4. Geschichtswerkstatt "Textil" am 3.5.2012

 Die schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahre in der Warendorfer Textilindustrie
von Mechtild Wolf, Bilder von Lars Frenzel

 

Die schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre wurde beim wieder sehr gut besuchten 4. Treffen der Textilwerkstatt intensiv diskutiert. Gerade hatte sich die heimische Textilindustrie von den herben Rückschlägen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise erholt, als der Krieg alles veränderte. Die waffenfähigen Männer wurden kriegsverpflichtet und den Betrieben wurde die Entscheidungsfreiheit in Bezug auf die Produktion genommen. Kriegswichtige Textilien mussten vorrangig hergestellt werden: Zeltplanen, Säcke, Drillich, Brotbeutelstoffe, Uniformstoffe und natürlich auch Stoffe für den täglichen Bedarf. Nur für die vom NS Regime erwünschten Produkte gab es Garnzuteilungen. Die Inlettwebereien hatten besonders große Probleme mit dieser Situation, denn ihre Webstühle waren auf das Verweben besonders hochwertiger Baumwolle spezialisiert. Diese Baumwolle konnte aus den USA nicht mehr importiert werden. Jetzt verarbeitete die Firma Brinkhaus viel Zellwolle, mit der aber nicht die gewünschte Dichtigkeit des Inletts erreicht werden konnte. Die Velourhersteller, wie die Firma Kreimer in Freckenhorst, stellten aus Mangel an hochwertigen Garnen, sogar Stoffe aus Papiergewebe her. Für die Firma Claas wurden Spanntücher für die Selbstbinder gebraucht, die eine hohe Festigkeit haben mussten. Darum wurden der billigen Baumwolle Glasfasern beigemischt. Durch das Verweben dieser groben Garne kam es bei den Maschinen zu vorschnellem Verschleiß, was wieder neue Probleme aufwarf, denn Ersatzteile gab es nicht. Aber mit viel Kreativität und unermüdlichem Einsatz der verbliebenen Belegschaften haben alle heimischen Textilfirmen den Krieg überstanden und ihre „Betriebsfamilien“ in Lohn und Brot gehalten.

Bis zur Währungsreform 1948 setzte sich die Mangelwirtschaft fort. Jetzt bestimmten die Besatzungsmächte, dass es nur Garnzuweisungen für Textilien des täglichen Bedarfs gab. Alle Waren wurden den Firmen förmlich aus den Händen gerissen, der Nachholbedarf war zu groß. Viele Menschen hatten ihre gesamte Habe im Krieg verloren und die Flüchtlinge und Vertriebenen mussten ganz von vorn anfangen.

Unter den schlesischen Flüchtlingen gab es viele Textilfachleute. Sie fanden schnell einen Arbeitsplatz in den heimischen Firmen und wurden eine große Bereicherung für unsere Textilindustrie.

Ein weiteres spannendes Thema war, wie in den Nachkriegsjahren entlohnt wurde. Die Belegschaft war nicht bereit nur für das immer wertloser werdende Geld zu arbeiten. Ein Teil ihres Lohnes waren Deputate in Form von Textilien. Was man selber nicht gebrauchen konnte, tauschte man ein. Auch die Lieferanten von Ersatzteilen und Garnen trauten dem Geld nicht mehr. Auf dem LKW, der beim Lieferanten Material abholte, war fast immer Kompensationsware, nicht nur Textilien, auch ein gutes westfälisches Schwein, Kartoffeln, Mehl und vielleicht noch eine Korbflasche Korn. Nur erwischen lassen durfte man sich nicht.

Mit der Währungsreform 1948 normalisierte sich die Wirtschaft und die Textilfirmen kehrten zu ihren Spezialprodukten zurück. Nun lag der Fokus auf Modernisierung und Automatisierung des Maschinenparks. Einem rasanten Aufschwung stand nichts mehr im Wege.

Als Vorbereitung auf das nächste Treffen der Textilwerkstatt las Mechtild Wolff zum Abschluss einen Bericht aus dem Jahr 1960 aus „Ketting und Einschlag“, der Werkzeitung der Firma Brinkhaus: „Es ist noch kein Meister von Himmel gefallen!“ Am Donnerstag, den 14. Juni 2012 soll der Arbeitsalltag des Textilarbeiters im Mittelpunkt stehen.

 

Bilder aus der Geschichtswerkstatt vom 3. 5. 2012

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