Geschichte der Firma H. Brinkhaus  1879-2011
von Mechtild Wolff
Teil 2: Vom Beginn des 20. Jahrunderts bis in die 30er Jahre:
Das Zweigwerk Sassenberg

1897 trug sich Bernhard Brinkhaus aber doch mit dem Gedanken, das Werk zu vergrößern. Er suchte einen Ingenieur, der über Erfahrungen verfügte im Bau einer Fabrik für Bettbarchant und Federköper. Die Erweiterung des Werkes Warendorf machte der Firma unvorhergesehene Schwierigkeiten. Das Fabrikgelände lag zum großen Teil im Überflutungsgebiet. Bei den regelmäßigen Überschwemmungen der Ems strömte das Wasser nördlich der Fabrikgebäude durch die zur Fabrik gehörenden Wiesen, die deshalb nicht zur Bebauung freigegeben werden konnten. Die Flut ergoss sich in den „Gelben Kolk“. Erst 1935 mit der Emsregulierung wurden diese Wiesen aufgeschüttet.

Da die Verhandlungen mit den Wasserbaubehörden sich sehr schwierig gestalteten, entschloss man sich, ein geeignetes Gelände von 22 Morgen in Sassenberg zu kaufen. Ein wichtiger Gesichtspunkt bei dieser Entscheidung war auch, dass es auf dem Lande leichter war, Arbeitskräfte zu bekommen, als in Warendorf. Zu dieser Zeit blühte in den alten Weberorten Sassenberg und Freckenhorst die Plüschweberei auf Handwebstühlen, das ließ auf Facharbeiter für die Zukunft hoffen.

Ein Werk mit 400 Webstühlen wurde geplant. Da das Stammwerk unbelastet dastand und aus den Reihen der Gesellschafter genügend zinsgünstiges Kapital besorgt werden konnte, bedeutete die Finanzierung von 270 000 Mark kein großes Problem. Sparkassen war es laut Gesetz verboten, Gelder für Industriebauten herzugeben.

Das Sassenberger Zweigwerk wurde um die Jahreswende 1898/99 mit 30 Arbeitern eröffnet. Die Zahl der Weber erhöhte sich im Laufe des Jahres auf 80. Immer mehr Plüsch-Handweber gaben auf, weil sich auch hier die mechanische Weberei allmählich durchsetzte und die Handweberei unrentabel machte. Außerdem wurde die Fabrikarbeit als weniger anstrengend empfunden.

Anfang des neuen Jahrhunderts setzte eine Flaute ein, sodass die Arbeitsstunden gekürzt werden mussten. Ende 1903 ging es dann wieder bergauf, bald herrschte wieder Vollbeschäftigung und man suchte nach Expansionsmöglichkeiten. Die fanden sich 1904 bei der Firma „Ludorff & Neuhaus“ nach dem frühen Tod des Gesellschafters Neuhaus. Brinkhaus kaufte die Firma mit Inventar für 57 000 Mark, baute hier eine Türkisch-Rot-Garnfärberei und holte sich sogar tschechische Fachkräfte, die in Warendorf wegen ihres fremdartigen Aussehens die „Türken“ genannt wurden. Leider konnte keine zufriedenstellende Qualität erzielt werden, denn das Emswasser eignete sich nicht zum Färben von Türkischrot. Die Färberei war so groß ausgelegt, dass sie sich nur mit Fremdaufträgen gerechnet hätte und die setzten aber hohe Qualität voraus.

1909 wurde die Färberei stillgelegt. Die hohen Investitionen waren verloren. Die frei gewordenen Hallen wurden für die Arbeitsvorbereitung benutzt.

 

Das Zweigwerk Freckenhorst

1906 setzte eine ungewohnt hektische Entwicklung bei Brinkhaus ein. Ein Zweigwerk in Freckenhorst sollte errichtet werden. Hier hatte sich die Plüsch-Handweberei am längsten gehalten, weil es lange schwierig gewesen war, einen guten Plüsch maschinell herzustellen. Jetzt wurde aber die Industrialisierung sowohl von der Gemeindeverwaltung als auch vom Landrat gefördert, um die zunehmende Verarmung der Bevölkerung zu beenden. Die ersten mechanischen Plüschwebereien nahmen ihre Tätigkeit auf. Deshalb nahm die Firma Brinkhaus gerne das Angebot der Gemeinde an und erwarb ein Bauterrain von ca. 7 Morgen zum Drittel des Wertes. Die Fabrik wurde nach modernsten Maßstäben von der Firma Manz aus Stuttgart erbaut, einem Spezialunternehmen zur Errichtung von Textilwerken. 1907 entstand unter maßgeblicher Unterstützung der Stadt und einiger Bürger (Heinrich Wolff und Herr Bücker) auch eine Gesellschaft zur Beschaffung von Strom. Die Lokomobile stand auf dem Gelände am Groneweg, wo Theodor Kreimer 1913 seinen Betrieb erbaute.

