„Kette und Schuss - von der Handweberei zur Textilindustrie“
Textilausstellung des Heimatvereins Warendorf e.V. vom 6.11.2016 - 29.1.2017 
Rückblick auf die Ausstellung im historischen Rathaus in Warendorf
von Mechtild Wolff

 

Der Fortschritt besteht nicht darin, das Gestern zu zerstören,
sondern seine Essenz zu bewahren,welche die Kraft hatte, das bessere Heute zu schaffen.
Ortega y Gasset

Mit dieser Mahnung des spanischen Philosophen Ortega y Gasset beginnt die Satzung des Heimatvereins und noch immer hat sie ihre Daseinsberechtigung. Wir leben heute in einer Zeit, in der Tradition und Brauchtum immer mehr an Stellenwert verliert. Jeder will modern sein, will mit der Zeit gehen. Aber ohne ein Fundament in der Geschichte und in der Tradition ist all das nur kurzlebig und oft nicht nachhaltig. Der Heimatverein hält ganz bewusst an diesen alten Werten fest und befasst sich intensiv mit der Geschich-te unserer Stadt.

Seit Jahrhunderten lebten die Menschen hier vom Weben. Das berühmte Warendorfer Linnen brachte den Händlern Wohlstand, die Stadt erblühte und die prächtigen Bürgerhäuser aus dieser Zeit prägen noch heute das Stadtbild. Die einfachen Weber aber blieben arme Schlucker und es gibt kaum eine andere Stadt, die so viele Gademe, also „Arme Leute-Häuser“ hat, wie Warendorf. Diese Gademe waren meistens Weberhäuschen. Hier klapperte den ganzen Tag der Webstuhl, der im „Weberwinkel“ stand.

1861 kam die Industrialisierung auch nach Warendorf und es entstand die erste mechanische Weberei „Brinkhaus und Wiemann“.  In Sassenberg trieb jetzt die Dampfmaschine die Spindeln der Spinnerei Rath an und um 1900 wurden auch in Freckenhorst mechanische Webereien gegründet, in denen der beliebte Plüsch gewebt wurde. Sie alle brachten einen beachtlichen Wohlstand für sehr breite Schichten der Bevölkerung.

Kreimer Velours Gebrasa Wolle Brinkhaus Inlett

Und unsere Generation erlebte den für viele sehr schmerzlichen Niedergang der Textilindustrie. Geräuschlos verschwanden die einst blühenden Textilfirmen, die europaweite, ja weltweite Bedeutung gehabt hatten. Die Politik kümmerte sich nur um die Probleme von Kohle und Stahl, die Textilindustrie hatte keine Lobby, sie war dann einfach weg. Sehr zum Schaden der Menschen, die ihren Arbeits-platz verloren und auch zum Schaden der oft kleinen Gemeinden, die nicht nur wegen des hohen Steueraufkommens erblüht waren, sie hatten auch sehr von der tiefen Verbundenheit der Firmen mit der Heimatgemeinde partizipiert. Immer, wenn Vereine, Schulen, die Kirchengemeinde oder die Dorfgemeinschaft etwas brauchte, was man sich eigentlich nicht leisten konnte, ging man zu den Firmenchefs und kam eigentlich nie mit leeren Händen wieder. All das gibt es heute nicht mehr! Ja, es ist sogar in Vergessenheit geraten, dass Städte wie Warendorf, Freckenhorst und Sassenberg Jahrhunderte lang von der Weberei gelebt haben - zuerst von der Leineweberei und später von der Textilindustrie.

Um diese textile Vergangenheit wieder lebendig zu machen, hat der Heimatverein sich entschlossen, die bedeutenden Textilfirmen dieser Region mit ihren Produkten in einer Ausstellung darzustellen.

