

Ein ganz besonderer Ort meiner Kindheit war das schöne Haus Klosterstraße 7. Hier wohnten Onkel Bernhard und Tante Sophie – ja, damals sagte man noch Onkel und Tante. Bernhard Lohmann war der Bruder meiner Großmutter und war seit 1920 mit Sophie Schmitz geb. Brinkhaus verheiratet. Aber davon hören wir später mehr.
![]() |
| Die junge Sophie im Tapetensaal |
Das gemütliche Wohnzimmer von Tante Sophie und Onkel Bernhard mit dem Papagei war direkt rechts neben der Haustür, dort, wo heute das Biedermeierzimmer ist und gegenüber lagen Onkel Bernhards Praxisräume. Mit Tante Sophie verband mich eine ganz besondere Freundschaft. Sie begann eigentlich mit Briefmarken! Tante Sophies beste Freundin war Jenny Brinkhaus, sie war ihre Nichte und ihre Schwägerin, eine vielreisende Weltbürgerin! Von ihr bekam Sophie Ansichtskarten-Grüße aus aller Herren Länder. Diese Karten schenkte sie mir dann und ich riss die Briefmarken für meine Sammlung heraus - schade eigentlich, die Ansichtskarten wären heute viel spannender.
Tante Sophies Lieblingsplatz in ihrem schönen Haus war allerdings ihr eleganter Gartensaal. Sie freute sich immer, wenn sie Besuchern die einzigartigen Bildtapeten zeigen und dann die amüsanten Geschichten aus ihrer spannenden Familie zum Besten geben konnte. Sie erzählte z.B. von ihrem Ur-Großvater, dem Medizinalrat und späteren Hofrat Dr. Franz Josef Katzenberger (1767-1838). Den Titel Hofrat hatte er 1791 im Alter von 24 Jahren vom königlich, preußischen Prinzen August Ferdinand verliehen bekommen, weil er in Berlin dessen Tochter durch Kaiserschnitt gesund zur Welt gebracht hatte. Die königliche Entlohnung hat sicher geholfen, 1812 dieses prachtvolle Bürgerhaus erbauen zu können. Außerdem war Hofrat Katzenberger verheiratet mit einer wohlhabenden Kaufmannstochter aus Amsterdam, Anna Elisabeth geb. Schmitz (1781-1849).
Für
die Kleinstadt Warendorf war dieses Haus ungewöhnlich prächtig. Der
Glanzpunkt des klassizistischen Bürgerhauses waren auch damals schon der
Gartensaal und der Salon mit den handgedruckten französischen
Bildtapeten.
Wie kam ein Hofrat auf die Idee, die Welt der Inkas und die
Abenteuer des Telemach ins eigene Wohnzimmer zu holen? Es wird der
französische Einfluss dieser Zeit gewesen sein! Leben wie in Frankreich
und nicht wie im ländlich, sittlichen Westfalen, das war das Ideal. Die
wohlhabenden Bürger wollten sich die große, weite Welt ins Haus holen.
Seit 1793 gab es in Westfalen viele französische Emigranten, die vor dem
Terror der Französischen Revolution geflohen waren. Sie stammten vor
allem aus dem Adel und aus der Geistlichkeit und brachten Eleganz nach
Westfalen.
Von 1806 bis 1813 war das Münsterland von den Franzosen
besetzt. Der französische Einfluss war bei der Oberschicht bald nicht
mehr zu übersehen. „Wer schick sein wollte, kleidete sich nach der
französischen Mode“, erklärte Tante Sophie. „Meine Mutter ließ viele
französische Worte in ihre Alltagssprache einfließen: Sie wäre nie auf
einem Bürgersteig gegangen, das hieß Trottoir und ein Regenschirm war
ein Paraplui und man ging nicht irgendwo zu Besuch, man ging auf
Visite“. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die
Katzenbergers sich für eine Bildtapete aus der weltberühmten Manufaktur
Dufour und Leroy in Paris entschieden.


Dort
wurden diese Bildtapeten 1823 und 1824 genau nach Maß für die beiden
Räume handgedruckt. Für die Herstellung der Inka -Tapete im großen
Gartensaal wurden 2112 Druckmodeln geschnitzt und 83 verschiedene Farben
verwendet. Die Tapetenbahnen sind 2,60 m lang und wurden aus 55x44cm
großen Quadraten zusammengesetzt.
