Paul Spiegel am 25. 10. 04 bei einer Lesung in Warendorf aus seinem Buch: Was ist koscher?Das Portrait:
Paul Spiegel
Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland
Ehrenbürger der Stadt Warendorf


Paul Spiegel wurde am 31. Dezember 1937 in Warendorf geboren. Seine Eltern stammten aus dem ländlich-kleinstädtischen Milieu westfälischer Juden. Vater Hugo Spiegel (1905-1987) wuchs in Versmold auf, Mutter Ruth Weinberg (1907-1974) kam aus Rheda. Hugo Spiegel ließ sich in den späten 1920er Jahren in Warendorf nieder und begründete eine Viehhandlung. Das Ehepaar heiratete 1930 und wohnte fortan in der Schützenstraße 17. 1931 wurde Tochter Rosa geboren. Die Eltern Paul Spiegels wollten, wie so viele deutsche Bürger jüdischer Konfession, zu Beginn der nationalsozialistischen Unrechts- und Gewaltherrschaft die Bedrohung durch den rassistischen Antisemitismus nicht wahrhaben. Die zunehmende Diskriminierung im Alltag und die existenzgefährdende Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben, dann aber vor allem die Brutalität des November-Pogroms von 1938 führten zum Umdenken und Handeln. Zuerst wurde Schwester Rosa in den Niederlanden untergebracht, dann flüchtete Vater Hugo nach Brüssel. Im Frühjahr 1939 holte er die Familie in die belgische Hauptstadt nach.

Mit der Besetzung Belgiens wurde die Familie auseinander gerissen. Erst wurde der Vater Hugo verhaftet und interniert, dann wurde die Schwester Rosa im Oktober 1942 in Brüssel auf offener Straße verschleppt. Rosas Schicksal blieb der Familie lange unbekannt. Erst Anfang 2000, wenige Wochen nach seiner Wahl zum Zentralratspräsidenten der Juden in Deutschland, erlangte Paul Spiegel Gewissheit, dass seine Schwester in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden war, wo sie im November 1942 vergast worden ist. In Brüssel lebte Paul Spiegel mit seiner Mutter Ruth in der Obhut der Familie Blomme, in dessen Metzgerei der Vater bis zu seiner Verhaftung gearbeitet hatte, später allein bei Pflegeeltern in einem Brüsseler Vorort. Dank der Hilfe jüdischer Untergrundorganisationen fand die Mutter einen Unterschlupf für den Sohn in einem Dorf in der Nähe von Namur. Spiegel wuchs, wie er selbst sagte, als „wallonischer Bauernbub“ auf unter dem Schutz einer Bauernfamilie und des Dorfpfarrers bis zur Befreiung durch die Amerikaner zur Jahreswende 1944/45. Die Mutter holte Paul nach Brüssel zurück. Die Vorbereitungen waren getroffen, um in die USA auszuwandern, als sie die Nachricht erhielten, dass auch Hugo Spiegel die Shoah überlebt hatte und nach seiner Befreiung im Konzentrationslager Dachau nach Warendorf zurückgekehrt war. Seit dem Frühsommer 1945 lebte Familie Spiegel wieder in Warendorf. Zuerst kam sie für kurze Zeit im Haus der Familie Baggeroer am Krickmarkt unter, bevor sie dann in das Haus Oststraße 7 zog. Hugo Spiegel baute die Viehhandlung mit Erfolg wieder auf.

Das Haus der Spiegels wurde zum Mittelpunkt einer kleinen jüdischen Gemeinschaft. Am 7. September 1945 kam es auf Initiative von Hugo Spiegel zu dem ersten jüdischen Gottesdienst im Münsterland, nachdem Spiegel die von Heinrich Baggeroer aus der geschändeten Synagoge geretteten Kultgegenstände erhalten hatte. Hugo Spiegel empfand nicht zuletzt wegen dieser Geste ein Gefühl von Heimat und auch Zuversicht, um mit seiner Familie in Warendorf auf Dauer bleiben zu können. Paul Spiegel besuchte die Volksschule, dann das Gymnasium Laurentianum. Die Renaissance jüdischen Lebens in Warendorf und in Münster, aber auch antijüdische Vorbehalte vor allem in der frühen Nachkriegszeit machten ihm sein Jüdischsein erstmals bewusst. Spiegels Bar Mizwa am 6. Januar 1951, gefeiert in der sich im Wiederaufbau befindlichen Jüdischen Gemeinde in Münster, war die erste Feier der Religionsmündigkeit im Münsterland nach der Shoah.