  

Das Ausstellungsteam, bestehend aus Kajo Ludorff, Marita Klaus, Wolfgang Jäger, Beatrix Fahlbusch, Gisela Gröne, Gunhild Kimmina und mir hat sich über ein Jahr lang mit der Konzeption der Ausstellung befasst. Es herrschte sehr schnell Einigkeit, dass wir uns nicht auf die Kernstadt Warendorf beschränken wollten, sondern den Bereich Warendorf, Freckenhorst und Sassenberg als zusammen-gehörendes Textilzentrum betrachten wollten. Die Stadt Waren-dorf, hier vertreten durch den stellv. Bürgermeister Erich Tertilt und Horst Breuer, hat uns die Ausstellungsräume im Rathaus zur Verfügung gestellt und die Aufsicht gewährleistet. Von der  Kulturstiftung der Sparkasse bekamen wir eine finanzielle Unterstützung.

   

Am 6. November 2016 konnte die Ausstellung eröffnet werden und die vielen Besucher bekamen einen ersten Eindruck von der Vielseitigkeit unserer Textilregion.

Im 1. Raum, dem Bürgermeisterzimmer, konnte man am Zeitstrahl verfolgen, welche geschichtlichen Ereignisse die Entwicklung der Handweberei und der Industrialisierung beeinflussten. In der Leseecke lagen begleitende Schriften mit vielen Hintergrundinformationen aus. Sie wurden gerne in Anspruch genommen.

Der nächste Raum war der Handweberei gewidmet. Spinnrad,  Webstuhl, Haspel und Hechelbock und viel Anschauungsmaterial zu Flachs und Leinen machte deutlich, wie viel Arbeit und Mühe notwendig war, ehe das feine Leinen als Stolz der Hausfrau im Leinenschrank lag.

Ein ganz besonderer Hingucker war das nahtlose Hemd des begnadeten Handwebers Johann Peter Stoffels aus Freckenhorst und die alten Freckenhorster Weberfahnen, an denen man die Entwicklung der Weberei schön ablesen kann.

Ein außergewöhnliches Schmuckstück war das Leinentuch mit dem eingewebten Bildnis der Königin Luise von Preußen. Es wurde vielleicht von den tüchtigen Webern der Warendorfer Leinen- und Damastweberei „Anton Eickholt & Erben“ gefertigt. Diese fortschrittliche Handweberei an der Langen Kesselstraße hatte schon 1839 die Aussteuer der Königin Victoria von England auf ihren Jaquardt-Webstühlen gewebt. Von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen bekam Eickholt den ehrenvollen Auftrag, die königliche Tischwäsche und Mundtücher herzustellen, in die kunstvoll der Namenszug der Königin und ein Bild von Burg Stolzenfels am Rhein eingewebt waren. Das war ganz hohe Kunst der Handweberei.


 

 Die innovativen Kaufleute Hermann Josef Brinkhaus und Eduard Wiemann brachten 1861 mit der ersten mechanischen Weberei „Brinkhaus und Wiemann“ die Industrialisierung nach Warendorf - ein neues Zeitalter brach an. Aus dem verarmten Landstädtchen wurde ein Zentrum der Textil-industrie und Warendorf erlebte einen Auf-schwung, die Bürger kamen wieder zu Wohlstand. Nach der Trennung der beiden Gründer entstanden die Firmen „H. Brinkhaus“ auf der Emsbleiche und „Wiemann und Bispinck“ an der
 

Kirchstraße - diese beiden Gebäude sind bis heute erhalten und wir konnten sie sogar im Original zeigen, man brauchte nur aus dem Fenster zu schauen.

Bald kamen weitere Gründerzeitfirmen dazu, die Firma „Oberstadt“ die Firma „Ludorff und Neuhaus“ und viele mehr. Sie alle stellten bunte Baumwollstoffe aller Art her und lieferten sich einen erbitterten Konkurrenzkampf. Da war es bahnbrechend, dass die Firma „H. Brinkhaus“ sich 1911 auf Inlett spezialisierte und zur bedeutendsten Inlett- und Federbettenfabrik Europas wurde, die zeitweise über 1000 Mitarbeiter in Arbeit und Lohn hatte. Mit vielen alten und neueren Bildern wurde der Arbeitsalltag, aber auch Feste und Feiern der Brinkhäuser dargestellt. Viele ehemalige Mitarbeiter erfreuten sich an den Erinnerungen an die Blütezeit ihrer Firma.  Mit einer Vielzahl von Raumtexten wurde hier, wie auch in allen anderen Räumen, die Geschichte der Industrialisierung lebend gemacht.