Für die Telemach-Tapete im Salon brauchte man 2027 Druckmodeln
und 87 Farben. Die Herstellung der Tapete dauerte zwei Jahre. In der
Manufaktur Dufour & Leroy arbeiteten damals bis zu 200 Mitarbeiter.
Verwunderlich ist, dass man diese Bildtapeten hier in Warendorf
bei dem Anstreicher Johann Bernhard Frye in der Krückenmühle aussuchen
konnte und er besorgte sie und brachte sie auch an. Katzenbergers hatten
eine reiche Auswahl zwischen Parkszenen und romantischen Landschaften,
Hafenbildern, Schlachten-bildern, römischen Ruinen und vielem mehr. Sie
entschieden sich für „Die Inkas oder die Zerstörung des Reiches von
Peru“ im Gartensaal und „Die Abenteuer des Telemach“ im Salon.
Tante
Sophie erzählte gern von den sagenumwobenen „Die Inkas“ und schilderte
die abenteuerliche Fahrt des Telemach, der seinen Vater Odysseus suchte,
sich aber in die Nymphe Eucharis verliebt und darüber die Suche nach
seinem Vater vergaß. Ihre Augen begannen zu funkeln, wenn sie erzählte,
dass sich Kalypso auch in Telemach verliebt, wie früher in seinen Vater
Odysseus und ihn erst das brennende Schiff wieder auf den Weg zu seiner
eigentlichen Aufgabe zurückbrachte.
Tante Sophie lebte ganz in der Welt dieser Geschichten und
freute sich, sie immer wieder erzählen zu können, genauso wie die
Geschichten aus ihrer Familie. Besonders angetan hatte es ihr die
romantische Liebesgeschichte ihrer Großeltern, die für Warendorf später
von großer Bedeutung werden sollten:
Es war im Jahr 1820, als die 17jährige Maria Anna Katzenberger
sich unsterblich in den jungen Premierleutnant Gottfried Heinrich
Ostermann (geb. 1793 in Hamm) verliebte. Er diente im 12. Husaren
Regiment, das von 1816-1832 in Warendorf lag. Gottfried Heinrich
Ostermann war als königlich preußischer Premierleutnant sehr tüchtig und
er hatte aus den Befreiungskriegen 1813-1815 das Eiserne Kreuz
mitgebracht. All seine Verdienste halfen ihm nichts, die Eltern
Katzenberger stimmten einer Hochzeit nicht zu, denn Ostermann war
evangelisch. Außerdem war für den vermögenden Hofrat der arme Leutnant
nicht standesgemäß. Und als Holländerin war die Hofrätin sowieso
schlecht auf preußisches Militär zu sprechen. Sie versuchte mit allen
Mitteln diese Liaison zu verhindern. Und es war abgemacht, dass Maria
Anna den jungen Assessor Forckenbeck heiraten sollte, den Sohn des
Oberpräsidenten aus Münster. Maria Anna und Gottfried Heinrich aber
fühlten sich füreinander bestimmt. Um ihr Glück zu erzwingen, ließ Maria
Anna sich von ihrem Herz-allerliebsten entführen. Mit einer Leiter stieg
sie aus ihrem Fenster im 1. Stock auf der Rückseite ihres Elternhauses.
Am Emsufer lag ein Kahn, der mit zwei Soldaten bemannt war. Am
jenseitigen Ufer hielt eine Kutsche, die das verliebte Paar nach
Arnsberg brachte, wo Maria Anna bei Ostermanns Schwester, einer
Pastorenfrau, Unterschlupf fand.
Natürlich verbreitete sich die Nachricht von der Flucht der
Hofratstochter schnell in ganz Warendorf - welch ein Skandal. Auch Maria
Anna fühlte sich ganz und gar nicht wohl in ihrer Situation, so etwas
tat eine wohlerzogene Tochter einfach nicht. Sie bat ihre Eltern um
Verzeihung und hoffte, wieder nach Hause zu kommen zu dürfen. So einfach
konnte sie aber nicht „vor der Welt“ zurückkommen. Nur eine schnelle
Heirat konnte helfen. In der Laurentiuskirche wurde die geplante
Eheschließung „einmal für dreimal“ verkündet und am 10. Oktober 1820
richteten die Eltern Katzenberger ihrer einzigen Tochter eine glanzvolle
Hochzeit aus, hier im schönen Gartensaal, aber ohne die prächtigen
Bildtapeten, denn die wurden erst vier Jahre später angebracht.