1955 erfolgte der Umzug der Familie und des Geschäfts in die Sassenberger Straße 38. Drei Jahre später verließ Paul Spiegel seine Geburtsstadt Warendorf und fand in Düsseldorf seine neue Heimat. Spiegel erlernte das journalistische Handwerk bei der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ in Düsseldorf. Später arbeitete er als politischer Korrespondent für deutsche und ausländische Zeitungen und zwölf Jahre lang als Pressechef des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes. 1986 gründete Spiegel eine internationale Künstler- und Medienagentur. In der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf übernahm Spiegel seit 1967 eine Reihe von Ehrenämtern, später auch im Landesverband der Jüdischen Gemeinden Nordrhein. Seit 1993 war er einer der beiden Stellvertreter des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. In den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückte Spiegel mit seiner Wahl zum Präsidenten des Zentralrats am 9. Januar 2000. Sein Name wird mit dem Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat der Juden und der Bundesrepublik Deutschland verbunden bleiben, der am 27. Januar 2003 unterzeichnet wurde und die Grundlage des deutsch-jüdischen Verhältnis in der Berliner Republik bildet.

Spiegel repräsentierte die Juden in Deutschland in einer für die jüdische Gemeinschaft schwierigen Zeit. Der Generationenwechsel in den Gemeinden, aber auch die starke Zuwanderung osteuropäischer Juden seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion lässt die Shoah-Überlebenden und die in Deutschland nach 1945 sozialisierten Juden zur Minderheit werden. Neben der Integration der Juden in ihren Kultusgemeinden galt Spiegels Augenmerk der demokratisch-pluralistischen Kultur in unserer Gesellschaft. Rechtsradikalismus, Fremdenhass und Antisemitismus, so fürchtete Spiegel zu Recht, gefährden nicht nur die Integration der jüdischen Bürgerinnen und Bürger, sondern stellen die Grundprinzipien der Zivilgesellschaft in Frage. Spiegel, und das hob ihn über den Rang eines Repräsentanten der Juden in Deutschland hinaus und ließ ihn zu einem streitbaren Demokraten werden, wurde nicht müde zu betonen, dass die Diskriminierung von Minderheiten und der Antisemitismus erst dann erfolgreich und nachhaltig bekämpft werden können, „wenn unsere Gesellschaft die Angriffe auf Minderheiten als Angriffe auf die Demokratie als Ganzes versteht.“ Als Zeitzeuge verwies er auf die Verletzbarkeit der Menschenrechte und setzte sich als Demokrat für die Achtung der Menschenwürde ein.

Schon bald nach seiner Wahl legte Spiegel seine Erinnerungen „Wieder zu Hause?“ (2001) und eine Einführung in die Religion und Kultur des jüdischen Lebens unter dem Titel „Was ist koscher?“ (2003) vor. Zu den vielen Auszeichnungen, die Spiegel erhalten hat, nehmen die Ehrungen seiner Geburtsstadt einen besonderen Platz ein: Am 5. September 2001 verlieh ihm die Stadt Warendorf das Ehrenbürgerrecht, am 25. Oktober 2004 würdigte ihn der Heimatverein mit der Verleihung der Wilhelm-Zuhorn-Plakette. In den letzten Jahren forderte Paul Spiegel eine Weiterentwicklung des Gedenkens an die Opfer der Shoah in der Emsstadt ein. Der Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Warendorf“ und die Stadt Warendorf erarbeiteten mit ihm zusammen ein Konzept, das schließlich zur Umgestaltung des Vorplatzes des Jüdischen Friedhofs vor dem Münstertor und zur Errichtung einer neuen Gedenkstele führen sollte. Das gemeinsame Vorhaben lag ihm besonders am Herzen, haben doch seine Eltern Ruth und Hugo Spiegel auf dem Friedhof vor dem Münstertor ihre letzte Ruhestätte gefunden. Der Ehrenbürger der Stadt Warendorf hat die Übergabe von Vorplatz und Gedenkstele an die Öffentlichkeit am 24. Mai 2006 nicht mehr miterleben können. Paul Spiegel verstarb am 30. April 2006 in Düsseldorf, wo er am 4. Mai beerdigt worden ist. Paul Spiegel hinterlässt seine Frau Gisèle und die Töchter Leonie und Dina.
Matthias M. Ester

Bildunterschrift:
Paul Spiegel bei der Lesung aus seinem Buch „Was ist koscher?“ Foto: Von Stockum/Die Glocke.


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