Fritz Brinkhaus 1875-1946  oo  Käti geb. Ludwig aus Düsseldorf (1879-1964)

1908 trat Fritz Brinkhaus (1875-1946 verheiratet mit Käti geb. Ludwig (aus Düsseldorf) als Teilhaber in die Firma ein. Er brachte eine hohe Kapitalbeteiligung mit, die höchst wichtig für die Einrichtung des Zweigwerkes Freckenhorst war. Nach dem Besuch des Gymnasium Laurentianum hatte er eine Ausbildung im Hotelfach in Köln absolviert, denn eigentlich wollte er ins Hotelfach gehen.

 

1911 trat auch Hermann Josef Brinkhaus, der Sohn des Inhabers Bernhard Brinkhaus, in die Firma ein. So hatte der Seniorchef Bernhard Brinkhaus eine vielköpfige Unterstützung aus der dritten Brinkhaus Generation. Die Firma entwickelte sich gut. Der Transport der Fertigware wurde sehr erleichterte durch den Bau der Westfälischen Landeseisenbahn, die 1900 durch die Strecke Warendorf-Neubeckum den Anschluss an das Ruhrgebiet schaffte. Die Firma Brinkhaus beschäftigte nun 100 Mitarbeiter im Stammwerk Warendorf, 110 in Sassenberg und 50 in Freckenhorst, von denen ein Drittel weiblich war.

1911 fällte die Geschäftsleitung eine bahnbrechende Entscheidung: Brinkhaus konzentrierte sich nun auf das neue Produkt „Inlett“, das spezifisch Brinkhaussche Qualitätsprodukt. Das brachte den durchschlagenden Erfolg. Es war zunehmend schwierig geworden, bei der großen Anzahl der Produkte den modischen Anforderungen zu genügen. Vor allem der bisher produzierte westfälische gestreifte Bettbarchent erwies sich als viel zu schwer und konnte nur noch auf dem Lande verkauft werden. Die Städter bevorzugten das leichtere und elegantere schlesische Inlett. Mit dem neuen eleganten Brinkhaus-Inlett gelang der Durchbruch. Die H. Brinkhaus-Inlettwebereien gehörten schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den führenden Fabrikationsunternehmen in Deutschland.

1913 schied Paul Brinkhaus als Teilhaber wieder aus, um bei seinem Schwiegervater und Onkel Hugo Brinkhaus in Paris als Geschäftsführer tätig zu werden.

 

Der Erste Weltkrieg

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, standen die drei Brinkhaus-Werke in voller Blüte. Es liefen 400 Webstühle und die Belegschaft war auf 400 Mitarbeiter angewachsen. Am Tag der Mobilmachung kam alles zum Stillstand, die wehrfähigen Männer der Familie Brinkhaus eilten an die Front, sogar der Senior Bernhard Brinkhaus wurde trotz seines hohen Alters (57) als Rittmeister d.L. zum Kriegshilfsdienst verpflichtet und nach Sedan geschickte. Sämtliche Textilfabriken wurden gleich bei Kriegsausbruch geschlossen, was sich aber bald als völlige Verkennung der Lage erwies, denn es gab weder einen Mangel an Arbeitskräften, noch gab es Rohstoffmangel, da die Fabriken sich ein auskömmliches Lager angelegt hatten. Darum nahmen im Oktober, also 2 Monate nach Kriegsausbruch, sämtliche Webereien ihre Arbeit wieder auf. Schnell waren alle Webstühle voll beschäftigt mit Heeresaufträgen wie Zwirntuche, Hosentaschen-Tuche und Stoffe für Verbandspäckchen.

Erst Anfang 1916 wurde der Rohstoffmangel spürbar und brachte die Produktion in den Zweigwerken zum Erliegen. Im Stammwerk in Warendorf wurde auf 30 Stühlen das restliche Inlettgarn aus Friedenszeiten verwebt. Als Mitte 1916 wieder Heeresaufträge hereinkamen, konnte auch in Sassenberg wieder gewebt werden. Im Stammwerk Warendorf nutzte man diese Zeit der Flaute, um eine Umstrukturierung durch Umbauten in den Fabrikationshallen durchzuführen. Eine kluge Entscheidung und eine wichtige Voraussetzung für den Wiederanfang nach dem Kriege.