Mit der Heirat musste Gottfried Heinrich Ostermann eine Kaution
stellen, um im Regiment bleiben zu können. Die wohlhabenden
Katzenbergers verweigerten ihm aber das Geld, die Verbitterung war zu
groß. So musste der hoffnungsvolle Offizier seine Uniform schweren
Herzens ausziehen und eine Stelle als Kreissekretär in Ahaus annehmen.
Ein schweres Los für einen jungen Mann, der seine schmucke Uniform und
das flotte Offiziersleben so geliebt hatte. Und ein Posten, der wenig
Geld einbrachte. Es schmerzte Gottfried Heinrich unendlich, dass er
seiner über alles geliebten Maria Anna kein sorgenfreies Leben bieten
konnte, zumal sie in ihrer Jugend nie Grund zum Sparen gehabt hatte.
Und ein anderes Problem war sehr schmerzlich. Das junge Paar
hatte schon bei der Hochzeit einwilligen müssen, die Erziehung ihrer
Kinder zur Sicherung einer katholischen Erziehung ab dem 5. Lebensjahr
in die Hände der Großeltern Katzenberger zu legen. So kam es, dass die
vier ältesten Töchter im heutigen Haus Klosterstraße 7, damals hieß sie
noch Ritterstraße, aufwuchsen. Die beiden jüngeren Kinder durften bei
den Eltern bleiben. Die Großeltern Katzenberger sorgten sehr gut für die
Kinder. Die Mädchen bekamen eine umfassende humanistische und
musikalische Ausbildung und gediehen prächtig. So wundert es nicht, dass
der erfolgreiche Kaufmann Hermann Josef Brinkhaus (1819-1885) ein Auge
auf die sympathische und selbstbewusste Johanna Ostermann (1823-1911)
warf, als diese gerade ihre Großtante Jeannette in Borghorst besuchte.
Er folgte ihr nach Warendorf und 1844 wurde eine glanzvolle Hochzeit
gefeiert.

Verlobungstassen von Hermann Josef Brinkhaus und Johanna
Ostermann
Das war der Anfang der Textil-Dynastie Brinkhaus in Warendorf, die für Warendorf von großer Bedeutung wurde.
![]() |

Mit Hermann Josef Brinkhaus kam ein innovativer Textilkaufmann
aus dem Westmünsterland nach Warendorf, der hier 1861 die erste
mechanische Weberei erbaute und damit das Industriezeitalter in die
alten Weberstadt Warendorf brachte.
Diese
erste mechanische Weberei „Brinkhaus und Wiemann“ gründete er gemeinsam
mit seinem Freund Eduard Wiemann. Dieser verliebte sich in Johannas
Schwester Sophia und heiratete sie. Hätte man die Villa Sophia nicht
abgerissen, würde noch heute die Villa an der Sassenberger Straße an
dieses elegante und kunstsinnige Ehepaar erinnern.
Meine
Tante Sophie - sie wurde nach ihrer Patentante Sophia Wiemann benannt -
war das Jüngste der neun Kinder von Hermann Josef Brinkhaus und Johanna
Ostermann. Sie erlebte in ihrer Kindheit, wie ihr Vater die neue Fabrik
„H. Brinkhaus“ auf der anderen Seite der Ems baute, auf der heutigen
„Emsinsel“. Nach dem frühen Tode ihres Vaters 1885 führten ihre Brüder
Hermann und Bernhard Brinkhaus die Firma sehr erfolgreich weiter, die
zur bedeutendsten Inlettweberei Europas wurde und zeitweise über 1000
Familien in Warendorf in Lohn und Brot brachte.
![]() |
| 1906: Tante Sophie in der Benzinkutsche |
Sophie
war beim Tod ihres Vaters Hermann Josef Brinkhaus erst 15 Jahre alt,
darum blieb sie mit ihrer Mutter im Elternhaus wohnen. 1890 heiratete
sie den Sanitätsrat Dr. Eduard Schmitz. Er betrieb hier im Hause seine
Arztpraxis und Sophie sorgte für ein reges gesellschaftliches Leben. Sie
war lebenslustig und pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis.
