Auf der Emsinsel darf nicht gebaut werden!
Brief an Herrn Pesch, Stadt Warendorf
von Walter Schmalenstroer (1. 8. 2021)

Sehr geehrter Herr Pesch,
vielen Dank für Ihre Antwort auf meine Mail vom 22. Juli 2021. Ich hatte Ihnen bezüglich der Hochwasserrisiken in Warendorf geschrieben, weil ich davon ausgehe, dass für Sie und auch für alle politisch Verantwortlichen in Warendorf es selbstverständlich ist, sich für Warendorf einzusetzen und auch Gefahren von unserer Stadt abzuwenden. So ist eine gemeinsame Zielrichtung vorhanden. Das ist gut so und erleichtert das Gespräch. Dies gilt auch für die Verbesserung der Hochwassersicherheit in bzw. für Warendorf. Gerne nehme ich Ihre Einladung an, mich mit Anregungen, aber auch mit Bedenken einzubringen. Nehmen Sie bereits diesen Brief als Beitrag zu diesem Prozess.

 
Über die Wege zum Ziel Hochwasserschutz gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Dies gilt insbesondere für die Planungen zu „Neuen Ems“. Auch wenn der Planfeststellungsbeschluss für den westlichen Teil der „Neuen Ems“ rechtskräftig und es auch politisch so beschlossen ist, stellen sich viele Fragen:

 
1. Grundsätzliche Aspekte: ich möchte zunächst schlaglichtartig unter Zitierung aktueller Artikel grundsätzliche Fragen ansprechen: „Wir werden Maßnahmen implementieren müssen, um Hochwasser zu verhindern, zum Beispiel Entsiegelung, ….. oder Raum für die Flüsse. Wir können uns aktiv schützen, mit Deichen und Mauern zum Beispiel. Aber man kann eben auch eine andere Strategie fahren, um sich anzupassen, zum Beispiel …. generell eine darauf ausgelegte Bauweise. Ein ganz wichtiger Aspekt bei den Maßnahmen ist ganz sicherlich die Raumplanung. Sie ist der effektivste Schutz vor Hochwasserkatastrophen. Denn der Fluss oder das Meer sind nicht die Bösen, sondern die Leute bauen dort, wo der Fluss einst ausgeufert ist. Sie haben ihn auch oft verengt. (HOCHWASSERSCHUTZ»Verhindern, schützen, anpassen« Lars Fischer,
www.spektrum.de/news/hochwasser-verhinder n-schuetzen-anpassen/1899532 artikel vom 28.7.2021 abgerufen am 28.7.2021) „In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurde – zu Recht – kritisiert, dass viele Flüsse und sogar Bachläufe in Mitteleuropa in ein enges Korsett gezwängt wurden: Gewerbe- und Wohnsiedlungen wurden ebenso wie Straßen in ehemaligen Auenlandschaften gebaut, die zum natürlichen Überflutungsbereich der Fließgewässer gehören. Stattdessen errichteten die Wasserbaubehörden Dämme, die ebenjene Überschwemmungen verhindern sollten, aber das Problem durch erhöhte Fließgeschwindigkeiten einfach nur flussabwärts verlagerten.“ (FLUTKATASTROPHE Kein hausgemachtes Hochwasser von Daniel Lingenhöhl Artikel vom 03.06.2013 www.spektrum.de/kolumne/flutkatastrophe-hochwasser-in-deutschland/ 1197092  abgerufen am 28.7.2021) Berücksichtigt man diese Ausführungen, die offenbar den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft darstellen, würde dies konkret für Warendorf bedeuten: die Brinkhausbrache sollte nach Abbruch der nicht verwendbaren Industriebauten entsiegelt werden; dabei würde gleichzeitig ein Naturraum entstehen, der im Falle eines Hochwassers als Ausgleichsfläche dienen könnte. Vorhandene Rasen und Baumbestände würden dabei kaum größere Schäden erleiden. Sinnvoll wäre vor allem eine Raumplanung, die verhindert, dass dort neu gebaut wird, wo der Fluss Schaden anrichten kann. Professor Stefan Greiving vom Institut für Hochwasserplanung der Technischen Universität Dortmund geht sogar soweit, dass er beim Hochwasserschutz im Sinne von Risikovorsorge nicht nur eine Bebauung in Risikobereichen ablehnt, sondern sogar in bestimmten Fällen sogar eine „Entsiedelung“ von gefährdeten Flächen für notwendig hält. Es ist notwendig, hier auf Experten zu hören. Die grundsätzliche Aussage lautet insgesamt: in Risikogebieten darf nicht neu gebaut werden.  
2. Konkrete Fragen an das Konzept der „Neuen Ems“: Die aktuelle Situation bei Hochwasser sieht so aus, dass anströmende Wasser (durch Pfeile dargestellt) durch Emssee und Flusslauf an der Stadt Warendorf vorbei auf den Lohwall und die dahinter liegenden Wiesen und Äcker geleitet werden (s. Bild):

