt, dass
die Gründung einer Synagogengemeinde von zehn Männern jüdischen Glaubens
bezeugt werden muss. Außer Hugo Spiegel aber lebten keine Juden in
Nachkriegs-Warendorf. Der Zufall kam zu Hilfe: Bei den Soldaten der
englischen Besatzungsmacht, die das Hotel im Engel an der Brünebrede für
ihre Unterkunft beschlagnahmt hatten, gab es genügend jüdische Männer.
Dank der geretteten Thora-Rolle konnte am 7.
Ja, Hugo Spiegel blieb der einzige Jude, der wieder seine Heimat
in Warendorf fand. Er arbeitete wie früher als Viehhändler und wohnte
mit seiner Familie zuerst an der Oststraße und baute sich dann ein
schönes Haus an der Sassenberger Straße. In seinem Vorgarten hatte er
ein viel bewundertes Vogelhäuschen und beim Füttern der Vögel hielt er
gern ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Hugo Spiegel wurde in vielen
Vereinen ein aktives und verlässliches Mitglied und 1962 schoss er im
Schützenverein „Hinter den drei Brücken“ sogar den Vogel ab und wurde
Schützenkönig.

1962 Hugo Spiegel, der Schützenkönig
Bürgermeister Dr. Kluck und Hugo Spiegel
1970 enthüllte Bürgermeister Dr. Hans Kluck gemeinsam mit Hugo
Spiegel auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein zum Andenken an die
jüdischen Mitbürger, die in den Jahren von 1933-1945 umgekommen waren.
Auch dieser Friedhof war in der Pogromnacht geschändet worden,
Grabsteine wurden umgeworfen, her
Auf diesem jüdischen Friedhof wurde Hugo Spiegel 1987 begraben,
dort, wo 1974 schon seine Frau Ruth ihre letzte Ruhestätte gefunden
hatte.
Sein Sohn Paul ging seinen eigenen Weg. Die
Viehhändlertradition der Familie wollte er nicht fortsetzen. Er wollte
schreiben und übernahm in Düsseldorf die Redaktion der Allgemeinen
jüdischen Wochenzeitung. Ein guter Einstieg, der in eine steile Karriere
in der Presselandschaft und später in einer angesehenen Künstleragentur
mündete.
In all den Jahren übernahm er ehrenamtliche Führungsaufgaben in
der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, da war es nicht erstaunlich, dass
Paul Spiegel am 9. Januar 2000 zum Präsidenten des Zentralrates der
Juden in Deutschland gewählt wurde. Welch eine Aufgabe! Es stellte sich
schnell heraus, dass Paul Spiegel eine Idealbesetzung für dieses
verantwortungsvolle Amt war. Mit großer Leidenschaft und all seiner
Kraft setzte er sich für die Versöhnung von Juden und Christen ein –
Brückenbauer wollte er sein – und der jüdischen Gemeinschaft in
Deutschland eine gute Zukunft sichern.

Hugo Spiegel und seine charmante Frau Gisel und
Bürgermeister Theo Dickgreber
Paul Spiegel, Ehrenbürger der Stadt Warendorf

Prof.
Dr. Paul Leidinger und die „Wilhelm-Zuhorn-Plaketten Träger“, Eugenie Haunhorst, D. hc.Paul Spiegel , Prof. Dr.
Wilhelm Kohl
Wir Warendorfer erlebten Paul Spiegel als einen brillanten und
klugen Redner, der sich unermüdlich für Normalität im deutsch-jüdischen
Verhältnis einsetzte, aber auch als einen freundlichen und offenen
Menschen und einen fröhlichen Unterhalter, der gerne Witze und Anekdoten
erzählte und sich herzlich freute, als er seinen alten Klassenkameraden
Willi Schütte traf, mit dem ihn so viele Erinnerungen aus alten Zeiten
verbanden.
Der Heimatverein Warendorf ehrte Paul Spiegel 2002 mit der
„Wilhelm-Zuhorn-Plakette“. In seiner Festrede würdigte der Vorsitzende
Prof. Dr. Paul Leidinger sein Eintreten für Versöhnung und Dialog und
insbesondere seine Verbundenheit mit seiner Heimatstadt Warendorf.

Um die Erinnerung an den bedeutenden Sohn unserer Stadt wach zu
halten, wurde die Kreisberufsschule in „Paul-Spiegel-Berufskolleg“
umbenannt. Eine kluge Entscheidung! Hier fand gemeinsam mit allen
hiesigen Gymnasien am 30. April 2026 aus Anlass seines 20. Todestages
eine beeindruckendes Gedenken mit engagierten Schülern und Lehrern und
vielen Ehrengästen statt, zu denen auch sein alter Schulfreund Willi
Schütte mit seinen fast 90 Jahren gehörte. Sylvia Löhrmann, die
Beauftragte des Landes NRW für die Bekämpfung des Antisemitismus, für
jüdisches Leben und Erinnerungskultur zollte in ihrer Festrede dem
Lebenswerk von Paul Spiegel große Hochachtung.

Weil es in Warendorf keine jüdische Gemeinde mehr gibt,
befindet sich die Warendorfer Thora in der Synagoge der Jüdischen
Gemeinde in Münster. Erstmalig kam sie 2025 wieder an ihren Ursprungsort
zurück und wurde in der Ausstellung „Jüdische Leben in Warendorf“ von
Sharon Fehr, dem Ehrenvorsitzende der jüdischen Gemeinde Münster,
gezeigt. Vor über 200 Jahren wurden in dieser Thora auf Pergament die
fünf Bücher Moses in kunstvoller Handschrift aufgeschrieben – 340.000
Zeichen insgesamt. Die Thora ist ein stilles, sehr kraftvolles Symbol
der jüdischen Kultur.
Dieser wahre Schatz wurde der Mittelpunkt der sehenswerten
Ausstellung im Elsberghaus, die von Rudolf Berger und der
Glocke-Redakteurin Nicole Fenneker konzipiert wurde. Sie zeigte
eindrucksvoll die lange Geschichte jüdischen Lebens in Warendorf.
Mechtild Wolff 2026