Fröhliche Feste wurden in den Tapetensälen gefeiert. 1906 war Sophie die
erste Frau im Kreis Warendorf, die es wagte, sich in eine Benzinkutsche
zu setzen. Ihr Bruder Bernhard hatte sich solch ein stinkendes Ungeheuer
zugelegt und sie zu einer Spazierfahrt eingeladen. Die sonntägliche
Spazierfahrt mit ihrer Mutter machte sie auch weiterhin mit der Kutsche.
1911 starb ihre Mutter Johanna Brinkhaus geb. Ostermann. Ihre Brüder
Hermann und Bernhard erbten die Firma Brinkhaus und Sophie bekam das
Elternhaus Klosterstraße 7. Es blieb auch weiterhin das Zentrum der
Familie.
![]() |
| Dr. Bernhard Lohmann |
1917, nach 27jähriger glücklicher Ehe, verstarb ihr Ehemann, der Sanitätsrat Dr. Eduard Schmitz. Für Sophie war das eine Katastrophe, sie hatte keine Altersversorgung und keine Kinder, die für sie sorgen konnten. Wie sollte sie nun das große Haus unterhalten? Sie musste es notgedrungen zum Verkauf anbieten.
Der Bruder meiner Großmutter, der Sanitätsrat Dr. Bernhard Lohmann, hatte sich nach dem 1. Weltkrieg als Arzt in Warendorf niedergelassen und suchte ein geeignetes Haus für seine Arztpraxis und seine kleine Familie. Seine Frau war im Krieg gestorben und er lebte allein mit seiner Tochter Therese. Bernhard Lohmann hatte Warendorf ausgewählt, weil hier seine Schwester Eugenie, meine Großmutter, mit ihrer Familie wohnte. Das Haus der Witwe Schmitz gefiel ihm auf Anhieb und er freute sich, die Medizinalrats-Tradition fortsetzen zu können. Der Verkauf des Hauses war für Sophie sehr schmerzhaft, denn sie musste nun ihr Elternhaus verlassen, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte und das sie über alles liebte. So traf es sich wunderbar, dass Bernhard Lohmann sich in die überaus charmante und liebenswerte Sophie Schmitz verliebte. 1920 zog Sophie als Frau des neuen Medizinalrats wieder in ihr Elternhaus ein. Ganz besonders freute sich Sophie, dass sie nun eine Tochter hatte.

1923 Hochzeit von Therese Lohmann und Aloys Kohstall
1923 richtete sie für Therese und Aloys Kohstall eine
wunderbare Hochzeit aus, die natürlich im schönen Haus Klosterstraße 7
in den Tapetensälen und im Garten gefeiert wurde.

Nun
verließ Threschen zwar ihr Elternhaus, aber es dauerte nicht lange, bis
wieder Leben ins Haus kam, denn Threschen und Aloys bekam 12 Kinder, die
immer gerne zu den Großeltern nach Warendorf kamen. Großmutter Sophie
zelebrierte die gemütlichen Stunden mit den Enkeln in den Tapetensälen
und erzählte ihnen all ihre schönen Geschichten. Sie führte sie ein in
die Sagenwelt der Inkas und der griechischen Heldensagen und ganz viel
Spaß hatten die Kinder, wenn sie „Ausrutscher“ der Drucker suchen
durften, wie z.B. das verrutschte Treppengeländer, was ja heute noch zu
sehen ist.

Familie Kohstall mit Opa und Oma Lohmann
![]() |
| Spuren des Ofenrohrlochs von 1945 |
Während
des 2. Weltkrieges wurde es wieder voll im Haus. Viele Flüchtlinge und
Evakuierte mussten untergebracht werden. Auch die beiden Tapetensälen
wurden von Flüchtlingsfamilien bewohnt. Nur leider gab es hier keine
Heizung und es hat Tante Sophie fast das Herz gebrochen, als ihr Mann
Bernhard Löcher in die Wände mit den Bildtapeten schlug, um Ofenrohre
für die Herde und Öfen ins Freie zu führen. „Erst kommen die Menschen,
dann die Kunst“, sagte Onkel Bernhard. Diese Löcher wurden bei der
letzten Renovierung 2011 übergemalt, man kann sie nur noch ahnen.