1918, bei Kriegsende, lagen alle Werke brach. Die Menschen waren in Sorge und Elend den Nachkriegswirren preisgegeben. Die Verantwortlichen in der Firma Brinkhaus setzten nun alles daran, ihren aus dem Krieg zurückkehrenden Betriebsangehörigen ihre alten Arbeitsmöglichkeiten wieder zur Verfügung zu stellen. Der Warenhunger in der Bevölkerung war groß, auch aus diesem Grund sollten die Betriebe schnell wieder in Gang kommen. Bis 1919 wurde die Zwangsbewirtschaftung fortgesetzt und auch die Kohle-Not machte der Firma zu schaffen.

Viel schwieriger war die Beschaffung von hochwertiger Baumwolle, denn alle Garnvorräte waren aufgebraucht. Um die dafür notwendigen Geldmengen zu beschaffen, verkaufte Brinkhaus einen Teil des Firmengeländes in Sassenberg an Hülshörster und Fischer, die frühere Weberei Ludorff und Neuhaus in Warendorf an die Lederfabrik Kühn und die gesamte Weberei in Freckenhorst an die Eisengießerei Julius Trebing aus Velbert. So konnten Monat für Monat immer mehr Webstühle in Betrieb genommen werden. Brinkhaus-Inlett wurde wieder ein begehrter Artikel.

Als 1922 immer deutlicher wurde, dass die deutsche Mark unaufhaltsam einem Währungsverfall entgegenging, entschloss sich die Geschäftsleitung, die bisherige offene Handelsgesellschaft H. Brinkhaus in eine Kommanditgesellschaft H. Brinkhaus mit angeschlossener Betriebs-Aktiengesellschaft umzuwandeln. Die Kommanditgesellschaft übernahm sämtliche Aktien der A.G. Sie bekam einen Aufsichtsrat, bestehend aus Bernhard Brinkhaus, Vorsitzender, Ww. Hermine Brinkhaus und RA Dr. Fritz Brockhues aus Köln.

Zu Vorstandsmitgliedern wurden bestellt: Fritz Brinkhaus,  Hermann Josef Brinkhaus und Gerhard Brand (seit 1910 leitender technischer und kaufmännischer Mitarbeiter).

Das Katastrophenjahr 1923 riss auch die Firma Brinkhaus mit in seinen Strudel. Der Verfall der Reichsmark brachte die Betriebe zum Erliegen. Im Herbst arbeitete nur noch die Warendorfer Weberei und das auch nur an zwei Tagen in der Woche. Auch die wertbeständigen Notgeldscheine, die durch Goldanleihen gedeckt waren, brachten keine Rettung. Erst am 20. November 1923 gelang eine Stabilisierung durch die Einführung der Reichsmark.

Jetzt ging es wieder aufwärts, die Vertreter nahmen ihre Tätigkeit wieder auf, der Nachholbedarf war groß. Im März 1927 konnte die 1908 gebaute Webereianlage Freckenhorst wiedergekauft werden. Zunächst wurden dort 100 Mitarbeiter beschäftigt. Viele moderne Webstühle von der Firma Schweizer Roscher wurden angeschafft, sodass die Firma Brinkhaus Anfang der 1930er Jahre ca. 700 Mitarbeiter zählte.

 

 

Die Geschichte der Firma Brinkhaus im Überblick
Teil 1: Von der Gründung 1879  bis in das frühe 20. Jahrhundert
Teil 2: Vom Beginn des 20. Jahrunderts bis in die 30er Jahre: Das Zweigwerk Sassenberg
Teil 3: Von den 30er Jahrern  bis zu den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts

 

Quellen:

„Ketting und Einschlag“ 1950-1963 Werkzeitung der Inlettwebereien

H. Brinkhaus Warendorf, Sassenberg, Freckenhorst

 

Paul Leidinger: Hermann Josef Brinkhaus (1819-1885) und die Anfänge der Industrialisierung in Warendorf  Verlag Aschendorff Münster 1996

 

Chronik der Familie Ostermann

Hermann Josef Brinkhaus und Dr. Paul Casser:

„Vom Werden und Wachsen der Brinkhaus Inlettwebereien“ Warendorf 1991

 

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