 

 

 

 

Geschäftsführung Brinkhaus



In diesem Ausstellungsraum wurde auch an die Firma Zurwieden aus Freckenhorst erinnert, die Inlett und Fertigbetten für höchste Ansprüche herstellte. Das schöne rote Inlett, die Kollektionskarten und die spannende Firmenchronik des letzten Chefs Heinz Zurwieden geben ein anschauliches Bild dieser ältesten Freckenhorster Inlettweberei.

Der nächste Raum war der Freckenhorster Textilindustrie gewidmet. In Freckenhorst wurde schon zur Zeit der Handweberei vornehmlich Plüsch gewebt. 1900 wurde die „Erste Freckenhorster mechanische Plüschfabrik“ gegründet, die später als Firma Jostmann bekannt wurde. 1907 wurde die Firma „Hermann Breede“ gegründet, die sich auf Mohair-Velours spezialisierte, den sie schon früh bis nach Shanghai exportierte. Auf dem Tisch lag eine Breede-Mohairs-Kollektion und je-der Besucher konnte das ganz besondere Feeling dieses Produktes

 erfühlen.

 

Zur bedeutendste Veloursweberei entwickelte sich die Firma „Theodor Kreimer“, die 1913 von Theodor Kreimer gegründete wurde und schon bald in alle Welt exportierte. Nach dem 2. Weltkrieg ging sein Schwiegersohn Hubert Wolff mit dem Dralon-Velours neue Wege und konnte mit diesem praktischen und preis-werteren Produkt die Firma Kreimer zu einem der größten Velourshersteller Europas ausbauen. Kreimer-Velours be-fand sich auf fast jedem Sofa und jedem Sessel, auch in Autos, im ICE der Bundesbahn und in Flugzeugen saß man auf Kreimer Velours. Kissen, Fotoalben, Wimpel und viele schöne kleine Dinge, die eigentlich mehr der Werbung dienten, sind erhalten geblieben und konnten die vielfältige Produktpalette der Firma Kreimer zeigen.
 

 

   

Auch das Kreimersche Sozialengagement in der Nachkriegszeit wurde in einer Vitrine voller Dankschreiben eindrucksvoll dargestellt.

Im nächsten Raum erfuhren die Besucher viel über die Geschichte der Wollresidenz der Gebr. Rath in Sassenberg. Jodokus Henricus Rath und sein Enkel Christian gründeten 1858 die „Wollspinnerei und Tuchfabrik“ im alten Residenzschloss. Unter dem Namen „Gebrasa Wolle“ entwickelte sich die Firma zu der führenden Spinnerei für Kamm-garne, Streichgarne und Handstrickgarne. Diese Werbe-schilder erkannten viele Besucher sofort, sie waren früher auf jedem Bahnhof zu sehen.

Schon 1925 kamen die Kaufleute Bruns und Debray auf die Idee, aus den vielen in Warendorf herge-stellten Stoffen Berufsbekleidung zu nähen, erst schwerpunktmäßig für die Bergleute und heute ist die Firma „Bruns und Debray“ spezialisiert auf Berufsbekleidung mit eingesticktem Firmenlogo.

Eine typische Nachkriegsgründung war die Schürzennäherei „Dieckhoff“. Josef Dieckhoff nähte die ausschließlich weiße Schürzen und belieferte die großen Versandhäuser Deutschlands. Nicht nur Krankenschwestern brauchten weiße Schürzen, auch die gute Hausfrau trug sonntagsmorgens die frisch gestärkte weiße Schürze, genau so die kleinen Mädchen.