Bernhard
und Sophie Lohmann wohnten bis zu ihrem Tode 1950 und 1952 in dem
schönen Haus an der Klosterstraße. Sophie erzählte ihren zahlreichen
Besuchern immer vergnügt, dass sie in diesem Haus mit zwei Männern
Silberhochzeit gefeiert hat und mit beiden sehr glücklich gewesen ist.
Heute sind die beiden Tapetensäle ein Teil des Dezentralen
Stadtmuseums der Stadt Warendorf.
Am Karfreitag, dem 3. 4. 2026, war es wieder soweit: Schon
vor 12.00 Uhr mittags bildete sich eine lange Schlange hungriger
Warendorf vor dem Gadem am Zuckertimpen. Der Grund: Wieder
einmal gab es dort die traditionellen Karfreitagsstruwen, frisch
gebacken von Marie-Luise Mönnigmann und ihrem Team. Struwen, das
ist ein Hefeteig mit Rosinen gebraten in Öl. Das genaue Rezept
wollte Marie-Luise Mönnigmann nicht verraten, aber eines ist
sicher: Diese Struwen aus dem Gadem sind einfach umwerfend
lecker. Und dass sich das mittlerweile in Warendorf
herumgesprochen hat, davon zeugte der große Andrang vor dem
kleinen Gadem: Die Menschen standen bis auf die Straße. Innen,
in dem Haus der armen Leute, kamen die Besucher auf ihre Kosten,
konnten in den gemütlichen Stuben einen Platz finden oder sich
auch ein bisschen in die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang
des 20. Jahrhunderts zurückversetzen. All das wurde abgerundet
durch eine Tasse Muckefuck, den das Team des Heimatvereins
Warendorf auch zubereitet hatte. Muckefuck, das
Kaffeeersatzgetränk, hergestellt aus geröstetem Roggen oder auch
Zichorien. Denn echten "Bohnenkaffee" konnten sich die armen
Leute damals nicht leisten.
Es war wieder einmal eine rundum gelungene Aktion des
Heimatvereins, die der Initiative des Teams um Marie-Luise
Mönnigmann zu verdanken ist.

Neben den üblichen Regularien einer Jahreshauptversammlung standen
zwei Tagesordnungspunkte im Vordergrund: Mechtild Wolff wurde nach 15
jähriger Tätigkeit als Vorsitzende des Heimatvereins zur
Ehrenvorsitzenden ernannt. Die Vorsitzende Beatrix Fahlbusch dankte ihr
für diese Zeit, in der sie durch ihre zahlreichen Aktivitäten den
Heimatverein Warendorf entscheident geprägt hat. Dazu gehören zahlreiche
Beiträge auf der Homepage zur Stadtgeschichte und Kulturgeschichte
Warendorfs, Stadtführungen - beliebt und engagiert, Friedhofsführungen,
die
große Ausstellung "Kette und Schuss", Kinderführungen im Gadem,
Erzählwerkstätten zur Textilstadt Warendorfs und vieles mehr. Mechild
Wolff hat sich um den Heimatverein verdient gemacht.
Und eine andere erfreuliche Neuigkeit überraschte die anwesenden Mitglieder: Nach langer Vakanz konnte die Stelle der zweiten Vorsitzenden endlich durch Catharina Osthues wieder besetzt werden. Die 30jährige Kunsthistorikerin arbeitet zur Zeit in Lünen bei der Denkmalpflege und verfügt so entsprechende Vorkenntnisse, die für den Heimatverein ausgesprochen wertvoll sein werden.
Schließlich teilte Franz Schulze Nahrup mit, dass er den "Plattdütsken Krink", nicht mehr fortführen könne. Er hatte ihn viele Jahre mehrmals jährlich durchgeführt. Hier wurde die pattdeutsche Sprache gepflegt, mit Liedern, Geschichten und Gedichten. Er bedauerte in seiner kurzen Ansprache, dass dieser Teil der westfälischen Kultur immer mher zurück gedrängt werde. Die Vorsitzende Beatrix Fahlbusch unterstrich seine Bemühungen und dankte ihm herzlich unter dem langen Applaus der Anwesenden Vereinsmitglieder.