 
Bei Extremhochwassern stellen sich zu den Planungen der „neuen Ems“ viele Fragen:


An Stelle 1: Wird bei (extrem) stark anströmendem Wasser an der Abzweigstelle das Wasser wirklich brav den vorgesehenen Weg nehmen oder (was wahrscheinlicher ist) wird der Wasserstrom nicht versuchen, auch die durch den kleinen Pfeil angedeutete Richtung zu nehmen? Vermutlich ist das Brinkhausgelände im Extremfall nicht wirklich geschützt.

 
Zu Stelle 2: Was geschieht bei Extremhochwasser, wenn sich der reißende Durchfluss durch den Emssee und die starken Strömungen durch die „neue Ems“ vereinen? Die Wassermengen, die den Emssee durchfluten, reichen aktuell für den Durchfluss bei stärkeren Hochwassern aus. Was geschieht, wenn dieser Durchfluss und das Wasser der „Neuen Ems“ sich vereinen? Dann entsteht doch wohl eine Superwelle, die insbesondere die Häuser auf der Seeseite der Milter Straße in Mitleidenschaft ziehen werden(4). Das Emstal in diesem Bereich hat nur einen gegebenen und nicht beliebig vergrößerbaren Querschnitt und kann nur ein bestimmtes Wasservolumen schadlos abführen. Leitet man Wasser aus dem aktuellen Emslauf in Richtung Emssee um, wird dieses in Kombination mit dem den Emssee flutenden Wassern in andere Bereiche gelangen. Bei extremen Hochwasser wird dann der Bereich von Sassenberger und Milter Straße durch Hochwasser betroffen sein. Reicht der Durchlass der Brücke über den Emssee aus, ein auf diese Weise gesteigertes Hochwasser ohne einen Rückstau abführen zu können? Sind dann Schäden an der Brücke zu befürchten oder ist gar ein Rückstau mit kaum kalkulierbaren Folgen möglich? Ist der gewünschte Schutz der Emsinsel durch Überschwemmung anderer Gebiete erkauft? Das kann doch keiner wollen.

 
Zu Stelle 3: Noch problematischer wird dies durch folgenden Aspekt: Bei der Vereinigung der Durchflüsse von Emssee und „Neuer Ems“ kann es bei Hochwassersituationen auch zu unkontrollierbaren Verwirbelungen und Strömungen an Stelle 3 kommen. Welche Gewalt werden diese Wirbel erzeugen? Werden dann Wasser die Häuser an der Sassenberger Straße und der Sophienpark (evtl. sogar bis hin zum Landgestüt) betroffen sein? Im Falle eines Schadens könnten hier Schadensersatzforderungen der Anlieger fällig werden. Müssen dann zur Verhinderung solcher Schäden im Bereich des Emssees Deichanlagen errichtet werden, was nicht der Idee eines städtischen Erholungsgebietes (Gartenschau!!) entspräche? Sind solche Eindeichungen evtl. sogar auch ohne Hochwasser notwendig? Schließlich bildet die nördliche Seite des Emssees ja den Prallhang, auf den die Fluten der „Neuen Ems“ auftrifft. Die ständige Strömung der „Neuen Ems“ könnte die Nordseite des Emsseeparks und den Sophienpark gefährden.

 
Fragen über Fragen! Je intensiver ich mir die Planungen anschaue, desto fragwürdiger wird das ganze Projekt. Lassen sich die hier gestellten Fragen konkret und sachlich beantworten? In der Hydrologie werden hydrodynamische Computermodelle verwendet; noch konkreter ist der Bau eines Landschaftsmodells, das Wasserflüsse im „Miniaturmaßstab“ untersuchen lässt. Wäre es nicht angebracht, hier sachlich und nüchtern ohne politische und wirtschaftliche Vorgaben zu untersuchen? Besser vorher prüfen als später den Schaden zu haben.
In meinem Brief bin ich auf den Aspekt Klimaschutz und Klimaanpassung nur am Rande eingegangen, sondern ich habe den Focus auf den Hochwasserschutz und die „Neue Ems“ gerichtet. Ich gehe allerdings davon aus, dass die Veränderungen des Klimas erhöhte Anstrengungen im Hochwasserschutz notwendig machen und dass diese Veränderungen es notwendig machen, vorhandene Planungen in Frage zu stellen und sachlich zu überprüfen. Die Wiedernutzung heute bereits versiegelter Flächen im Bereich der Industriebrache Brinkhaus stellt doch wiederum eine Versiegelung dar und ist wohl kaum ein Beitrag zum Klimaschutz. Mit freundlichem Gruß

 

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