 

In den Nachkriegsjahren gründete auch Karl Schnepfe eine Näherei. Er stellte exklusive Damenmode in Warendorf am Affhüppen Esch her. Die Firma Schnepfe nähte schicke Mäntel, Jacken und Kostüme, elegant mit Pelz besetzt und gefüttert, die in den besten Häusern Deutschlands verkauft wurden. Auch die Warendorferinnen kauften gern im Schnepfe-Fabrikverkauf die schicke Kleidung.

 

Damit sind wir am Ende der Ausstellung angekommen und der letzte Warendorfer Handweber, gemalt von  Elli Grützner, entlässt uns aus der Welt des Spinnens und Webens und Nähens. 

 

 

 

 

Unsere Ausstellung „Kette und Schuss“ ist auf sehr großes Interesse gestoßen. Wir konnten 2721 Besucher begrüßen - ein sehr erfreuliches Ergebnis. Vielleicht haben wir die textile Vergangenheit wieder etwas in den Fokus rücken können.

   

Weil eine Ausstellung nicht die ganze Bandbreite dieses Themas darstellen kann, haben wir in den sonntäglichen Textilgesprächen die einzelnen Themenbereiche detaillierter vorgestellt. Z. B. hat Wolfgang Jäger den Zeitstrahl erklärte, Gisela Gröne hat einen Nachmittag mit Kindern gestaltet, an dem sie das Spinnen und Weben ausprobieren konnten, ich habe aus der Geschichte der Firma Brinkhaus erzählt und Manfred Koch hat den Arbeitsalltag der ehemalige Brinkhäuser lebendig werden lassen. Bei dem Textil-gespräch über die Weberstadt Freckenhorst konnte ich diese eleganten Sonnenschirme zeigen, die aus der Schirmfabrik von Johann Peter Stoffels stammen und Johanna Brinkhaus gehört haben, der Frau des Firmengründers Hermann Josef Brinkhaus. Beatrix Fahlbusch hat über die Firma Gebrasa der Gebr. Rath aus Sassenberg informiert. Das waren nur einige Beispiele der sonntäglichen Textilthemen. Viele ehemalige Mitarbeiter haben uns informative und oft lustige Einzelheiten aus dem Arbeitsalltag in den Textilfirmen erzählt.

Am 29. Januar 2017, dem letzten Tag der Ausstellung, haben wir zu einer Vernissage geladen und viele, viele Freunde der textilen Vergangenheit kamen. Es sollte ein informativer und fröhlicher Abschluss sein unter dem Motto: „Nostalgie pur“. Nach einem Rückblick und Dank an alle Aktiven sang der Tuchmachergeselle Heinz Hellmann das Freckenhorster Weber-lied und bevor die Textil-freunde in ein buntes Kaleidoskop von ganz vielen nostalgischen Bil-dern aus alten Zeiten bei einem Glas Wein eintauchen konnten, unternahm Norbert Funken eine amüsante „Fahrt ins Blaue“ (in die blau blühenden Flachsfelder) und zeigte, wie in unserer Sprache, in Sprichworten und Redensarten, in Gedichten und Liedern das Spinnen, Hecheln und Weben noch immer präsent ist. Nie verlor er bei der amüsanten Auflistung der Redensarten „den Faden“, er hatte immer „alle Fäden in der Hand“, verfolgte zielgenau den „roten Faden“, blieb mit den Zuhörern „auf Tuchfühlung“, kriegte sich aber nicht mit ihnen „in die Wolle“ und wollte sie auch nicht „durch die Zähne ziehen“ (gemeint sind die Zähne des Hechelkamms). Und das Publikum rief auch nicht: „Der spinnt ja wohl.“ und „flachste“ mit ihm, wenn er sie alle „über einen Kamm scheren“ wollte.

 

 

Mechtild Wolff

Vorsitzende des Heimatvereins Warendorf e.V.

 

 

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E-Mail: vorstand@heimatverein-warendorf.de
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