Versteckt hinter hohen Bäumen ragt der elegant schlanke,
neugotische Turm mit reichen Verzierungen aus der platten westfälischen
Landschaft heraus. So mancher Autofahrer auf der Ostumgehung, der L 475,
fragt sich, wie solch eine außergewöhnliche kleine Kirche hier in die
doch recht bodenständige Bauerschaft Vohren kommt! Der Zugang zur
Affhüppen-Kapelle ist schwer zu finden, man muss von der Beckumer Straße
aus erst einmal den Tunnel entdeckt haben, der die L 475 „unterführt“.
Wie kam es zum Bau dieses charmanten Gotteshauses?
Alte Urkunden berichten, dass es hier schon seit dem 14.
Jahrhundert eine Mönchsklause gab, die dem Stift Freckenhorst
abgabenpflichtig war. 1695 wird auch eine Kapelle auf dem nahegelegenen
Gut Affhüppe, heute Gut Gerbaulet, erwähnt. In diese Kapelle kamen auch
die Vohrener Bauern zum Sonntagsgottesdienst, denn der Weg zu ihrer
Pfarrkirche St. Laurentius in Warendorf war weit und beschwerlich. Bald
platzte die Gutshof-Kapelle aus allen Nähten, sodass Maria Katharina
Affhüppe, die Witwe des Johann Heinrich Affhüppe, eine Stiftung
begründete, um eine größere Kirche zu bauen.
Sie engagierte den
Diözesanbaumeister Emil von Manger (1824-1902), der 1854-56 die jetzige
Affhüppen-Kapelle im neugotischen Stil aus handgeformten, roten
Backsteinen und mit viel Sandstein-Zierrat erbaut. Es war für Emil von
Manger eine seiner ersten Kirchbauten. Heute gilt er als der
bedeutendste münsterländische Baumeister des Neo-Klassizismus. Dieses
Frühwerk mit kreuzförmigem Saalbau ist ein absolutes Unikat. Der
Baumeister trieb großen Aufwand mit zahlreichen Gliederungsdetails im
Außenbau – die finanziellen Grenzen der Witwe Affhüppe waren
offensichtlich weit gesteckt. So entstand ein kleine Kirche mit einem
achteckigen Turm, geschmückt mit reichem Zierwerk und acht
Wasserspeiern. Eine solche architektonische Schönheit mit so viel Liebe
zum Detail findet man bei Kapellen selten. Im Rahmen der in Westfalen
weit verbreiteten Neu-Gotik spielte die Affhüppen-Kapelle, die dem Hl.
Johannes dem Täufer geweiht wurde, eine durchaus herausragende Rolle.
Gern wurde die Kapelle von der Vohrener Bevölkerung für die
Sonntagsmesse, für Hochzeiten und Kirchenfeste genutzt. Der Höhepunkte
des Jahres war die „Hagelprozession“. Die Muttergottes von Warendorf
wurde dann von der Laurentiuskirche aus durch die Felder und Wiesen des
Ostbezirks und Vohrens bis zur Affhüppen-Kapelle getragen.
Viele
Bürger der Stadt Warendorf und Bauern und Kötter aus der Bauerschaft
Vohren erflehten bei der Prozession durch fromme Lieder und innige
Gebete den Schutz der Gottesmutter vor Unwetter, Hagelschlag und Dürre,
denn die Zerstörung der Ernte durch Unwetter bedeutete Hungersnot für
die hier lebenden Menschen. In und vor der festlich geschmückten
Affhüppen-Kapelle fand ein feierlicher Bittgottesdienst statt. Diese
„Hagelprozession“ hatte schon eine lange Tradition und es wird
berichtet, dass sich 1695 am Schluss der Bittprozession das erste Wunder
der Gottesmutter aus der Laurentiuskirche ereignete – die blinde Ursula
wurde wieder sehend. Seither verehrten die Gläubigen diese Madonna als
die „Wundertätige Muttergottes von Warendorf“.
In einer Bulle gewährte Papst Gregor XVI. allen Gläubigen einen
vollkommenen Ablass, wenn sie am 24. Juni, dem Festtag des Hl. Johannes
des Täufers, die Johannes-Kapelle in Vohren besuchten. Diesen Ablass zur
Tilgung der Sündenstrafen konnten die Gläubigen an diesem Tag bei jedem
Kirchenbesuch erwerben, wenn sie ein „Vater unser“,
ein „Gegrüßet seist
Du Maria“ und ein „Ehre sei dem Vater“ beteten. Wenn sie die Sünden
vorher gebeichtet hatten, wurden ihnen die zeitlichen Sündenstrafen
erlassen. Auch für Verstorbene konnte ein Ablass „erbetet“ werden. Darum
gingen viele Gläubige mehrmals am Tag in die Kapelle, um den Ablass auch
Diese schönen Ereignisse in der Kapelle konnte die Stifterin
Maria Katharina Affhüppe leider nicht mehr miterleben. Sie starb schon
1857, nur ein Jahr nach Vollendung der St. Johannes Kapelle. Ihr
Schwiegersohn, der Mühlenherr Anton Scheffer-Boighorst aus Warendorf
übertrug 1859 die Affhüppen-Kapelle mitsamt der Stiftung dem Bistum
Münster. Die Familie aber blieb bedeutend für die Entwicklung der Stadt
Warendorf. Franziska Scheffer-Boighorst heiratete 1893 Max Gerbaulet
(1864-1949), der von 1899 bis 1929 ein hochgeschätzter Landrat des
Kreises Warendorf wurde und viel für die gute Entwicklung Warendorfs
bewirkte. Noch heute bewohnt die Familie Gerbaulet den Gutshof an der
Affhüppen-Kapelle.

Haus Gerbaulet
Bis Ende der 1950er Jahre stand die Affhüppen-Kapelle der
Vohrener Bevölkerung als Gotteshaus zur Verfügung und wurde für
Gottesdienste rege genutzt. Jeden Sonntag kam ein Geistlicher der
Laurentius-Pfarre oder ein Pater aus dem Franziskanerkloster und las die
Sonntagsmesse. Während des 2. Weltkriegs wurde die Kapelle allerdings
zweckentfremdet und als Möbellager für ausgebombte Familien aus Münster
genutzt. Aber schon zu Pfingsten 1945 konnte so viel Platz freigeräumt
werden, dass eine Hl. Messe gefeiert werden konnte, zur großen Freude
der Vohrener Bauern und vieler Flüchtlinge, die in Vohren eine
vorläufige Bleibe gefunden hatten. In den 1950er Jahren fanden neben der
Sonntagsmesse auch regelmäßige Schulgottesdienste der Vohrener
Landschule statt. Mit der Zeit war allerdings der Sanierungsbedarf nicht
mehr zu übersehen. Vögel nisteten im alten Gebälk und fühlten sich in
der Kapelle sehr wohl, sodass der Bischöfliche Stuhl in den 1960er
Jahren über einen Abriss der Affhüppen-Kapelle nachdachte. Damit waren
aber weder die Vohrener Bürger noch der Warendorfer Heimatverein
einverstanden und der Bischof entschloss sich, die Kapelle als
Lapidarium zur Aufbewahrung sakraler Einrichtungsgegenstände und
Kunstwerke zu nutzen. Der Innenraum war nun leider nicht mehr zugängig.


Besichtigung der Affhüppenkapelle unter sachkundiger Führung von Klaus
Ring (+), links oben
Lange schon wurde der Wunsch nach einer Besichtigung des Innenraums der Kapelle an den Heimatverein herangetragen. Im April 2011 erlaubte die Kirchengemeinde einen Besuch in der Affhüppen-Kapelle, die 1990 unter Denkmalschutz gestellt worden war. Der Kunsthistoriker und engagierte Heimatfreund Klaus Ring öffnete den zahlreichen Interessierten die Augen für die detailreichen Schönheiten dieses Kleinods der Neo-Gotik. Trotz des Alters von über 150 Jahren ist die Kirche noch in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten und der Reichtum an baulichem Detail zeugt noch heute von der handwerklichen Sorgfalt in der Bauausführung. Allerdings drohte der Kapelle Gefahr durch Einbruchsversuche und Vandalismus. Darum wurden die Fenster schon verdrahtet und zum Schutz teilweise zugemauert.



Bilder aus dem Inneren der Affhüppenkapelle, Nutzung als Lapidarium
Eine ganz neue Welt erwartete die Heimatfreunde im Inneren der
Affhüppen-Kapelle. „Das ist ja wie in Tut-ench-Amuns Grabkammer!“ Ja, in
dem kreuzförmigen Kirchenraum befand sich das bischöfliche Lapidarium,
wo neben liebenswerten neugotischen Sandstein-Heiligen, barocken Kanzeln
auch allerlei Baumaterial gelagert wurde. Der hallenartige Innenraum mit
den vielen kunstvollen Details beeindruckt aber die Besucher durch seine
harmonischen Proportionen und die aufstrebenden Gewölbejoche mit ihren
eleganten Rippen und kunstvollen Kapitellen. Eine Sanierung wäre
zweifelsohne wünschenswert, das war die einhellige Meinung der Besucher.


Man kann gespannt sein, wie die Geschichte der
Affhüppen-Kapelle weitergeht!
Quellen: Wilhelm Zuhorn: Kirchengeschichte der Stadt Warendorf,
Presseberichte, Protokolle, Homepage des Heimatvereins Warendorf
Bilder: Klaus Ring, Matthias Rinschen, Mechtild Wolff und der
LWL Münster
Text: Mechtild Wolff
Hier zum Herunterladen:
Der neue KIEPENKERL 2025
Die wunderbare Tante Sophie
Erinnerungen von Mechtild Wolff
Jahreshauptversammlung des Heimatvereins Warendorf
Die Affhüppen-Kapelle – eine architektonische Schönheit der
Neugotik in Vohren
von Mechtild Wolff
Vortrag von Dr. Dirk Ziesing (Bochum):
"Warendorf – Westpreußen – Waterloo"
Das
Josephs-Hospital - eine lange Erfolgsgeschichte mit
ungewissem Ende
von Mechtild Wolff
Franz Joseph Zumloh, Wohltäter in großer Not
von Mechtild Wolff
Stellungnahme des Heimatvereins Warendorf zum Bau der neuen Bundesstraße B64 n (Umgehung Warendorf)
Stadtführung mit dem Thema: Entstehung und Bedeutung ausgewählter Straßennamen
Turbulente 15 Jahre im Heimatverein: Rückblick der Vorsitzenden Mechtild Wolff
Vor 80 Jahren: Die letzten Tage des 2.
Weltkriegs in Warendorf Ostern 1945
Das Portrait: Dr. h.c. Heinrich Windelen
Aus Anlass des Denkmaltages am 8. 9. 2024:
Motto: "Wahrzeichen - Zeitzeugen der Geschichte"
Der Warendorfer Bürger-Schützenhof – eine
Erfolgsgeschichte mit traurigem Ende
Der erste große Stadtbrand von Warendorf aus dem Jahre 1404
Das Portrait: Joos Brandkamp, Kirchen- und Kunstmaler
(1905 - 1983)
von Mechtild Wolf
100 Jahre Frauenwahlrecht - Erinnerungen an Clara
Schmidt in Warendorf und die Frauenbewegung
Clara Schmidt und die Frauenliste
Fakten und Historie
Heimatfest Mariä Himmelfahrt
Erlebte Geschichte: Mariä Himmelfahrt in den 1920er
Jahren von Eugenie Haunhorst
Unser engagiertes Ehrenmitglied Kurt Heinermann verstarb
im Alter von 91 Jahren
Anni Cohen und ihre Familie - von Warendorf nach Südafrika und Palästina
von Mechtild Wolff
Eduard Elsberg erbaute das erste große Kaufhaus in Warendorf
von Mechtild Wolff
Der
Elsbergplatz
von Dr. Bernward Fahlbusch
Das Fahrrad, ein wertvoller Besitz
von Eugenie Hauenhorst
Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Neue Bahnhof" in Warendorf von Mechtild Wolff
Aus der Warendorfer Eisenbahngeschichte:
Der "Alte Bahnhof" in Warendorf
Der Warendorfer Friedhof - Spiegel der Stadtgeschichte
Gebr. Hagedorn und Co, eine Landmaschinenfabrik mit Eisengießerei
Das Dezentrale
Stadtmuseum
ist in der Regel an Sonntagen von 15:00 - 17:00 Uhr geöffnet. Dazu
gehören das Rathaus, das Bürgerhaus Klosterstraße 7 mit den
handgedruckten Bildtapeten und das Gadem am Zuckertimpen 4
Der Eintritt ist frei.

